kann mir jemand weiterhelfen bei der Frage, ob man Beil und Dechsleabdrücke auf Bauholz voneinander unterscheiden kann? Und was man anhand der Bearbeitungsspuren auf Type Werkzeug schliessen kann? Bin gespannt auf Eure Antwort..
Das “Taglöhnerhaus aus Marienstein” auch ca. 1368 gebaut. Explizit ein Haus aus der ärmeren Schicht im Dorf. Nicht einmal eine landwirtschaftliche Vollexistenz. Trotzdem: Grundfläche ca. 10 x 10 m, zum Teil massiv gemauerte Bauteile, als besonderes Schmankerl sogar ein Keller, an den Innenwänden teilweise noch Zieranstriche, die möglicherweise bis in die Bauzeit zurückreichen.
Bestimmt auch nciht die Regel, aber immerhin ein im rekonstruierbaren Zustand erhaltenes Originalgebäude.
Die Decke der Stube wurde mit eichenen Spaltbohlen gedeckt, die auf der Unterseite etwas geglättet wurden und oben mit einem Lehmschlag versehen wurden, der dann wieder die Laufschicht bildete. Die Bohlen wurden selbst auf Länge nicht gesägt, sondern mit der Axt geschrotet.
Im Vergleich zu anderen Gebäuden werden einige Details als altertümlich bewertet, bestimmte Pfosten-Pfettenverbindungen, vorgenannte Bohlendecke … Hier kommen wir dem 13. Jh. wohl schon erstaunlich nahe. Für die Region Franken jedenfalls, wie es woanders wieder aussah …?
Danke an das Freilandmuseum für die schnelle Lieferung! Für mich ist das Buch ein Volltreffer.
Meine Eichen-Splint-Hau-weg-Polemik mußte ich allerdings revidieren:
Erstes Fazit: es gab eine große Vielfalt an Möglichkeiten. Gegen die ‘lumpigen Hütten’ werden hier auch einige Argumente angeführt. Das Haus aus Höfstetten (14.Jh.) hat eine Grundfläche von ca. 14,5 x 13 m und ist ca. 11,5 m hoch. Ein BAUERNHAUS, zwar mit Kuhstall und Pferdestall (!) unter demselben Dach, aber die Autoren gehen nicht davon aus, daß es sich dabei um das Haus eines extrem wohlständigen Bauern handelte. Das Unterentwicklungs-Image der Bauern und ihrer Möglichkeiten leiten sie mehr vom Standesdünkel der zeitgenössischen Schreiber her, zwischen Fundlage und schriftlicher ßberlieferung scheint hier eine große Kluft zu bestehen.
Von wegen meiner Eiche: im Zusammenhang mit einer betrachteten Gebäudegruppe, den steingedeckten Häusern aus dem 14./15.Jh. im Altmühlgebiet kommt folgender Passus: “Fast durchweg kommt Eichenholz zur Verwendung, das nur wenig mit dem Beil bearbeitet, noch an vielen Stellen baumwüchsig gelassen ist und viel Rinde sehen läßt.”
Ich bitte darum, daraus jetzt keine gegenläufige Regel zu machen, weil die aus sorgfältig behauener Eiche gebauten Häuser trotzdem existieren, aber meine vierkantige Regelhaftigkeit muß ich zugunsten einer größeren Vielfalt aufgeben.
Aislings Einwurf ist natürlich sehr berechtigt. Keine “Geschichtsschreibung” ist unbeeinflußt von ihrem Kontext.
Ich wollte mit dem lieben Tacitus keine Bauanleitung für germanische Häuser liefern, sondern zeigen, wie unterschiedlich man interpretieren kann, wenn man nur bröckchenweise Informationen hat.
Die eisenzeitlichen Gebäude sind ja ausdrücklich nicht das Thema dieses Threads (Tacitus, Gabreta und Hochdorf alle miteinander), sonst würde ich euch mit lauter gewichtigen Titeln erschlagen. Aber es geht ja mehr ums HMA, hier fände ich weitere Hinweise wirklich hilfreich. Auf das “Bauernhäuser aus dem Mittelalter” von Bad Windsheim bin ich schonmal sehr neugierig. Mehr Input, Ihr Weisen! Ich habe noch vier Meter Regal zu füllen…
Seid bitte mit den Zitaten römischer Autoren seeehr vorsichtig.
Man muß dabei berücksichtigen, dass sie einen sehr grosses ‘Nationalbewusstsein’ hatten und infolge dessen nichtrömische Völker nicht unbedingt falsch beschrieben, aber eben mit einer anderen Einstellung.
Zudem hatten die Germanen die Römer vor 100 Jahren in der Varusschlacht vernichtend geschlagen und diese Niederlage schmerzte die Römer auch noch nach so langer Zeit.
Leider kann ich dir zu germanischen Bauten der Zeit um 100 n Chr. keine Infos geben.
Mit vorgesägt meinst Du “Holz aus dem Sägewerk”, das dann als Behauen umdekoriert wurde? War das denn Eiche oder einfach Nadelholz?
Zu Deinen Fragen: erstmal sind beides Meinungen, die des Angestellten und meine. Wobei ich die Argumentation “wenn du erstmal Eiche gehackt hast ..” für zu flach halte und auch nicht glaube, daß der Angestellte sich die Mühe gemacht hat, Eiche zu hacken…
Ich muß aber zugeben, daß ich zwar schon Nadelhoz behauen habe und dicke Eichenstämme gespalten und eine Seite zugerichtet, aber noch nie eichene Balken hergestellt habe. Aber: Eiche wird überschätzt, vor allem wenn sie frisch verarbeitet wird. Aber: erhaltene Häüser aus den letzten sechs Jahrhunderten, also auch die ganz normalen Fachwerkhäuser aus ca. dem 19. Jh., die wir einfach nur als “alte Häuser” wahrnehmen sind großenteils aus handbehauenen möglichst vierkantigen Hölzern hergestellt, wenn verfügbar gerne aus Eiche, ich finde es sehr seltsam, daß diese Leute dann nicht auf den Mehraufwand verzichtet haben, aber vielleicht hatten sie eine andere Schmerzgrenze als die Vorstellungskraft eines Museumsangestellten?
Und das Argument mit dem Splintholz, das weg muß, ist ernstzunehmen. Es braucht keine Wissenschaft, sondern die Beobachtung über 4 Jahre, um zu sehen, daß der Splint weggammelt und der Kern noch Jahrzehnte länger hält. Ich habe in einem Dach gearbeitet, dessen Dachsparren (das sind die schrägen Balken, an denen die Dachhaut befestigt ist) aus Eiche waren, die nur in einer Ebene gerade behauen waren, innerhalb der Sparrenebene aber frei dem Stammverlauf nach behauen waren, also sher kurvig gelassen wurden. Trotzdem hat man sich beim Bau des Hauses die Mühe gemacht, sie einigermaßen rechtwinklig vom Splint zu befreien.
Ich habe mit Bronzewerkzeugen keine Erfahrung, möglicherweise halten diese der Beanspruchung zuwenig Stand, so daß vor der Eisenzeit bäume eher sparsamst zugerichtet verbaut worden sein mögen, aber mit der Entwicklung von verstähltem Eisenwerkzeug würde ich eher alles für möglich halten.
Sägen sind fürs HMA vorauszusetzen. Auch große Längsschnittsägen. Wobei IMHO Behauen einfacher ist als Sägen, d.h. wenn das selbe Ergebnis auch durch Behauen erreicht werden kann und das Holz nicht zu wertvoll ist, dann wird im Zweifel eher die Axt als die Säge zu Zuge kommen. Um aus einem Baum oder vorbehauenem Balken dann Bretter zu gewinnen, kann die Säge wieder vorteilhafter sein, weil nicht alles sinnvoll aus radialen Spaltbohlen gemacht werden kann, bzw. auch die gesägten Bretter breiter sein können als der Radius des Baums, und es wieder ein Mehraufwand ist, aus der keilförmigen Bohle ein ebenes Brett (wie gesägt) zu machen. Aber oft genügt die Bohle im (fast) Rohzustand, hat als Bauelement sogar Vorteile durch die Keilform.
Und hier noch eins für die Interpretationswut:
Tacitus (1.Jh.) beschreibt in “de situ et origine germanorum” die Bauweise der Germanen wie folgt: “ nicht einmal Mauersteine und Ziegel sind bei ihnen in Gebrauch, zu allem bedienen sie sich des rohen Holzes, ohne Schönheit und ohne Anmut. Einige stellen bestreichen sie sorgfältiger mit einer so reinen und glänzenden Erde, daß sie wie Malerei und Farbenzeichnung aussieht. …”
Was soll das dann sein? Rundstämme zum Teil mit Farbe beschmiert? Fachwerk mit lehmverputzten Ausfachungen? (Wandfüllungen aus geflochtenen Zweigen mit Lehmbewurf werden schon in bronzezeitlichen Siedlungen nachgewiesen, der Lehm überdauert zum Glück in speziell geformten “Böbbeln”, die den Hinweis auf Flechtwände mit Lehmputz geben, wenn das Holzschon lange weg ist. Und wurde als Ausfachung in Mittel- und Süddeutschland regelmäßig bis in unser Jahrhundert angewandt, alternativ zum Bruchsteinmauerwerk. Im Norden hat der Klinkerziegel das Rennen gemacht.)
Und nochmal, wie in meinem ersten Posting: auch Hochdorf ist vom Mittelalter weiter entfernt als die Neuzeit. *provokativ grins*
dort kam ich mit einem der dortigen Angestellten ins Gespräch der sich beschwerte dass der Nachbau des abgefackelten Haupthauses mit vierkantig behauenen Stämmen gemacht wurde. (vorgesägt und nachbearbeitet)
Deinen Eintrag hier in Erinnerung erlaubte ich mir Dich zu zitieren, dass sie wenn sie schon hacken das auch gleich vierkantig machen können.
Er meinte wer schon mal Eiche gehackt hat spart sich gern die zusätzliche Arbeit für das vierkantig hauen.
Sind das nur Meinungen oder betrifft das die unterschiedlichen Zeiten.
Hatten die im HM schon die Möglichkeit großer Sägen?
off topic: Amazon führt sehr viele Bücher nicht, da ist es immer hilfreich, den Verlag herauszufinden, z.B. indem man den Titel über die Suchfunktion einer Universitätsbibliothek näher anschaut, und den im www zu suchen.
Antiquarische Bücher: www.sfb.at ist eine Website die ein Dutzend antiquarischer Verzeichnisse abfragt, inkl. ZVAB und Abebooks uvm. Geht schnell, hat große Trefferchancen und man kann schön Preise vergleichen.
ist das das falsche Buch, es beschreibt alle Häuserchen des Freilandmuseums. Zwar auch sehr interessant, aber es gibt einen speziellen Führer:Bauernhäuser aus dem Mittelalter. Ein Handbuch zur Baugruppe Mittelalter im Fränkischen Freilandmuseum, 316 Seiten, zahlr. Farb- u. SW-Abb., 1997, 15 -
Mal was anderes: Kann es sein, das das Museumsdorf Düppel provokant gesagt sowas wie “Dritt-Welt-Reenactment” ist? Im Vergleich mit Freilichtmuseen und erhaltenen Häusern schauen die Hütten dort relativ primitiv aus. Auch wenn man in Anbetracht zieht, daß sich normalerweise die besseren Häuser länger erhalten haben, die erhaltenen Holzhäuser erst mit Einführung des Steinsockels so alt werden konnten und daher meist später sind, … Gabs da bei der Eingliederung ins deutsche Kaiserreich eine größere Verelendung?
ich habe mich wohl mißverständlich ausgedrückt. Sorry.
Warum Hauen? Weil man mit vierkantigem Holz leichter Arbeiten kann, weil behauenes Holz leichter zu transportieren ist, weil die wenigen bis zur Neuzeit erhaltenen Gebäude aus dem 13. 14. Jh. mit behauenem Holz gebaut wurden.
Weil gleichmäßige, gerade Nadelholzstämme erst durch die Verbreitung einer Fichten-Monokultur-Wirtschaft überall zu Verfügugng stehen, und mit krummen Laubhölzern oder Kiefern ist unbehauen schon nicht mehr so schön zu schaffen.
Weil z.B. bei Eiche die äußere Holzschicht (Splint) sowieso weggehackt werden muß, dann kann man es auch gleich vierkantig machen.
Dort, wo Nadelwald in geeigneter Form die Regel war, mag auch mehr Block- oder Stabbau vorkommen. Auch aus unbehauenen Hölzern.
Warum kein Schilf? Am Neusiedler See ist Schilf sicher korrekt, für ein Dorf auf der Schwäbischen Alb dagegen kaum. Schilf als Dachdecke ist im archäologischen Fundmaterial als leichtvergängliches Material kaum nachgewiesen, wurde aber oft selbstverständlich vorausgesetzt. Wenn aber der Bedarf für die Dächer eines Dorfes von den Schilfzonen der umliegenden Gewässer nicht gedeckt werden kann (und es sind Unmengen an Schilf nötig), dann wird ein alternatives und leichter verfügbares Material wahrscheinlicher.
Ich habe auch nicht behauptet, Schilf und Rundholz wären falsch, sondern davor gewarnt, sich durch den Gang durch ein paar Freilichtmuseen anregen zu lassen, die kombinierten Eindrücke nachzubauen. Und das auch noch über einen Zeitraum hinweg, der größer ist, als ein guter GroMi in seiner Gewandung vereinen könnte. ;-)
Ich würde immer empfehlen, sich erst nach Quellen umzuschauen, bevor man die Rekonstruktionen anderer als Quelle nimmt. Sonst addieren sich nur die Kompromisse, die jeder irgendwo eingeht.
Fundamente: ich wollte nicht über eure real existierenden Fundamente spekulieren, sondern das Vorbild “Gabreta” für ein HMA Projekt relativieren. Eingegrabene Pfosten sind eine historische Bauweise, die im MA aber nicht mehr zwingend die allein selig machende Variante ist, auch für einfache Gebäude.
“Rekonstruktionen: wer macht …”: zu diesem Thema habe ich leider nichts konkretes beizutragen. Ich bereite mich gerade auf ein solches Projekt fürs FMA vor und hoffe, daß wir zum Frühjahr grünes Licht bekommen, aber es entspricht dann nicht den Kriterien im Eingangsposting, weil es von einer Stadt finanziert wird, die hofft, es als museale Touristenattraktion zu verwerten. Aber das sind noch ungelegte Eier.
Vom Fach: bin Zimmermann und habe hauptsächlich in Altbau und Restauration / Denkmalschutz gearbeitet, außerdem fälle ich Holz, habe auch schon mit Pferden gearbeitet, habe ein Jahr lang Steine behauen. Das sind mal die MA baurelevanten Teile meiner Biographie. Den Rest verschweige ich höflich. *g*
@ Harald: hattu Möhren ?
vielleicht hast Du Lust, nächstes Jahr ein bißchen mitzuarbeiten, wenn es mit dem Alamannendorf klappt? Bei uns zu Hause auf der grünen Wiese braucht man nichts anzufangen. Da käme sofort das Bauamt und würde das Projekt einstellen. Im Außenbereich (außerhalb der Ortschaft) darf man im Regelfall NICHTS bauen. Was manchmal auch ganz sinnvoll ist, schätze ich. Was da alles entstehen würde …
Bauernhäuser aus dem Mittelalter. Ein Handbuch zur Baugruppe Mittelalter im Fränkischen Freilandmuseum, 316 Seiten, zahlr. Farb- u. SW-Abb., 1997, 15 -
Das Buch enthält auch Grundrisse und Aufrisse mehrerer mittelalterlicher Bauernhäuser.
Da hat mich wohl mein Erinnerungsvermögen getrügt… sorry…ist aber auch schon einige Zeit her, als ich zuletzt dort war…
Woher hast Du die Infos zum Bauernhaus aus Höfstetten? Auf der HP vom Museumsdorf habe ich leider keine Infos darüber gefunden - schätze ich muss mal wieder einen “Ausflug” machen…