David hats ja schon ansatzweise gesagt...aber wenn wir das MA betrachten, dann sollten wir auch einen Blick auf die anderen Epochen im Vergleich zeigen, umd das MA zu verstehen.
Unsere heutigen Lebensumstände als Maßstab zu nehmen, ist völliger Unfug.
Finster war das Leben zumeist dann, wenn sich eine gesellschaftliche Entwicklung zu einem Extrem ausformte, pervertierte.
Zumeist klaffte dann die Schere zwischen den Idealen und den Lebensumständen der breiten Bevölkerung extrem auseinander.
Diese Krise am Ende einer Entwicklungsform führte dann zumeist zu einem Umbruch und einem neuen Weg, der dann wieder irgendwann scheiterte.
So war das Ende der Antike z.B. in der Chaoszeit der Völkerwanderungen so ein Punkt...dann das Ende des "Mittelalters" in SpäMi/Renaissance durch Pest und religiösen Wahnsinn mit Krieg.
Es folgte die vorindustrielle Ära, die in Napoleon und den damaligen Kriegen unterging, während das industrielle Zeitalter unter Hakenkreuz, Dollarzeichen und rotem Stern in den Taumel der Selbstzerstörung geriet, seeeehr vereinfacht gesagt.
Mal sehen, so in 1-200 Jahren wird das 20te Jahrhundert als das Finstere Zeitalter gelten.
Ars Militia - Haduwolff
das Mittelalter ist in den Köpfen der bornierten Intellektuellen-Schicht des 17. bis 19. Jhdt. finster gemacht worden.
Diese noch heute nachwirkende Einstellung mit ihrer Verliebtheit in die ach so dollen Römer und Griechen und deren "gebildete" Kultur und Sprache ließ damals alles eigene, selbstentstandene als grob und primitiv abstempeln.
Noch Goethe fand die mittelalterlichen Bauten grob und unansehnlich, und benutzte das Wort "Gothik" als abwertende Bezeichnung, bis sein Weltbild der Romantik erlag.
Von der jahrhundertelangen Abwertung des Mittelalters (selbst die Bezeichnung
"Mittelalter" war negativ gemeint!) zugunsten eines irrealen Bildungsschemas und des dazugehörigen arrogant-beschränkten Bildungsbürgertums kann sich das Mittelalter nur schwer trennen.
Selbst heute ist in der aktuellen Forschung und in den Museen das MA eigentlich ein Stiefkind.
Während in vielen Bildungstempeln die Antike mit tausenden von Exponaten breitgetreten wird, ist da zumeist nur ein Räumchen zum Thema Mittelalter, das zumeist SpäMi-Bereiche umfasst.
Ein Blick auf die Unis bestätigt dies, denn laut einer Aufstellung, die ich vor ein paar Jahren las, beschäftigen sich 87% aller Ausgrabungen mit Vor-und Frühgeschichte incl. Antike, und der Rest verteilt sich auf die anderen Zeiten.
Bestätigt wurde das im letzten Sommer, als das britische Bildungsministerium alle Fördergelder für Projekte der Mediävistik zu Gunsten der Römer und Kelten strich.
Wer die gigantische und echt umfassende Ausstellung "Archäologie in Deutschland" gesehen hat, wird das bestätigen. Wir haben gezählt...z.B. genau 1 Exponat aus dem 13. Jhdt...alles klar?
Ist das alles nun Haduwolff-typische Satire und Übertreibung??? Sicher.
Kann sein, sorry, wens stört.
Auf der anderen Seite tritt das MA nun seit der Staufer-Ausstellung von 1977 immer mehr bei uns hervor, und gewinnt in grossen und kleinen Ausstellungen an Gewicht. Inwieweit das eine Änderung in der Grundeinstellung ist...mal sehen.
Ich hege jedenfalls die Hoffnung, daß da eine grundlegende Änderung möglich ist, die uns das reale Bild des Mittelalters (und anderer Zeiten) ohne Bildungsmuff und Klassenkampf-Getöse zeigt.
Finster, ja, in den Köpfen der Leute ist das Mittelalter finster.
P.S.: Wenns zu scharf war, kann gerne gelöscht werden....danke.
Ars Militia - Haduwolff
eigentlich hat Ivain schon alles gesagt. Ich stimme ihm absolut zu, aber eines möchte ich noch erwähnen. Die Menschen sind immmer der Meinung, daß der derzeitige Stand der soziologischen und technologischen Entwicklung das Optimium an Beqemlichkeit und Luxus bietet. Jeder Verzicht auf auch nur eine der "Errungenschaften" wird als finster oder unmenschlich bezeichnet."Das muss man sich mal vorstellen, ohne Zentralheizung"!! Mit jeder technischen Errungenschaft geht aber auch eine Fähigkeit zur Bewältigung von Aufgaben ohne Technik verloren ( Bsp.: wer kann heute noch Feuer ohne Streichhölzer machen??). Also ist unser Blick auf das MA etwas einseitig und verzerrt. Auch im Mittelalter gab es Novitäten, auch diese Menschen konnten auf eine "graue" Vorzeit zurückschauen.
Ich denke das liegt in der Natur des Menschen.
Wir, die sich intensiver mit dem MA beschäftigen, haben uns wieder einige Fähigkeiten der Menschen im MA angeeignet, wir haben einen anderen Blick auf die Dinge. Sicherlich mit Respekt vor der Leistung, aber auch mit Freude im Jetzt zu leben.
Running Gag:
Wenn es keine Sonne gab, stellt sich die Frage, wie die oft Dargestellten Pflanzen am Leben blieben? Man könnte nun vermuten das es schon elektrische Lichtquellen gab. Somit war es gar nicht so finster ;o))
Grüsse,
David
familia ministerialis - Alltag um 1280
Zum Teil ja.
Wir liefern teilweise unbewußt und unabdingbar ein Bild des Mittelalters, daß es doch zu "fröhlich" erscheinen läßt.
Hier nur mal ein paar Beispiele:
-Im MA wurde wohl ein Großteil des Tages hart gearbeitet.
Selbst darstellende Handwerker tun dies nur sehr selten, und sehr viele Darsteller geben sich dem "Lustwandeln" hin.
-Die meisten Darsteller essen opulenter, als es ihrem Stand zustände.
-Die Verwendung von Waffen wirkt spannend und unterhaltend, es kommt selten das Bewußtsein der Lebensgefahr rüber.
uva.
Ich schrieb extra "unabdingbar" weil ich nicht denke, daß eine Vorschrift ala "Arbeite 12 Stunden, esse nur Hirsebrei" Sinn machen würde.
Man sollte aber die unterschwellige Botschaft, die dieses Verhalten erzeugt, im Hinterkopf behalten und sehn, was man wo besser machen oder klarstellen kann.
Sollte auf diese Aussage - speziell auf den Darstellungsaspekt - jemand antworten wollen, würde ich aber eher einen neuen Threat vorschlagen.
Zum "dunklen" Mittelalter an sich:
Es liegt wohl in der Natur des Menschen, vergangene Zeiten reichlich realitätsfremd zu beurteilen.
Grade das Bild des Mittelalters in der Gesellschaft schwankt zwischen den beiden Extremen "Dunkles Zeitalter" und "romantische Ritterzeit"
Sehr schön sieht man sowas auch grade an RTL-Produktinen. Während die Hauptpersonen und hohe Stände in schöne Gewänder gehüllt sind, läuft von der Antike bis zu den Musketieren das einfache Volk in den selben Kartoffelsacklumpen rum. (Gut, im Film spart das Geld ;-) )
Viele der angeblichen "Fakten", auf denen die Einschätzung "dunkel" beruht, sind ja mittlerweile widerlegt, aber zum Großteil noch in den Köpfen der Menschen.
"Damals wurde man nur grade so über 30 Jahre alt."
"Damals waren alle nur 1,50m groß."
usw...
Das MA hatte wie jede Zeit seine guten und schlechten Seiten.
Wenn man sich beider bewußt ist und sie entsprechend umsetzt, zeigt isch eine vielschichte Zeitepoche, der man sicherlich nicht mit nur einem Schlagwort, und ganz sicher nicht nur mit "finster" gerecht wird.
Abschließend noch ein Running Gag:
"Natürlich war das Mittelalter finster. Oder hat irgendwer einen Beleg für Sonnenschein ? Ich habe noch kein Bild gefunden"
Gruß, Ivain
ne, ich glaube da mehr, das viele das MA (ich kann mal wieder nur was aus dem Frühmi. erzählen) zu schlicht und farblos darstellen.
Wie oft sieht man denn schon farbige Kleidung oder Diamant-, Spitz-, oder andere Webtechniken der Tücher?
Vergleiche ich z.T. Schmuck und Gerätschaften die "Repliziert" wurden mit den Originalen aus den Museen, kommen dies mir doch ein wenig zu "gorb und lieblos" vor.
Natürlich alles wieder im richtigen Zusammenhang betrachtet ...
Viele Grüße
...ist der Begriff "finster" erst recht spät, und vor allem fälschlicherweise geprägt worden, um die Zeit der Aufklärung als so herausragend über das MA zu stellen- im englischen spricht man ja von den "dark ages" und meint die Zeit zwischen Abzug der Römer und Beginn des MAs.
Mein bisheriger Eindruck über das MA rechtfertigt keine Begrifflichkeit des "finster" in der Bedeutung von schlecht, primitiv, sozial unterwntwickelt etc.
Ich persönlich sage es gerne so: es war anders. Nicht besser, nicht wesentlich schlechter, anders.
Gruss, Esca
In einem anderen Thread wurde jüngst über die Düsternis des Mittelalters debattiert.
Das Thema finde ich interessant.
Warum spricht man eigentlich vom finsteren Mittelalter ?
Wie finster haben es die Menschen im Mittelalter wahrgenommen ?
Wie haben die Menschen die Macht der Kirche wahrgenommen, welchen Einfluss hatte diese Macht auf den Alltag in Stadt und Land ?
Mit Mittelalter meine ich jetzt wirklich die Zeit zwischen 500 - 1500. Ich weiß, dass der Zeitraum eigentlich zu weit gefasst ist, aber das Klischee heißt ja nun mal "finsteres Mittelalter".
Machen wir mit Living-history das Mittelalter zu fröhlich ?