@ Claudia: “Am Anfang der Naht nähe ich nicht vor und zurück - dieses Prinzip scheint mir eher der Arbeit mit der Nähmaschine entlehnt.”
Vielleicht hat die Maschinentechnik auch von der Handnäherei abgekupfert…:o)
Ich denke, es gibt viele verschiedene Möglichkeiten. Die von mir beschriebene Variante habe ich von meiner Mutter erklärt bekommen. Sie hat dies ihrerseits so in ihrer Ausbildung zur Maßschneiderin gelernt (ist schon ein ein wenig her ;o) )…
ich mache es ähnlich wie Claudia (hab’s noch in der Grundschule im Handarbeitsuntericht gelernt).
Allerdings mache ich zu Beginn einen Knoten und lass das Fadenende unter den neuen Stichen verschwinden. - Ich bin da etwas faul geworden. Am Ende ziehe ich den Restfaden von links abwechselnd unter und über einigen alten Stichen durch und evt. noch mal zurück. (In der Schule hatten wir das auch am Anfang eines neuen Faden so gemacht.) - Hält bombig und ist in “guter alter Händnähtradition” (ob schon im MA, weiß ich zwar nicht, aber meine Ur-Ur-Oma hat es bei ihren Hemden auch so gemacht - da haben wir noch welche zuhause.)
Am Anfang der Naht nähe ich nicht vor und zurück - dieses Prinzip scheint mir eher der Arbeit mit der Nähmaschine entlehnt.
Ich lasse ein Stück Faden rausstehen (so etwa 2-2,5 cm, das ich bei den weiteren Stichen immer mit umfasse. Das reicht für eine gute Festigkeit. Am Ende der Naht mache ich nur zwei Stiche auf der Stelle und ziehe dann den Rest Garn (nur ein paar mm mehr als die Länge der Nadel) in die Naht rein. Das wird ausreichend fest, mir ist noch nie eine Naht aufgegangen.
Interessanterweise sind eine ganze Menge der erhaltenen Nähte (Grönlandfunde, aber auch viel ältere eisenzeitliche Funde) gar nicht mit der festen Rückstichnaht genäht, sondern ganz simpel nur mit Vorstichen (Reihstiche). Schien trotzdem ausreichend zu halten. Soweit ich mich erinnere, sind bei allen diesen Funden zwar die Nahttechniken dokumentiert, aber die Fadenvernähungen nicht.
Einen eisenzeitlichen Kittel (Reepsholt) hat mein Freund jetzt auch mit Vorstichen genäht ( mit selbst hergestelltem Wollzwirn) und da hält bisher auch alles einwandfrei. Kann aber auch daran liegen daß dieser Kittel sehr weit ist und deshalb die Nähte keinen großen Belastungen standhalten müssen.
ßblicherweise wird der Faden “vernäht”. Das heisst, daß du, wenn du am Ende angekommen bist, einfach ein wenig zurück und wieder nach vorn nähst. Der Anfang gestaltet sich genauso. Einfach vorwärts, dann wieder zurück und wieder vorwärts. Wenn ein Faden innerhalb der Naht zu Ende ist, und du einen Neuen brauchst, einfach mit den letzten Stichen etwas zurück und mit dem neuen Faden ein Stück hinter dieser Stelle ansetzen. Wenn du geschickt nähst, ist dann von den ßbergängen nichts zu sehen.
Ob um 1300 schon genauso verfahren wurde, bleibt spekulativ. Aber es ist anzunehmen.
Beim gefütterten Berliner Mantel (13. Jh) gibt es am Anfag der Naht, innerhalb der Fütterung allerdings einen Knoten.
Da vermutlich sehr häufig mit vegetabilen Fasern genäht wurde, sind die Nähte oft im Boden vergangen, wogegen die dauerhaftere Schafwolle noch erhalten ist. Deshalb fehlt es schlicht an Vergleichsmaterial.
Vielleicht kennt ja jemand noch erhaltene “Vernähungen”…
ich habe inzwischen schon viele Kleidungsstücke von Hand genäht und setze dafür auch passende historische Stiche ein. Mit der Naht an sich habe ich auch keine Probleme, wohl aber mit dem Anfang und Ende - denn hierüber schweigen sich alle Nähanleitungen, die ich im Internet gefunden habe aus.
Ich wäre also sehr froh, wenn mir jemand sagen könnte, wie man den Faden am Anfang der Naht befestigt und was man am Nahtende damit macht. Bislang habe ich den Faden einfach festgeknotet, was man zwar gerade bei gefütterten Kleidungsstücken noch halbwegs gut verstecken kann, aber doch kleine “Knubbel” im Stoff ergibt. Kann mir da jemand helfen? Vor allem würde mich interessieren, wie man im Mittelalter (grob 1300, Deuschland, wenn möglich) vorging.
Die physikalischen Eigenschaften von Baumwolle und Leinen sind allein schon deshalb anders, weil es andere Teile der Pflanze sind, die die Faser liefern.
Baumwollfasern wachsen als Wattebüschel und wird direkt gereinigt und versponnen.
Leinenfasern bestehen aus der abgelösten und aufgefaserten Hülle des Stengels.
Aus der Erfahrung heraus:
Baumwolle quillt nicht, oder zumindest nicht in einem nutzbaren Maße.
David hat Recht, meines Wissens nach bestehen sowohl Baumwolle als auch Leinen (bzw. Flachs) und Hanf fast ausschließlich aus Cellulose. Cellulose ist (übrigens wie Stärke auch) aus Polysaccharidmolekülen aufgebaut. Also eigentlich dürften Baumwolle und Leinen keine allzu verschiedenen physikalische und chemische Eigenschaften haben…
natürlich quillt Leinen auf. Das kann ich ja bei unseren Zelten beobachten. Ich war mir nur nicht sicher ob Baumwolle nicht AUCH quillt, weil es fast dieselbe Zusammensetzung hat…
Das die Baumwollzelte, die ich bisher gesehen habe, Wasser durchlassen, wundert mich nicht. Es ist schlicht zu dünn. Auch Leinen lässt Wasser durch wenn es nicht stark genug ist. Ausserdem ist es auch noch wesentlich vom Neigungswinkel der Zeltwand abhängig, denn 100% wasserdicht ist auch Leinen nicht.
Zum Thema Zeltbau würde ich mal in die entsprechenden Zeltthreads schauen.
Nur in Kürze:
Es stimmt, Leinen quillt zu einer brauchbaren dichte.
Die ersten Feuerwehrschläuche waren reines Leinen, sobald das Wasser durchfloß, wurden sie - ob des Drucks mehr oder weniger - dicht.
Baumwolle hat diese Eigenschaft nicht oder nur kaum merklich.
Und eins noch:
Ich hätte doch so leichte Zweifel, ob sowohl Stoff, der mit der Haushaltsmaschine nähbar ist, als auch die Naht selbst den Anforderungen des Zeltbaus genügen.
Aber auch hier empfehle ich die weitere Diskussion im Zeltbauthread.
über Zellzusammensetzungen der pflanzlichen Fasern hab ich (schändlicherweise???) keine Ahnung, nur weis ich, das in unserer gruppe die Baumwollzelte imprägniert werden müssen. Eines unserer Mitglieder hat sich ein Zelt selbst genäht aus Leinen und er sagte mir noch, das Leinen selbst abdichtet und nicht imprägniert werden muss. Und der Mann ist Zeltbauer.
Herrscht irgendwie Irrglaube bei uns und die vielen Regentropfen die ich dieses Jahr nachts abbekommen habe auch nur wegen einer evt. schlechten Verarbeitung oder ist es tatsächlich so, das Leinen automatisch quillt und Baumwolle nicht? Thema Bruchen bei Flinkhand: Nestelschnüre aus Leinen quillen im Wasser auf und Du kriegst die Bruche nicht mehr auf. So ein Beispiel. Jetzt hast Du mich ein bisschen durcheinander gebracht ;-)
Danke für die vielen Tipps. Als Material habe ich ein Baumwoll-Leinenmischgewebe,wobei der Baumwollanteil meines erachtens nach überwiegt. Leinenzwirn ist eigentlich einleuchtend. Hat ihn schon mal jemand auf einer ganz normalen Haushaltsnähmaschine genäht? Der Stoff ist so von der Stärke her, daß meine Maschine ihn schaffen würde.
bist du dir da sicher? Baumwolle (Samenfaser) und Leinen (Bastfaser) sind beides pflanzl. Fasern die hauptsächlich aus Cellulose bestehen. Wenn mich nicht alles täuscht, sorgt diese für die Quellfähigkeit. Leinen besteht aus ca. 65-89%, Baumwolle aus ca. 91% Cellulose.
Aber im Sinne der historischen Genauigkeit würde ich auch zu Leinenzwirn tendieren…
ich habe zwar keine Erfahrung mit dem Zeltnähen, aber ich würde Leinenzwirn nehmen. Der Pechdraht für Schuhe ist bei einem Zelt etwas arg aufwendig, denn der muss ja erstmal gezwirbelt werden.
Leinenzwirn gibt es bei www.reenactors.de/shop.html im Bereich Nähbedarf. Soweit ich weiß, gibt es auch bei www.reenactorsworld.de Leinenzwirn, zudem in kleinerem Umfang. Andererseits wirst Du für ein Zelt ja auch einiges an Garn brauchen…
Ansonsten habe ich dergleichen schon in einem Baumarkt mit Regal für Schuhreparatur gesehen.
Baumwollgarn ist halt fürs Hochmittelalter nicht authentisch. Ich kenn mich beim Zeltnähen auch nicht aus, aber ich weiß, dass man z.B. beim Schuhenähen gepichtes oder gewachstes Garn nimmt; das muss ja auch Feuchtigkeit usw. aushalten.
Hallo, ich bin gerade dabei ein Zelt selbst zu nähen. Den Stoff und das Gestänge habe ich schon zu Hause. Jetzt stellt sich mir die Frage mit welchem Garn ich es am besten nähe. Irgendwo habe ich mal gehört man sollte Baumwollgarn verwenden; es würde bei Feuchtigkeit aufquillen und so die Nähte auch mit dichten. Wo bekomme ich ein solches Garn her? Kann mir da jemand weiterhelfen?