hinzu kommt wohl auch noch, dass wohl ein Teil der Handwerker auf dem Land trotzdem noch Nebenerwerbslandwirtschaft betrieben, insbesondere zum eigenen Gebrauch.
Um mal ein Extrembeispiel zu bringen: in der Wietze-Niederung in Niedersachsen wurde archäologisch eine bäuerliche Eisengewinnung zur Selbstversorgung (mit Eisen!) aus dem SpßMi und der frühen Neuzeit nachgewiesen. Und andersrum gab es im 13. Jh. im Siegerland wohl schon eine gewerbliche Eisenproduktion _neben_ landwirtschaftlicher Orientierung.
Also generell das Problem, was ist schon eine gewerbliche Spezialisierung bzw. was ist eine Nebenerwerbstätigkeit. Da ist der Begriff Landsasse wohl schon sinnvoller, aber er sagt wohl eben nichts über die Tätigkeit der Bevölkerung aus.
Das selbe Problem gibts ja ebenfalls in der Textilproduktion, wo das Garn anscheinend größtenteils auf dem Land ins Heimarbeit produziert wurde …
nachzulesen bei
G. Schulz: “Die Kartierung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Eisenschmelzen und Meiler in der Wietze-Niederung bei Isenhagen, Kreis Burgdorf”, Neue Ausgrabungen und Forschungen in Niedersachsen 7, 1972, 308-333
bzw.
W. Janssen: “Gewerbliche Produktion des Mittelalters”, 332f.; dort: die Befunde auf dem Altenberg in Siegerland
Oft wird (wenn das Hochmittelalter gemeint ist) gesagt: so 80-90 % waren Bauern, der Rest bestand aus Adel, Geistlichkeit und Krone (König etc.)
Aber auch zu dieser Zeit (ich meine jetzt die Zeitabschnitte, wo Städte und Bürger noch geringe Bedeutung hinsichtlich Bevölkerung hatten) gab es doch in jedem Dorf irgendwie auch Handwerker (Schmied, Zimmermann etc.) - ist es denn korrekt, diese einfach pauschal immer zu den “Bauern” zu zählen, oder ist die Definition eines “Bauern” zu dieser Zeit nicht an “Landwirtschaft” geknüpft, sondern eher ein “Sammelbegriff” für einen bestimmten Grad an Abhängigkeit von einem Lehnsherren?
“Bauern keine andere als billig grau oder billig blau gefärbte Kleidung und rindslederne Schuhe, idem bei Seifried Helbling (1283/1299), darüber hinaus keine Sporen, alltags graues Loden, blau feiertags, Gewebe nach ”Stantforder Art“, Fäustlinge (keine Fingerhandschuhe), bezieht sich auf Bauern und deren Frauen.”
Diese Aussage war irgendwann der Stein des Anstosses.
Die Passage entstammt aus “Alltag im Spätmittelalter”, Harry Kühnel ist der Herausgeber. S. 234 steht: (Helbling 1283/99)
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Auch in anderen Beiträgen hier im Forum ist beim Suchbegriff Sporen zu finden dass das ein ritterliches Vorrecht war.
Deshalb komme ich auf die Idee, Bauern könnten in nennenswerten Zeiträumen des Mittelalters keine Sporen getragen haben.
Gegenfrage: Warum sollten Bauern keine Sporen tragen dürfen? Sporen sind doch Reitutensilien, wie ein Sattel, und wenn jemand ein Pferd besitzt und darauf reitet, dann liegt doch nahe, daß er auch Sporen trägt.
Der runde Gegenstand mit dem Kreuz klingt mir sehr nach Geld; viele zeitgenössische Münzen trugen tatsächlich ein Kreuz auf einer Seite.
Und das Messer spricht m.E. ebenfalls dafür, daß es sich bei der dargestellten Person um einen Bauern handelt.
Heute war ich in einem kleinen örtlichen Museum die gerade eien ßtzi-Sonderausstellung da haben.
Da hing auch ein Bild, datiert auf 1477, leider nur mit 3 kurzen Textzeilen.
Das Bild zeigte eine höher gestellte Persönlichkeit die von drei Männern einen runden Gegenstand mit einem kleinen Kreuz (plus) in der Mitte überreicht bekommt. Ich vermute das stellt Geld dar, bitte Kommentare.
Betitelt ist das Bild mit Bauern übergeben den Zehnt o.ä.
Nun hat der ßbergebende aber Sporen an.
Er sieht für mich nicht aus wie ein Ritter, trägt aber ein Messer an der Seite das in der Größe einem Bowiemeser vergleichbar ist.
Ich wollte mich zuerst mal kundig machen bevor ich da dumme Fragen stelle. 1477 ist schließlich schon ne Ecke später als 1300.
Auszug aus einer e-mail mit der Arbeitsstelle “Althochdeutsches Woerterbuch”
Arbeitsstellenleiterin Saechsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig:
“da das Wort ”plabatico“ in einem lateinischen Text mit einer
lateinischen Flexionsendung vorkommt, wird es vom Althochdeutschen Wörterbuch nicht erfaßt, auch wenn ein latinisiertes deutsches Wort zugrunde liegen würde. Eine mögliche deutsche Form des Adjektivs *”plabatisch“ ist nicht belegt.
Wie Frau H. vermutet und der Kontext ergibt, liegt wohl das Farbadjektiv ”blavaticus“ zugrunde, das eine Suffigierung mittels -”icus“ zu mlat. ”blavatus“ ‘blaufarben’ (Du Cange, Glossarium mediae et infimae latinitatis 1, S. 678), einem Synonym zu lat. ”blavus“ ‘blau’ ist. Das Wort selbst fand ich in den mir zugänglichen Wörterbüchern nicht gebucht, was aber nicht heißt, daß es das Wort nicht gegeben hat.
Das anlautende ”p“ für ”b“ ist bairische Lautung, die sich auch im Latein niederschlägt. Das intervokalische ”b“ anstelle des zu erwartenden ”v“ ist eine häufig auftretende, nicht unbedingt typisch bairische Lauterscheinung.
ßber Kleidervorschriften gibt es jede Menge Spezialliteratur, die in einem Rechtshistorischen Institut gut erreichbar ist. Literatur über Farbbezeichnungen finden Sie in der Arbeit von Christiane Wanzeck, Zur Etymologie lexikalisierter Farbwortverbindungen, Amsterdam, New York 2002.”
es gibt die Begrifflichkeiten der Meier, Hauswirte, Hörigen, Eigenleute, Wachspflichtigkeit und andere, die man vielleicht erst einmal auseinanderdividieren müsste. Was ist ein mittelalterlicher Kleinbauer, beispielsweise. Die obigen Begriffe sind mir bei der Bauernrecherche untergekommen, aber Kleinbauer nicht.
Klingt ja verdächtig nach den statements auf diversen HP’s “historischer” Darsteller, um’s Nebenthema von einem Stachel in meinen “Afterballen” mal wieder auf DEN mittelalterlichen Stachel zu bringen *g*
… stimme Dir weitgehend zu, Andreas. Wollte nur nicht zu sehr darauf eingehen, weil eben sehr OT.
ßbrigens, nur so am Rande: gegen Trachtenvereine sind unsere Authentiker ja geradezu harmlos. Bei Trachtenvereinen wird z.B. sogar die Beschaffenheit der Schnürsenkel vorgeschrieben. Wobei wohlgemerkt die Aufgabe der Trachtenvereine eigentlich sein will, das Brauchtum lebendig zu halten…
Die Aussage von Lena: “…daß das, was die Trachtenvereine da haben, die frühere Feiertagskleidung zeigt.” kann ich nicht unkommentiert stehen lassen.
Die “bayerische Tracht” wie wir sie heute kennen ist eine Erfindung v.a. des 19. Jhdts. und entspricht NICHT der traditionellen Volkstracht. Es handelt sich um erneuerte Tracht, die regional vereinheitlicht und reglementiert, von Trachtenvereinen monopolisiert und instrumentalisiert wird.
Versucht mal mit einer Rekonstruktion einer bäuerlichen Tracht des 18. Jhdts. beim Trachteneverein Eures Vertrauens Mitglied zu werden…
Der typische Trachtenverein hat mit “echten” Trachten (fast) nix gemeinsam.
Allerdings ist mir ein Trachtenverein immer noch lieber als das unsägliche Landhausmodetragen - das verhält sich zur Tracht nämlich so wie ein MA-MArkt zum Mittelalter…
…ich hab mich wohl etwas ungenau und zu allgemein ausgedrückt !…sorry !
@Lena
Ich sprach von “Bauern”…vom kleinen Landbauern, nicht vom Gutshofbesitzer die eigenes Land bestellten.
Ansonsten will ich Dir natürlich Recht geben. In der mehrzahl waren jedoch die kleinen Bauern die, auf einem kleinem Stück Land, mühselig ihre Familien ernährten. Oder sollte ich besser von “Landarbeitern” sprechen ?.
Die Armmut im MA. war unbeschreiblich groß. Vielköpfige Familien mußten durchgebracht werden. Selbst die kleinsten Kinder mußten bei der Feldarbeit mit anpacken.
Von diesen “Bauern” wollte ich eigentlich sprechen…daher auch die Wortwahl “Fetzen”, womit alte abgetragene Kleidungsstücke gemeint waren. :-)
ich stimme dir natürlich zu, daß ein Bauer im Mittelalter sicherlich nicht so gut gekleidet bzw. begütert war wie ein wohlhabender Bauer von vor 100 Jahren. Darauf gekommen bin ich vor allem, da Claus sich auf “heute gezeigte Trachten” bezog. Vielleicht habe ich ihn falsch verstanden, und er hat Mittelalter-Gewandungen gemeint, aber ich hatte es so verstanden, daß er Trachten im Sinne von Volkstrachten wie z.B. Dirndl o.ä. meint. Wobei es natürlich auch stimmt, daß das, was die Trachtenvereine da haben, die frühere Feiertagskleidung zeigt.
Gestört hat mich das Wort “Fetzen”. Ich bin nicht der Meinung, daß ein mittelalterlicher Bauern als Arbeitskleidung nur Fetzen hatte. Und meinst du, daß die Lage der Bauern überall gleich war?
Mit dem Beispiel wollte ich nur einen Gedankenanstoß geben in Richtung, daß die Lage eines Bauern eben auch davon abhing, wo genau er gelebt hat und daß das ziemlich gravierende Auswirkungen gehabt haben könnte.
@ Lena: Ich habe mich auch an unserer Uni und anderswo um dieses ominöse Wort gekümmert. Auch ich habe diesbezüglich nichts herausgefunden. Momentan habe ich noch eine Anfrage bei einem Freund laufen, er steht tief in der Materie Latein und historische Quellenrecherche. Nicole ist ja auch noch am ermitteln. Meines Wisssens gibt es zur Zeit erst eine ßbersetzung des Pax Bawarica 1244 ins deutsche,und zwar von Schindele. Alle wissenschaftlichen Publikationen zu dem Thema berufen sich auf diese ßbersetzung. Schindele hat dieses Wort in der Tat einfach weggelassen. Wahrscheinlich aufgrund der selben Problematik vor der wir heute stehen. Solange das Wort nicht klar gedeutet wird, gilt für mich die derzeit stehende Fassung.
Vergiss bitte nicht bei deinem Vergleich von Bauern der neueren Geschichte und den Bauern im HMA das die Abgabenlast vor hundert Jahren nicht die selbe wie im HMA war. Auch der technische Fortschritt wird die Arbeit erleichtert haben, somit war mehr Freizeit vorhanden. Und zu guter letzt ist die Kaufkraft der Bevökerung nicht unerheblich gestiegen, das hat zur Folge das die Bauern ihre Ware besser und mehr verkaufen konnten. Ergo mehr monitäre Mittel hatten.
es hat mich doch auch gejuckt mit dem plabatico und ich hab in allen Glossen und Lateinwörterbüchern unserer Uni geschaut, aber nix finden können. Bin mal gespannt ob da noch was rauskommt.
@ claus:
Klar. Und alle Bauern, die schließlich den allergrößten Teil der Bevölkerung ausmachten, waren gleich? Es gab z.B. freie und unfreie Bauern und wenn du schon gerade von der näheren Vergangenheit sprichst, empfehle ich Dir z.B. den Besuch des Heimatmuseums in Regen im bayerischen Wald. Dort werden u.a. zwei Bilder von Bauernfamilien gezeigt, die einen aus dem bitterarmen Bayerischen Wald, die andern aus dem fruchtbaren Garmisch (? nagelt mich nicht fest, jedenfalls eine reichere Gegend).
Die ersten vor einer echt windigen Holzhütte mit abgerissenen Klamotten, 1 Knecht, die andern vorm großen Gutshaus, mehrere Dienstleute, allesamt nicht schlecht gekleidet, wohlgenährt…
Und die Kleidungsordnungen im Mittelalter sind selten ohne Grund erstellt worden.
Vielleicht ist aufgefallen, dass es sich bei den Quellen um Texte aus den entsprechenden Epochen handelt und nicht um neumodischen wissenschaftlichen Kram (könnte man zum Anlass nehmen, mal sein “Bauernbild” zu überdenken).
…ich finde es toll, welche Gedanken sich Wissenschaftler über die Kleidung eines Bauern machen. Vergessen die meisten jedoch, daß der Bauer, meist am Rande des Existenzminimums arbeitend, sich wenig Gedanken um seine Kleidung machen konnte. Diese sollte lediglich den Körper bedecken und praktisch sein. Zur Feldarbeit wurden sowieso nur die ältesten Fetzen angezogen.Die heutzutage gezeigten “Trachten” waren überwiegend Festgewänder, die den Status, also den Reichtum des einzelnen repräsentieren sollten.