Knochen-, Geweih und Hornverarbeitung

Autor: Sylvia Crumbach  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Sylvia Crumbach eine Nachricht zu schreiben.
Inhalt
1 Unser Thema: Das Mittelalter
2 Kirchen und Klöster
3 Alltagsgegenstände
Knöcherner Angelhaken. Länge 8.5 cm. Original im Landesmuseum Schleswig. Aus: Deutschland in der Steinzeit
Knöcherner Angelhaken. Länge 8.5 cm. Original im Landesmuseum Schleswig. Aus: Deutschland in der Steinzeit
Die Materialien lassen sich in folgende Gruppen einteilen:
Knochen: Fallen beim erlegen oder schlachten von Tieren an. Knochen von Weidetieren (Pflanzenfresser) haben eine andere Struktur als solche von Fleisch oder Allesfressern und werden bevorzugt verwendet.
Geweih: Bei den Cerviden (Rothirsch, Reh etc.) bilden sich als Fortsatz des Stirnbeins das Geweih aus. Dieses wird in jedem Jahr abgeworfen und sofort beginnt ein neues zu wachsen. Die nötige Härte hat das neue Geweih aber erst im Spätherbst. Rohmaterial sind deshalb bevorzugt Abwurfstangen.
Horn: Hörner haben Ziegen, Rinder etc.. Um an das Horn zu gelangen muß man das Tier töten.
Sondermaterialen sind Stoßzähne vom Elefant, Narwal oder Walroß, Eberhauer oder Hirschgrandeln. Schon für das Jungpaleolithikum sind meißelähnliche Geräte, Zierscheiben und Zahnschmuck nachgewiesen. Diese Funde sind ca. 40.000 Jahre alt. Bis in die Jungsteinzeit vor etwa 10.000 Jahren hatten sich diffizile Fertigungstechniken entwickelt. Die Bandbreite reicht von Meißeln zur Holzverarbeitung, über Jagdgeräte wie Harpunen und Angelhaken, Spinnwirteln oder Flachshechel für die Textilherstellung Nachgewiesen sind auch Stempel zur Verzierung von Tongefäßen oder sog. Rollsteine zum Glätten von Leder. Weiterhin getragen werden Schmuck und Talismane aus Knochen, Zähnen etc.
Mit dem Aufkommen von Geräten aus Bronze und später aus Eisen verliert die Verarbeitung von Geweih und Knochen stark an Bedeutung. Ein neuer Einsatzbereich sind Knochengriffe für Metallgeräte wie Messergriffe oder Ahlen. Hier sei als Beispiel die Eisenspitze mit Knochengriff aus der Frühlaténezeit (Fundort Stuttgart-Mühlheim) genannt. Neben Metallnadeln kommen weiterhin Nadeln aus Knochen vor. Knochen findet aber auch Verwendung bei der Herstellung von Schmuckscheiben, Haarnadeln oder Kämmen. Gefaßte Eberzähne sind weiterhin als Talismane oder Schmuck belegt, Elfenbein ist für Intarsienarbeiten an Schatullen und Kleinmöbeln nachgewiesen.

Eisenspitze mit Knochengriff aus der Frühlatènezeit. Quelle: Knochenarbeit

Eisenspitze mit Knochengriff aus der Frühlatènezeit. Quelle: Knochenarbeit

Messer mit Gladiatorengruppe. Quelle: Römer am Rhein
Messer mit Gladiatorengruppe. Quelle: Römer am Rhein
In der Römerzeit läßt sich bereits ein spezielles Knochen- und geweihverarbeitendes Handwerk nachweisen. Werkstätten von Knochenschnitzern sind z.B. für das Lagerdorf beim Kastell Stockstadt und für Mainz belegt. Wahrscheinlich wurde Knochen als preiswertes Ersatzmaterial für Metall verwendet, beispielsweise für Schwertriemenhalter, Ortbänder, oder Schwertknäufe. Auf die besondere Flexibilität von Knochenmaterial kam es mit Sicherheit bei der Verwendung als Versteifung für Reflexbögen an. Spielsteine, Würfel und Flöten wurden vielfach aus Knochen gefertigt, es gibt auch weiterhin als Amulett getragene Zähne (z.B. vom Bären). In Folge der römischen Kultur war das Lesen und Schreiben relativ weit verbreitet. Neben Papyrus und Pergament kamen für Notizen, aber auch für Briefe, vielfach die (meistens) zusammenklappbaren Wachstäfelchen in Gebrauch. Die Nachricht konnte in die spezielle Wachsbeschichtung geritzt werden und zum Neubeschreiben oder Korrigieren glattgestrichen werden. Dazu wurde ein sogenannter Stilus verwendet, eine Art Stift mit einer spitzen und einer spatelförmigen Seite. Diese Stilii wurden sehr häufig aus Knochen oder Elfenbein gefertigt, manchmal sogar aufwendig verziert. Die Wachstafel (Dipticon) hatten häufig eine fein ausgearbeitete Schauseite mit Elfenbein- oder Knochenschnitzereien, in der Spätantike häufig mit christlichen Motiven oder Herrscherportrais.
Fragment der Reliquiarschnalle aus Pfullingen und Rekonstruktion. Quelle: Knochenarbeit
Fragment der Reliquiarschnalle aus Pfullingen und Rekonstruktion. Quelle: Knochenarbeit
Mit der Völkerwanderungszeit ging einiges an römischer Kulturtechnik und Kulturgewohnheit verloren. Es gibt aber weiterhin aufwendig gearbeitete Gegenstände aus Knochen. Bedingt durch die Sitte, die Toten mit einer ganzen Ausstattung an Schmuck und Gebrauchsmaterialen zu bestatten, sind einige auffallend schöne Gegenstände aus fränkischer Zeit erhalten, besonders Kämme. Diese finden sich in Männer und Frauengräbern. Die Kämme aus Frauengräbern haben oft ein Klappfuteral welches die empfindlichen Zähne geschützt hat. Der Kamm war in dieser Form unter anderem ein Prestigeobjekt, das am Gürtel getragen wurde. Die Verzierungen reichen von geometrischen Mustern über Kreisaugenverzierungen bis zu figürlichen oder Tiermotiven. Für die Tracht von Männern und Frauen sind Gürtelschnallen und Riemenzungen aus Knochen nachgewiesen, wohl auch als preiswerter Ersatz für die teureren Ausführungen in Metall oder sogar Edelmetall. Frauen trugen am Gürtel oft einen Ring aus Knochen oder Elfenbein der zusammen mit Zierscheiben aus z.b. Bronze als Teil einer kleinen Tasche gedeutet werden.
Für Messer, Sax oder Schwertgriffe wird weiterhin Knochen oder sogar Elfenbein verwendet. Diverse Geräte zur Textilherstellung und Verarbeitung liegen aus Knochen oder Geweih vor: Knüpf- und Nähnadeln, Webkärtchen zur Herstellung von Säumen oder Bändern, Durchzugbehälter für Nadeln. Belegt ist aber auch Schmuck, kleine gedrechselte Dosen für Cremes, Schatullenintarsien und vieles mehr.

1 Unser Thema: Das Mittelalter

Das Mittelalter umfaßt eine sehr lange Zeitspanne, nach einigen Definitionen von achthundert bis fünfzehnhundert unserer Zeitrechnung. In dieser Zeit vollzogen sich erhebliche gesellschaftliche Veränderungen und technische Fortschritte.

Besonders durch die Verbreitung des Christentums änderten sich Sitten und Bräuche. Als Beispiel für gesellschaftliche Veränderungen läßt sich hier das sogenannte Trinkhorn anführen. Für viele ist das Trinken aus Hörner ein Charakteristikum mittelalterlicher Sitten. Leider gehört Horn zu den Materialien, die im Boden am schnellsten vergehen (Hornspäne wird im Garten als Dünger benutzt).
Die sogenannten Trinkhörner sind vielfach jedoch anhand von Beschlagteilen aus Metall zu belegen. Es gibt sogar Funde von Hörnern die aus Glas nachgebildet wurden. In Zusammenhang mit einem, oft prächtig verzierten Eimer, kommen sie in Männer- und Frauengräbern der Völkerwanderungszeit und der frühen Wikingerzeit vor. Nach schriftlichen Quellen oder Bildsteinen ist davon auszugehen, daß ein Horn mit Bier oder Met zur (rituellen) Begrüßung wichtiger Gäste gereicht wurde. Eine Darstellung von einem gotländischem Bildstein zeigt mehrere Männer mit Trinkhörnern, diese Darstellung wird jedoch als mystische Darstellung eines Gelages im Jenseits gedeutet.
Für einen Begrüßungs- oder sogar Einweihungstrunk wurden die reichverzierten Hörner auch noch in christlicher Zeit benutzt. So bei Kaufmannsbünden oder bei den Handwerkszünften, die sich im Mittelalter gründeten und bis in die Neuzeit bestehen.
Gebrauchsgegenstände wie Schmuck, Würfel und Waffenbestandteile werden in der Völkerwanderungszeit wie auch im Mittelalter weiterhin aus Knochen, Geweih oder Horn gefertigt.


2 Kirchen und Klöster

Reliquienschrein aus Cammin, Pommern.  Quelle: Graf von Oxenstierna, Die Wikinger
Reliquienschrein aus Cammin, Pommern. Quelle: Graf von Oxenstierna, Die Wikinger
Aus dem Mittelalter sind viele Kunstgegenstände erhalten geblieben, die für liturgische Zwecke angefertigt worden sind, beziehungsweise in Kirchenschätze über-nommen wurden.
Manche dieser Gegenstände lassen sich anhand von Stilelementen und der Ausführung bestimmten Werkstätten zu ordnen. Ein Zentrum war die Stadt Köln. Reliquienschreine, Votivkreuze und viele andere Dinge sind sowohl aus Kirchenschätzen wie auch aus Grabungsbefunden bekannt.
Beispiele:

  • Kreuzanhänger aus Oldenburg in Holstein
  • Reliquienschrein aus Kolberg
  • Liturgischer Kamm aus Niedersachsen


3 Alltagsgegenstände

Kamm aus dem Burgwall Spandau. Quelle: Ausgrabungen und Funde auf dem Burgwall in Berlin Spandau
Kamm aus dem Burgwall Spandau. Quelle: Ausgrabungen und Funde auf dem Burgwall in Berlin Spandau
Burgwall Spandau, Spielstein. Quelle: Ausgrabungen und Funde auf dem Burgwall in Berlin Spandau
Burgwall Spandau, Spielstein. Quelle: Ausgrabungen und Funde auf dem Burgwall in Berlin Spandau
Kämme, Perlen und Würfel werden im Mittelalter schon fast “industriell” von spezialisierten Handwerkern hergestellt. Werkstätten sind anhand von Produktionsabfällen für viele Städte nachgewiesen. Perlen werden in erster Linie für sogenannte Paternosterschnüre hergestellt, dem Vorgänger des modernen Rosenkranzes. Spielsteine und Würfel sind in vielen Formen gefunden worden, von einfachen Ausführungen aus Holz bis hin zu feinsten Arbeiten aus Elfenbein. Das Schachspiel und das Tric- Track (Backgammon) verbreiten sich seit dem frühen Mittelalter vom Orient aus.
In den höfischen oder zumindest begüterten Kontext gehören mit Sicherheit Schatullen mit Elfenbein- oder Knochenintarsien und Musik-instrumente wie Leiern. Auch wenn Instrumente in Handschriften häufig abgebildet sind, so liegen nur wenige Bodenfunde vor. Ein Beispiel ist das in Oldenburg in Holstein gefundene sogenannte Plektron zu einer Leier, welches gleichzeitig auch als Hinweis auf einen gehobenen Lebensstil in der Siedlung gilt.
Sicher wurden auch vielfach im Haushalt für den eigenen Bedarf verschiedene Geräte zur Textilherstellung und -verarbeitung aus Knochen hergestellt. Nadeln, Webbrettchen und Spinnwirteln liegen in verschiedener Form aus Siedlungsfunden vor.
Für die nördlichen Breiten sind verbreitet die sogenannten Schlittknochen, Vorläufer der modernen Schlittschuhe, nachgewiesen. Hergestellt aus den Mittelfußknochen von Rindern oder Pferden, wurden die Schlittknochen unter den Schuhen befestigt. Mit Hilfe einer Stange konnte man sich auf dem Eis fortbewegen.

Geweihbehälter von der Burg Spandau. Quelle: Ausgrabungen und Funde auf dem Burgwall in Berlin Spandau

Geweihbehälter von der Burg Spandau. Quelle: Ausgrabungen und Funde auf dem Burgwall in Berlin Spandau

Münzen wurden in speziellen Behältern aus den Gabelungsstücken des Rothirschgeweihes hergestellt. Viele Griffe von Messern und Werkzeugen sind mit Griffen aus Geweih- oder Knochen versehen. Hier sind sowohl einfache Griffe wie auch verzierte oder figürliche Schnitzereien bekannt. Wo geschrieben wurde fanden kleine Rinderhörner als Tintenbehältnis Verwendung, Wachstafeln zum Schreiben und die dazugehörigen Stilii für Notizen sind auch im Hochmittelalter in Gebrauch. Das zum Buchbinden verwendete Falzbein ist fast unverändert bis heute in Gebrauch. Gürtelschnallen und Schließen aus Geweih und Knochen sind, wie auch in der Völkerwanderungszeit, verbreitet.

Schwertknauf aus Elfenbein, Burg Gniezno, 10./11 Jahrhundert. Quelle:  Europas Mitte um 1000; Katalog

Schwertknauf aus Elfenbein, Burg Gniezno, 10./11 Jahrhundert. Quelle: Europas Mitte um 1000; Katalog

Verfasser: Sylvia und Heinz-Peter Crumbach, Infoblatt zur 6. Soester Niflungen-Tagung, 29.6 -1.7.2001

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