Ich muß noch mal schnell Ranes Haduwolff korrigieren, wenn er schreibt:
"Ein Blick auf die Unis bestätigt dies, denn laut einer Aufstellung, die ich vor ein paar Jahren las, beschäftigen sich 87% aller Ausgrabungen mit Vor-und Frühgeschichte incl. Antike, und der Rest verteilt sich auf die anderen Zeiten."
Traue keiner Statistik, die du nicht selbst
gefälscht hast! Für die Unis mag das ja noch so ungefähr zustimmen, obwohl die Zahlen mir auch da noch zu hoch erscheinen. Das liegt im wesentlichen daran, dass die meisten Unis traditionell Ur- und Frühgeschichte lehren und dazu forschen und Mittelalter oft nur irgendwie dranhängt. Auf das Mittelalter und die Frühe Neuzeit spezialisierte Universitätsinstitute oder Abteilungen gibt es noch vergleichsweise wenig, was sich aber seit einigen Jahren stark ändert (u.a. Bamberg, Freiburg/Breisgau, Tübingen, aber auch Kiel, Greifswald ... ). In Halle soll(te) gerade eine neue Professur für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit geschaffen werden, aber das hängt seit über einem Jahr in der Luft - liegt wohl am Ministerium und am fehlenden Geld.
Und immer mehr Ur- und Frühgeschichtsinstitute haben Lehraufträge und Grabungen zur Mittelalterarchäologie und nur ganz, ganz wenige versperren sich dem ganz: www.archaeologie-online.de/links/2/3/4/108/[ ]/ind[ ]
usw.
Man sollte auch bedenken, daß das Fach Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit den Zeitraum von der Entstehung der Menschheit vor .. sagen wir mal grob .. 2 Millionen Jahren bis (nach der neuesten Entwicklung im Fach) zur Archäologie des "Dritten Reiches" abdeckt und da dann das Mittelalter zwar ein wichtiger, aber doch vergleichsweise kurzer Zeitraum ist. Aber auch ich bin natürlich für mehr Forschungen, Publikationen und Ausstellungen zum Mittelalter und der Neuzeit. Nur ist die Situation längst nicht so schlecht wie geschildert, denkt man insbesondere auch an die vielen grossen Ausstellungen der letzten Jahre: Alamannen, Franken, 799 in Paderborn, Europas Mitte um 1000, Otto der Große, Heinrich II., Franken im Mittelalter, Wikinger am Rhein und so weiter und so fort. Eher im Gegenteil, es gibt einen waren Mittelalterboom und der trägt ja z.T. auch die Reenactment-Szene.
Viele Grüße Roman
Menghin, Wilfried / Dieter Planck (Hrsg.), Menschen, Zeiten, Räume. Archäologie in Deutschland (Stuttgart 2002).
[Mehrere Artikel unter den Zeitabschnitten Frühmittelalter bzw. Mittelalter und Neuzeit. Beide Bände sind für den ersten Überblick und als knappe Zusammenfassung der Ergebnisse von 25 Jahren Archäologie in Deutschland mit kurzer Vorstellung der wichtigsten Entdeckungen sehr zu empfehlen. Hier jeweils auch weiterführende Literaturverweise.]
Jede bessere Bibliothek sollte die Bände haben.
Viele Grüße Roman
Dana, auf Deine Frage gibt es nicht nicht die eine wahre Antwort.
Schon die Tatsache, dass der Begriff Mittelalter einen Zeitraum von ca. 1000 Jahren sehr wechselvoller Geschichte beschreibt, steht dem entgegen.
Du wirst Dir die Frage mit den hier vorgebrachten Argumenten letztlich selbst beantworten müssen.
Grüße, Ulli
hallo zusammen,
ich muss bald ein Geschichts Referat halten und bin schon seid längerer Zeit auf der Suche nach jemandem der mir eine Frage beantworten kann.
Ich habe mir mal die Artikel in diesem Thema durchgelesen und ich hoffe ihr könnt mir helfen.
Meine Frage: War es berechtigt, dass die Humanisten vom finsteren Mittelalter sprachen?
Ich wollte zu dieser Frage nicht noch extra ein neues Thema anfangen, weil ich denke, dass es zu diesem Thema passt.
Ich hoffe ihr könnt mir helfen und bedanke mich schon mal.
Ich würde noch lieber im Mittelalter leben wollen als bei den alten Römern oder Griechen.
Archaische Griechen: nach der Lektüre und Diskussion von Ilias und Odyssee: neein danke. In einer Gesellschaft in der ein Held ist, wer damit angeben kann, einfach so eine Stadt plattgemacht zu haben, alle Männer getötet und die Frauen und Kinder versklavt zu haben, und in der Frauen als Preise beim Wettrennen vergeben werden...
Klassische Griechen: na ja; Pädophilie, Frauen sind eh weggesperrt...
Römer: bei der Geburt eines Römers liegt die Lebenserwartung bei 25 Jahren, nach Überleben der Kindheit bei 35. Hm. Gilt natürlich nicht für die Oberschicht, aber der Kaiser von Konstantinopel hat sicher auch nicht schlecht gelebt.
Ich will damit nicht bestreiten, daß es dort einige Errungenschaften gab, bei denen man bedauern kann, daß sie es aus welchen Gründen auch immer nicht ins Mittelalter geschafft haben. Aber insgesamt scheint mir die Lebensqualität nicht viel besser gewesen zu sein.
Wenn ich mein eigenes Leben betrachte, habe ich Momente, wo ich denke, wir leben in der besten aller Zeiten, und Momente, wo ich denke, es wäre besser, in Zeiten zu leben, in denen StarTrek spielt...
Ersteres, wenn ich die Möglichkeiten der Vernetzung durch Computer überdenke. Oder in die von mir ohne Arbeit mit warmem Wasser gefüllte Badewanne steige. Oder die Freiheiten ausnutze, die wir im Privatleben haben und die z.B. meine Mutter noch nicht so hatte. Letzteres, wenn ich erfahre, daß Leute, die ich kenne, ihr Leben ändern müssen, weil ihre Krankheit auch mit unserer modernen Medizin nicht heilbar ist. Oder wenn ich mir die Sozialpolitik der letzten Jahrzehnte anschaue. Oder wenn ich im Fernsehen Nachrichten aus aller Welt mitbekomme. Denkt Euch selber eigene Beispiele aus.
Genau solche Momente muß es im Mittelalter auch gegeben haben. Die Studenten werden sich nach der Wiederentdeckung der Aristoteles-Texte ungeheuer fortschrittlich gefühlt haben. Desgleichen der Fuhrmann, der merkt, daß nach der Erfindung des Kummet die Pferde plötzlich viel mehr ziehen können. Oder der Müller, der dank einer verbesserten Wasserführung das Getreide viel rationeller mahlen kann. Bei einer Hungersnot, einer unheilbaren Krankheit oder einem zerstörerischen Krieg werden sie sich nach besseren Zeiten gesehnt haben.
Was überwiegt? Ich weiß es nicht. Ich kann nur versuchen, möglichst viele Elemente wahrzunehmen und zu überlegen, welche davon positiv und welche negativ empfunden wurden und von wem. Quantisieren, wem wie viele positive und wie viele negative Ereignisse jemandem zugestoßen sind und an welche er sich so gewöhnt hat, daß er sie nicht wahrnahm - das kann ich nicht.
Bis denn
Karen Thöle
(die sich hier eigentlich gar nicht reinmischen wollte)
@Andreas
so ein paar Sachen fallen mir bei Deinen Kommentaren auf:
a) ob das System des antiken Griechenlands, das ohne die billige Arbeitskraft der Mehrheit an Landarbeitern und Sklaven wirtschaftlich und damit auch entwicklungstechnisch nicht denkbar ist, wirklich soviel besser war als die Hörigkeit unter einem Lehnsherren im MA, halte ich für zweifelhaft.
b) Du schriebst "Ich bin auch der Meinung, daß sich eine koloniale Eroberung allein dadurch rechtfertigen läßt, daß die Leute lesen und schreiben lernen und nicht mehr an Infektionskrankheiten sterben, auch wenn dies in Wirklichkeit immer nur ein vorgeschobener Grund für eine solche Eroberung war."
Wenn man davon absieht, daß die meisten Toten der Kolonialisierung durch die von Ihren "Kolonialherren" eingeschleppten Infektionskrankheiten zu bedauern sind, bleibt als Begründung Deinerseits den Leuten Lesen und Schreiben beizubringen. Dazu fällt mir dann nur ein, daß es ein schlechter Stil ist in einem Forum gezielt zu provozieren. Dadurch tut man dem Thema und den Lesern und Schreibern hier niemals einen Gefallen.
Generell:
Ich verstehe hier nicht so ganz, warum jetzt das "finster" so leicht mit der Religion verknüpft wird, auch wenn der Vergleich mit heutigen "religiös gesteuerten" Staaten einigermassen gut gewählt ist. Selbst wenn man der Meinung ist, daß man dieses "Finster" auf die Informiertheit der Bevölkerung begrenzen wollte (und dabei die soziale Entwicklung innerhalb der Gesellschaft ausser Acht lässt) ist es so einfach nicht.
Ist die Rolle der Klöster im FMA denn eher als Bewahrer alten Wissens zu sehen, oder wurde dort verhindert das Wissen an die Masse zu geben?
Und wie sah das in der Antike aus? War die Bibliothek von Alexandria für den einfachen Bauern und Sklaven zugänglich? Wohl kaum, oder? Waren die Menschen im MA wirklich so kirchenhörig und hatten keine eigene Meinung? Warum entwickelten sich denn dann durchaus erfolgreich die Katharer und andere ich nenns mal "alternative Glaubensrichtungen"? Es war wohl eher wie Esca sagt effektiv die Angst vor der Macht der Kirche und dem überall lauernden Denunzianten und nicht die Durchdringung der Religion in jeden Punkt des Lebens. Die christliche Kirche tat dies nur sehr effektiv. Vermutlich effektiver als die der Antike.
Aber spätestens im 12. Jahrhundert fiel in Mitteleuropa so langsam das Bildungsmonopol der Kirche. In Italien noch früher. Auch das ist Mittelalter. Im 13. Jahrhundert spricht man von einer kommerziellen Revolution. Der Handel floriert umd mit ihm die Informationen, denn diese verschaffen Handelsvorteile und damit Geldvorteile. Aber auch dort findet sich dann "nur" das Bürgertum in den Schulen und nicht die einfachen Leute. Bis das soweit ist, muß man noch die blutigen Wirren nach der französischen Revolution abwarten. Dann kommt da wieder die Verarmung des Proletariats durch die Industrialisierung usw. und so fort ...
Je mehr man sich mit Geschichte beschäftigt, um so klarer sollte einem werden, daß es wohl keine Finsterheit gab, genau so wenig wie eine helle Epoche. Sondern vielmehr nur Grauschattierungen, die noch dazu von uns heute mangelnden Wissens und wg. subjektiver Weltanschauung niemals objektiv beurteilt werden können, was aber natürlich nicht heißt, daß Vergleiche nicht angebracht wären.
Aber genau dadurch sollte einem klar sein, daß die Verbrennung der alexandrinischen Bibliothek im Übergang zum MA nicht besser oder schlechter war als der "Bildersturm" im Übergang zur Reformation. Es war einfach die Anwendung einer Methode die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte sehr häufig belegen lässt ... quer durch alle Epochen.
...kommen immerhin vorwärts - wenngleich es besser gehen müsste.
Grundsätzlich ist dieser Vergleich für mich ne gute Idee, aber er klammert das Wesentliche aus, nämlich die Tatsache, die Ulli schon beschrieb - der heutige Mensch in der "zivilisierten" Welt weiß um andere Gesellschaftsformen. Und um das Ausmaß an Freiheit und Lebensqualität, das dort scheinbar geboten wird. Unter dem heutigen Stand in Wisschenschaft und Technik werden sich in jeder Kultur zahlreiche Skeptiker und Agnostiker finden, deren Gefühl von religiösen "Führern" unterdrückt zu sein ungleich größer sein wird, als es in der mittelalterlichen Gesellschaft vorstellbar ist. Der mitteleuropäische Mensch war durchdrungen von dem Bewusstsein, daß die Welt mitsamt ihrer Ordnung gottgegeben sei. Und auch sein Platz innerhalb dieses Gefüges. Dieses gottergeben anzunehmen machte das Leben an sich nicht leichter, aber es war bestimmt leichter zu ertragen. Ich glaube, daß es für viele Menschen in Teheran heute (und das bezieht sich ausschließlich auf die "religiöse Unterdrückung")ungleich schwerer ist, in dieser Situation zu leben.
suse sziborra
familia ministerialis - alltagsleben um 1280
ps.: ich fand es bemerkenswert, daß ein großteil der "befreiten" frauen im afganistan weiterhin in burka gehen. vielleicht ist die unterdrückung mitunter einfach auch religiöse identität.
Der Vergleich mit Teheran hinkt m.E. auch aus einem anderen Grund.
Die Teheraner heute wissen, dass es andere Gesellschaftsordnungen mit einem höheren Maß an individueller Freiheit gibt.
Für den Durchschnitts-Menschen im Mittelalter gab es nur die eine, die seine, die er als gegeben hinnahm.
Abgesehen davon, dass ich auch nicht glaube, dass jeder Iraner sich unterdrückt fühlt (insbesondere wenn er männlichen Geschlechts ist), bin ich nicht davon überzeugt, dass jeder Mensch im Mittelalter sich ständig unterdrückt gefühlt hat.
Er wurde in seinen sozialen Stand hineingeboren, akzeptierte die Konsequenzen daraus und ging davon aus, das dies so richtig sei. Im Übrigen arbeitete er hart für seinen Lebensunterhalt und glaubte an Gott, den Allmächtigen.
Der unbedingte Glaube an die Allmächtigkeit Gottes kann im Übrigen auch helfen, Leid und Entbehrung leichter zu ertragen. Das konnte ich in der Generation meiner Großeltern noch beobachten.
hallo Esca,
Äpfel und Birnen gehören beide zu den Rosengewächsen, so wie Religionen an der Macht sich eben auch sehr ähnlich sind. Neben mir saß vorhin ebenfalls ein Iraner, der hat zustimmend genickt.
Was soll das beweisen?
Viele Fortschritte entwickelten sich nicht isoliert in einer Kultur, sondern an den Austauschstellen, die Alphabethschrift z.B. bei den Phöniziern zwischen Ägypten und Mesopotamien.
Fäkal- und Kräutermedizin ist unterentwickelt und ist dann zu verbessern, sobald man bessere Mittel hat.
Also weg mit moderner Technik und ab in den Busch?
Die moderne Technik ermöglicht uns zum Beispiel diesen Meinungsaustausch und Dir Dein fundiertes Fachwissen.
Tjall
...da muss ich aber in wesentlichen Dingern widersprechen;
z.B. nutz einem Buschmann "lesen und schreiben" herzlich garnix, davon kann er nicht abbeissen. Mal abgesehen davon, dass sich Schrift und Sprache in einer Kultur mit ihr entwickelt, da hilft Fremdeinwirkung nichts, da es sich nicht in die Kultur integriert. Die Kelten hatten z.B. keine Schriftsprache. Waren die etwa zurückgeblieben?
Dann wurden die meissten Infektionskrankheiten durch die Kolonialherren eingeschleppt. In Amerika starb ein guter Teil der Urbevölkerung schlicht und ergreifend an eingeschleppten Krankheiten- Spitze.
Gehen einheimisches hatte man Mittel entwickelt- deine Theorie geht wieder prompt davon aus, dass die ursprüngliche Medizin unterentwickelt ist und dringend verbessert werden muss.
Dann zu deiner generellen Sichtweise zum MA: Nun, Du kannst Dir sicher eine Meinung bilden wie Du willst, nur heisst das halt nicht, dass dein Bild des MA den Fakten entspricht ;) Denn ein Vergleich, ohne sich zumindestens versuchsweise in die damaligen Menschen hineinzuversetzen, wird immer scheitern.
Nu zu Teheran:
Willst Du Teheran mit einer mittelalterlichen Gesellschaft vergleichen? Dann liegst Du aber so sehr daneben, wie es nur eben geht. Der mittelalterliche Mensch war gläubig und fürchtete Gott, nicht die Geistlichen.
Und im Iran hocken jede Menge Menschen, die mit ihrem Glauben gut leben, wenn auch teilweise nicht aber mit der Bevormundung der herrschenden Menschen.
Das ist ein Vergleich Äpfel mit Birnen.
Jedenfalls hat deiser Absatz einen Kollegen von mir, Iraner zu amüsierten Kopfschütteln bewegt.
Gruss, Esca
Hallo zusammen,
Ich hatte geschrieben: ..Vergleich mit der Antike und Neuzeit bis ca 1900. Die Humanisten bezogen sich auch auf die Antike.
Und hier muß man für das MA schon einen deutlichen Rückschritt in allen Bereichen feststellen.
@David: Warum ist eigentlich der Vergleich immer so des Teufels? Wie soll man sich denn sonst ein Urteil bilden, wenn nicht dadurch? Deswegen habe ich tatsächlich das Gefühl, in einer sich rasant wieder verfinsternden Zeit zu leben. Wenn ich wählen könnte, hätte ich lieber vor 120 Jahren gelebt oder um 350 v.u.Z in Griechenland, auf keinen Fall im MA, nicht mal als Adliger. Aus meinem Wissen und meinen Fähigkeiten beziehe ich mein Selbstbewußtsein und meine Urteilskraft, die mich als Mensch aus dem bloß erduldenden Tierreich heraushebt. Arrogant, was?
@Esca: Ja, ich urteile tatsächlich schlecht über Zeiten, in denen man verhungern kann. Noch schlechter allerdings, wenn die Nahrungmittel zwar vorhanden sind, aber ungerecht verteilt sind. Der mittelalterliche Bauer hatte fast nichts vor Augen, weil sein Horizont im Gegensatz zur Antike nicht weiter reichte als bis zur Lehensgrenze seines Herrn. Die Abschlachtung der Stedinger z.B. rief in der benachbarten Bevölkerung weder Unrechtsempfinden noch Solidarität hervor, obwohl sie in genau der gleichen Lage war und unter den gleichen Bedrückungen zu leiden hatte.
Ich bin auch der Meinung, daß sich eine koloniale Eroberung allein dadurch rechtfertigen läßt, daß die Leute lesen und schreiben lernen und nicht mehr an Infektionskrankheiten sterben, auch wenn dies in Wirklichkeit immer nur ein vorgeschobener Grund für eine solche Eroberung war.
Kriege sind kein Kennzeichen bestimmter Zeiten, sondern dienten und dienen immer Interessen einzelner oder weniger Menschengruppen, seien es um Nahrungsressourcen konkurrierende Indianerstämme, ein sklavenhungriger römischer Adel oder eine dividendengierige Schwerindustrie.
Ich wollte nochmal auf eine Anfangsfrage eingehen:
"Wie haben die Menschen die Macht der Kirche wahrgenommen, welchen Einfluss hatte diese Macht auf den Alltag in Stadt und Land ?"
Man sollte sich in Gedanken einfach nach Teheran versetzen, dann hat man es.
Ein freier Mensch wird immer die tödliche Bedrohung seiner geistigen (und körperlichen) Existenz verspüren, die von einer Religion an der Macht ausgeht. Der gesamte Tagesablauf wird davon durchdrungen, nichts geht ohne sie. Es wird gepredigt, daß die Welt, wie sie ist, gottgewollt und so am besten ist, und wem sie nicht gefällt, ist folgerichtig ein Feind Gottes und einschlägig zu behandeln. Zweifel kommt durch die beständige Erinnerung an die Gewalt durch Kirchenglocken oder Muezzin erst gar nicht auf, und wo doch, sind Scheiterhaufen und Steinigung sicherer Garant dafür, daß er sich nicht verbreitet. Die Kirche konnte sogar Herrscher unter Ihre Botmäßigkeit zwingen, da eine Kanzelpredigt oder Exkommunizierung eine ähnliche Macht hatte, wie eine moderne Artikelserie der überregionalen Presse, sagen wir 1914 gegen Frankreich, 1940 gegen England oder 1990 gegen den Irak.
Unter solch bedrohlichen Umständen ist es am sichersten, das Nachdenken ganz zu unterlassen, da man sich dann auch nicht verplappern kann.
"Wer sich einmal dazu gebracht hat, alle die Absurditäten, die die religiösen Lehren ihm zutragen, ohne Kritik hinzunehmen und selbst die Widersprüche zwischen ihnen zu übersehen, dessen Denkschwäche braucht uns nicht arg zu verwundern...Wie kann man von Personen, die unter der Herrschaft von Denkverboten stehen, erwarten, daß sie das psychologische Ideal, den Primat der Intelligenz, erreichen werden." Freud
Das größte Kapital der Religion ist die Unwissenheit, deshalb förderte sie sie zu allen Zeiten und am effektivsten, wo sie an der Macht war, eben im Mittelalter.
viele Grüße
Tjall
Natürlich wird man im Normalfalle immer das heutige Europa mit dem damaligen Europa vergleichen; aber ich rege nur mal an, über den Tellerrand hinwegzusehen:
Einige der allgemeinen, gern als Begründung für das ach so finstere Mittelalter herangeführten Begründungen sind Krieg, Hungersnöte und Krankheiten, z.B. die Pest, die in den Köpfen noch als Mutter aller Seuchern herumspukt.
Nun blicke ich aber auf die Welt als Ganzes, in der es heute noch jede Menge Krieg, Krankheit und Hungersnöte gibt, auf die letzte grosse Grippewelle mit ihren Millionen von Toten, und frage mich, was da nun so wahnsinnig besser sein soll. Hungersnöte gabs Anfang des letzten Jahrhunderts noch- in Europa! Kriege, die ganze Länder in Schutt und Asche legten.
So und nun stelle man sich den Bauer- den man ja immer so gerne als armen, geprügelten Mann vor Augen hat- des Hochmittelalters vor, wie er das vor Augen hat. Ob der sich nicht rumdreht und lieber in seiner Zeit bleibt?
Eines der Hauptprobleme der Kolonisationspolitik war doch, dass man Kulturen mit anderen Prämissen, Naturvölker, als "unterentwickelt" ansah, und ihnen Zivilisation "angedeihen lassen wollte". Der Effekt war, man nehme eine Kultur, mit funktionierendem Sozialsystem und Gesellschaftsdenken- und zwar anderem als unseren- und hieve sie auf unsere technologische Stufe. Das gibt- Probleme.
Wunderbares Beispiel ist doch die indianische Kultur- wäre Amerika nicht entdeckt und sie vertrieben worden, würden Sie immer noch teilweise nomadenhaftes Leben führen, teilweise Büffel jagen, mal schlechte Zeiten haben, mal gute. Aber sie wären zufrieden, wie sie es früher auch waren. Wollen wir urteilen, das Leben war schlecht, weil auch mal welche verhungert sind, weil das Jahr schlecht lief?
Oder weil viele bei der gefährlichen Jagd draufgingen? Weil sich ganze Stämme gegenseitig ausgerottet haben?
Und genauso ist es meines Erachtens nach ein Fehler, unsere Massstäbe an die Zeit anzusetzen, zumal es kein erkennbar globales "Makel" gab, kein Joch, unter dem alle Menschen litten. Man lebte, ass, liebte, freute sich, litt, starb wie heute auch. Nur auf damalige Weise.
Ist übrigens übertragbar auf so ziemlich jede Zeit.
Gruss, Esca
Das Attribut "finster" ist also durch den vergleichenden Rückblick auf das Mittelalter entstanden. Die Frage ist, wie sinnvoll der Vergleich unter heutigen Maßstäben ist.
Meine weitere Frage war aber auch, wie es die Menschen des Mittelalters wahrgenommen haben. Sie hatten doch andere Maßstäbe. Und auch ein anderes Welt- und Menschenbild.
Ich weiß nicht, aber die letzte Ausführung halte ich für etwas zu verallgemeinert. Besonders im soziologischem Kontext.
Dies könnte man demnach auch auf aktuelle Ereignisse und Kulturen übertragen, die nicht konform mit der unseren ist.
Dies aber aus zu weiten fände ich in dieser Runde fehlplaziert.
@ Sylvia
... deine Argumentation kommt meinem "Empfinden" recht nahe ...
(O.T. ... bin eh der schönste Niederdollendorfgragundgedenksteinrinätkta *g*)
Viele Grüße
eben nicht der Vergeich mit, zum Beispiel heutigen Verhältnissen, bringt Erleuchtung.
Genau das ist meines Erachtens der Fehler.
Wir können nicht mit unseren Maßstäben messen, oder irgendwelchen anderen. Wir können Vergleichen, aber das Ergebnis wird sich immer mit den von UNS (im Hier und Heute) gesteckten Normen messen müssen. Ausschlaggebend ist doch aber das Empfinden der eigentlich Betroffenen, also den Menschen im Mittelalter. Wer von uns hat den das Gefühl (und da mal Hand aufs Herz), heute in einem finsteren Zeitalter zu leben? In ein paar hundert Jahren wird es sicher Leute geben die genau das vom frühen 21. Jhdt. behaupten. Die Frage ist ob solche Vergleiche tatsächlich standhalten. Ich meine nicht.
Gruß,
David
familia ministerialis - Alltag um 1280
Hallo zusammen,
Zu allen Zeiten wurde das Streben nach Höherem, Edlerem und Erkenntnis methaphorisch mit hell, klar im Gegensatz zu finster, dunkel ausgedrückt. Der Tod hat die Farbe schwarz. Oder auch: "jemandem geht ein Licht auf" für: "jemand hat eine Erkenntnis oder Idee". Der jur. Begriff "Verdunklungsgefahr" für "Verschleierung von Beweisen", ein finsteres Gesicht machen usw.
Auch die wissen es: "Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben." (Joh 8,12)
Nun ja, Luzifer heißt Lichtträger und die Azteken erkannten die spanischen Priester, weil sie ebenso schwarze Gewänder trugen und stanken wie ihre eigenen. Schwarz als Klerikerfarbe finde nicht nur ich passend.
Die Humanisten und später die Reformatoren gebrauchten den Terminus "finsteres Mittelalter", um einerseits das (damals) gegenwärtige Zeitalter der Renaissance (Wiedergeburt) als Fortführung der gelehrten Welt der Antike, andererseits das vorangehende Zeitalter als das der Unwissenheit zu charakterisieren.
Neue Kontinente wurden entdeckt. Die kirchliche Macht war nicht mehr überall ungebrochen und besaß jetzt durch die Erfindung des Buchdrucks nicht mehr das einstige Bildungsmonopol, die Stadt als Zentrum von Handel und Handwerk wurde aufgewertet.
Finsteres MA (dark age im Englischen) bezeichnet das Zeitalter, ÜBER das wir nichts wissen (wenige Quellen), aber auch das Zeitalter IN dem man nichts wußte (und auch nicht wissen wollte).
Um dem denkverbietenden Ideologem der "modernen Überheblichkeit über andere Zeitalter" nicht auf den Leim zu kriechen, empfiehlt sich der Vergleich des Mittelalters jeweils mit der Antike und der Neuzeit bis 1900 (Anmerkung: Wenn man über ein großes Gemälde Übersicht gewinnen möchte, ist es doch auch besser, einen Schritt zurückzutreten) und dann die Entscheidung, ob "finster" ein passendes oder unpassendes Attribut ist.
Themenbereiche wären z.B. Bildung, Herrschaftsformen, Menschenbild, Reisetätigkeit, Kunst, Forschung und Wissenschaft(z.B. Astronomie, Medizin, Architektur ), Religionen und ihre Stellung in der Gesellschaft, wichtige historische Persönlichkeiten, Rechtswesen, Sozialordnung und Geschlechterrollen usw.
Lest, lest und vergleicht (auch mal mit der Gegenwart), und es wird mehr klar werden, als manchem modernen Finsterling lieb ist.
Tjall
Mal ehrlich: Gegen die Darstellungen auf Gefäßen der hellenistischen Stufe nimmt sich sich z.B. der Grabstein von Niederdollendorf bestenfalls uklig aus. (war nicht persönlich gemeint Thomas *g*)
Ist es nicht eher die Antike, die das Mittelalter finster aussehen lässt?????
Das schreibt Hadduwolff zwar schon, aber ich möchte die Aussage ergänzen oder eigentlich ganz anders Betrachten. Die Geschichtsforschung und die Archäologie sind nicht wirklich das gleiche. Im den Einleitungen zu vielen neuen Ausstellungskataloge wird auch eine Einblick in die Forschunggeschichte gegeben. Die Ausarbeitungen der Historiker haben andere Grundlagen als die "Spatenwissenschaft" und eine ganz andere Geschichte.
Eigentlich sollten sich eine differenzierte Betrachtung von Kulturen und Epochen allmählich eingeschlichen haben, aber auch ganz neue Veröffentlichungen wie "Frühe Völker Europas" Theiss-Verlag 2003, zur Zeit als Einführungsangebot, zeigen die "althergebrachte" Gewichtung. Zwar finden die Kelten der späten Hallstattzeit eine Erwähnung, zeitgleich großflächig greifbare Kulturen finden keine Erwähnung, auch wenn dem Begriff "Germanen" als Folgekultur ein kleines Kapitel gewidmet ist. (Ich hätte mir Neues zur zeitgleichen Jastorf Kultur, der Billdorfer Gruppe oder der Gesichtsurnenkultur gewünscht).
Über die "Menschen, Zeiten, Räume" kann ich mich persönlich nicht beschweren. Ich bin der Meinung das es gut gelungen ist alle Zeitepochen, einschl. der Dinosaurier, gut zu repäsentieren. Was gibt es denn für wirklich spektakuläre Funde aus dem 13. Jahrhundert? Die meißten neuen Ergbnisse sind reine Stadtgrabungs- und Analyseergebnisse, die sich in Rahmen eine Exponatenschau eher schlecht darstellen lassen.
Es ist für die früheren Epochen schlicht mehr Material da. Es liegt ja nicht nur daran, daß die Römer ein Lieblingskind der Forschung sind, wenn der Aufbau einer Villa Rustica des 2 Jahrh. besser bekannt ist als der eines Bauernhauses aus den 13. Jahrh, es liegt auch an der Fundmenge. Vieles, was Ergenisse bringt ist erst mit aktuellen Methoden fassbar. Hier helfen keine Hard-ware Leistungsschauen weiter, sondern nur die lokalen Kleinpublikationen, wie z.b. das
Jahrbuch Archäologie im Rheinland, daß wieder vor Neuzeitarchäologie nur so wimmelt.
Eine Zeitepoche mit ehrer dürftigen Hinterlassenschaften (schriftlich wie im Befund) ist einfach nicht so auf den Silbertabell präsent wie den Antike, die ja sogar teilweise für sich selbst spricht.
In den richtigen Kontext gesetzt ist der "Fürst" von Hochdorf" auch mehr als ein neureicher Schnösel, der sich mit metiteranen Einflüssen vor den noch simpeleren Nachbar in Norden großtut.
Oder der "Fürst" aus Krefeld Gellep mehr als eine Plünderer und "römische-Kultur" Zerstörer.
Sorry, etwas weit ausgeholt. Aber vielleicht fängt man mal nicht mit Schimpfen an sondern mit dem Vergleichen von Epochen und Leistungen. Je mehr man ins Detail geht desto mehr lichtet sich die "Mittelalterfinsternis" (besonders die frühe).
Die Umstände von Kulturentwicklung und Rückschritten lässt sich, für mich jedenfalls, nicht begreifen wenn man auf 3-5 unansehnlichen Exponaten hockt.
Sylvia
Projekte zur lebendigen Geschichte n.e.V. www.folgari.de