Kettenpanzer

Autor: Gunther E. Biernat  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Gunther E. Biernat eine Nachricht zu schreiben.
Inhalt
1 Geschichte und Geschichten
1.1 Formentwicklung
1.2 Trageweise von Kettenhemden
1.3 Panzermacher
1.4 Techniken der Ringherstellung
2 Kettenringe
2.1 Allgemeines zu Kettenringen
2.2 Art und Abmessung der Ringe
2.3 Material der Ringe
2.4 Preise für Kettenhemden
3 Vorbereitungen und Werkzeuge
3.1 Werkzeuge: Zangen
3.2 Werkzeuge: Sonstiges
3.3 Das Schließen der Ringe
4 Schutzwirkung
5 Wartung und Pflege

1 Geschichte und Geschichten

Ab dem 14. Jahrhundert ging man dazu über, Kettenpanzer durch Plattenpanzer zu ersetzen. Dieser Schritt ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß Kettenhemden nur sehr schlecht gegen die besser werdenden Schußwaffen schützten (siehe auch Schutzwirkung). Mitte des 14. Jahrhunderts wurden Bögen und Armbrüste soweit verbessert, daß nun Bolzen und Pfeile ein Kettenhemd durchschlagen konnten, insbesondere die Armbrüste führten damals schon zu den ersten “Abrüstungsverhandlungen” und zur zeitweisen Ächtung dieser Waffe durch den Papst.
Aber auch vor reinen Wucht-Waffen bietet ein Kettenhemd kaum Schutz; Keulen und Streithämmer geben die Energie eines Schlages auch durch das Kettenhemd an den Träger ab, eine in der Tjoste oder Buhurte geführte Lanze konzentriert die Energie auf eine relativ kleine Fläche und macht ein Kettenhemd praktisch wirkungslos, was zu gebrochenen Knochen und anderen ernsten Verletzungen führte.

1.1 Formentwicklung

Ausschnitt des Teppichs von Bayeux
Ausschnitt des Teppichs von Bayeux
Ãœber die Zeit nach dem Jahr 1000 ist man, was Waffen und Rüstungen anbelangt, relativ gut informiert. Eine gute und zugleich die wahrscheinlich bekannteste Quelle von Bildmaterial zur Bewaffnung der frühen Ritterzeit stellt der Teppich von Bayeux dar. Er wurde als Bildbericht über die Eroberung Englands durch die Normannen (1066) angefertigt und liefert in vielerlei Hinsicht interessante Einsichten.
Kettenpanzer waren die bevorzugte Rüstung der Ritter und des Fußvolkes, insbesondere zur Zeit der Kreuzzüge (1096 bis ca. 1270). Doch die bis dahin gute Panzerung der europäischen Ritter stellte in den Kreuzzügen einen erheblichen Nachteil dar. Die europäischen Heere trafen hier auf die leichter gepanzerte, dadurch aber wesentlich mobilere Kavallerie der Seldschuken und Mameluken. Große Verluste waren die Folge.
Die typische Rüstung der frühen Ritter bestand aus einem Kettenhemd (“Haubert”) mit integriertem Kopfschutz (Kapuze) und dem charakteristischen Kegelhelm mit Nasenschutz, heute nur noch als “Normannenhelm” bekannt (obwohl er weit verbreitet war und in nahezu allen Gegenden Europas getragen wurde). Der Helm wird auf dem Teppich von Bayeux als über der Kapuze des Kettenhemdes getragen dargestellt, erst später ging man dazu über, einen Kragen aus Kettengeflecht direkt am Helm anzubringen und das Kettenhemd ohne angewirkten Kopfschutz zu tragen. Zur weiteren typischen Ausstattung gehörte der große, mandelförmige Schild, bei Berittenen häufig ersetzt durch einen Rundschild.
Herzog Willhelm
Herzog Willhelm
Die auch in dieser Frühzeit des Rittertums vielpropagierten Hosen aus Kettengeflecht tauchen erst später auf, anfangs waren sie sehr selten und nur als “Beinschienen” aus Kettengeflecht ausgeführt. Diese Beinschienen, welche nur die Vorderseite der Beine bedeckten und auf der Rückseite verschnürt waren, wurden später durch strumpfartige Beinlinge abgelöst, die auch den Fuß bedeckten. Diese Beinlinge, die im Schritt nicht zusammenhingen, wurden unter dem Kettenhemd an einem Gürtel befestigt, ein Lederriemen, der vom Knie abwärts um das Bein gewickelt bzw. durch das Kettengeflecht gefädelt wurde, diente als Unterstützung und verringerte so den Zug auf den Gürtel. Auf dem Bayeux-Teppich tragen nur Herzog Wilhelm (s. Bild) und sein Bannerträger zeitweilig solche Beinschützer.
Frühe Kettenhemden waren eher kurz gehalten, in keltischer Zeit offenbar noch ohne Arm. Ab dem 10. Jahrhundert gingen sie anscheinend immer noch nur bis knapp unter die Hüften und hatten in der Regel kurze Ärmelansätze. Bis zum 12. Jahrhundert wurden die Kettenhemden immer länger, sind jedoch bereits auf dem Teppich von Bayeux halbärmelig und knielang. Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts hatten Kettenhemden lange Ärmel und bekamen teilweise sogar integrierte Fäustlinge, die Lederstücke in den Grifflächen aufwiesen. Um die Hände kurzfristig frei benutzen zu können, hatten diese Kettenhemden Schlitze an den Handgelenken, durch welche die Hände gesteckt werden konnten. Durch das Kettengeflecht gezogene Lederriemen sorgten dafür, daß die Ärmel am Arm festgezogen werden konnten, mit denselben Riemen wurden auch die Fäustlinge zurückgebunden.
Den Kopf konnte man komplett durch die Gesichtsöffnung stecken, so daß die Kapuze nach hinten auf den Rücken zurückgeschlagen werden konnte. Auch hier sicherte ein Lederriemen, der in Stirnhöhe um den Kopf verlief, das Kettenhemd und hielt die Kapuze am Kopf fest. Eine Maske aus Kettengeflecht, die über Mund und Nase gezogen werden konnte, war am unteren Teil der Gesichtsöffnung angewirkt und konnte an den Schläfen fixiert werden.
Transport
Transport
Lange Kettenhemden wurden vorn und hinten geschlitzt, bis hoch zum Schritt. Ohne diese Schlitze wäre es den Trägern eines Kettenhemdes nicht mehr möglich gewesen, auf ein Pferd zu steigen (bzw. zu reiten). Die dabei entstandenen seitlichen “Lappen” wurden um die Schenkel festgezurrt, um ein Schlackern zu vermeiden. Hierzu wurden dünne Lederbänder durch das Kettengeflecht gefädelt und an der Innenseite der Oberschenkel oder auch in der Kniebeuge zusammengebunden. Diese Darstellung der Trageweise ist früher oft als eine Art Hosenanzug mißverstanden worden (siehe Bild links). Ungeklärt ist übrigens welche Funktion das auf dem linken Bild erkennbare Rahmengebilde auf der Brust der Kettenhemden hatte. Allgemein wird angenommen, daß es sich hierbei um eine den Halsschlitz verdeckende Klappe aus Kettengeflecht handelt.
Ausziehen eines Kettenhemds
Ausziehen eines Kettenhemds
Auf dem Teppich von Bayeux werden unter anderem tote Krieger dargestellt, die ihrer Kettenhemden beraubt werden. Dabei wird das Kettenhemd immer über den Kopf abgezogen, was bei einem Hosenanzug nicht möglich wäre. Entgegen der teilweisen Darstellung waren Kettenhemdträger unter dem Panzer keineswegs nackt (insbesondere diese Teile des Bayeux-Teppichs wurden stark restauriert und sind nicht unbedingt zuverlässig). Vielmehr wurde auf dem Kopf eine gepolsterte Harnischkappe getragen, die wie eine Haube unter dem Kinn geschnürt wurde und eine turbanartige Rolle aufwies. Wie bereits erwähnt, bieten Kettenhemden nur geringen Schutz gegen die Wucht eines Schlages. Aus diesem Grund wurden unter den Kettenhemden gepolsterte Jacken oder Waffenröcke getragen. Diese gepolsterten Jacken bestanden zumeist aus Filz, mehreren Lagen Wollstoff oder gesteppter Wolle zwischen zwei Lagen aus Leinen oder Leder und hatten annährnd die gleiche Form wie das Kettenhemd.
Ab dem Ende des 12. Jahrhunderts wurde es üblich, einen Waffenrock über dem Kettenhemd zu tragen. Dies war ein gerade geschnittener Kittel aus leichtem Stoff, der zu Anfang noch knöchellang war. Im Laufe der Zeit bis zum 14. Jahrhundert wurde er jedoch ständig kürzer, bis er nur Mitte der Oberschenkel reichte. Allgemein wird angenommen, daß der Waffenrock zuerst bei Kreuzfahrern aufkam und als Sonnenschutz diente, immerhin heizen sich Kettenhemden bei direkter Sonneneinstrahlung erheblich auf. Bereits um 1200 trug der Waffenrock das Wappen des Trägers, um diesen besser erkennbar zu machen, insbesondere nachdem die Helme nun Visiere erhalten und so die Identität des Trägers verbergen. Aus dem gleichen Grund trugen die Topfhelme des späten 12. Jahrhunderts die Helmzier.
Im 15. Jahrhundert beginnt der Niedergang des Kettenhemdes. Obwohl auch im 16. Jahrhundert noch getragen, war der Ringpanzer mittlerweile fast vollständig vom Plattenpanzer ersetzt, in die Rolle einer sekundären Rüstung verdrängt worden. Die bereits erwähnten Armbrüste führten dazu, daß man im Spätmittelalter besonders gefährdete (“ängstliche”) Stellen eines Kettenhemdes mit Eisenplatten zu verstärken begann, der Beruf des Plattners entstand.


1.2 Trageweise von Kettenhemden

 Horizontale Tragweise
Horizontale Tragweise
 Vertikale Tragweise
Vertikale Tragweise
Die meisten Völker trugen Kettenhemden so, daß die “Reihen” des Kettenhemdes horizontal verliefen (siehe Bild links). Allerdings gibt es auch hier anscheinend individuelle Ausnahmen, so zeigt beispielsweise die Grabplatte des Sir John d’Abernoun diesen mit einem Kettenhemd mit vertikal verlaufenden Reihen. Die Grabplatte seines Sohnes (ebenfalls John d’Abernoun) von 1327 zeigt (neben den ersten Plattenpanzerteilen) wieder ein Kettenhemd mit horizontal verlaufenden Reihen.
Die generelle Ausnahme von der üblichen Trageweise scheinen die römischen Kettenhemden gewesen zu sein, hier wurden die Kettenhemden mit einer um 90° verdrehten Richtung getragen (siehe Bild rechts). Bei den Griechen ist es bislang noch nicht gelungen, die Tragrichtung zu bestimmen, es liegt jedoch der Schluß nahe, daß hier die Trageweise mit der der Römer übereinstimmt.
Meiner Meinung nach hat die Trageweise mit den horizontal verlaufenden Reihen Vorteile gegenüber der römischen Trageweise. Bei ersterer “rollt” ein Schwertstreich, der ja in der Regel irgendwie von oben nach unten geführt wird, besser vom Kettenhemd ab, zumindest “beißt” er sich nicht zwischen zwei Ringen fest und trennt diese dann auf. Außerdem bietet diese Trageweise Vorteile in Bezug auf die Paßform; waagerecht verlaufende Reihen ziehen sich beim Tragen des Kettenhemdes etwas zusammen, das Kettenhemd liegt besser an.


1.3 Panzermacher

Vernieteter Ring
Vernieteter Ring
Die althochdeutsche, im Grundwort wahrscheinlich persische Bezeichnung für Kettenpanzer ist Sarwat, Panzerschmiede wurden als Sarworter (allerdings auch als Rincmechere oder Sarrincmecher) bezeichnet. Vernieteter Ring Bereits 1293 werden Sarworter aus Köln das erste Mal namentlich erwähnt, das Handwerk selber ist allerdings wesentlich älter.
1397 erteilt der Rat von Köln eine Amtsordnung, in der es heißt, daß kein Harnisch aus der Stadt geführt werde, er sei denn durch die drei Meister als aufrechtes Kaufmannsgut befunden, er sei also “geschaut”. Die “Schau” ist eines der hervorstechendsten Merkmale mittelalterlichen Gewerbes, einerseits eine Qualitätssicherung für den Käufer, andererseits eine den Meister vor “Stümpern” schützende Maßnahme. Rechts im Bild ein Teilstück eines Kettenhemds (2. Hälfte des 15. Jh.) aus dem Bayrischen Armeemuseum, München mit einer aus Messing geschlagenen Beschaumarke der Stadt Nürnberg.
Ab dem Ende des 14. Jahrhunderts sind zumindest die Kölner Sarworter bereis in Zünften zusammengefaßt. So sind beispielsweise sechs Jahre Lehrzeit vorgeschrieben, Lehrjungen müssen ihr Meisterstück gefertigt haben und dieses die Schau bestanden haben, Lehrlinge müssen weiterhin die Stempel (eine Matrize zur Herstellung von Panzerringen) selbst gefeilt haben.


1.4 Techniken der Ringherstellung

Wurmen und Scheiden
Wurmen und Scheiden
Im Mittelalter gab es mindestens zwei Methoden, wie Ringe hergestellt wurden. In der Regel hat man in einem Kettenhemd durchgängig eine Technik der Ringherstellung verwandt, obwohl auch Kettenhemden vorliegen, bei denen mehrere Arten kombiniert wurden.
Die eine Möglichkeit war es, Draht zu ziehen, schon fast genau so, wie heute Draht hergestellt wird. Allerdings ließ der damals verwendete minderwertige Stahl keine langen Drähte zu. Alternativ zum gezogenen Draht hat man schmale Streifen von Blechen geschnitten.
Der entstandene Draht wurde spiralförmig auf eine Holz- oder Metallwelle aufgewickelt. Dieser Vorgang wurde “Wurmen” genannt, die entstandene Spirale “Wurm”. Nach dem Wurmen wurde die Spirale aufgetrennt (“Scheiden”), in der Regel mit einem Stechbeitel oder einem ähnlichen Werkzeug (siehe Bild links), teilweise auch aufgesägt oder mit einer großen Zange, die einem heutigen Bolzenschneider schon verblüffend ähnlich sah, aufgeschnitten.
Nach bisherigen Funden wurden meist Drahtstärken zwischen 1,2 und 2 mm verwandt. Kelten und Römer fertigten Ihre Kettenhemden in der Regel mit Ringen mit einem Außendurchmesser von ca. 12 mm und einer Drahtstärke um 2 mm. Zwar benutzten insbesondere die Römer auch wesentlich kleinere Ringe, diese wurden jedoch wahrscheinlich nur zu Dekorationzwecken bzw. in rituellen Kettengeflechten verarbeitet. Die römischen Abmessungen waren bis in die Zeit der Sachsen und Normannen hinein gebräuchlich, später wurden hauptsächlich ca. 10 mm Ringe mit einer Drahtstärke von ca. 1,7 mm verwendet.
Vernieteter Ring
Vernieteter Ring
Die offenen Spiralen, die nach dem Scheiden entstehen, hat man weiter bearbeitet. Entweder wurden die Enden zusammengebogen und in der Esse verschweißt, oder man hat die Enden der Ringe abgeflacht und in die flachen Enden Löcher gestanzt. Durch diese Löcher wurden später, nach dem Einhängen von weiteren Ringen, ein Bolzen gesteckt und vernietet (siehe Bild rechts). Diese Technik wurde auch im bereits oben gezeigten Kettenhemd mit dem Beschauzeichen der Stadt Nürnberg benutzt.
Bei der zweiten Methode hat man aus Blechen Scheiben ausgestanzt. Diese Scheiben wurden dann alternativ zu den verschweißten Ringen verwendet. Diese Herstellungstechnik ist jedoch scheinbar nur wenig genutzt worden, zumindest haben dies fast alle archäologischen Funde belegt.
Zumindest der letzte Ring eines Kettenhemdes war anscheinend immer eine Scheibe. Diese meist aus Messing hergestellte Scheibe trug ein Beschlagzeichen oder eine Gravur mit dem Zeichen und/oder dem Namen des Knüpfers. Und das ist eine Tradition, die man weiterführen sollte…
Man sieht also: Kettenhemden zu fertigen war und ist eine sehr zeitaufwendige und damit teure Angelegenheit. Im Mittelalter hatte ein (einfaches) “gut unt ufrecht” gefertigtes Kettenhemd den gleichen Wert wie vier Kühe. Für die gleiche Summe, die ein besser ausgeführtes Hemd z.B. in “6 in 1” gekostet hat, hätte man auch schon ein komplettes Bauerndorf samt umliegender Ländereien bekommen…


2 Kettenringe


2.1 Allgemeines zu Kettenringen

Offener Ring
Offener Ring
Bevor man ein Kettenhemd (oder was auch immer) beginnen kann, benötigt man natürlich Ringe. Denn Kettenhemden werden keineswegs aus Ketten gemacht, sondern aus Ringen. Allerdings sollten die Ringe, wenn man sie kauft, keine Ringe sein, sondern vielmehr spiralförmig, also offene Ringe, mit gegeneinander verdrehten Enden (siehe Bild).
Die Ringe werden in der Regel auch heute noch hergestellt, indem Draht auf eine Welle aufgewickelt wird (“wurmen”) und die entstandene Spirale (“Wurm”) danach aufgesägt wird (“scheiden”). Einige ganz unerschrockene Kettenhemdknüpfer fertigen Ihre Ringe selbst. Davon kann ich persönlich nur abraten. Das Anfertigen von Kettenhemden ist schon aufwendig genug, man muß es nicht noch unnötig verkomplizieren. Allerdings muß ich gestehen, daß ich immer noch einmal vorhabe, ein Kettenhemd komplett selbst zu fertigen, also mit durch Bolzen geschlossenen Ringen…
Vor einem Kauf sollte man die Ringe wenn möglich einmal testen und dabei insbesondere darauf achten, daß sich die Enden nicht zu sehr überlappen, sondern gut und bündig abschließen.
Die Ringe erhält man in gutsortierten Eisenwarenläden, Baumärkten oder bei Versendern, die sich auf Liverollenspieler eingestellt haben, z.B. der Drachenschmiede, der Schatzkammer oder ähnlichen Händlern. Eventuell lohnt sich auch ein Besuch bei örtlichen Kfz-Großhändlern, meine ersten Ringe waren Originalersatzteile (!) von Yamaha (trotz intensiven Nachdenkens und einem geistigen Vorüberziehen lassen der Bauteile meines (Yamaha-) Motorrades bin ich allerdings bis heute noch nicht darauf gekommen, wo die Ringe denn nun normalerweise Anwendung finden…).
Kettenhemdringe kosten pro tausend Stück zwischen 12 und 30 DM. Allerdings habe ich auch schon Anzeigen gesehen, wo ein Händler für 100 (man beachte die fehlende 0) Ringe (13 mm Durchmesser, 1,5 mm Drahtstärke) 15,50 DM haben wollte (das ist nun wirklich frech). Es gibt also erhebliche Preisdifferenzen, ein Vergleich zwischen mehreren Händlern lohnt sich.
Die Angaben, wieviele Ringe man für ein Kettenhemd benötigt, differieren sehr stark. Manche sprechen von 5000 bis 9000 Ringen, andere von bis zu 50000 Ringen (nein, in den Zahlen ist keine Null zuviel, es ist auch nicht die Seriennummer). Dies ist natürlich zum Teil darin begründet, daß die Kettenhemden unterschiedlich lang sind, bzw. ärmellos, halbärmlig oder langärmlig sind.
Weiterhin ist die Anzahl der verwendeten Ringe stark vom Muster und der Größe der Ringe abhängig. Für ein Stück Kettengeflecht im Muster “6 in 1” benötigt man z.B. fast doppelt so viele Ringe, wie für die gleiche Fläche im Muster “4 in 1”. Für ein Kettenhemd (Größe 54, halbärmlig, oberschenkellang (Körpergröße 1,90 m), 10 mm Ringe, “4 in 1”) brauchte ich ungefähr 35000 Ringe.
Bei meinem ersten Kettenhemd habe ich zunächst einmal 15000 Ringe gekauft. Danach kann man in etwa abschätzen, wieviele Ringe man insgesamt braucht. Natürlich sollte man in diesem Fall darauf achten, daß man bei der zweiten Bestellung immer noch die gleichen Ringe erhalten kann.
Einhergehend mit der Anzahl der Ringe kann man das Gewicht eines Kettenhemdes schlecht verallgemeinern. Je nach Ausführung und Material wiegt ein Kettenhemd zwischen 6 und 30 kg. Ein Kettenhemd für mich (Größe 54, halbärmlig, oberschenkellang, 10 mm Stahlringe, “4 in 1”) wiegt z.B. 21,4 kg. Ãœbrigens: Am Körper getragen fühlt sich ein Kettenhemd durch die bessere Gewichtsverteilung erheblich leichter an, wesentlich leichter jedenfalls als ein Rucksack gleichen Gewichts.


2.2 Art und Abmessung der Ringe

Bei der von mir vorgestellten Technik für das Knüpfen von Kettenhemden im Muster “4 in 1” benötigt man die meiste Zeit über jeweils einen offenen und einen geschlossenen Ring.
Es bietet sich daher an, die Hälfte der Ringe als fertige “Scheiben” bzw. geschlossene Ringe zu erstehen. Dies setzt jedoch voraus, daß Ringe und Scheiben einigermaßen gleichartig aussehen. Hierzu habe ich jedoch keine Erfahrungswerte anzubieten, ich fertige meine Kettenhemden komplett aus “offenen” Ringen.
Gebräuchliche Maße für Kettenhemdringe sind Außendurchmesser von 8-12 mm, für geknüpftes Schmuckgeflecht 4-8 mm. Der Innendurchmesser variiert bei Kettenhemdringen zwischen 7 und 9 mm, was uns zu Drahtstärken zwischen einem und zwei Millimetern führt. Größere Ringe als 12 mm sollten nicht verwendet werden, hierbei leiden sowohl Dichte und Optik des Musters als auch Tragkomfort und Widerstandskraft.
Ich verwende für Kettengeflecht in der Regel Ringe mit einem Außendurchmesser von 10 mm, Drahtstärke 1,5 mm, Innendurchmesser somit 7 mm.


2.3 Material der Ringe

Der im Mittelalter verwendete “Stahl” war eigentlich mehr Eisen, hatte einen niedrigen Kohlenstoffgehalt und war somit nicht sehr fest. Als Material für ein Kettenhemd bietet sich heute rostfreier Stahl an. Andere Materialien (Aluminium, Kupfer, Nickel) bieten zwar unter Umständen interessante optische Effekte, haben aber in einem “regulären” Kettenhemd nichts verloren.
Vorstellbar sind jedoch kleine Teile des Kettenhemdes, die mit Ringen aus anderen Materialien gefertigt sind, z.B. einzelne Reihen aus Bronze oder Messing. Von schwarz brünnierten Ringen ist dringend abzuraten, da diese durch die ständige Bewegung des Kettenhemdes partiell sehr schnell blank poliert werden und dann nur noch “scheckig” aussehen.
Keinesfalls sollte man Ringe aus Federstahl in Verbindung mit einer Spreizzange benutzen. Gerade bei Ringen mit einem Durchmesser von 10 oder weniger Millimetern verformen sich die Ringe zu stark und lassen sich nicht mehr bündig schließen. Ein erst kürzlich gesehener LARP mit einem Kettenhemd aus Federstahlringen ließ mich bis ins Mark erschauern…
Ein ebenso katastrophales Bild bieten Kettenhemden aus Schlüsselringen (kein Scherz, auch so etwas habe ich schon gesehen).


2.4 Preise für Kettenhemden

Fertige Kettenhemden sind teuer, sehr teuer sogar. Das liegt einfach daran, das es eine unheimlich zeitaufwendige Arbeit ist. Je nach Qualität der Verarbeitung kosten Kettenhemden halbärmlig zwischen 900 und 3000 DM, langärlig ca. 250 DM mehr. Wie ich hörte, kann man im osteuropäischen Ausland teilweise Kettenhemden bekommen, Preise zwischen 600 und 2000 DM.
Nochmals: Im Mittelalter hatte ein gutes Kettenhemd den gleichen Wert, wie ein komplettes Bauerndorf samt umliegender Ländereien…


3 Vorbereitungen und Werkzeuge

Innerhalb der verschiedenen Muster, in denen man Kettengeflecht fertigen kann, gibt es unterschiedliche Methoden. Welcher Methode man letztendlich den Vorzug gibt, muß jeder für sich selbst entscheiden. Ich stelle hier nur eine Technik vor, die meiner Meinung nach sehr gut ist. Doch zunächst einige allgemeine Vorbereitungen.


3.1 Werkzeuge: Zangen

Als Werkzeug nimmt man zwei Flach-Rund-Spitz-Zangen (kann mir mal jemand verraten, ob die Dinger wirklich so heißen?), meines Wissens auch Spechte genannt. Ich benutze dabei zwei verschiedene Zangen, eine etwas größere für Elektriker in der rechten Hand und eine etwas kleinere für Elektronik in der linken Hand. Letztere hat den Vorteil, daß sie eine Feder hat, die die Zange immer wieder aufdrückt.
Manche Leute modifizieren ihre Zangen. Mittels etwas Draht und einer Heißklebepistole werden zwei Bügel geformt, durch die man (nach dem Abkühlen des Klebers!) den Daumen bzw. die restlichen Finger der Hand stecken kann. So entsteht ein “Scherengriff”. Dieser hat den Vorteil, daß man die Zange beim Öffnen der Hand mit öffnet. Ich persönlich bin mit “normalen” Zangen jedoch bislang recht gut zurechtgekommen.


3.2 Werkzeuge: Sonstiges

An eigentlichen Werkzeugen war es das auch schon. Allerdings gibt es noch ein paar Hilfsmittel, die man benutzen kann, z.B. eine Schale, in der man später geschlossene Ringe sammelt (s.u.) und einige Büroklammern, mit denen man besondere Stellen im Kettenhemd markieren kann (z.B. Trötringe o.ä.).
Als zusätzliche Erleichterung besorgt man sich eine Holzleiste mit einem rechteckigen oder quadratischen Querschnitt von z.B. 2 auf 2 cm. In diese Holzleiste schlägt man im Abstand von jeweils einem Zentimeter einige Nägel (Stifte) mit kleinem Kopf ein. Die Nägel sollten ca. 1,5 cm aus der Leiste herausragen. Diese Leiste wird später mittels einer Schraubzwinge an einer Tischkante befestigt und das Kettengeflecht in die Nägel einhängt. Am unteren Ende des Kettengeflechts kann man somit sehr bequem arbeiten.


3.3 Das Schließen der Ringe

Schließen der Ringe
Schließen der Ringe
Zange und Ring Man nimmt seine Zangen so in die Hände, daß sie einander Spitze an Spitze gegenüber stehen. Mit den Zangen faßt man nun die Enden des Rings und biegt sie entgegen Ihrer Verdrehung gegeneinander, bis sie in entspanntem Zustand exakt gegeneinander stehen. Dazu muß man den Ring etwas stärker verdrehen, da er nach dem Loslassen wieder etwas zurückfedert.
Diesen Schritt sollte man sehr sorgfältig ausführen, unter anderem erkennt man hieran ein sauber gearbeitetes Kettenhemd. Wenn die Ringe nicht richtig geschlossen sind, wird es außerdem bei Teilen, die man später auf der nackten Haut oder auf den Haaren trägt, sehr schnell unangenehm; es kratzt und ziept.
Im Idealfall kann man den Spalt nach dem Richten der Ringe trotz guten Lichtes nur noch sehr schlecht erkennen. Ich habe es mir außerdem zur Angewohnheit gemacht, mit dem Zeigefinger der rechten Hand nach dem Richten noch einmal den Spalt zu befühlen, ob dieser auch richtig geschlossen ist und nicht kratzt.
Während des ganzen Vorgangs sollte man darauf achten, daß man seine Hände möglichst entspannt hält, da man sich sonst sehr schnell eine Sehnenscheidenentzündung einfängt. Abschließend läßt sich sagen, daß man nach der Fertigstellung eines Kettenhemdes einen ausgesprochen kräftigen Händedruck hat.
Wenn man der von mir vorgestellten Methode des Musters “4 in 1” folgt, benötigt man viele bereits geschlossene Ringe, da man (jedenfalls die meiste Zeit über) einen geschlossenen Ring mit einhängt. Man sollte also damit beginnen, daß man einige hundert (besser: tausend) geschlossene Ringe fertigt (auf Wiedersehen in ein paar Wochen!) und diese in einer Schale sammelt.


4 Schutzwirkung

Kettenhemden waren besonders im Mittelalter beliebt und ein guter Schutz gegen jegliche Art von Klingen. Trotzdem sollte man die Schutzwirkung nicht überschätzen.

Die Widerstandsfähigkeit eines Kettenhemdes ist von den Abmessungen und der Stärke des verwandten Materials, der Durchmesser der Ringe, dem Durchmesser des Drahtes, sowie vom Muster des Kettengeflechts abhängig.
Gegen Schwerthiebe und Streitaxtstreiche waren und sind Kettenhemden äußerst effektiv. Zumindest gegen die dabei auftretenden Schnittverletzungen. Ein kleiner Teil der kinetischen Energie wird vom Kettenhemd abgeleitet und dabei über eine größere Fläche am Körper verteilt (ähnlich einem Motorradhelm), wodurch einem Schlag ein Teil seiner Wucht genommen wird. Dieser Effekt reicht allerdings gerade noch aus, um eine Wirthausschlägerei zu überstehen, einen echten Schutz gegen Wucht-Waffen, wie z.B. Morgensterne und Streitkeulen bietet er nicht.
Bereits im Mittelalter benutzte man spezielle Pfeile und Armbrustbolzen, um gezielt Kettenhemdträger zu beschießen. Diese Pfeile hatten meistens einen Dorn von ca. 8 bis 12 cm Länge und einem Durchmesser von 5 bis 10 mm aus Stahl als Pfeilspitze.
WIrkung eines Armbrustbolzens
WIrkung eines Armbrustbolzens
Wirkung von Pistolenmunition
Wirkung von Pistolenmunition
Ich selbst habe zum Test mit meiner (modernen) Armbrust-Pistole (Zuggewicht 75 lb = 34 kg, etwas stärker als der gefürchtete englische Langbogen des Mittelalters) und einem Bolzen (6 mm Durchmesser, Aluminium mit Stahlspitze, Gewicht unbekannt) ein Kettenhemd (10 mm Stahlringe, Muster “4 in 1”) aus einer Entfernung von 30 m locker durchschlagen. Hierbei durchdrang der Pfeil einen der Ringe und bog ihn auf, wodurch der Pfeil den Panzer praktisch ungehindert durchschlagen konnte und bis zum Beginn der “Fiederung” (9,5 cm) im Kettengeflecht steckte.
Dadurch, daß die Ringe der mittelalterlichen Kettenhemden mit einem Bolzen gegen Aufbiegen gesichert waren, waren sie mit Sicherheit resistenter gegen diese Art der Durchdringung. Der mangelhafte “Stahl” dieser Zeit hat diesen Vorteil jedoch wieder ausgeglichen, die Wucht eines (Armbrust-) Bolzens hat den verbindenden Bolzen eines Kettenrings zerrissen.
Gerade in Bezug auf Schußwaffen aller Art sollte man sich keinerlei Illusionen hingeben, insbesondere dann, wenn es um die Schutzwirkung gegen moderne Schußwaffen geht (Achtung, Exkurs!). Gebräuchliche Gewehrmunition zum Vergleich bringt auf 100 m eine Energie von knapp 3000 J (Joule) ins Ziel, Pistolenmunition immerhin bis zu 500 J. Gewehrmunition (Vollmantel) durchschlägt dabei auf 100 m z.B. bis zu 1 m Erdreich, 45 cm Holz, 6 cm Stahlbeton oder 2 cm Panzerstahl.
Die Wirkung von Pistolenmunition ist zwar wesentlich geringer, einem Kettenhemd gegenüber jedoch trotzdem verheerend. Um dies einmal zu veranschaulichen, habe ich ein Stück Kettengeflecht (“4 in 1”) mit Pistolenmunition im Kaliber 9 mm Parabellum (Vollmantel, Geschoßgewicht 8,0 g) beschossen, Entfernung wiederum 30 m. Rechts im Bild Splitter und Fragmente der Ringe, die bei einem Treffer zum großen Teil (nebst Geschoß) mit in den Körper eindringen würden. Gut erkennbar die teilweise vollständige Deformation bzw. Zerstörung der Ringe.
Einige Hersteller von Kettenhemden geben an, daß sie Kettenhemden als Personenschutzwesten fertigen und bereits verkauft haben. Kettenhemden sind in der heutigen Zeit ungeeignet, sie bieten absolut keinen Schutz vor Schußwaffen, weder vor Gewehr- noch vor Pistolenmunition. Wer meint, ein Kettenhemd hält eine Pistolenkugel auf, der glaubt wahrscheinlich auch, ein umgeworfener Wohnzimmertisch (siehe Krimis) stelle eine unüberwindliche Barriere dar. Die Behauptung, Kettenhemden würden sich als Personenschutzwesten eignen, ist also absoluter Humbug und gehört bestraft. Eine moderne Körperschutzweste aus Verbundwerkstoffen ist hier wesentlich besser (und leichter). Ich denke, das obige Foto spricht für sich.


5 Wartung und Pflege

Abschließend noch ein paar Worte zur sachgemäßen Behandlung von Kettenhemden. Kettenhemden rosten. Ob man nun “rostfreien” Stahl benutzt oder nicht, Kettenhemden rosten.

Am besten verhindert man dies, indem man sein Kettenhemd ständig trägt. Das ständige Tragen sorgt für Bewegung und Reibung der Ringe untereinander, wodurch die Kettenglieder blank poliert werden. Es gibt sogar Leute, die sich einen Spaß daraus machen, am Wochenende das Kettenhemd unter der Kleidung zu tragen und die Leute am Eingang (die mit dem Metalldetektor) zum Wahnsinn zu treiben (womit wir wieder bei den Wirtshausschlägereien wären).
Wie ich herausfinden konnte, hat man das Problem im Mittelalter auf andere Art und Weise gelöst, hier gab es mindestens zwei Methoden. Die erste Möglichkeit war das Kettenhemd zur Reinigung zusammen mit zwei Handvoll Salz in einen Lederbeutel zu geben und mit Weinessig zu übergießen. Damit das Ganze ordentlich in Bewegung geriet, hat man es danach ein paar Tage am Sattelknauf des Pferdes festgebunden (welches dann wahrscheinlich immer Schlagseite hatte). Da Salz im Mittelalter relativ kostbar war, ist diese Methode wahrscheinlich eher den wohlhabenderen Kettenhemdträgern vorbehalten.
Eine Alternative für den Teil mit dem Pferd ist mir noch nicht eingefallen, und ich meine bei der ins Moderne übertragenen Entsprechung dafür berechtigte Zweifel an der Straßenlage meines Motorrades anmelden zu dürfen. Bei nächster Gelegenheit will ich jedoch einmal Experimente mit Waschmaschinen (natürlich ohne Wasser) und Wäschetrocknern (ohne Wärme) anstellen.
Die zweite Methode ist eine leicht abgewandelte Version der ersten Reinigungstechnik. Dabei hat man das Kettenhemd mit einigen Handvoll trockenem, feinem Sand (am bestem sauberen Sand vom Grunde eines Baches) und wiederum Weinessig in ein kleines Faß gegeben und es einige Male einen Hügel hinunterrollen lassen. Um das Weinessig zu neutralisieren, wurde danach Backnatron bzw. Kalk hinzugegeben und das Ganze wiederum umhergerollt, danach eingeölt.
In neuerer Zeit sollen einige Leute stark angerostete Kettenhemden zur Reinigung sandgestrahlt haben, hierzu kann ich jedoch von keinen eigenen Erfahrungen berichten. Christoph Gellhaus konnte aushelfen und teilte mir hierzu mit:
Ich kann davon nur dringend abraten. Im ersten Moment überzeugt zwar das Ergebniss, aber neuer Rostbefall folgt schon nach wenigen Stunden. Grund dafür ist zum einen, daß durch das Strahlen die Oberfläche des Metalls stark vergrößert wird, zum anderen ist die Feuchtigkeit der Pressluft trotz Wasserabscheider recht hoch.
Dies scheint also auch keine machbare Lösung zu sein. Wenn man ein Kettenhemd längere Zeit nicht trägt, sollte man es vielmehr leicht mit einem nicht harzenden Öl behandeln. Hierbei bietet sich ein leichtes Waffenöl (z.B. Ballistol, erhältlich in jedem Jagdgeschäft) an. Vor einem erneuten Tragen muß man es dann natürlich sorgfältig entölen, falls man es nicht über einem Lederwams trägt, sonst kommt es zu häßlichen Flecken auf der Gewandung.

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