Einsteigerhandzettel

Autor: Thorsten (Nachname für Gäste nicht sichtbar)   Nachricht Bitte einloggen, um Thorsten eine Nachricht zu schreiben.
Inhalt
1 Welche Zeit will ich darstellen?
2 Welche Person stelle ich dar?
3 Was brauche ich alles?
4 Wie authentisch muß ich sein?
5 Wo bekomme ich Informationen?
5.1 Tempus vivit!
6 Kleiner Leitfaden zur Vermeidung von Fettnäpfchen
Wenn Du dieses Blatt vor Dir hältst, hat höchstwahrscheinlich jemand Dein Interesse bemerkt und es Dir in die Finger gedrückt. Dieses Info-Blatt ist unter Mitwirkung der verschiedensten Leute im »Tempus Vivit!«, einer Internet-Site für Mittelalterdarstellung (Reenactment), entstanden und soll Neulingen in der Szene eine kleine Einstiegshilfe sein. Wir wollen nicht schulmeisterlich irgendwelche Regeln vorbeten (Gebot 17, §4: Er trage keine Schnürlederhose, so er das 8.-15. Jhdt. darstellt!), sondern helfen in Form einiger Fragen, die sich ein Anfänger stellen sollte, ein paar der Fettnäpfchen und Ungemache, in die man ungewollt reingeraten kann, zu umgehen.

1 Welche Zeit will ich darstellen?

Im allgemeinen Konsens umfaßt das Mittelalter grob die Zeit zwischen 800 und 1500. Die Zeitwahl ist die wichtigste Entscheidung, die gefallen sein sollte, bevor man anfängt die Ausrüstung zusammen zu stellen. Von ihr hängen alle anderen Ãœberlegungen ab und ohne die klare Zeitwahl ist es müßig eine einigermaßen authentische Person darstellen zu wollen. Die Darstellungsthemen in diesem großen Zeitrahmen sind so vielgestaltig, daß es nicht möglich ist, jede einzelne aufzählen zu wollen; einige wenige jedoch wollen wir als Beispiel für die verschiedenen Zeitalter nennen:

ca. 800 - 950 Karolingisch-fränkische Zeit
ca. 800 - 1050 Wikingerzeit
ca. 950 - 1150 Ottonen und Salier
ca. 1050 - 1200 Normannische Blütezeit
ca. 1100 Der erste Kreuzzug
ca. 1150 - 1250 Staufisches Hochmittelalter
ca. 1300 - 1350 Flämische Rebellionen
ca. 1340 - 1440 100jähriger Krieg
ca. 1450 - 1490 Rosenkrieg in England
Burgundische Kriege

Dabei sollte man verschiedene Dinge beachten: Diverse Zeiten sind in der Szene verschieden stark vertreten. D.h. Wenn man sich gerne einer bestehenden Gruppe anschließen möchte oder aus einem bestehenden Informationspool schöpfen will, muß man bedenken, daß zum Beispiel das Hochmittelalter oder die Wikinger stärker vertreten sind als andere.
Eine neue Gruppe, z.B. “Genghis Khans Nachhut”, die die mongolische Infanterie im 13. Jh. darstellt, steht wohl ziemlich allein auf weiter Flur da (in jeder Beziehung). Es muß hier mehr Nachforschung und Quellenarbeit herein gesteckt werden, als z.B. bei den staufischen Gruppen, die schon relativ verbreitet sind. Andersherum ist jedoch diese Arbeit eine der Dinge, die sinngebend zu unserem Hobby beitragen, wobei man im Endeffekt auch die Genugtuung hat, etwas eigenes auf die Beine gestellt zu haben.

2 Welche Person stelle ich dar?

Ähnlich wie bei den Zeiten, gibt es auch hier eine große Auswahl. Man sollte es sich jedoch zweimal überlegen, direkt am Anfang einen Adeligen oder Ritter darzustellen, da allein die Ausrüstung schon eine Menge Geld verschlingt, vom Gefolge ganz zu schweigen. Es gibt eine Menge Möglichkeiten auch im “normalen” Volk seinen Platz zu finden, sei’s als Bürger, Bauer oder Bettelmann, als Gaukler, Marketenderin oder Handwerker, als Händler, Mönch oder Söldner. Die Ausstattung ist am Anfang nicht so teuer und vielleicht findet man im Laufe der Zeit heraus, daß einem Wilhelm der Nachtwächter und Maria die Schankmaid eigentlich als Rolle viel besser liegen als der Graf und Gräfin von und zu Großkotzingen.

3 Was brauche ich alles?

Erstmal ist zu sagen, daß man nicht alles kaufen sollte, sondern durchaus eine Menge Sachen selber machen kann. Die Nähmaschine kann von Muttern geborgt werden, das Kettenhemd kann schon von den Ringen an selbst hergestellt werden. Das spart Geld und man hat die Befriedigung etwas selbst geschaffen zu haben.

Wichtig ist, nicht mit einem Schwert anzufangen, sondern sich zuerst zu überlegen, welche Kleidung man tragen will. Ein Vorschlag zur Beschaffungsreihenfolge wäre: Hemd, Beinlinge, Tunika oder Wams, Schuhe, Gürtel, Kopfbedeckung zuerst. Dann Gugel, Umhang, Messer, Stangenwaffe oder Bogen. Dann Helm, Schwert o.a. Handwaffe, Schild und als letztes Kettenhemd oder Plattenpanzer. Die holde Weiblichkeit, die sich im allgemeinen nicht so stark mit dem Rüstzeug herumschlagen muß, hat es da natürlich einfacher, doch bleibt die Reihenfolge ähnlich.

4 Wie authentisch muß ich sein?

Hier kommen wir zur Authentizität, der Frage an der sich die Geister scheiden. Zu allererst muß gesagt werden., wir stellen Mittelalter dar, kein Fantasy und kein spätes 20. Jh., d.h. verstecke Deine Armbanduhr, rauche “hinter’m Zelt”, laß die Elfenohren zuhause und versuche offensichtliche Anachronismen zu vermeiden. Probiere am Anfang erstmal eine einfache Gewandung aus. Behalte die Authentizität - ein unbequemes Wort - im Hinterkopf, improvisiere und experimentiere, jedoch sieh zu, daß Du offen für Verbesserungen bist. Niemand ist perfekt, gerade am Anfang nicht, doch jeder sollte mit der Zeit versuchen, sich zu verbessern.

5 Wo bekomme ich Informationen?

Du wirst dieses Blatt höchstwahrscheinlich auf einem Markt, historischem Fest o.ä. bekommen haben und kannst Dich natürlich gleich hier an einen Gewandeten Deines Vertrauens wenden, der Dir vielleicht schon Hinweise auf eine Gruppe in Deiner Nähe geben kann. Die meisten Gruppen sind gerne bereit, Informationen aus dem szeneinternen Pool weiter zu geben. Man muß nur halt die Anfangsschüchternheit überwinden und sie ansprechen.

Und dann noch eine “schlechte” Nachricht: Du solltet lesen, lesen und nochmal lesen. Leider gibt es wenig andere Materialien, die Dir adäquat Informationen beschaffen können. Hier eine Buchliste aufzuführen ist wegen der Menge an verschiedenem Material fast unmöglich. Einen Hinweis hätten wir, wenn Du Dich generell informieren willst, welches die Deine Zeit nun sein wird:
- Ferdinand Seibt:
Glanz und Elend des Mittelalters
Eine umfassende und nicht zu teure Ãœbersicht über das Mittelalter, die es auch im Taschenbuchformat gibt.
Bei Nachfragen zu Büchern, Schnittmustern, Gewandungsformen, Händlern etc. hier noch ein paar Möglichkeiten, an die man sich wenden kann:

5.1 Tempus vivit!

Eine Website, die unter Mitwirkung verschiedener Diskussionsteilnehmer auch für diesen Handzettel verantwortlich ist. Hier kann man andere Aktive der Mittelalterszene um Rat fragen, nach Anschluß zu einer Gruppe, Beschaffungsquellen oder Informationen suchen oder nur etwas Szenetratsch austauschen.

E-Mail: stab@tempus-vivit.net
URL: www.tempus-vivit.net

6 Kleiner Leitfaden zur Vermeidung von Fettnäpfchen

* Benutze nicht Wort “Authentizität” ohne tatsächliche Belege; Hörensagen ist keine Quelle. * Wikingerhelme haben keine Hörner. * Prüft die Armee- und Outdoorausrüstung, ob sie wirklich geeignet ist; NVA-Zelte, BW-Koppel oder -Stiefel sind’s wohl nicht und die “Alexzelte” oder Pfadfinderkohten sind eher Provisorien, für die sich oft andere Alternativen bieten. * Braveheart und Costners Robin Hood sind keine Beispiele für historisch genaue Darstellung. * Nenne Dich nicht Ritter, wenn Du nicht bereit bist, die Rolle adäquat zu spielen und Dir die Ausrüstung zu besorgen. * Laß den Flokati in seinem angestammte Bereich leben - irgendwo hinten auf dem Dachspeicher. * Laß als Liverollenspieler die Latexpompfe und das Magierglittergewand zuhause, auch leichtbekleidete Elfen und Amazonen haben nichts mit dem Mittelalter zu tun, sei trotzdem in der Szene willkommen; manche von uns haben auch mit dem LARP angefangen oder betreiben parallel beide Hobbies. * Habe trotz allem Spaß an der Sache und nimm’ nicht alles zu ernst.
So, das war’s erstmal. Wir hoffen, das klingt alles nicht zu abschreckend und schulmeisterlich. Tatsächlich wollen wir hier bloß ein paar Einstiegshilfen geben und freuen uns über Dein Interesse und wünschen uns wieder ein neues Gesicht in den Reihen der Mittelalterfreunde zu begrüßen.

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