Ehrlich gesagt sehe ich in dieser Diskussion langsam wirklich keinen Sinn mehr ;)
Ich habe z.B. niemals behauptet, die Reko mittelalterlicher Kleidung wäre kein Problem- gerade in dieser Pauschsalisierung Blödsinn. Aber wie ein Kittel um 1300 aussah, das wissen wir doch schon etwas genauer, als wie der Mensch um 1300 tickte, und insofern so genau, als dass wir es mit gutem Gewissen nachstellen könnten.
Weiterhin halte ich es für ziemlich fruchtlos, die gesamte Szene- wie auch immer man sie nennt, “Reenactment” halte ich für den falschen Begriff- in einen Topf zu werfen, deren Methoden bei der Vermittlung zu bemängeln, und ihnen Unkenntnis und Nichtnutzung anderer, meinetwegen neuerer, ohne sie näher zu definieren, abzusprechen.
Man kann sich verschiedenster Mittel und Vorgehen bedienen, auch ohne Schauspiel dazustellen. Will man das tun, bleiben beschriebene Probleme. Die kann man nun nicht heissen, oder auf äquivalente bei anderen Fachgebieten verweisen- ändern tut es sie nicht.
Wir können nun noch 10 Seiten damit zu verbringen, gegenseitig uns unsere Meinung zu verkünden, ändern wird es nix.
Ich bin nicht so optimistisch, was die Rekonstruierbarkeit mittelalterlicher Kleidung angeht. Man kann nachweisen, dass ein KLeidungsstück mit Krapp gefärbt wurde, aber den genauen Farbton kann man nicht bestimmen. Man sieht auf frühen Quellen vielleicht die eine oder andere Naht, aber die genaue Konstruktion des Kleidungsstücks ist wiederum Interpretationssache. Die ursprüngliche Konsistenz des Stoffes ist zumindest bei Bodenfunden auch nur mehr schwer nachvollziehbar. Man kann diese Probleme natürlich teilweise überwinden und die Spekulation so gering wie möglich halten, doch zu sagen, dass die Rekonstruktion mittelalterlicher KLeidung kein Problem darstellt finde ich falsch. Für die Mentalitätsgeschichte gibt es wiederum Quellen, die uns zeigen, wie die Menschen damals sprachen, wie sie Gegenstände und Ereignisse ihrer Zeit bewerteten, wie sie mit bestimmten Problemen umgingen, wie die sozialen Umgangsformen waren. Wie schon gesagt wurde, gibt es eine lange Tradition in der Geschichtswissenschaft, die sich genau mit diesen Fragen beschäftigt. Die Reenactment-Szene hingegen ist stark archäologisch orientiert, und es ist leider so, dass sich die deutschen Archäologen nur sehr wenig mit methodischen und Interpretationsproblemen außeinandersetzen. Begriffe wie Sachkultur und Typen werden meist unreflektiert verwendet und auf verschiedene Konzepte angewandt, und die Blickweise des modernen Forschers wird häufig als Schablone über die Vergangenheit gelegt. Hier kann ein Austausch mit der Geschichtswissenschaft meiner Meinung nach sehr fruchtbringend sein.
Leider konnte ich mich eine Weile nicht mehr an der spannenden Diskussion beteiligen, habe sie aber gerne verfolgt. Nur wächst in mir das Gefühl, dass sich die wenigsten hier sich bewusst sind, dass die Mentalitätsgeschichte eine Tradition seit mindestens der Mitte des 20. Jahrhunderts hat und dass ihr Fokus bei weitem nicht jenseits des 14. und 15. Jahrhunderts abbricht. Kurz, die Mentalitätsgeschichte hat nicht wenig Interessantes zur Zeit vor 1300 zu sagen.
Dies ist nur möglich, weil es auch vor 1300 genügend Quellen gibt, Strukturen des sozialen Verhaltens zu definieren. Aus diesem Grund hat eine Nachstellung sozialer Interaktionen nicht das Problem, dass sie aufgrund mangelnder Quellen unmöglich wäre. Das Hauptproblem liegt darin, dass die Forschung nicht auf eine Nachstellung hinarbeitet und deshalb interessierte Personen einen nicht geringen Rechercheaufwand auf sich nehmen müssen.
In Sachen „Sprache“ halte ich es für wesentlich vernünftiger und korrekt, sich unserer modernen Sprache zu bedienen und dabei einen adäquaten Wortschatz zu verwenden. Erstens ist es für’s Publikum verständlich, zweitens ist es Pflicht, moderne Rekonstruktionen als solche zu kennzeichnen, um nicht eine falsche Authentizität zu suggerieren.
Zum Beispiel hat dies Arno Borst in „Barbaren, Ketzer und Artisten“ bei „26. Ein Totengespräch“ ziemlich elegant hingekriegt: Hermann der Lahmen (+1054) vertritt hier seine Weltsicht. Und dies in bestem Deutsch des 20. Jahrhunderts.
Ehrlich gesagt, wäre das Schlimmste, wenn man dann aufgrund fehlender Kompetenz fröhliches Mittelaltermarktdeutsch hätte.
Öhm , Patrick, es gibt sehr wohl erhaltene Alltagskleidung des 12ten und 13ten, wenn freilich auch nicht immer vollständig, und keine volle Garderrobe. Auch kann man schon recht genau die Färbmethoden nachweisen und nachvollziehen. Wie es auch vor dem 14ten und 15ten bereits dargestellte Nähe gibt. Freilich ist fast alles zu einem gewissen Punkt eine Interpretation.
Nur zwischen der Kleidung vom 12ten bis 15ten, von der wir teils schon ziemlich genaue Quellen verschiedenster Gattung habe, zur der vollständigen Nachstellung einer sozialen Interaktion nebst Sprache etc. liegen nun wirklich Welten.
…kenne ich einige schon recht detailliert im 14.Jh., allerdings läßt sich selten der eigentliche Nahttyp ausmachen im Gegensatz zu späteren Darstellungen.
Das stimmt, es wurde mehrmals betont, dass die Quellenlage möglicherweise erst ab der frühen Neuzeit (ich habe geschrieben 15. Jh.) gut genug ist, um fundierte historische Schauspiele zu entwerfen. Aber ich finde, das gilt für Reenactment generell. Es gibt nun mal in Mitteleuropa keine erhaltene Alltagskleidung des 12. oder 13. Jh., jede Rekonstruktion ist hypothetisch, sowohl was die Konstruktion als auch die Farbe der Kleider betrifft. Erst im 15. und 16. Jh. kann man auf den Bildquellen die Nähte erkennen, und in dieser Zeit wird auch die Farbgebung realistischer, und wir haben schriftliche Quellen, die uns Einblick in die handwerkliche Praxis geben. Das hält aber Reenactors nicht davon ab, anhand der zur Verfügung stehenden Quellen zu versuchen, so nahe wie möglich an die Realität auch des 12. oder 13. Jh. heranzukommen.
nun, ich habe in meinen beiträgen immer wieder betont, dass ich über die Frühe Neuzeit rede…
der ursprungsthread wurde zwar von einer frage eingeleitet, die sich aufs 14. bezog, die diskussion hat sich davon aber schnell entfernt, deswegen wurde das ganze ja auch verschoben…und auch wenn das 14. als eingang gewählt wurde, könnte man damit ja ebenfalls nicht eine diskussion zum gesamten mittelalter machen, wenn man denn an dieser einschränkung festhalten wollte.
also, ich dachte, es geht hier um die generelle diskussion. welche zeiten und räume dann konkret für inszenierungen genutzt werden können, wenn diese denn möglich sind, ist ja noch eine andere frage, die zwar nebenbei mitschwang aber nicht zentral schien…
“Bei beidem würde mich die moderne Sprache und die Inszenierung stören die letztlich auch wieder zu einer verfälschung führen würden.”
-das problem der sprache stellt sich auch beim wk2 und genau genommen immer, sobald sich zwei leute unterhalten…aber davon abgesehen würde die moderne sprache denke ich kaum stören, sie müsste bei einer freien inszenierung sogar sein, um affekte audrücken zu können, bei einer durchgesprochenen inszenierung könnte die sprache hingegen auch einer vorlage folgen, ab dem 17. jh. sollte sie verständlich genug sein…eventuell kann man bei einigen inszenierungen auch weitestgehend auf sie verzichten…es kommt darauf an, wasim fokus der inszenierung steht…
“Mit sehr guten Nachbildungen an wirklich geeigneten Orten.
Daran scheitert für mich bereits die als Beispiel gebrachte Wirtshausszene.”
-nun, ich kann durchaus den sozialen raum eines wirthauses nachbilden ohne die vier wände drumherum…wenn man das gut macht, kann man gleich mit den leuten über die konstruiertheit von räumen und den unterschied von ort und raum reden :)
man kann also durchaus szenen nachstellen, die in einem wirtshaus vorkommen, wenn dieses nur eine imagination bleibt…
Ich sehe aber das Problem sowohl bei der Frühen Neuzeit als auch im Mittelalter ähnlich. Bei beidem würde mich die moderne Sprache und die Inszenierung stören die letztlich auch wieder zu einer verfälschung führen würden.
Eine Szene aus dem Zweiten weltkrieg ist da viel einfacher weil es genug Quellen für ein ebensolches Gespräch gäbe. Der wirklich springende Punkt ist aber die Art der Anwendung. Eine Führung mit solchen Szenen ist etwas völlig anderes als eine historische Veranstaltung mit einem solchen Programmpunkt.
Weiter unten habe ich mich ja ausdrücklich für so etwas im Rahmen einer Führung ausgesprochen. Im übrigend zeigen die Engländer auch in der Umsetzung wie es gehen muss. Mit sehr guten Nachbildungen an wirklich geeigneten Orten.
Daran scheitert für mich bereits die als Beispiel gebrachte Wirtshausszene.
Dann würde ich mal sagen, dass hier völlig aneinander vorbeigeredet wurde. Das Ausgangsthema, ich erinnere nur mal, war eine Taverne bzw. Wirtshausdarstellung im 14ten.
Und ich denke nicht, dass man andere Epochen einfach so vergleichen kann. Der aktuelle Betrachtaungsansatz in den Geschichtswissenschaften, so wurde mir dargelegt, ist ja eben ein anderer.
um diesen schwerpunkt gings mir nie…ich hab immer von der Frühen Neuzeit gesprochen, was auch daran liegt, dass ich jedwede darstellung vor dem spätmittelalter u.a. aus quellentechnischen gründen für äußerst problematisch halte…aber das is ein anderes thema…
abgesehen davon kann man sicherlich bei anderen epochen schauen, was die so fabrizieren und dann eventuelle deren methoden übernehmen, soweit machbar…
Die Dinge, die ich persönlich kannte, waren nunmal außerhalb des Mittelalters. Ich weiß aber, dass English Heritage solche Szenen auch mit mittelalterlichen Themen (ich kenne Rosenkriege und ich habe mal gesehen, das da was aus der Zeit der Magna Charta gemacht wurde) durchführt. Insofern halte ich meinen Beitrag durchaus für berechtigt. Warum sollte man nicht mal nachfragen, wie die Erfahrungen mit Spielszenen dort sind, wo die Stärken und wo die Problematiken sind? Es gibt neben der rein darstellerischen Seite ja auch die Seite der Pädagogik, wo es vielleicht nicht unbedingt auf den genauen Wortfall sondern auf die Vermittlung von Inhalten ankommt.
Meiner Meinung nach braucht das Thema auch nicht auf MA-Veranstaltungen beschränkt zu sein - viele hier machen in der Zwischenzeit auch andere Zeiten, so dass durchaus übergreifendes Interesse da sein kann.
English Heritage hat schon ein paar Jahre Erfahrung mit der Veranstaltung von Reenactments und LH-Veranstaltungen. Die kann man ja auch mal anzapfen, wenn man an speziell diesen Thematiken Interesse hat und braucht nicht das Rad neu zu erfinden …
Entschuldigung, aber jetzt muss ich doch bitten, die Beiträge mal richtig alle zu lesen, und das Threadthema, auch wenn die Beiträge verschoben wurden, zu beachten.
Das lautet, zur Erinnerung “Verbesserung der Didaktik auf MA-Veranstaltungen”. Also nicht frühe, nicht späte Neuzeit, Weltkriege oder ähnliches. Auch nicht TV-Dokus.
Mehrfach wurde betont, dass Spielszenen bekannt sind. Ich habe sogar hiesige Beispiele genannt. Mehrfach wurden aber auch auf die Probleme hingewiesen. Die bloße Existenz von Spielszenen jetzt als Beleg für deren Problemlosigkeit zu nehmen, schlägt fehl. Ebenso wurde darauf hingewiesen, dass verschiedene Zeiträume mit ihren individuellen Problemen unterschieden werden müssen.
Und ebenso wurden explizit Spielszenen in Medien wie Film und Fernsehen unterschieden.
Die übrigens im allgemeinen unter just den wiederum auch mehrfach genannten Problemen, allen vorran Sprache und Sachkultur, leiden. Wirklich gute sind mir bislang eine Handvoll untergekommen, und bei mit den besten davon kenne ich die Mitwirkenden persönlich (wiederrum auf das Thema Mittelalter bezogen, und mit der Einschränkung auf deutschsprachig).
Das ursprüngliche Thema waren Spielszenen als didaktisches Mittel im Living History, zumal, mit Schwerpunkt Mittelalter.
Ich bitte wirklich darum, nicht einfach die bereits vorhandene Beiträge und Argumente zu ignorieren.
Vielleicht mal als Idee für die Leute, die eine Szenendarstellung versuchen wollen. Zumindest in Großbritannien sind solche szenischen Darstellungen durchaus normal, da gibt es einiges, was auf diese Weise gemacht werden kann. Es gibt/gab z.B. als Extrembeispiel ein Haus, in dem thematisch bei Führungen ein komplettes Jahr im englischen Bürgerkrieg dargestellt wird - jeden Tag werden die Besucher mit den aktuellen Ereignissen in den Gesprächen der Darsteller konfrontiert.
Ich selber konnte auf Dover Castle an der Darstellung eines Picknicks zweier Krankenschwestern mit einem Piloten (Dover hatte im WWII in den Bunkern ein Militärkrankenhaus) über die augenblickliche Kriegslage erleben. Sehr interessant und anschaulich, die Darsteller hatten natürlich auch ein gewisses schauspielerisches Talent. Vielleicht kann man zu diesem Thema mal English Heritage ansprechen, die haben öfters solche szenischen Darstellungen im Programm und können vielleicht Kontakte vermitteln um Erfahrungen auszutauschen.
Jens, du tust ja so, als ob noch niemand auf die Idee gekommen wäre, historische Szenen nachzustellen. Es gibt zahlreiche Dokus mit nachgestellten Szenen für sämtliche historische Epochen. Das selbe kann man natürlich auch life machen. Die Machbarkeit steht also gar nicht zur Debatte, sondern das Wie sowie die möglichen Schwierigkeiten und Probleme mit der historischen Korrektheit. Die selben Fragen also, mit denen sich die Reenectament-Szene seit eh und je außeinandersetzt.
Ich glaube als derzeitiges Fazit kann mal wohl nur ziehen, dass manche “meine(n), es wäre kein Problem”, andere eben schon. Ich habe da nach wie vor erhebliche Vorbehalte ob der Praxiserfahrung, ganz ehrlich. Insbesondere für den Bereich bis 1500.
-ich denke, ohne off-kommentar wird man kaum auskommen,seh darin aber kein problem…
“Würde ich anders sehen, nämlich völlig entkoppelt von Pauschalisierungen von ”alt vs neu“. Es ist ja nicht alles veraltet, was auf aktuelle Züge in der Geschichts-und Sozialwissenschaft aufspringt ;)”
-stimmt, so pauschal war es auch nich gemeint :)
“Schönes Beispiel, gerade letzteres halte ich fast unmöglich zu vermitteln, ohne in Klischeevorstellungen abzudriften, bzw. wird die Aufnahme immer von modernen Vorstellungen geprägt sein.”
-nicht unbedingt, zumal es ja auch in der schule anders vermittelt wird und werden kann (naja, zumindest ist der anspruch da, die meisten geschichtslehrer haben aber ziemlich probleme…)
“Einem modernen Menschen kann man einfach schlecht vermitteln, dass früher eine Schlägerei Gang und Gäbe und nicht per se was schlimmes war…”
-geht ziemlich leicht…so kompliziert ist das gewaltkonzept der Frühen Neuzeit ja nun auch net…und so einfach ist das moderne ebenso nicht, besonders, wenn man jenseits normativer vorgaben schaut…
meiner erfahrung nach verstehen das viele relativ schnell, immer bis zu einem gewissen grad.
“Ich glaube, der Begriff ist ein schlechtes Beispiel, weil die zugehörige Epoche hierzulande eher unterrepräsentiert ist”
-in der forschung nicht, zumal aus eben jener epoche, bzw. der entsprechenden forschung in den letzten jahren viel frischer wind gekommen ist und auch die modernen lehrbücher befassen sich recht ausführlich mit der frühen neuzeit, wie der doppelrevolution…die hatte selbst ich schon in der schule…gerade revolutionen, die natürlich auch heute dogmatisch im sinne westlicher demokratien instrumentalisiert und verklärt werden, sind stark im fokus…
“aber natürlich wird immer eine Überbetonung auf Dingen sein, wie wir heute für wesentlich halten, weil wir einen anderen Blickwinkel auf Geschichte haben.”
-das hängt masgeblich davon ab, wie reflektiert derjenige ist, der sich mit dem thema auseinandersetzt.
“Aber ich bin immer noch auf dem Stand- es ist nunmal meine Erfahrung- dass man damit noch am besten fährt, und normalerweise damit auch alle Hände voll zu tun hat.”
-da will ich gar nicht widersprechen…zumindest was den aufwand angeht…
“Ich fände es schön ”Den Menschen“ näher zu bringen, aber ich halte nach wie vor Schauspiele für kein ausgereiftes und funktionierendes Mittel, bestenfalls in kleinen, speziellen Fällen.”
“[…]das funktioniert nicht wirklich, es sei denn, man möchte nur wirklich ein ding, dass es mal gegeben hat vorzeigen, ohne auf deren bedeutung und seinen kontext einzugehen…[…]” (ich kürz das mal ab)
Schon klar, nur alle von dir genannten Dinge sind eben mehr oder weniger gut aus anderen Quellen ablesbar, und wenn Grenzen gegeben, kann man die im Dialog sofern nennen. Das geht in einer Spielszene eben nicht.
“gibt es auf der kulturgeschichtlichen ebene auch…diese benutzt auch so ziemlich alle quellengattungen, die es gibt, nur mit der jeweils nötigen methodik…”
- Hm, ich verstehe nicht, warum Du jetzt wieder Schauspiel= Kulturgeschichte vs Rest argumentierst. Ich kann kulturgeschichtliche Aspekte eben auch ohne Schauspiel darlegen, und bezweifel eben den Mehrwert und die generelle Umsetzbarkeit von Schauspielen mit mehreren Personen, mit genannten Ausnahmen?
“stimmt in dieser absolutheit nicht…das ist stark zeitenabhängig…für die Frühe Neuzeit gibt es da einges und die bisherige forschung hat bereits einiges zutage gefördert…”
- Okay ;) Wir sollten vlt. auch mak immer dazu sagen, über welchen Kontext wir reden, ich rede um die Zeit bis va. 1550 maximal…danach bin ich mit Aussagen vorsichtig, glaube aber, das man dauch danach sehr vorsichtig damit sein muss, aus zeitgenössischen Quellen eine neue Situation mit Interaktion konstruieren zu können, vor Publikum wohlgemerkt, ohne Off-Kommentar und ähnlichem.
“veraltete formen der militärgeschichte (operations- und waffengeschichte) als geschichtsphilosophische und erkenntnistheoretische grundlage und als einzig zu vermittelndes nehmen oder eben auch der modernen kulturgeschichte der gewalt und deren erkenntnissen zu ihrem recht verhelfen…”
- Würde ich anders sehen, nämlich völlig entkoppelt von Pauschalisierungen von “alt vs neu”. Es ist ja nicht alles veraltet, was auf aktuelle Züge in der Geschichts-und Sozialwissenschaft aufspringt ;)
“viel wichtiger als der schlachtverlauf ist doch beispielsweise deren auswirkung, ihre rezeption, die wahrnehmung von gewalt, usw.”
- Schönes Beispiel, gerade letzteres halte ich fast unmöglich zu vermitteln, ohne in Klischeevorstellungen abzudriften, bzw. wird die Aufnahme immer von modernen Vorstellungen geprägt sein. Einem modernen Menschen kann man einfach schlecht vermitteln, dass früher eine Schlägerei Gang und Gäbe und nicht per se was schlimmes war…
“schnell wird einfach ein falsches bild, das retrospektiv völlig überformt und politisch bedingt ist, von einer schlacht und deren bedeutung vermittelt, die für den zeitgenossen relativ sekundär war…siehe beispiel doppelrevolution…
”
- Ich glaube, der Begriff ist ein schlechtes Beispiel, weil die zugehörige Epoche hierzulande eher unterrepräsentiert ist, und entsprechende Themen nicht so sehr der Fokus (widersprecht mir wenn ich mich irre), aber natürlich wird immer eine Überbetonung auf Dingen sein, wie wir heute für wesentlich halten, weil wir einen anderen Blickwinkel auf Geschichte haben. Das liegt aber auch daran, dass eben die damalige Sichtweise schwer zu vermitteln ist, ausser, wie Du es sagst “deskriptiv”.
Aber ich bin immer noch auf dem Stand- es ist nunmal meine Erfahrung- dass man damit noch am besten fährt, und normalerweise damit auch alle Hände voll zu tun hat. Ich fände es schön “Den Menschen” näher zu bringen, aber ich halte nach wie vor Schauspiele für kein ausgereiftes und funktionierendes Mittel, bestenfalls in kleinen, speziellen Fällen.
-das funktioniert nicht wirklich, es sei denn, man möchte nur wirklich ein ding, dass es mal gegeben hat vorzeigen, ohne auf deren bedeutung und seinen kontext einzugehen…
ich denke, wenn wir von sachkultur sprechen wollen, muss dort noch eine sinnstiftende ebene dazu…
was bedeutet der gegenstand im kontext der zeit, wie, als was wird er wahrgenommen, wie verwendet, inwiefern ist er teil eines komplexen zeichensysteme, welche normen, ansprüche und wahrnehmungen transportiert er, usw…
“multiple Quellengattungen”
-gibt es auf der kulturgeschichtlichen ebene auch…diese benutzt auch so ziemlich alle quellengattungen, die es gibt, nur mit der jeweils nötigen methodik…
“Dazu kommt die natürliche Grenze in der Darstellbarkeit wie der Sprache und Mimik, die schlicht wenig bis nie Bestandteil der betreffenden Quellen sind”
-stimmt in dieser absolutheit nicht…das ist stark zeitenabhängig…für die Frühe Neuzeit gibt es da einges und die bisherige forschung hat bereits einiges zutage gefördert…
“Auch dieses Problem haben wir bei einem toten Gegenstand nicht.”
-ich denke schon, siehe oben
aber wie gesagt, ich wiederhole mich erneut, ein paar konkrete möglichkeiten müssen her und anhand dieser sollte die diskussion vielleicht weitergeführt werden…außerdem könnte man mal nen thread zur geschichtsphilosophie und methodik aufmachen…ist ja auch im hobby unablässig und sollte von zeit zu zeit reflektiert werden…
ansonsten möcht ich nur nochmal auf die großen probleme eines reenactments hinweisen…hab ich ja schon etwas ausgeführt…die frage ist dabei, will man veraltete formen der militärgeschichte (operations- und waffengeschichte) als geschichtsphilosophische und erkenntnistheoretische grundlage und als einzig zu vermittelndes nehmen oder eben auch der modernen kulturgeschichte der gewalt und deren erkenntnissen zu ihrem recht verhelfen…
viel wichtiger als der schlachtverlauf ist doch beispielsweise deren auswirkung, ihre rezeption, die wahrnehmung von gewalt, usw.
schnell wird einfach ein falsches bild, das retrospektiv völlig überformt und politisch bedingt ist, von einer schlacht und deren bedeutung vermittelt, die für den zeitgenossen relativ sekundär war…siehe beispiel doppelrevolution…
aber wir drehen und fröhlich im kreis und es driftet ganz im sinne der typischen mechanismen von forendiskussionen schnell ins nur noch recht haben wollen ab, von daher warten wir mal alle ab, was die befürworter so auf die beine stellen…
Hi Patrick, ich denke, Jens sieht das ganze von dem Punkt aus, dass man für Kleidung eine recht gute Informationsbasis hat und dadurch sehr nah ans Original rankommt…je nach Aufwand (meiner Meinung nach) auch soweit, dass es “damals” nicht aufgefallen wäre.
Bei gespielten Szenen hingegen kann man wohl mit Sicherheit sagen, dass diese sich vom damaligen Leben unterscheiden würden…das fängt bei ganz einfachen Sachen wie Sprache an und führt bis dahin, dass es schwer sein dürfte, einen informativen Dialog zu erstellen, ohne, dass dieser künstlich mit Wissen vollgestopft erscheint. (Leute, die sich Dinge erzählen, die sie eigentlich beide ohnehin wissen, etc…).
Das dürfte auch mit Quellen schwer werden, so man denn welche findet.
Auf der anderen Seite kann ich deinen Wunsch, die Informationen etwas interessanter zu verpacken, sehr gut nachvollziehen, auf diesem Wege bleibt sicher auch mehr in Erinnerung.
Das Ganze läuft also wohl darauf hinaus, inwieweit man bereit ist, Abstriche in Sachen historischer Korrektheit zugunsten der Wissensvermittlung zu machen.
Das ist wohl eine Sache, die jeder irgendwie selbst für sich entscheiden muss…und bei der man dann diese Grenze, je nach investierter Arbeit, nach hier und da verschieben kann.
Meiner Meinung nach sollte man da etwas vorsichtig sein, da die Schauspiele, die man hin und wieder findet, oft doch etwas Klischeebehaftet sind. (Hexenprozesse, etc…, am Ende steht man dann noch in der gleichen Ecke) Besser wäre da in meinen Augen die Variante, einzelne Arbeiten und Tätigkeiten vorzuführen und dann dazu etwas zu erklären, bzw. Fragen zu beantworten.
Von der Darstellung sozialer Strukturen würde ich persönlich die Finger lassen, da fließt mir dann zuviel Moderne mit hinein. Ist aber auch nur meine Meinung, einen heiligen Gral gibts zu dem Thema wohl leider nicht.
edit: na Toll, jetzt war der Jens natürlich schneller…ich poste eindeutig zu langsam ;)
Da bin ich deutlich anderer Meinung. Da sind gänzlich andere Faktoren beteiligt.
Bei der Rekonstruktion von Sachkultur liegen uns verschiedene Quellen vor, die für sich genommen nur bedingten Interpretationsspielraum bieten. Bei einem Fund eines Messerklinge ist die Form, Verarbeitung etc. klar. Natürlich entstehen dort Interpretationsspielräume, wo man sie mit anderen Quellen verknüpfen muss, um den kompletten Gegenstand, oder den einer anderen Provenienz herzustellen; ich denke, die Umstände und Probleme der Trachten-und Gegenstandsreko sind größtenteils bekannt oder anderswo diskutiert, und sind teilweise auch nach Jahrhundert unterschiedlich gelagert.
Jedoch spricht ein Gegenstand für sich, er besitzt keine Ambivalenz während seines Lebenszyklus, anders als ein Mensch. Eine Reaktion eines Menschen ist erst einmal einmalig, selbst wenn sie in einer Quelle exakt so festgehalten ist. Anders als bei einem Gegenstand, der für sich genommen auch erst einmal einmalig ist, aber durch multiple Quellengattungen (Fund, Darstellung, Textquelle) und eine größere Anzahl von Vergleichen näher eingegrenzt werden kann, ist das bei menschlichem Verhalten nur bedingt möglich.
Wir haben auch bei der Rekonstruktion von Gegenständen das Problem, das wir Einzelfunden auf dem Leim gehen können, aber das kann man dadurch begrenzen, dass man wenig Sonderfälle herstellt, und das Ganze wird durch die Masse an dargestelltem für den Besucher abgefedert.
Bei einem Schauspiel ist dem nicht so, es wird für sich stehen. Eine Varianz, die eine Vielfalt veranschaulicht, gibt es nicht, und ohne eine größere Anzahl an Vergleichsbeispielen der gleichen Art kann ich auch keinen Allgemeinfall ableiten.
Dazu kommt die natürliche Grenze in der Darstellbarkeit wie der Sprache und Mimik, die schlicht wenig bis nie Bestandteil der betreffenden Quellen sind, oder nicht genau umsetzbar sind. Auch dieses Problem haben wir bei einem toten Gegenstand nicht.
Was du nun zuletzt beschreibst, ist eben die von mir genannte Einzelfalldarstellung, das “Reenactment”. Auch hier gibt es die Probleme, allerdings ist der Unterschied zu einer generischen Szene, die man auf Grund seiner Sicht der Soziologie anzuleiten versucht, der, dass man sehr nahe an einer Quelle opertiert. Mit der Gefahr des Sonderfalls.
Die klassischen Fälle des Reenactments sind nun die größeren Ausmaßes, wo für den Besucher keine erkennbaren Details der Soziologie betroffen sind (und die so oder so in vielen Fällen massive Mängel in der Umsetzung haben), wie etwa die einer Schlacht (die als Beispiel meistens eine falsche Zusammensetzung der Truppen hat, von der Anzahl freilich ganz zu schweigen).