Hallenkirchen in Westfalen

Autor: TV2 Robot   Nachricht
Inhalt
1 Gotische Kirchen in westfälischen Hansestädten
2 Die Entwicklung der westfälischen Hallenkirchen
3 Westfälische Hallenkirchen im Detail
3.1 Frühgotik: Alte Dome (Bischofskirchen)
3.1.1 Paderborn
3.1.2 Minden
3.2 Hochgotik: Bürgerkirchen
3.2.1 St. Petri
3.2.2 Maria zur Wiese (Wiesenkirche) in Soest
3.3 Spätgotik
3.3.1 St. Lamberti in Münster
3.3.2 Reinoldikirche in Dortmund
4 Ein abschließender Vergleich
5 Fachbegriffe
6 Quellen

1 Gotische Kirchen in westfälischen Hansestädten

* Bischofskirchen * Bürgerkirchen

2 Die Entwicklung der westfälischen Hallenkirchen

Die Hallenkirche ist eine Sonderform der Gotik. Das Ziel der Gotik war hier die Schaffung eines einheitlichen Kirchenraumes. Der Eindruck einer Halle entstand durch die gleiche Höhe von Seiten- und Hauptschiffen. Dieser Eindruck verstärkt sich durch den verkürzten Chor. Die Säulen, oft ohne Kapitelle, wurden nicht mehr als Begrenzungslinien einzelner Räume erfaßt, sondern als ein Ganzes, die in einem Raum hineingestellt sind. Die Gliederung setzte sich an der Decke fort. Diese ist mit Netzwerken und Rippen überzogen (im Stern- und Kreuzmuster). Die Hallenkirche ist keine spezielle westfälische Erfindung. Bereits im 12. Jh. entstanden in Frankreich und Spanien Hallen. Parallel zu der Entwicklung in Westfalen wurden andere Formen auch im süddeutschen Raum ausgebildet. Typisch für Westfalen ist jedoch jene Hallenform, entstanden durch die Verkürzung oder den Wegfall der Querschiffarme, sie traten so kaum oder nicht in das Erscheinungsbild, so daß ein fast quadratischer Grundriß entstand.
In Frankreich blieb die Grundidee einer langgestreckten Halle. Angleichung der Höhe von Mittel- und Seitenschiffen, bei trennender Funktion der Pfeiler. Im Gegensatz dazu die Entwicklung in Westfalen, wo man zu einem konzentrierten Raum überging. Durch den quadratischen Grundriß, fehlt die Rhythmik des Raumes. Ein einheitliches Netz überspannt das Mittel- und Seitenschiff. Die Jochanzahl wurde verringert aber die Breite vergrößerte sich. Im 13. Jh. wurde in Europa der Basilikastil weitergebaut, wobei sich in Westfalen der Hallentyp festsetzte und unterschiedliche Typen bildete.

3 Westfälische Hallenkirchen im Detail

Frühgotik: * Dom in Paderborn * Dom in Minden
Hochgotik: * St. Petri, Dortmund * Maria zur Wiese, Soest
Spätgotik: * St. Lamberti, Münster * Chor der Reinoldikirche, Dortmund

3.1 Frühgotik: Alte Dome (Bischofskirchen)

3.1.1 Paderborn

Bauzeit von 1225 bis 1280. Der Dom wurde als Basilika begonnen und als Halle vollendet. Die ursprünglich romanischen Fenster sind später gotisiert worden. Zu sehen sind Spitzbögen und Bündelpfeiler, die typische Merkmale der Gotik sind.

3.1.2 Minden

Bauzeit von 1250 bis 1290. Das Mittelschiff ist leicht gewölbt. Die hohen gotischen Fenster mit franz. beeinflußten Rosetten verleihen dem Innenraum eine besondere Lichteinwirkung. Die Bündelpfeiler sind schmaler und feingliedriger als noch beim Dom in Paderborn.

3.2 Hochgotik: Bürgerkirchen

Grundgedanke der Bauform: “westfälisches Quadrat” gibt die Gleichheit der Bürger wieder.

3.2.1 St. Petri

Kirche der Dortmunder Zünfte. Baubeginn 1322, Langhaus und Chor 1392 vollendet. Der Westturm wurde 1396 errichtet und mehrfach zerstört. Das dreischiffige, dreijochige Langhaus der Hallenkirche steht annähernd auf quadratischem Grundriß. Kapitelle an den schlanken Säulen, Kreuzrippen enden oben mit Schlußstein, wirkt feingliedrig und hell, besitzt Quersatteldächer, welche die Wirkung haben, sich in das Stadtbild einzugliedern. Diese Form ist typisch für westfälische Hallenkirchen.

Die Bürger, hier die Zünfte, wollten mit dem quadratischen Hallenbau die prinzipielle Gleichheit untereinander ausdrücken, so ihrer Forderung der politischen Mitsprache Ausdruck verleihen und ihren Wunsch der Beteiligung am Dortmunder Rat erklären. Um 1400 erhielten sie erstmals Ratsbeteiligung.

3.2.2 Maria zur Wiese (Wiesenkirche) in Soest

Kirche der Bürger (Stadtkirche). Baubeginn 1331, Westwerk 1400. Grundriß quadratisch, sehr zentralisierend. Die schlanken Säulen sind ohne Kapitelle, eine Form, die von denen der Halle im Südturm des Kölner Doms übernommen wurden. Kombination von quadratischen Mittelschiff- mit langen rechteckigen Seitenschiffjochen, unter Verwendung von schmalen, den Gurten angeglichenen Scheidbögen. Aufwendiges Maßwerk im Chor. Die “fast völlig durchfensterten Wände” (Koch) ergeben einen außergeöhnlichen Lichteindruck, besonders die im Polygon im Verhältnis 7/10 der Apsis (Chor) mit den Apsiden (Seitenchöre). Dies wird erreicht durch die Höhe der Fenster, die fast bis zum Boden gehen und durch das extrem flache Deckengewölbe. An den Säulen wandert der Blick ungehindert in die Höhe. Der gotische Grundgedanke “Aufstreben zu Gott” wird hier sehr nahe gekommen. Im Gegensatz zur bisherigen Bauform der Quersatteldächer über den Seitenschiffen hat die Wiesenkirche ein Satteldach über alle drei Schiffe.

3.3 Spätgotik

3.3.1 St. Lamberti in Münster

Kirche der Bürger, sie gilt als die Kaufmannskirche am Prinzipalmarkt. Bauzeit: 1370-1450, Quadratischer Grundriß, sehr prächtige Bauplastik. Im Chor kunstvolles Maßwerk mit Fischblasen. Das Mittel- und die Seitenschiffe sind gleich hoch. Die flachgehaltenen Spitzbögen im Gewölbe, die Gurt- und Scheidbögen kommen in ihrer raumtrennenden Funktion kaum zur Geltung. Die Gewölberippen bilden ein einheitliches Muster, daß sich bis weit in den Chor fortsetzt. Die Zentralisierung des Raumes wird noch einmal betont durch die Verwendung zweier Rundpfeiler in der Mitte des Langhauses, während sonst in der Lambertikirche die in der Gotik üblichen, oben erwähnten Bündelpfeiler das Gewölbe tragen.
Münster war Bischofsstadt. Die politische Macht lag beim Bischof. Kaufleute bildeten den Kern ihrer Siedlung an der vorbeilaufenden Handelsstraße vor der bischöflichen Domburg. Hier, rämlich klar abgesetzt von der langestreckten Basilika der Bischofskirche ließen sich die Kaufleute ihre Kirche erichten. Durch deren quadratische Bauform wollten die Bürger das Gleichheitsgefühl gegenüber der Obrigkeit darstellen.

3.3.2 Reinoldikirche in Dortmund

Ist eine Bürgerkirche, hat dabei jedoch eine ganz eigene Entwick- lung. Das Langhaus aus dem 13. Jh. ist vergleichbar mit den Bischofsdomen Münster und Paderborn (gleiche Entstehungszeit in der Frühgotik).
In der Reichsstadt Dortmund übernimmt der Rat die politische Funktion des Stadtherrn. Reinoldi vermittelt zwar den Eindruck einer Hallenkirche, ist dennoch aber eine Basilika. Das Langhaus hat keinen quadratischen Grundriß sondern ist langgestreckt wie die Dome der gleichen Bauzeit, es wirkt hallenförmig durch die Anpassung der Höhe der Seitenschiffe an das Mittelschiff.
Eine weitere Besonderheit stellt der spätgotische Chor von Reinoldi dar:
Die Bürger der Reichsstadt waren kaisertreu. Im 13. Jh., der Zeit der Verleihung des Reichsstadtstatus durch den Kaiser, fand ein Streit mit dem Bischof von Köln, bzw. einem diesem untergeordneten Dekan, um das Patronatsrecht in Reinoldi und damit auch um die Kirchengerichtsbarkeit in Dortmund statt. Im 13. Jh. zunächst zu Gunsten Kölns entschieden. Durch die Einmischung des Bischofs sahen die Bürger ihr Recht als freie Reichsstadt gefährdet. In dieser Situation fast man in Dortmund den Beschluß zum Neubau des Chores, kirchenrechtlich ist dies einer Neufundierung vergleichbar, dadurch erhoffte man eine Entscheidung des Patronatsstreits zu Gunsten Dortmunds. Der Chor wurde in der ersten Hälfte des 15. Jh. erbaut. Er spiegelt den Chor der benachbarten Marienkirche, damals Dortmunder Ratskirche exakt wieder. Reinoldi wird so als die neue Ratskirche gekennzeichnet. Entstehen sollte ein zweijochiger Saalchor mit 5/8-Schluß. Die Tiefe des angefügten Saalchores verstärkt noch einmal die Wirkung der gestreckten Form des Langhauses. Die Polygonwände (nach Osten abschließende Chorwände) sind mit aufwendigen Fenstern versehen mit Fischblasen als typisches, kunstvolles spätgotisches Element und Maßwerkbrücken (Kaiserbezug auf Aachen, da dort die gleiche Aufteilung der Fensterflächen zu sehen ist). Eine durchlaufende Scheitelrippe im Gewölbe teilt den Chor in zwei Seiten. Die Ratsherren, denen auch das Patronat zukommt, werden so bildhaft getrennt von der Geistlichkeit, die für den bisherigen Patronatsherren steht. Der Rat sitzt abgehoben von der Gemeinde, er strebt die Rechte und Pflichten des Patronatsherren an.

4 Ein abschließender Vergleich

Deutlich zu erkennen ist hier also, wie unterschiedlich die politische und soziale Stellung die Bauherren entscheiden läßt. Bischöfe betonen ihre herausgehobene Stellung durch langgestreckte Kirchen mit sichtbarem “Vorne” und “Hinten”. Die Chöre in denen sie ihren Platz haben sind erhöht und nur über Treppen zu erreichen. Ganz anders die nach Mitsprache strebenden Zünfte im Dortmund des 14. Jh. oder die gegenüber dem Bischof immer nachrangig gestellten Kaufleute in Münster. Sie lassen sich fast quadratische Räume errichten, Kirchen die wirklich zur Feier eines gemeinsamen Gottesdienstes bestimmt sein könnten. So unterschiedlich die Stellung der einzelnen Gemeindemitglieder in Wahrheit auch gewesen sein mag, im Raum dieser Kirchen ist ihre Position annähernd gleich. Die Chöre der Kirchen sind oft bis auf die Apsis verkürzt, so daß der Altar, der Ort religiöser Zeremonien, sehr nah an die Gemeinde herangerückt wird.
Und nun eben wieder Reinoldi in Dortmund. In der Reichsstadt liegt die politische Macht bei den Bürgern und die Ratsherren als Bauherren empfinden offenbar weniger das Bedürfnis sich mit allen Bewohnern der Stadt gleich zu stellen, als sich mit einem Bischof, der anderswo Stadtherr sein mag, auf eine Stufe zu heben. Der Dortmunder Rat sitzt vor der Gemeinde im prächtigen Saalchor. Die Ratsherren sind so dem Altar ein gutes Stück näher, der ganz am Ostende des Chores, weitab von der Gemeinde zu finden ist. Es sei abschließend noch bemerkt, daß der Bau des Reinoldichores auch von Mitgliedern der Dortmunder Zünfte mitgetragen worden sein dürfte, eben jener Zünfte, die noch im vorhergehenden Jahrhundert selbst Beteiligung am Rat forderten und Gleichheit zu betonen wußten;-)

5 Fachbegriffe

* Basilika: Eine Kirche mit einem hohen Mittelschiff und niedrigeren Seitenschiffen, das Mittelschiff hat eigene Fenster im sog. Obergaden. * Fischblase (Flamboyant): Spätgotisches Element im Maßwerk, dessen Form an die Schwimmblase von Fischen erinnert. * Gurtbögen: Bögen, die die Joche von einander trennen, quer zur Längsachse der Kirche. * Joch: Raumabschnitt, von einem Gewölbe überspannt, zwischen vier Pfeilern oder zwei Pfeilern und der Wand. * Maßwerk: Ornamentale Steinmetzarbeit in den Spitzbögen gotischer Fenster. * Polygon: Vieleck * Schiff: Raumteil einer Kirche in Längsrichtung des Grudrisses betrachtet. Einschiffig sind nur sehr kleine, sog. Saalkirchen. Die Decken größer Räume, wie der Hallenkirche, müssen durch Pfeiler gestützt werden, diese bilden die Trennlinien der Schiffe.

6 Quellen

Der Text wurde ursprünglich als Referat im Fach Kunstgeschichte an der Frankfurter Akademie für Kommunikation und Design (FAKD) gehalten.

Neben eigener Anschauung wurden benutzt:
* Dehio, Georg (Begr.):
Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Bd. Westfalen,
München 1969 * Jaxtheimer, Bodo W.:
Die Baukunst, Stilkunde Gotik,
Eltville 1990 (München/ Zürich 1982) * Lange, Klaus:
Stadtrat und Ratschor, Der Neubau des Dortmunder Reinoldichores im 15. Jh.; in: Vergessene Zeiten, Mittelalter im Ruhrgebiet, Ausstellungskatalog Bd. 2,
Essen 1990 * Nußbaum, Norbert:
Deutsche Kirchenbaukunst der Gotik,
Köln 1985 * Parent, Thomas:
Das Ruhrgebiet,
Köln 1984

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