Sollte vielleicht sagen “ohne ausgeprägte Schriftkultur”. Die Tatsache, dass ein Volk eine Schrift hat, heisst noch nicht, dass sie für bestimmte Beschreibungen verwendet wird.
Ich denke, der Punkt ist schlicht und ergreifend der: Für die Abwesenheit existieren genausoviel Belege wie für die Anwesenheit -keine. Aufgrund der nachgewiesenen früheren Bekanntheit ist auch die Frage nach der Unwahrscheinlichkeit zu verneinen. Mithin ist die VERANTWORTUNGSVOLLE Schlussfolgerung, dass die Frage beim gegenwärtigen Kenntnisstand nicht wirklich beantwortet werden kann. Gerade bei Fragen wie dieser, deren Beleg der Zahn der Zeit mit Leichtigkeit verhindern kann, wäre es naiv, eine Abwesenheit von Belegen als Beleg von Abwesenheit zu interpretieren. Soviele Mumien gibt es nicht, als dass ihre Nichttätowiertheit als signifikant für die Praxis aller Zeitgenossen angesehen werden könnte. Insbesondere bei prächristlichen Völkern ohne Schriftkultur ist damit die Beweislage so dünn, dass positive wie negative Aussagen nicht haltbar sind.
Stefan, vielleicht bin ich ja blind, aber ich sehe nur das, was Du in Eintrag 19 geschrieben hast, und Du sagst es selber, es sind Theorien. Belege für das Mittelalter (wohlgemerkt != 16Jhd) lese ich da keine.
Hier wurden nur einige wenige erwähnt, die sehr interpretierbar sind, und für’s HMA und SMA bleiben Hinweise aus; Einbrennzeichen sind soziale Stigmata (laut Gerichtsakten 14tes/15tes in dt. Reichsstädten).
Dass es im 16ten langsam aufkommen mag, könnte ich mir mit dem Kontakt zu asiatischen und amerikanischen Kulturen erklären. Aber MA? Fehlanzeige.
Passt auch meines Erachtens nicht zum christianisiert-mittelalterlichen Kunstverständnis, dass das Handwerk liebt, aber nicht die Kunst als Gabe des Künstlers (da Gabe von Gott gegeben, also direkt von Gott stammend).
Im christlichen Mittelalter war die Kleidung bis in die Spätzeit zudem noch recht verhüllend.
Ob’s bei “heidnischen” aka vorchristlichen Kulturen eine Rolle spielte, mag ich nicht zu beurteilen, aber selbst bei den (antiken) immer so gern herbeigezerrten Kelten beschränkte sich das Bepinseln eher auf den Kriegsfall (ist in vielen Kulturen zu finden, z.B. der bekannten inidianischen Kriegsbemalung).
Fixe Farbpigmentierung unter der Haut ist mir nicht bekannt.
Wie man das ganzen nennt ist eine Frage, die wir hier nicht beantworten können. (einfachheitshalber bleibe ich bei Tätowierung) Aber auf was ich hinaus wollte, ist, daß es durchaus dauerhafte Körperbemalung mit Hilfe von dunkler Farbe gab, die in die Haut eingestochen wurde ;)
Es geht auch keineswegs um die heute so beliebten Tribals, sondern um größtenteils Religiöse Motive.
In Heft 1/2003 der Zeitrschrift für Religions- und Geistesgeschichte (über die Uni Potsdam zu erhalten) steht ein Artikel von Mordechay Lewy, der sich hier im speziellen mit der Geschichte der Jerusalemer Pilgertätowierung beschäftigt (Artikel: Jerusalem unter der Haut)
Es geht ihm zwar Hauptsächlich um das 16. und 17. Jhd. aber er beginnt seinen Gedankenweg schon früher. Er erwähnt zum Beispiel die grieschich-römische Kultur und nennt diese Art der Körperbemalung dort Stigma (ein interessanter Aspekt, was meine bescheidene Meinung betrifft, hierzu auch der Verweis auf: C.P. Jones; Stigma: Tatooing in graeco-roman Antiquity im Journal of Roman Studies 1987).
Im Nachfolgenden, geht er kurz auf das Vergessen (naja eher Verbieten) der Tätowierung in Europa ein.
Den ersten wirklichen Anhaltspunkt bietet Lewy uns leider auch erst mit einem deutschen Edelmann aus der 2. Hälfte des 16. Jhd. der einen Medin dafür zahlt, mit einer Nadel ein Kreuz eingestochen zu bekommen. Ich kann den Artikel ja nicht komplett auseinander nehmen, aber wer will kann ihn sich ja besorgen.
Interessant dürfte auch der Aspekt sein, daß bei den Kopten, das Tätowieren eine Tradition ist, die sich seit je her gehalten hatte. Sie auch die ersten waren, die sich Pilgertätowierungen haben machen lassen.
Wie gesagt, Theorien, denn man kann wie schon erwähnt selten so viel Glück wie beim ßtzi haben. Und bei Fresken und Bildern, kann man immer sgaen, es wären keine dauerhaften Nadelbemalungen (welch schönes Wort ;) )
… ich denke schon, daß es hier auch und besonders um Tätowierungen im heutigen Sinne. Diese werden wohl nicht so geheißen haben, da das Wort ja (siehe unten) polynesischen Ursprunges ist.
Zu Zeiten, BEVOR ich mich zur historischen Darstellung entschlossen habe, ließ ich mir einige Bilder auf den rechten Arm bzw. die rechte Schulter stechen.
Da mich jedoch schon immer historische Dinge interessiert haben, und ich zudem einige professionelle Tätowierer kannte, die dies auch interessiert, hatten wir uns u.a. auch darüber unterhalten, wann und wo es welche Arten von Tätowierungen NACHWEISLICH gegeben hat.
Es gab während unserer Diskussion eigentlich keinen Zweifel, daß für die Zeit des europäischen Mittelalters i.w.S. keine Tätowierungen (auch von mir nochmals der Hinweis auf den Unterschied zwischen Körperbemalung und Tätowierung!) gegeben hat.
Für Europa - und das interessiert uns ja hier - sind sie tatsächlich wohl erst (wieder?) ab dem 17.Jh. belegt. Auch das angesprochene “Kennzeichnen” von “Schwerverbrechern” mittels dauerhafter Hautzeichnungen im Sinne einer Tätowierung gehört eher in die Barockzeit oder später. Im Mittelalter “kennzeichnete” man diese nach dem bisherigen historischen Erkenntnisstand eher mittels Abtrennen von Lippen, Ohren oder Ohrläppchen, Fingern etc.
Natürlich mag jetzt der nicht ganz unberechtigte Einwand kommen, daß ein Tätowierer nicht unbedingt über den aktuellen Stand der historischen Wissenschaft verfügt. Aber daß diejenigen, mit denen ich gesprochen habe, quasi einmütig die Existenz von Tätowierungen im europäischen Mittelalter verneinten, finde ich in diesem Punkt schon interessant. Und auch wenn ich mich wiederhole: die erwähnten Tätowierer hatten schon ein fundiertes Wissen über angewandte Techniken in verschiedenen Regionen zu verschiedenen Zeiten.
gibt es zu den spätmittelalterlichen Pilgerbildern Belege? Irgendeine Darstellung eines Menschen mit Körperschmuck?
Sorry, da bleibe ich stur: bisher konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden, daß es dauerhaften Körperschmuck im Sinne des Wortes Tätowierung (übernommen aus dem Polynesischen von den Seefahrern der Neuzeit!) im Frühmittelalter in Mittel- und Nordeuropa gab!
Auch im Vikingnet haben wir uns die Zähne an dem Thema ausgebissen und sind zu keinem Schluß gekommen.
Die zeitgenössischen Schreiber (wie Al-Tartuschi, Ibn-Fadlan etc.) reden alle von “Bemalung” - das Wort Tätowierung kannten sie ja noch nicht. Und damit bleibt offen, ob es sich um eine dauerhafte, unter die Haut gebrachte Verzierung handelte oder eine mehr oder weniger “abwaschbare” Bemalung.
Heutige Tätowierungen sind moderner Körperschmuck und haben eine Bedeutung für den Träger. Und dabei sollte es auch bleiben.
Brandmarkung und ähnliches sind auch im FrüMi schon extrem negativ behaftet und sicher nicht erstrebenswert für den Träger gewesen.
Also sucht bitte nicht krampfhaft nach irgendeinem Fitzelchen Hinweis, mit dem die heutige Tätowierung mit der heutigen Bedeutung für die historische Darstellung schön geredet wird.
Mehr als Theorien kann ich auch nicht aufstellen, versuche sie aber mal mit dem was ich weiß zu untermalen.
Tätowierungen waren in Europa nie vergessen (wenn wir jetzt von ßtzi über die Skythen und Rus weitergehen) allerdings waren sie im Mittelalter Zeichen für Diebe und andere kriminelle Subjekte (wie das Brandmarken.
Im Spätmittelalter kristallisiert sich eine weitere Strömung heraus, nämlich das Tätowieren mit religiösen Symbolen und Bildern. SSchon durch die Kreuzzüge bekannt, verstärkt sich der Drang, sich Bilder der Grabeskirche, der Via Dolorosa oder das Jerusalemkreuz auf Unterarme und andere Körperstellen zu tätowieren.
An der Uni Münster gibt es einen Dr. der wohl in seinen Forschungen auch diesen Aspekt mit einbezieht, Dr. Lentes. Ansonsten steht im Lexikon des Mittelalters auch nicht viel mehr.
Gut, das greift jetzt auch nicht auf die Wikinger aus, hilft aber vielleicht ein wenig.
nachdem ich jetzt Zeit hatte mir das ganze nochmal anzuschauen, kommen hier die Quellen.
Erstmal, die skythischen Permafrost-Gräber mit tätowierten Toten sind die von Pazyryk (Datierung 5./4. Jh.v.Chr.).
ZUm Verhältnis von Skythen und Sarmaten zitiere ich aus: Gold der Skythen, Schätze aus der Staatlichen Eremitage St. Petersburg. Katalog zur Ausstellung in Hamburg 1993 (Neumünster 1993), S. 230-231.
“[…] Bereits im 4. vorchristlichen Jh. drangen - nach der griechischen ßberlieferung - sarmatische Stämme von Osten her in skythisches Gebiet ein. […] Zunächst blieben die Skythen noch das mächtigste Volk in den Steppen des nördlichen Schwarzmeergebietes. Um die Mitte des 3. Jh. v. Chr. jedoch begannen die Sarmaten in großer Zahl aus dem Gebiet der unteren Wolga nach Westen zu ziehen und die Skythen so weit zu verdrängen, daß sich diese auf ein kleines Territorium auf der Krim um die Hauptstadt Neapolis (Neue Stadt) zurückziehen mußten. Das bisher ”Skythien“ genannte Gebiet hieß jetzt meist ”Sarmatien“.
ßhnlich wie die Skythen, mit denen sie der Sprache nach auch verwandt sind (Herodot 4, 117) bilden die Sarmaten einen Verband aus verschiedenen kriegerischen Nomadenstämmen. […]
Ihre Blütezeit erreichte die Kultur der Sarmaten um die Zeitenwende, als ihr Territorium von der Wolga bis zur Donau reichte. Die prächtigsten Beispiele des ”sarmatischen Tierstils“ verteilen sich sicher bis in diese Zeit, doch seine Wurzeln müssen bis in die frühere südsibirische Tierstilkunst zurückreichen. […]
Kennzeichnend für diesen Stil ist, daß er die Kunst der europäischen Skythen fast und die griechische für Skythen geschaffene Kunst des 5. und 4. Jahrhunderts völlig ignoriert und sich statt dessen aus der Tierstilkunst des Altais und OStkazachstans entwickelt, wobei die Kenntnis persischer Kunst wenigstens indirekt (etwa in der Verarbeitung durch die sakisch-baktrische Kunst) hinzukommt.”
Leider kommen wir damit immer noch nicht in die nachchristliche Zeit mit dem Nachweis von Tätowierungen.
Das mit den Skythen war mir auch bekannt. Aber sind nicht die letzten , den Skythen und Sarmaten (Dies Völker sind ja nicht ganz voneinander zu trennen) bis ins 3. Jahrh. n. Chr. zu datieren. Das wäre doch schon etwas dichter dran. Ich bin nicht ganz sicher.
Da wird eine Fachbereichsarbeit zu dem Thema Körperbemalung geschrieben und eine Kollegin in ihrer Abschlußklasse beschäftigt sich mit den Wikis. Schickt den Mädels vielleicht eine Mail, die haben bestimmt eine Menge Literatur zu dem Thema gelesen…
Ich habe mehr jetzt eine Menge
(vor allem :-)))))… ) Frauenkörper mit Tatoos angeschaut, konnte aber nicht schlauer werden. Es ist leichter an Pläne zum Bau einer Atombombe zu kommen, als Muster von Tatoos zu sehen. Zumindest gibt es einen Viking-Style und du kannst dich vielleicht bei einem Tätowier/Körperbemalungsstudio deiner Wahl informieren. Paß aber auf, ob das historisch oder neo ist. Mein bisheriger Eindruck war, dass dieser Stil dominiert ist von Bildern komplexer Knoten; der Eindruck kann aber auch täuschen.
Vielleicht läßt sich die Haltbarkeit durch Berichte verifizieren, dass diese Bemalungen dem Träger später zum Verhängnis wurden. Er konnte sie nicht entfernen und verriet sich dadurch.
Um die Lücke ein wenig zu füllen kann man auch noch die Skythen erwähnen (nordpontisches Steppenvolk, 7./6. bis 3./2. Jh vor Christus).
In den sibirischen Permafrostböden sind da, wie bei ßtzi auch, komplette Körper erhalten. Ich erinnere mich noch an einen Mann (Ich glaube aus dem Grab von Pazyryk), der auf dem Oberkörper von Mitte vorne bis Mitte hinten ein Raubtier tätowiert hat, das angeblich aussieht, als läuft es, wenn die Brustmuskeln bewegt werden.
Aber halt auch nicht Frühmittelalterlich, tut mir leid.
ich habe mir gerade mal die Links angesehen und bleibe bei meinen Zweifeln. Es klafft nach wie vor eine Lücke zwischen ßtzi, den alten ßgyptern und den Seefahrern des 17. Jhdts.
Auf den genannten Seiten ist für den europäischen Bereich auch von “Körperbemalung” die Rede (die dann ja auch 787 in Calcuth/Northumberland verboten wurden). Bei den bisher gefunden Moorleichen aus dem frühen Mittelalter hat man meines Wissens nach keine dauerhaften Körperverzierungen gefunden. Also bleibe ich bei meinen Zweifeln, ob Ibn-Fadlan tatsächlich von dauerhaftem Körperschmuck im Sinne einer Tätowierung spricht oder von nicht dauerhafter Schminke (im weitesten Sinne).
Sollte es aber Belege für Tätowierung im heutigen Sinne (Farbeinbringung in die Haut bzw. Narbenschmuck) für das Frühmittelalter in Europa geben, immer her damit!