vieleicht sind sich manche Museen auch unsicher was sie sich da ins “Haus” holen, und lassen es lieber sein. Neulich bin ich erst über die Homepage einer Gruppe gestolpert welche von sich behauptete “die Zusammenarbeit mit Museen anzustreben”, “experimentelle Archäologie zu betreiben” und “sehr authentisch das Mittelalter von 1100 bis 1300 (!) zu beleben und zu bewahren”. Das was ich zu sehen bekam war erschütternd. Ich meine sowas verprellt die gewillten Museumsmitarbeiter nicht gerade wenig.
Und dann gibt es wahrscheinlich auch noch solche die von “living history” Gruppen nie was hörten. Aber das wird sich ändern.
Zauberei und Wunder haben eins gemeinsam: die hoffnungsvolle Erwartung des Publikums.
Selbiges gilt auch für kommerzielle Events. Ein Veranstalter, der dies nicht beherzigt wird sich nicht lange halten können.
Aus Gründen des Publikumsschwundes suchen halt auch immer mehr Museen Ihr Heil in Eventkultur und versuchen, Ihre Räumlichkeiten durch leicht verdauliche Veranstaltungen zu füllen. Ich habe den Eindruck, daß dabei oft mehr auf Besucherzahlen als auf Wissensvermittlung Wert gelegt wird. Könnte daran liegen, das Museumsleute nicht unbedingt bewandert in Edutainment sind. Faktisch ist es möglich, und wir können da mithelfen.
De facto gehen ja schon immer mehr Museen vom klassischen Weg der “Nur -Präsentation” eines Exponates weg, veranstalten themengebundene interaktive Sonderausstellungen. Was die Belebung solcher Ausstellungen mit Gruppen angeht, sind die Museen vielleicht gelegentlich etwas unbewandert. Grund genug, sich als ambitionierter Reenactor mit Museen kurzzuschließen anstatt zu warten, das sie von selbst kommen.
Was die Märkte angeht- Der durchschnittliche Besucher will seine Erwartungen erfüllt sehen und vielleicht noch was lernen. Wenn ein Mittelaltermarkt authentisch soo ist wie ein heutiger Bauernmarkt fällt der Unterhaltungswert weg und der “Kunde” ist enttäuscht. Werden jedoch seine Erwartungen an den Unterhaltungswert erfüllt und er lernt trotzdem etwas so sind seine Ansprüche vielleicht sogar übertroffen worden. Wie man das anstellt sollte man sich überlegen. Endlose Grabenkämpfe im TV sind jedenfalls nicht die Lösung.
Was Presse und Fernsehn angeht- deren arrogantere Vertreter werden von uns schlicht nicht bedient oder des Lagers verwiesen. Was nützt mir die fundierteste Erklärung, wenn sie nachher sinnentstellend geschnitten oder kommentiert wird. Dann lieber keine Presse.
Und was mich persönlich angeht-
Ich mache Mittelalter (um 1245) primär zu meinem persönlichen Vergnügen. Und das besteht durchaus in Quellenforschung, Nachbau und Museumsbesuchen.
Danach kommt das Zusammensein mit Freunden und erst danach die öffentliche Darstellung und Wissensvermittlung. Letztlicxh mache ich das Hobby für mich.
mir ist aufgefallen das es in der Diskusion hier eigentlich nur um Märkte geht aber nicht nur dort passiert historisch anmutender Unsinn, nein, nein auch im Internet gibt es einige aberwitzige Seiten so z.B. die sog. Mittelaltercommunity. Hier nennt der Betreiber sich Burgherr und schlägt einige user zu Rittern…auch real, wie man dort lesen kann, sofern man das real nennen kann.
In den Forumsbeiträgen steht häufig ziemlicher Unsinn glaube ich Z.B hier über die Templer vom Burgherren selbst geschrieben:“ Warum wurden Sie verbrannt? Das tat man doch gewähnlich mit Ketzern aber erst während der Inquisition die viel Später einzug genommen hatte.
War es nicht in dieser Zeit eher üblich einen Soldaten der Enthauptung zuzuführen so wenn er denn verurteilt wurde?”
Beiträge dieser Art gibt es dort einige und ich will sie ja auch nicht alle hierher kopieren ich wollte mal darauf hinweisen das, mit Mittelalter und Reenactment auch im Internet völlig schamlos Werbung für irgendein Fantasy-Zeugs gemacht wird.
Denn auf der Site wird unter anderem ein lager gegründet:
“Das Heerlager unter dem Drachenwappen ist eine Interessengemeinschaft mit der Zielsetzung einer Reenactment-Gruppe mit anfänglich wesentlichen Einschränkungen im Bezug auf die Erfüllbarkeit dieses Anspruches.
Wir haben uns zum Ziel gesetzt, selbst mit unserer Kleidung und Ausrüstung das Zeitalter und den dazugehörigen Zeitpunkt (+/- 50) Jahre authentisch nachzustellen.”
Reenactment mit +/- 50 Jahren???? Was ist das denn?
Jedenfalls habe ich etliche solche Seiten schon gesehen. Und die finde ich mindestens genauso schrecklich wie manch “Mittelalter”markt.
Entschuldigt bitte falls ich Euch hier jetzt mit unwichtigem Zeugs zugequascht habe aber ich habe die Seite heute zufällig besucht und da ist mir echt der kragen geplatzt.
Ich denke, Andreas hat einen konkreten Vorschlag gemacht, dem ich mich nur anschließen kann:
Macht eure Sache so gut ihr könnt und überlaßt die Mittelaltermärkte denen, die Spaß daran haben.
Und mein persönlicher Zusatz: ßberlaßt sie ihnen nicht nur, sondern gönnt sie ihnen auch. ;)
Im übrigen möchte ich mich bei euch für die schöne Diskussion bedanken. Der Ton, in dem sie geführt wurde, das aufeinander eingehen, die sachliche Kritik - es hat einfach Spaß gemacht. :)
Mir scheint, die/der AutorIn besitzt durchaus einiges Insider-Wissen über Mittelalteraltermärkte, aber leider weniger über LH. Der Artikel wurde aber sicher nicht ohne Grund mit “Eine Polemik über moderne Wikinger” überschrieben, d.h. es handelt sich um eine wissenschaftliche Streitschrift. So will ich nicht weiter auf das Bild eingehen, dass dort von derartigen Veranstaltungen entworfen wird - es von der beruflichen und/oder privaten Meinung eines Archäologen bestimmt. Man sollte es jedenfalls nicht mit dem Bild gleichsetzten, dass die ßffentlichkeit hat.
Für mich ergeben sich mit Blick auf den Thread keine neuen Konsequenzen. Das die Fachwelt Mittelaltermärkte nicht gutheißt ist bekannt. Verwechslungen mit LH sind vorprogrammiert und alltäglich.
Aus meiner persönlichen Erfahrung mit Archäologen und Historikern kann ich aber nur bestätigen, was bereits öfters angeklungen ist: Nicht die Abschaffung der Märkte ist der Schlüssel zur Anerkennung, sondern die eigene Leistung.
Hi Alexander und Ulrich. Ich wollte beides damit ausdrücken. Berufener Mund UND hätte es wissen müssen.
Kann sein, daß ich da in meiner Einschätzung falsch liege. Aber die Autorin schreibt:
“Allerdings, geht man von den eigentlichen Wurzeln dieser Veranstaltungen aus: archäologisch Interessierte wollen ausprobieren, was in den Büchern und Museumsvitrinen steht, dann sollte die logische Konsequenz sein, nachzuschauen, woraus die Märkte ihr Bild vom Mittelalter ableiten.”
Meiner Meinung nach beschreibt sie da Living History und überträgt dessen Ansprüche ungerechtfertigter Weise auf kommerzielle Unterhaltungsmärkte, deren ausgesprochener Zweck es ja ist, mit der UNTERHALTUN (und nicht Bildung) von Besuchern GELD ZU VERDIENEN.
Und das ist meiner Meinung nach doppelt unfair. Sowohl Living History als auch den Unterhaltungsmärkten gegenüber.
Ich hatte eher den Eindruck, dass Liane der Autorin vorhält, dass sie aufgrund ihrer Fachkenntnis hätte wissen müssen, dass es auch anspruchsvollere Spielarten des MA-Hobbys gibt ?!
Nun, vielleicht hat meine Meinung damit zu tun, daß ich bei jedem Beruf die Vertreter, die über ihren Elfenbeinturm hinausschauen und in einen Dialog mit interessierten Laien ihres Fachgebietes treten denen vorziehe, die eifersüchtig über ihr Gebiet wachen und jede “unfachgemäße” Einmischung als Sakrileg betrachten.
Ich habe meine Erfahrungen mit beiden Sorten gemacht und ich will nicht ausschließen, daß ich diese jetzt ungerechtfertigt auf den Autor projeziere. Falls das so ist, dann tut es mir leid. Aber ich kann mich halt des Eindruckes nicht erwehren, daß der Autor zur zweiten Sorte gehört. Und diesen Eindruck teile ich als meinen Beitrag zur Diskussion hier mit.
Was nicht heißt, daß ich mir andere Meinungen nicht durch den Kopf gehen lasse und mich guten Argumenten gegenüber verschließe.
was macht es für einen Unterscheid wenn der Autor Archäologe ist und warum muß ein Archäologe Bescheid wissen?
Archäologe, Grabungstechniker, Historiker etc. sind definierte Berufsbilder. Ein Studium oder eine Ausbilung ist erforderlich. ßhnliches sehe ich für die Museumspädagogik. (Man sollte zumindet einen Beruf aus dem pädagoischen Bereich nachweisen können. Zu den genauen Definitionen hat die EXAR ein Sonderheft erhausgegeben)
Warum soll jemand, der eine Qulifikation erworben hat (im Allgemeinen durch ein abgeschlossenes Hochschulstudium) sich auf eine Ebene mit diesem ganzen Bereich den das TV behandelt (und der sich hier austauscht!) stellen?
Wedelt da nicht der Schwanz mit dem Hund? Mir jedenfall käme nicht nicht in den Sinn mich der Forschung oder dem Museumsbetrieb als wichtig oder sogar gleichwertig zu präsentieren.
Natürlich kann ich mit Referenzen dukumentieren an welchen Projekten ich mitwirken durfte oder den einen oder anderen schriftlichen Beitrag für eine Tagung oder Zeitschrift vorlegen. Aber ohne Qualifikation und Berufsabschluß sehe ich mich bestenfalls als Handlanger. Oder spitzer gesagt als Bauarbeiterin, die Lesen kann und ein wenig gebastelt hat. Erhalte ich dafür Anerkennung bin ich froh. Aber mehr auch nicht.
Wir tragen handwerklich solide herstellte Kleidung, geben uns Mühe die Sachkultur stimmung zu halten und mit fachlichem Hintergrund zu benutzen. Dazu gibt´s auch Info´s und Faltblätter. Man bleibt was man ist: unterhaltendes, schmückendes Beiwerk. Reichen die handwerklichen Fähigkeiten aus und hat man Fachleute, die fördern und protegieren, verläßt mein Arbeitszimmer vielleicht auch mal ein Stück, das ich Rekonstruktion nennen möchte. Mehr würde ich nicht erwarten wollen.
Im ßbrigen bin ich mir gar nicht sicher, daß es sich beim Schreiber des Artikels um einen einfachen “geschichtsinteressierten Nicht-Szene-Angehörigen” handelt. Die Seite, auf der dieser Artikel veröffentlicht wurde, ist eine archäologische. Die Vermutung liegt nahe, daß es also ein sich beruflich? mit Archäologie beschäftigender Mensch ist. Das mag euch unwesentlich erscheinen, für mich macht es aber einen Unterschied. Denn so jemand müßte mit Dingen wie Living History und Reenactment vertraut sein. Wenn er sie trotzdem zwischen den Zeilen seiner Polemik verschwinden läßt, dann bestimmt nicht aus Unwissenheit.
Der Artikel beschreibt den bekannten Ist-Zustand recht hübsch. Erinnert mich irgendwie an meine alten Anfangszeiten hier. Da hab ich mit ähnlichen Argumenten mehr historische Genauigkeit eingefordert.
Geändert hat sich seit damals an Mittelaltermärkten freilich wenig. Was wiederum zeigt, dass es keinen großen Sinn macht, sich über Märkte den Kopf zu zerbrechen…
Im Vikingnet-Forum wird gerade ein unter www.archaeologisch.de/[ ]/wikingermaerkte.htmlArti[ ] nachzulesender Artikel diskutiert, den ich als Feedback einer geschichtsinteressierten Nicht-Szene-Angehörigen auf die “typischen” MA-Märkte verstehe.
Lesenswert, darum verlinke ich den Artikel hier mal.