ich möchte dazu noch anmerken, daß sich die Körpergröße einer Population rasend schnell verändern kann, sofern ein Selektionsdruck gegeben ist (man denkt immer, Evolution ginge so langsam).
Das erkennt man am Beispiel des afrikanischen Elefanten. Im letzten (äh, gemeint ist das 19. Jahrhundert) waren die meisten Elefanten so groß, wie man sich heute ein Mammut vorstellt. Durch die Großwildjagd (natürlich immer auf die schönsten und größten Elefanten) entstand aber ein so starker Selektionsdruck auf die Elefanten, daß die heutigen Exemplare damals als "Mickerlinge" gegolten hätten.
Es kann also sein, daß es innerhalb der 500 Jahre des Mittelalters durchaus große Schwankungen gegeben haben könnte.
Liebe Grüße, Anna
Um von den Rüstungen noch mal weg und wieder zum Menschen hin zu kommen. Eine grundsätzliche (kein Grundsatz ohne Ausnahmen) Regel besagt bei Haustieren: unter dem Einfluss der Domestikation (Haustierwerdung) erfolgt idR auch eine Streckung der Knochen, die meisten heutigen Haustiere sind größer als ihre Verwandten aus dem Mittelalter und die Urformen. Ursache ist multifunktional neben degesicherten Ernährung, fehlender Feindruck, künstliche Auslese durch den Menschen, gesteigerte gesundheitliche Betreuung u.ä., neben der Körperstreckung sind auch weitere Veränderungen im Habitus erkennbar: Rückgang der Behaarung, vermehrtes Aufkommen von Scheckung in der Körperzeichnung, Rückgang der Gehirnmasse bzw. -windungsanzahl.
Und was hat das jetzt alles mit den Menschen im Mittelalter zu tun? In gewisser Weise sehr viel.
Der Mensch unterliegt nämlich selbst einer Art der Domestikation. Auf seinen Körper wirken vergleichbare Einflüsse. Die Entfernung von seinen natürlichen Wurzeln, die schwindende Abhängigkeit von Natur und Naturgewalten, die natürliche Auslesemechanismen wird immer stärker zurückgedrängt, all das bewirkte im Lauf der menschlichen Entwicklung auch anatomische und physiologische Veränderungen - der Mensch wurde (durchschnittlich betrachtet) größer, die Lebenserwartung steigt ständig. Berücksichtigt werden muss dabei aber, dass dies Erkenntnisse aus einer großen Stichprobenanzahl stammen - Hinweise wie: "Bei der und der Ausgrabung sind aber ganz viele große Skelette gefunden worden" sind idR auf lokale und auch genetische Besonderheiten zurückzuführen.
Vor ein paar Wochen kam z.B. ein Bericht über die Suche nach dem Wahrheitsgehalt der biblischen Geschichte von David und Goliath im Fernsehen, dabei wurde auch auf ungewöhnlich große Skelette in einer lokal begrenzten Region verwiesen - so etwas gab und gibt es immer wieder (statistische Ausreisser).
Ich empfehle da den Besuch der "Hofjagd und Rüstkammer" in Wien, wo hunderte (Turnier-)rüstungen in allen Größen (für Leute von 150 - 200cm) zu sehen sind.
MfG, Michael
Hallo,
zudem gibt es auch relativ große Rüstungen. Auf der Churburg in Südtirol steht eine, die eine Höhe von 2,10 Meter hat.
Der Link zur Homepage: www.churburg.com
Mit Herz und Schwert Florian
sehenswert ist die Rüstungssammlung im Schloß Ambras oberhalb von Innsbruck/Tirol. Dort gibt es auch etliche Kinderrüstungen.
Bei den Blechteilen sollte man eines nicht vergessen: meist sind sie auf Ständer montiert bzw. die Einzelteile zum besseren Aufstellen miteinander verbunden. Nun hat aber nie Platte an Platte gesessen (z.B. Oberarm-, Ellenbogen- und Unterarmschützer), ein bißchen Luft muß schon dazwischen sein, damit überhaupt Bewegung möglich ist.
Voilá, schon werden die vermeintlichen Panzerzwerge ein paar Zentimeter größer ;-)
Also schaut gleich, wie die Rüstung auf-/ausgestellt ist.
In Ambras werden z.B. Puppen in die Kinderrüstungen gesteckt.
Nicht wenige der ausgestellten Rüstungen in Museen und Burgen sind meines Wissens tatsächlich Zier- oder Kinderrüstungen und von denen wiederum eine ganze Reihe jüngere Herstellungen, v.a. des 19. Jh.
Einer der Fachleute in Sachen Rüstungen ist Dr. Axel Gelbhaar, Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.
Publikationsliste: www.uni-bamberg.de/~ba5am1/info/gelbhaar.htm
Viele Grüße Roman
Als Ausgangspunkt einer kleinen Recherche zu anthropologischen Untersuchungen zur Körpergröße im MA empfehle ich die Webseiten der
Gesellschaft für Archäozoologie und Prähistorische Anthropologie (GAPA) www.gapa-kn.de
bzw. deren Publikationsreihe: Beiträge zur Archäozoologie und Prähistorischen Anthropologie
Unter anderem im jüngst erschienenen Band (noch nicht auf der HP) ist ein kritischer Beitrag von einigen Jenaer AnthropologInnen um Dr. Horst Bruchhaus zur Abschätzung der Körpergröße enthalten.
Auch läßt sich das nicht so allgemein sagen, daß die Menschen im Mittelalter stets kleiner waren. Ganz grob mag das zwar zutreffen, aber wichtig ist zu wissen, wann, wo und insbesondere in welcher gesellschaftlichen Schicht. Die durchschnittliche Größe und noch mehr die Lebenserwartung sind dahingehend nämlich recht unterschiedlich.
Viele Grüße Roman
Bestimmt nicht, denn in Zeughäusern hätten Zierrüstungen keinen Platz, ausserdem hätten solche keine Beschussmarke (Plattenpanzer wurden oft und gern durch Bolzenbeschuss geprüft). Desweiteren passe ich in einige gut rein, und bin mit 1,80+ nicht klein geraten.
Die "kleinen" Rüstungen, auf die gerne verwiesen sind, sind meisstens wesentlich später. Kein MA.
Gruss, Jens, IG MiM e.V.
Der Hintergrund für die Anfangsfrage ist ja sicher der oft (unkritisch) dahergebetete Hinweis auf die kleinen Ritterrüstungen in Museen.
Ich habe mal irgendwo (auch bei mir ein Hinternbiss nötig, *g*) gelesen, dies wären "alles nur Zierrüstungen" und da wäre "nie ein Ritter" drin gewesen. Nun ich habe die Blechhaufen nicht alle nachgemessen, aber für einige mag das schon zutreffen - hat jemand hier Vergleichsmessungen als Ableitungen von Rüstungsmaßen?
Gruß, Ingo
die durchschnittlichen Körpergrößen einiger Jahrhunderte waren ja schon genannt. Ursache für das "Schrumpfen" war z.B. auch aufkommende einseitige Ernährung, sprich Wechsel von verschiedenen Getreidesorten auf Weizen als alleiniges Getreide. Wenn ich meine Informationen im Kopf richtig sortiere, lag eine "Schrumpfungsperiode" im 12./13. Jhdt. Neben der Ausrichtung auf Weizen wurden auch die Einschränkungen im Jagdrecht und der Rückgang des Fleischverzehrs bei breiten Bevölkerungsschichten genannt. Auch die Verstädterung trug zu einer Verringerung der Körpergröße bei: der Wald als Nahrungslieferant (Honig, Kräuter, Wildfrüchte, Kleintiere) rückte in räumlich größere Ferne, der einseitigen Ernährung wurde weiter Vorschub geleistet.
Nachzulesen in Dieter Breuers "Ritter, Mönch und Bauersleut" oder auch in "The Year 1000" von Robert Lacey/Danny Danziger.
Abgesehen von der Körpergröße, scheint die Schuhgröße aber wesentlich kleiner gewesen zu sein. Ich habe neulich eine Übersicht für die männliche Bevölkerung gesehen, wonach der Durchschnitt bei ca. 37 lag, heute liegen wir bei Männern ja weit jenseits der 40. Ich weiß nicht, inwiefern Schuh- und Handgröße zusammenhängen. Aber einige Grifflängen europäischer Einhandschwerter sind auch auffallend knapp bemessen.
Grüße aus der Mark
Joachim
Marca brandenburgensis AD 1260
Märkisches Leben zur Zeit der Askanier www.brandenburg1260.de
ich beziehe mich hier mal auf den frühmittelalterlichen Bereich des Mittelalters (etwa 500 - 1500), speziell die Zeit zwischen etwa 500 und 700 n. Christus.
"Die Franken unterschieden sich, soweit dies nach dem Knochenbau zu beurteilen ist, nicht von anderen frühmittelalterlichen Volksgruppen wie Thüringern, Alamannen und Bajuwaren.
Die durchschnittliche Körpergröße von Männern betrug 171 cm, von Frauen 162 cm.
Diese relativ hohen Werte lassen sich mit einer gleichmässigen und ausreichenden Ernährung mit viel Fleisch erklären."
Zitat "Die Franken -Wegbereiter Europas", Katalog Handbuch in zwei Teilen, Verlag Philipp von Zabern, Mainz. ISBN 3-8053-1819-8
Diese Aussage begründet sich in den gefundenen Skeletten oder Skelettresten zahlreicher Gräberfelder in West- und Nordwestdeutschland, ebenso wie Gräberfeldern in Mittel- Südwestdeutschland (Alamannen, Thüringer) und Südostdeutschland (Bajuwaren).
Der häufig gut erhaltene (weil dickste) menschliche Oberschenkelknochen reicht Anthropologen aus, um die Größe eines Menschen mit einer sehr hohen Genauigkeit festzustellen.
Das soweit zum frühmittelalterlichen Zeitraum.
Hugh. *g*
Auch die Skelette der Toten der Towton Massengräber hat man auf die Körbergröße untersucht. Der Schnitt lag dort bei etwas über 1,70 Meter, der Größte war so ca 183.
Turtle
Du kannst davon ausgehen das die Leute im Mittelalter nicht so unheimlich viel kleiner waren. zumindest nicht im Schnitt.
Ich habe in eine Museum enmal eine Grafik genau dazu gesehen. Dabei ging es um Menschen in Deutschland, ich weiß nicht mehr ob generell oder Regional.
Das ist eine langsam aber stetig ansteigende Kurve mit zwei Zacken über einige Jahre (Jahrzehnte?) hinweg wo die durchschnittliche Körpergröße um gut 15 cm absackte.
Mangelernährung war der Grund, ich weiß jetzt aber auch nicht mehr welches die auslösenden Ereignisse waren.
Ich könne mir immer wieder in den Hintern beißen das ich nciht mehr weiß in welchem Museum das war.
Moin
Ich kann Dir etwas über Friesische Funde berichten:Die Ausgrabungen Wüstung Kloster Barthe (Landkreis Leer) , 13. Jahrhundert ,ergaben bei den untersuchten Skeletten eine durchschnittliche Körpergröße bei den Frauen von 1,65 m und bei den Männern von 1,75. Einige waren sogar 1,80 groß.
Also ungefähr wie heute. Nun kann man aber davon ausgehen , daß die Friesen "recht groß " waren , da es hier kaum Mangelernährung gab.Die Friesische Landwirtschaft hatte schon im 12. Jahrhundert einen enormen Produktionsüberhang an Vieh , Käse und Getreide. Da das durchschnittliche Wachstum auch mit der Versorgung Heranwachsender mit ausreichend Eiweiß zusammenhängt und gerade die Kombination Getreide- Milch ,sich als wachstumsfördernd erweist , ist meiner Meinung nach eine regionale Durchschnittsgröße mit von dem Nahrungsreichtum des Landstriches abhängig.
Michael de Egge,de Fresena
Hallo zusammen,
ich bin ein Frischling in dem Thema und warscheinlich wurde die Frage schon sehr oft gestellt, aber ich konnte übber die Suche keine zufriedenstellende Antwort bekommen.
Gibt es denn nun eine klare wissenschaftlich fundierte Aussage darüber, wie groß die Menschen im Mittelalter wirklich waren? Und warum waren sie kleiner (wenn dem so ist)? Hatten sie generell eine "sportlichere", kräftigere Statur (könnte man ja annehmen)?
Gruß