ich habe gerade das wunderbare Buch zur sog. Gumbertusbibel (entstanden ca. 1180-1185 in einer Regensburger Werkstatt) geschenkt bekommen und dabei wieder interessante Bilder und Verweise zu unserem Lieblinsthema Frauenhauben gefunden: :-)
In der Gumbertusbibel selbst gibt es zwei Miniaturen (Fo. 247v, 335r) von Damen mit Hauben-artigen Kopfbedeckungen - eine davon sogar interessant mit geknotetem ‘Kinnband’; und außerdem finden sich im Text Hinweise auf sogenannte “geknotete Frauenhauben”, die sich in den Regensburger Apostelviten (Bayerische Staatsbibliothek, Clm 13074) sowie im sog. Gebetbuch der Hildegard von Bingen (Bayerische Staatsbibliothek, Clm 935) von 1180 finden sollen.
Hat die vielleicht schon mal jemand hier eingesehen?
Viele Grüße,
Ruth
–
Lit:
Veronika Pirker-Aurenhammer. Die Gumbertusbibel. Regensburger Studien und Quellen zur Kulturgeschichte, Bd. 7. Universitätsverlag Regensburg 1998
Er besteht aus Seide und ist mir bei der Aufnahme leider nach hinten gerutsch, was an den streichholzkurzen Haaren liegen dürfte.
Das erklärt die großen Falten.
Ein Haarsack mit Netz drüber gibt es auch in der Kreuzfahrerbibel.
Übrigens, die Haartracht, die als “Öhrchen” bezeichnet ist, findet sich relativ häufig bei Frauen, die Katharerinnen darstellen. Bei der Frage auf deren Quellen muss ich leider passen.
Ich verfolge die Diskussion auch sehr gespannt. Der Hauptpunkt, der bei mir bisher Skepsis gegenüber der Variante “Haube aus gewebtem Stoff” verursacht hat, war ja immer die Faltenlosigkeit der Darstellungen. Deshalb hatte ich ja immer etwas Elastisches, wie etwa ein Sprangnetz, angenommen.
Daß jetzt in Gabrieles Aufstellung eine Darstellung ist, die Falten im Nacken zeigt, wie sie bei einer Haube nach dem Birgitta-Typ (oder auch bei einem Tuch) auftreten würden und vor allem ein zweites Bild, bei dem man ganz deutlich eine Mittelnaht auf dem Kopf erkennt, lassen mich schwankend werden.
Ich werde trotzdem mal versuchen, diesen Winter noch ein entsprechend großes Sprangnetz (allerdings diesmal aus Wolle, damits auch in endlicher Zeit fertig wird) anzufertigen, damit wir mal vergleichen können.
Ruth, könntest Du eventuell die Darstellungen mit Falten, die Du gefunden hast, scannen und mailen? Ich kenne die Bilder nicht, würde sie aber sehr gern mal ansehen.
die Entwicklung, die Du beschreibst, ist sehr wahrscheinlich - aber wir brauchen einfach noch mehr frühe Beispiele, um das untermauern zu können.
Auf der Suche danach habe ich unterdessen sogar noch eine grüne Haube unter Gebende (Yolande-Psalter, Amiens, 1280-99) und ein seltsames Gebilde gesehen, dass wie eine ‘Kreuzung’ aus Haarsack bzw. einfacher weißer Haube sowie Haarnetz aussieht (Bibel, Paris, letztes Drittel 13. Jh.): also eine faltenlose weiße Haube mit Netzstruktur drüber…
Zur faltenlosen Optik: in den unten verlinkten Rekos der Birgitta-Haube fallen diese Hauben mit entsprechenden Haaren bzw. Haarteilen darunter eigentlich auch sehr schön faltenlos.
Ich weiß nicht, ob sich das auf Statuen übertragen lässt, aber zumindest bei Malerschulen des 14. Jh. war es oft so, dass die Gesellen beim Malen von Fresken die Körper malten, die Gesichter aber blank ließen. Diese wurden dann vom Meister persönlich angebracht.
…die Frisuren darunter hatte ich noch gar nicht gedacht…
Ja, also, wenn die Dame geflochtene Zöpfe uber den Kopf gesteckt trägt, dann wird es natürlich wulstig. Mit “umgeklappt” meine ich, dass es aussieht, als ob der Saum an der Stirn nach innen geklappt ist,und eben,wie Du schon sagtes, ein Zopf darunter verbirgt.Das würde vielleicht das lästige Rutschen verhindern.
Bezüglich der fehlenden Falten war mein Gedanke, dass der Künstler diese vielleicht einfach weggelassen hat. Wenn er, ich spinne nur so weiter, mehr Wert auf den Gesichtsausdruck gelegt hat und er bestimmte Details,wie eben Falten bei eine alltäglichen Kopfbedeckung,die zu seiner Zeit jeder kannte, weglies,könnte ich mir dadurch die eigenartige Glattheit der Haube erklären. Es handelt sich ja nicht um eine Abbildung aus einer mittelelterlichen Modezeitschrift, sondern die Skulptur soll ja irgendeine Ausage haben.
Ich fand es seltsam, dass er dem Gesicht soviel Ausdruck gegeben hat und die Haube dagegen sieht aus wie “gegossen”.
Im Bereich der Stirn ist die diskutierte Haube eigentlich immer glatt. Die Falten befinden sich im Nackenbereich. Und wenn man genug Haare hat, kann man auch diese Falten ziemlich gut auspolstern.
Hinter die Ohren der Naumburger Figur kann man leider nicht so richtig gucken, um zu erkennen, ob da irgendwelche Falten angedeutet sind. Vielleicht waren sie ja auch aufgemalt…
Ob man die Haube bis in die Stirn zieht oder ob man den Haaransatz freiläßt hängt auch von der Kopfform ab. Oder ganz einfach von der Vorliebe der Trägerin…
Was meinst Du mit “um das Stirnhaar umgeklappt”?
Die Frage ist vermutlich, wie sieht die Frisur darunter aus… Ich habe bisher in Richtung eines geflochtenen Kränzchens überlegt oder in Richtung von zwei Zöpfen, die ziemlich weit oben vorne begonnen werden (mit Zunehmen, wie beim Kranz oder Bauernzopf). Eine weitere Möglichkeit wären zwei Zöpfe, die man hinter dem Kopf kreuzt und wieder nach vorne führt; Richtung Stirn würden sie dann dünner werden…
Im 1./2. Viertel des 14. Jh. werden öfters solche Flechtfrisuren dargestellt. Mag sein, dass sich diese Mode gewissermaßen emanzipiert hat und schließlich auch ohne Haube getragen wurde…
Ich arbeite übrigens mit zwei Haarteilen: zwei zusammengebundenen Zöpfen. Dadurch entsteht eine Optik wie die Variante mit den 2 Zöpfen und dem Zunehmen. Der Wulst, der sich dadurch über der Stirn ergibt, die auf den Fotos von meiner Rekonstruktion deutlich zu erkennen. Wenn man sich nun vorstellt, dass das Ganze mit echten Haaren etwas weiter Richtung Stirn geflochen wurde, läßt sich die Optik der Naumburger Magd meiner Meinung nach ganz gut erklären.
Letztendlich ist diese Haubenform, ebenso wie die darunter liegende Frisur, auch nur Spekulation. Aber das trifft ja eigentlich auf fast alle Kopfbedeckungen (Gebende, Schleier, Wimpel, Coiffe) zu, da es so gut wie keine Fundstücke gibt. Aber diese Form der Haube erscheint mir von allen bisher bekannten Varianten eben die sinnvollste… Bis jemand etwas Besseres findet ;-)
Bei der “Skulptur vom Naumburger Dom (nach: Marburger Bildindex):
Magd mit Kopfbedeckung nach Art eines ’Haarsack’, hier ohne Falten und ohne erkennbare Bänder.” kommt bei mir die Frage auf, wie wichtig dem Bildhauer die Darstellung einzelner Details war. Die Ohren der Figur sind sehr genau gearbeitet,und es sieht für mich so aus, als ob sogar “Augenringe” oder so etwas wie Falten unter den Augen erkennbar sind, während der Kopf bzw. das Tuch besonders über der Stirn seltsam glatt erscheint. Und für mich sieht es aus, als ob das Tuch irgendwie eingeschlagen ist, also um das Stirnhaar umgeklappt.
die ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen, die Haube in der Bible moralisee…
Mir scheint es so dass, sich die Haube von einer Kopfedeckung für einfache Frauen (Mitte des 13. Jh.s) zu einer modischen Kopfbedeckung Anfang des 14. Jh.s entwickelt hat.
Mitte des 13. findet man noch relativ wenige Abbildungen und die, die man findet, zeigen offenbar dienende Personen (Maciejowski Bibel, die von Dir erwähnte Bible moralisee und auch die Naumbuger Magd). In diesem Zusammenhang werden die Hauben ohne weitere Kopfbedeckung oder Schmuck getragen.
Später, in Frankreich wohl so ab 1280 und in Deutschland ab 1300 tauchen vermehrt Hauben auf, oft mit Gebende kombiniert oder farbig oder verziert.
Das ist zumindest mein Eindruck. Was meinst Du (oder natürlich auch alle anderen) dazu?
Etwas off topic - aber ich habe auch bei den Schlupfärmlen bei Frauen das Gefühl, dass sich hier etwas, was ursprünglich praktisch sein sollte, von der Mitte des 13. bis Anfang des 14. zu einer eher modischen Erscheinung entwickelt hat…
Ich hatte auch schon nach Falten-Abbildungen gesucht; diese finden sich zum Beispiel auch schon früher als in den Murthly Hours in einer Bible moralisee um ca. 1250 (siehe hier, S. 12 www.brandenburg1260.de/tracht-landsasse.pdf ).
super, dass dieses Thema ‘mal wieder diskutiert wird!
Ich habe vor 2 Jahren bereits mit der Birgitta-Haube experimentiert und gute Ergebnisse erzielt. Für mich ist dies tatsächlich die bisher sinnvollste Rekonstruktion einer Haube.
Leider bin ich bisher nicht dazu gekommen, das Ganze im Netz zu veröffnetlichen.
Daher hier auf die Schnelle ein paar meiner Gedanken zum Thema:
Ich habe meine Konstruktion auf diesen Link gestützt:
Wir bewegen uns ja so um 1300 herum und zu da scheinen Hauben ziemlich in Mode gekommen zu sein. Am Freiburger und am Straßburger Münster findet man einige Hauben. Überhaupt nehmen Abbildungen von Hauben gegen Ende des 13. Jh. zu. Die meisten scheinen jedoch ohne diese doppelte äußere Wickelung, wie sie in der Maciejowski Bibel zusehen ist, getragen zu werden.
Meine früheren Rekonstruktionsversuche basieren noch auf einem ovalen Stück Stoff (diese alte Form ist noch auf unserer Website zu sehen [bin wie gesagt noch nicht zum Aktualisieren gekommen]): www.tempora-nostra.de/[ ]/Detail_haube2,sid8,konte[ ] . Mit dieser Konstruktion war ich aber nie zufrieden, wie man sich vorstellen kann, wenn man sich die Seitenansicht ansieht: zu viele Falten.
Überhaupt schienen die Falten ein Problem zu sein: die Hauben auf den Abbildungen sehen immer glatt aus, als ob es sich um einen elastischen Stoff handelt.
(The Murthly Hours, Folio 185v, ca. 1280: www.nls.uk/murthlyhours ). Hier sind eindeutig Falten zu sehen, was die Birgitta-Haube auch für das 13. Jh. wahrscheinlicher werden ließ.
Was die Faltenfreiheit der der Frauenhauben angeht, könnte es sich um eine Idealisierung handeln. In den meisten Fällen werden auch Männerhauben faltenlos und trotzdem eng anliegend dargestellt - was mit der typischen Mittelnaht-Konstruktion bei den meisten Kopfformen eher schwierig ist. Es gibt aber auch bei den Herren einige wenige Abbildungen, die eine leichte Fältelung der Coife erkennen lassen.
Letzendlich scheint diese Art von Haube ähnlich wie eine Männer-Coife aufgebaut zu sein, nur dass sie mehr Platz für die langen Haare läßt. Da Hauben in der Literatur (laut Elke Brüggen) für Männer und Frauen erwähnt werden, halte ich es für durchaus logisch, dass beide auf einem ähnlichen Konstruktionsprinzip beruhen.
Natürlich sind das alles nur Indizienbeweise…
Ich habe anstelle des langen geschlossenen Bandes zwei Bindebändel gemacht, mit denen ich die Haube hinter dem Kopf im Nacken zubinde und die Bändsel einfach mit in die Haube hineinstecke. Das habe ich vorallem gemacht, da die meisten Hauben ohne die äußere Wickelung dargestellt werden, vor allem im eher deutschen Raum und um 1300.
Das Ganze hält übrigens auch ohne die zusätzliche äußere Wickelung prima - auch ohne Gebende.
Ein paar weitere Gedanken und Abbildungen zum Thema habe ich hier zusammengefasst:
Wobei auch Abbildung 53 (einfach ein Stück hochscrollen) interessant ist, da sie meiner Meinung nach ebenfalls eine Haube zeigt (das Ganze ist eben nicht ganz auf dem neuesten Stand…).
Hier ein paar Abbildungen meines aktuellen Rekonstruktionsversuchs (provisorische Bilder, ich hasse Seitenansichten… ;-)):
da ich mit meiner Recherche maßgeblich an der ‘Verbreitung’ meiner - nicht zufriedenstellenden - Nacharbeitung der einfachen Frauenhaube à la Kreuzfahrerbibel etc. in der Szene schuldig bin (Rechtecktuch im Nacken geknotet und Tuchende untergeschoben), will ich Euch diese neue, und für mich auf den ersten Blick sehr überzeugende Neu-Interpretation der Birgitta-Haube nicht vorenthalten:
Medieval Textiles and Clothing 4 (eds. Netherton, R. & Owen-Crocker, G. R.):
Dahl, C. L. & Sturtewagen, I. 2008. “The Cap of St. Birgitta”, 99-129.
Dahl, C. L. & Sturtewagen, I. 2008. “Appendix 6.1. The Construction of St. Birgitta’s Cap”, 130-134.
Dahl, C. L. & Lester, A. M. 2008. “Appendix 6.2. The Embroidery on St. Birgitta’s Cap”, 135-142.
wie weiter unter schon lange versprochen, ist mein Recherche-Artikel zur einfachen landsässischen Tracht jetzt endlich online (naja, zumindest die erste Fassung *smile*), und da sind auch die angekündigten Bilder zu den verschiedenen Haarsack- und Kopftuch-Trageweisen zu finden.
Danke an alle, die mir Tipps und Abbildungen und Beschreibungen geschickt haben.
Ich habe aus meinen “Stoffresten” tatsächlich noch 3 verschiedene Varianten von Kopfbedeckungen nähen können:
1. einen Haarsack - ist heute fertig geworden und richtig praktisch
2. ein “Schleiertuch” - 50 X 240 cm - ist meiner Meinung nach sogar zu lang. Damit sehe ich aus wie ein Tuareg nach einer Hirnoperation :lol:
3. ein Gebende - “sötzt söhr öng - öch könn dön Mönd gör nöcht öfmöchön” - Nein, ich komme nicht aus Sachsen :grin: .
Ich bin richtig zufrieden, da ich die Sachen eben nicht nur zur Darstellung auf Veranstaltungen (da hätte der Haarsack genügt) sondern auch für “pädagogische Zwecke” à la “Was trug die Frau im Hochmittelalter auf dem Kopf” verwenden will. Da ist eben auch ein Gebende zum Zeigen, Anfassen und Ausprobieren richtig gut.
Leider habe ich keinen Webspace zur Verfügung, sonst könnte ich Euch die Sachen mal vorführen. (Falls es mal Fotos im Web geben sollte, werde ich sie hier verlinken).
im Goslarer Evangeliar gibt es Abbildungen von Frauen (Magd, und Dame bei der der Niederkunft), die ausser einem schmalen geknoteten Band/Stoffstreifen um die Stirn, das die Frisur zusammenhält, keine weiteren Kopfbedeckungen tragen.
Vielleicht die einfachste Form der Kopfbedeckung bzw. die ‘Unterkonstruktion’ für die nächste ‘Schicht’ - i.e. Schleier, Wimpel, Gebende etc…. ?!? So ein eincher Stoffstreifen ist auch öfters bei Bettler-Darstellungen erkennbar (z. B. Elisabeth-Schrein).