da sprichst Du etwas Wichtiges aber auch Problematisches an:
eigentlich sollte jede Vorführung oder Mitmachaktion ganz speziell auf das jeweilige Publikum abgestimmt sein: Kinder oder Erwachsene, mit oder ohne ‘Vorbildung’ etc. … und das ist bei größeren Veranstaltugen mit Publikum jeglicher Couleur oft schwierig.
Werden jedoch auf einer Veranstaltung unterschiedliche Konzepte angeboten, bleiben die Besucher jeweils dort stehen, wo sie sich besonders angesprochen fühlen, und so finden sich dann doch wieder ‘passende’ Gruppen.
also ich finde die meisten unteren Beiträge sehr gut und konstruktiv. Ich hab auch nur noc eine kleine Anmerkung dazu ;O)
Wer von Didaktik redet sollte sich vielleicht auch mal die Mühe machen ein spezielles Didaktikbuch zu lesen. Die Lehre des Lehrens und Lernens kommt ja nicht einfach aus dem Bauch heraus und wenn, dann kann es auch nach hinten losgehen.
Für jedes Fach gibt es spezielle Didaktik, die sich oft auch sehr unterscheidet.
Und wer zu dem Schluß gekommen ist seinen Schülern (den Besuchern) etwas beibringen zu wollen ,der sollte auch klare Lernziele vor Augen haben. Den Unterricht in der Schule sollte man ja schließlich auch vorbereiten *gelle*
»Mein Hauptfrage bleibt: Wer darf sich anmaßen eine Schnittmenge von Personen auf Veranstltungen zu belehren, wer trägt die Verantwortung dafür?«
Wieso “anmaßen” und “belehren”, wieso solch negative Formulierung ?
Schließlich sind öffentliche Veranstaltungen ein Angebot an Intressierte, es wird ja niemandem etwas aufgenötigt.
Wer es “darf” ?
Jeder, der sich mit einem Thema eingehender beschäftigt hat, so daß er auch etwas erzählen kann, ohne es sich aus den Fingern zu saugen. Dazu sollte die Ehrlichkeit, Wissenslücken zuzugeben, Pflichteigenschaft sein.
Gegenfrage:
Wer will mir denn erlauben oder gar verbieten, mein Wissen oder meine Meinung so wie jeder andere Mensch zu beliebigen Themen zu kommunizieren ?
Erwarten darf der Bescuher, daß die Infos nach betsem Wissen auf Quellen basieren und keine Klischeephrasen oder Szenelegenden zur Kaschierung von Wissenslücken verwendet werden.
Dies ist die Verantwortung des einzelnen, und für den Fall, daß er dieser nicht nachkommt in nächster Instanz des Veranstalters, der die entsprechenden Leute dann entsprechend sanktioniert.
Wir kommen zur Zeit von der Idee weg alles im Fummel vorzuführen, bzw. zu Vorführungen auf moderne Hilfsmittel zurückzugreifen, wenn es in den Kontext passt.
Den klassischen “Mittelaltermarkt” halte ich nicht für therapierbar. Ich erinnere mich an nostalgische Diskussionen aus den Jahren 1999 und 2000 zu dem Thema (zum Teil mit schlichten Grausen….)
Mein Hauptfrage bleibt: Wer darf sich anmaßen eine Schnittmenge von Personen auf Veranstltungen zu belehren, wer trägt die Verantwortung dafür?
Ich gehöre zur Orga für ein großes und bekanntes FMA-Fest. Uns stellen sich diese Fragen jedes Jahr wieder. Unser Lösungsvorschlag ist ein difiziele Auswahl der Teilnehmer und eine recht straffe Organisation. Die Verantwortung für verzapften Mist trägt letztendlich das Museum. Das wird klar, wenn Beschwerden über irgendwelche Dinge oder schrille Informationen (vorsichtig gesagt) an die Stadt gehen.
da möchte ich auch mal meinen Senf dazu geben und ein paar Vorschläge machen:
- Mitmachaktionen (wurde ja schon genannt):
d.h. einfache Handwerkstätigkeiten wie Fingerloop, einfaches Brettchenweben, Spinnen, Filzen, Feuermachen, Korbflechten, vielleicht auch mal Töpfern, mittelalterliche Kinderspiele, Ankleiden oder sogar ganz un-“a”: Basteln mit Kindern- z. B. Helme oder Gebende aus Pappe
Es braucht ja nicht gleich jede Gruppe und jedes Lager so etwas anzubieten und vielleicht könnte man auch zentral (von den Willigen aus allen Gruppen getragen) einen extra “Mitmachbereich” (der dann nicht 100% “A” aber besuchertauglich ist) ausweisen (?) - Wenn man sich vorher abspricht, dürften sich wohl auch die notwendigen Leute (aus allen Gruppen gemeinsam) finden lassen.
- Infomaterial für die Besucher vorbereiten (in Verantwortung der jeweiligen Gruppe!!!)
d. h. z. B. einfache Handzettel mit: Wer sind wir? Was stellen wir dar? Welche “Belege” gibt es?
oder: Schautafeln beim jeweiligen Lager (nicht unbedingt innerhalb) Entwicklungen von Kleidung, geschichtliche Hintergründe, dargestelltes Handwerk usw.
Oder einfach mal Anleitungen für einfache Handwerkstechniken, Kochrezepte usw. auslegen
- Einen oder mehrere Ansprechpartner aus jeder Gruppe (die mitmachen will), die die Besucher als “Gäste” durchs eigene Lager führen und die Ausrüstung und Tätigkeiten erklären. Vielleicht mit festen Zeiten zur Führung, falls es sonst zu stressig wird
- Zentrale Führungen über die Veranstaltung und durch die Lager (die besucht werden wollen) mit der Möglichkeit in jedem Lager Ansprechpartner zu finden.
Feste Zeiten für die Führungen bekannt geben.
Müßte dann von den Veranstaltern zentral organisiert werden, wobei man vorher schon “Willige” aus den einzelnen Gruppen mit einbeziehen und preefen könnte. Wenn es genug Leute sind, dürfte auf jeden wohl kaum mehr als 1 oder 2 Einsätze pro Wochenende fallen.
Ich denke, wenn es ein Veranstalter will, gibt es eine Menge Möglichkeiten die Didaktik zu verbessern. Wenn sich die Gruppen sowieso schon anmelden müssen, kann man solche ßberlegungen schon im Vorfeld mit einbeziehen und die “richtigen” Aktionen und Aktiven finden.
Falls es keine zentrale Planung durch den Veranstalter gibt, sind die Gruppen und Lager selbst gefordert, mal etwas Eigenverantwortung zu übernehmen (und man kann sich ja auch mit anderen, befreundeten Gruppen absprechen).
Ich selbst bin übrigens Mitglied in einem Verein, der mehrmals im Jahr Mitmachaktionen auf die Beine stellt, Exkursionen und Seminare durchführt und natürlich auch Infomaterial verteilt. Gewandet sind wir in den letzten Jahren zwar noch nicht aufgetreten, werden das aber ab diesem Sommer tun. Falls wir in Zukunft auf einer Veranstaltung als Gruppe dabei sind, bin ich (aber bestimmt auch andere aus der Gruppe) gerne bereit, Mitmachaktionen zu leiten oder Führungen zu übernehmen.
ich kann Stefan nur voll und ganz zustimmen. Gerade das “Mitmachen” ruft bei Besuchern immer die größte Begeisterung hervor, egal welchen Alters. Auch für mich als Aktiven ist es das, was für mich Geschichte so reizvoll macht. Keine drögen Fakten und Jahreszahlen sondern Tatsachen mittem aus dem Leben.
Der limitierende Faktor bei einem solchen Ansatz ist die manpower der vorführenden Gruppe. Man muss schließlich nicht nur vorführen und erklären sondern auch noch darauf schauen, dass alles da bleibt wo es hingehört und nicht in fremder Leute Taschen verschwindet, was ja leider immer wieder mal vorkommt. Davon mal abgesehen, dass man auch mal einen Moment für sich haben möchte, einen Happen essen oder anderen menschlichen Bedürfnissen nachgehen will/muss. Eine einfache handwerkliche Tätigkeit, wie z.B. Fingerschlaufenflechten, ist mit zwei Mädels schon unterbesetzt, bei Ausstellung und Erklärung von Waffen und Rüstungen sind drei Leute absolutes Minimum. Von komplizierteren Handwerkstätigkeiten wie z.B. Schuhe nähen oder schmieden, mal ganz abgesehen.
Wer sich ein solches “Infotainment” aufbürdet ist also rund um die Uhr im Einsatz.
Einen offiziellen Bildungsauftrag gibt es sicher nicht. Lehne ich das aber ab, dann darf ich mich a) nicht über die “Dummheit” (man beachte die Anführungszeichen) der Touris nicht beklagen und b) sollte IMHO sein Hobby auf Privatveranstaltungen ausleben.
ich sehe das nicht als nörgeln, sondern eher als konstruktiven Beitrag. Ich denke, es mußte vorher nur noch einmal geklärt werden, wo eigentlich ein didaktischer Ansatz bei den Veranstaltungen zu finden ist und ich hoffe, daß ich da meinen Standpunkt klar gemacht habe. Ich finde Deine Ansätze sehr interessant und bin im großen und ganzen Deiner Meinung, daß es zwar darstellungsmäßig sehr gute Gruppen gibt, die aber teilweise in der Publikumsarbeit einiges an Defiziten aufweisen. Sitzrittertum hat für mich nichts mit der Qualität der Darstellung, sondern mit der Qualität der Präsentation zu tun.
Ich möchte aber bewußt nicht von einem “Bildungsauftrag” der Szene sprechen, denn diese Intention haben sicher nicht alle hier und das spiegelt ja auch die verschiedenen Einstellungen zum Reenactment wieder. Ich sehe es aber so, daß wenn man sich in die ßffentlichkeit begibt, mit dieser auf die eine oder andere Art auseinander setzen sollte.
Wir können uns hier ja erstmal zusammen überlegen, welche Art von Vorführungen es gibt und dafür einiges an Lösungsansätzen geben. Weiterhin muß auch klar gemacht werden, mit welchen Leuten man was tun kann - in einer Gruppe gibt es sicher immer auch unterschiedliche Ansichten und Interessengebiete - das passt selbst für so eine kleine Gruppe, wie die, in der ich bin (Goedendag, ca. 6 Leute).
Wir haben hier auf TV in den theoretischen Grundlagen des Reenactments einiges schon erarbeitet und sollten darauf zurück greifen. Ich würde zwar gerne ein paar Denkansätze formulieren, doch muß ich noch Brötchen verdienen - vielleicht schaffe ich es ja noch später.
Warum bin eigentlich immer ich anderer Meinung? Kismet? Vielleicht, weil ich Didaktiker bin? Langsam muss man ja glauben, ich nörgle aus Prinzip…
Der aufgestellten Theorie, dass - vereinfacht ausgedrückt - qualitativ gute (im Volksmund auch “A” genannt) Gruppen schon von Natur aus gute didaktische Arbeit machen, stehe ich sehr skeptisch gegenüber. Ich lege auch gern meine (natürlich subjektiven) Beobachtungen offen, wegen derer ich skeptisch bin:
Zum Einen pflegen viele Gruppen, die ich nur mit Vorsicht als qualitativ gut bezeichnen möchte - sprich absolute Gromihaufen - eine durchaus publikumswirksame und unterhaltsame ßffentlichkeitsarbeit. Nur eben inhaltlich völlig daneben. Aber von der Grundhaltung her, von der Bereitschaft, sich dem Besucher zu öffnen und mit ihm zu arbeiten, vorbildlich. Da sollten mal die Standesdünkel über Bord geworfen werden und man sollte sich bei denen was abgucken. (Von der Einstellung, nicht vom Inhalt, gelle…)
Zum Anderen habe ich bemerkt, dass viele qualitativ gute Gruppen - oder, vorsichtiger ausgedrückt, einzelne qualitativ gute Darsteller aus qualitativ guten Gruppen - das Bedürfnis haben, ausführlich auf Fragen zu antworten, die man ihnen gar nicht gestellt hat.
Sie tun dies zwar ausgesprochen korrekt und sehr gut belegt, aber sie langweilen.
Bei der ßffentlichkeitsarbeit vieler (NICHT “aller”! Keine ungerechtfertigten sich- angesprochen-fühlen-Kommentare bitte) unbestreitbar hochwertiger Gruppen sehe ich kaum einen Unterscheid zum traditionellen Museum. Man darf angucken, vielleicht sogar auch mal was anfassen, und das Ganze wird dabei von einem “Führer” kommentiert.
Ich denke, mitmachen ist die Devise. Nicht nur das ständig beschworene Vorleben. Es fiel weiter unten der Begriff “Infotainment” und der trifft’s genau. Nicht nur “Info”, sondern eben auch das “tainment”.
Eine Modenschau ist was Tolles, keine Frage. Aber wenn der Besucher (speziell die Kinder) selber mal irgendwo reinschlüpfen und eventuell sogar mitmachen kann, dann strahlen die Augen. Ebenso bei den Spielen, dem Kochen usw. Wir müssen interaktiver werden.
Der Besucher sollte - im Rahmen der Möglichkeiten - eintauchen können in die Vergangenheit, er sollte sich damit identifizieren können. Dazu braucht er aber einen Kristallisationskeim, er braucht Personen, keine Gräberfelder. Er kann mit einer Anekdote mehr anfangen als mit einer empirischen Funduntersuchung. Er will schmunzeln können, nicht mitschreiben müssen.
Es gilt in der Didaktik, dass man den Schüler da abholen soll, wo er steht. Und das vermisse ich bei vielen “guten” Gruppen schmerzlich.
Wer da nicht schon mit ordentlichem Vorwissen ankommt, der ist ja unwürdig. Wer als Besucher zuerst das Schwert sieht und nicht die Nadelbinding-Socken, der ist hinterher in TV Freiwild.
Erst mal absteigen vom hohen Ross! Man kann dann gerne wieder aufsitzen, sobald der Besucher dafür reif ist, aber eben nicht vorher.
Noch ein Nachtrag an die Pazifisten, die alles Militärische gerne verbannen würden, weil das ja im Mittelalter nicht zum (statistischen Durchschnitts-)Leben dazugehörte. (Eine Begründung, die man mittlerweile auch beim ein oder anderen Landratsamt zu hören bekommt, wenn man eine Waffentrageausnahmeerlaubnis für eine VA beantragt):
Zumindest für das Frühmittelalter völliger Blödsinn. Nähere Infos gerne auf Anfrage.
Und wenn man sich schon auf dieses (falsche) Argument einlassen will, dann bitte keine Zelte mehr auf den VAs. Denn die gehören noch viel weniger zum mittelalterlichen Standardleben dazu. Und dann gäbe es noch…
Insofern ist es imho auch ziemlich wichtig, sich bewusst zu machen/sein, was man mit einer Veranstaltung tun will. Meiner Erfahrung nach ist alles schon so gut wie verloren, wenn eine Veranstaltung in den Köpfen als “Markt” gilt, und man es, sei es nun auf Grund schlechter/irreführender Werbung und/oder einer Veranstaltung, die den Ort prägt, nicht schafft, eine andere Bezeichnung zu etablieren.
Bei einem “Markt” ist die Erwartungshaltung zumindestens bei dem Teil “gewandeter” Besucher zu sehr festgefahren.
Für meinen Teil möchte ich darauf drängen, die “Märkte” aus dieser Diskussion heraus zu halten. Ich persönlich halte sie nicht für reformierbar, da das grundliegende Konzept ein anderes ist, als didaktisch zu arbeiten. Insofern halte ich es auch für unnötig historisch genaue Bereiche auf Veranstaltungen dieser Art zu schaffen. Wer z.B. als Darsteller auf einem Hillermarkt aufbaut, weiß, worauf er sich einläßt. Wieso sollte man in einem unhistorischen Umfeld historische Dinge explizit abgrenzen? Damit der Veranstalter auf seinen Plakaten sagen kann “Wir halten uns auch in abgezäunten Gehege ein paar Brachialauthentiker! Damit genügen wir den Ansprüchen eines ”Mittelalter“-Marktes”.
Was die von Beate angesprochenen Besucherzahlen angeht - es kommt ja auch immer auf die Veranstaltung an und wie sie aufgemacht ist. Auf einem Gelände wie z.B. Düppel möchte ich auch keine größeren Veranstaltungen haben. Es ist möglich Veranstaltungen mit Anspruch auch in größerem Maßstab zu planen, doch verlangt das eine größere Ahnung in der Organisation. Ein gutes Beispiel ist das schon mehrfach genannte Werla dieses Jahr, bei dem rgoße Sorgfalt auf die Auswahl der Akteure gelegt wurde. Trotzdem kamen 15.000 Besucher - was ich für eine Veranstaltung, die ein wenig in der Knüste liegt, nicht schlecht finde.
Ansonsten bin ich mit Alex einer Meinung, daß Gruppen, die eh schon didaktisch arbeiten, dies auch hervorragend ohne Märkte (und gegebenenfalls auch ohne die “Szene”) schaffen.
Ohne das Thema jetzt boykottieren zu wollen, aber…
Die Gruppen, die einen Stand erreicht haben, der wirklich - im Sinne von historisch lehrreich - präsentabel ist, die betreiben zumeist auch eine zumindest brauchbare Vorführung ihres Könnens und Wissens.
Die Gruppen, bei denen das Intresse an der Vermittlung so gering ist, daß die Kritikpunkte des abgeschotteten Lagers etc. zutreffen, haben - meiner Beobachtung nach - auch deutlich seltener einen Stand, der überhaupt höherwertiger Didaktik wert wäre.
Soll heißen:
Auf den üblichen 0815 Festen mit Zeitenmischmasch (nicht Zeitstraße!) und Gedöns wäre tiefergehende Didaktik verschwendet, da hier erst mal das “Was” stimmen müßte, bevor man sich über das “Wie” Gedanken macht.
Auf den Veranstaltungen, wo das “Was” stimmt, hat sich ob des dazu notwendigen breiteren Recherchewissens das “Wie” schon fast von selbst ergeben und könnte meist nur noch spezifisch optimiert werden.
Es ist wohl schon viel gewonnen, wenn man in den Lagern der Gruppen einiges authentisches zu sehen bekommt, wenn z.B. die Frauen ihre Zeit mit Handarbeiten verbringen, die so präsentiert werden, dass man als Besucher zusehen kann und auch erklärt bekommt, was da gemacht wird.
Wenn auf dem Feuer Gerichte gekocht werden, die nach historischen Rezepten zubereitet werden. Da kann man ruhig auch mal einen Besucher versuchen lassen, meistens ist es eh zu viel.
Wenn die Kleidung erklärt wird, die Männer historische Spiele spielen, ….
Möglichkeiten gibts auch auf den s.g. Märkten genug, nur eine Frage des guten Willens.
Die Pfingst-Veranstaltung in Düppel ist durchaus keine kleine Veranstaltung - mit bis zu 1600 Besuchern pro Tag bei gleichzeitiger Konkurrenz von Karneval der Kulturen, Turnerfest etc. (um nur die wirklich großen zu nennen…) - und da funktioniert die Wissensvermittlung trotzdem sehr gut…
Tja, das klingt immer wieder gut. Nur hat Anfang der 90er eine Gruppe von Studenten mit alten Spielen etc. die Erfahrung machen müssen, dass Wissensvermittlung eins braucht: Zeit und Lust.
Zeit und Lust, sich auf ein Thema und das vielleicht nicht dem Klischee Mittelalter entsprechende Habitat/Ambiente/Mensch einzulassen.
Es braucht Platz für nörgelnde Kinder, Raum für ruhige Ecken etc.
Im Kleinen mag sowas immer wieder mehr oder weniger gut funktionieren (Düppel, Torgelow…), aber als große Einzel-VA mit den Besucherzahlen, wie es manche Märkte einfahren - ich weiss nicht.
Vielleicht ists ein Anfang, abgegrenzte Bereiche bei großen VAs, die sonst nicht mit dem “A” glänzen, zu schaffen:
“Vorsicht Bildung! Klischee-verlust/Ent-Täuschung auf eigene Gefahr”
Persönlich denke ich, dass bereits viel gewonnen wäre, wenn dieses Wort “Markt” nicht in Zusammenhang mit sinnvoller Mittelalterdarstellung benutzt würde.
Weiterhin denke ich, dass bei einer guten und wertvollen Präsentation Beschränkungen hilfreich sein könnten. Also statt einem “mittelalterlichen Rundumschlag” lieber spezielle Dinge vorführen.
Etwa: im Rahmen einer kulturellen Veranstaltungsreihe, die die Geschichte der Kindeserziehung thematisiert, könnte eine MA-Gruppe durch nachgearbeitete Kleidungsstücke, Spielzeuge, Wickelmethoden etc konkret vorführen (teils an Puppen), wie bestimmte Elemente der kindlichen Erlebniswelt sich in einer bestimmten zeitlichen und lokalen Einordnung darstellten. (Mal so als Beispiel).
Eben nicht “wir machen alles und müssen auch immer alles zeigen”, sondern eher spezielle bestimmte Themen heraus nehmen und diese dann im Rahmen eines Gesamtkonzeptes, abgestimmt mit anderen Organisationen des Wissenschafts- bzw Kulturbetriebes einbringen.
Und mein großer Wunsch wäre es, wenn endlich begriffen würde, dass Schwertkampf für die meisten Menschen KEIN Teil des mittelalterlichen Alltagslebens war. Also - man lasse alles was mit Schau- oder anderem Kampf zu tun hat, ganz einfach weg.
Die Frage die man sich als erstes Stellen muss, wenn jemand Wissen vermitteln will, wer ist meine Zielgruppe. Also sollte man sich zuerst einmal klar werden, wer geht denn auf einen Markt, ich würde mal sagen, ein repräsentativer Querschnitt durch die Bevölkerung. Also finden wir hier, Kinder und alte Menschen, Arbeiter und Akademiker.
Also werden die Ansprüche auch völlig unterschiedlich sein. Es wird sich früher auch die Frage stellen, was der Besucher wünscht. Mit Sicherheit keine direkte Wissensvermittlung. Sondern eher Infotainment. Kein Blah Blah Blah, dies ist Kleidung, süddeutsch, 1475 auf Bildern nachgewiesen. Die gesamte Vermittlung, des Wissens muss in einem interessanten Kontext eingebunden werden. Leicht nachzuvollziehen und vor allem so aufbereitet, dass es sich der Besucher leicht merken kann und vor allem Spaß daran hat.
Also Handwerksvorführungen, “Gaukelei” geht auch in guter Klamotte. Zu sehen im Hausbuch Venus und Mars, als die Fechter Ihre Kapriolen machen (Handstand, Ringen und anders). Es können Tänze vorgeführt werden, soweit rekonstruierbar. Fechttechniken können gezeigt werden, nicht als plumper Schaukampf, sondern als Vorführung. Auch Schaukämpfe sind gut machbar. Gruppen wie Dreynschlag machen es vor. Auch deren kleidungstechnische Ausstattung braucht sich nicht zu verstecken. Das Problem ist hier aber, dass die wenigsten Gruppen sich die Zeit nehmen 2 mal die Woche zu trainieren, Kämpfe choreographisch und theatralisch aufzuarbeiten.
Ein kleines Beispiel, in meiner alten Gruppe wollten wir Schaukampf, Markt und irgendwann mal A machen. Die Leute, die A doof fanden und coole Schaukampfszenen machen wollten, waren auch nie beim Training da. Jetzt bilden diese eine Gromigruppe die Schaukampf nach dem Motto zwei links zwei rechts eine fallen lassen anbietet.
Das Problem ist einfach, die Leute die kein Interesse an einer fundierten historischen Darstellung haben, haben auch kein wirkliches Interesse dem Besucher einen schönen Tag zu bereiten. Wenn ich mich jetzt in zwei Wochen bei unserem Dorffest in eine historische Scheune hocke, dann geht es mir darum, dem Besucher einen kurzen Ausblick zu geben und Ihm diesen Teil schön zu präsentieren. Die Besucher sollen Freude daran haben.
Wie kann man dem Besucher die Historie nahe bringen. Ich denke am besten durch vorleben. Dadurch, dass ganz alltägliche Dinge getan werden. Dafür interessieren sich die meisten Besucher. Dann keine Durchmischung, klare Trennung der einzelnen Gruppen und Zeiten. Pingelig Darauf achten, dass keine Fehler in den Lagern oder an den Personen zu sehen sind. Vorführungen machen, im Grunde das gleiche wie auf einem herkömmlichen Mittelaltermarkt, anziehen der Rüstung, Fechtvorführung, Handwerk, vielleicht eine Puppe mittelalterlich wickeln und zeigen wie damals Babys eingewickelt wurden. Dazu erklären und den Mund fusselig reden. Das ist alles…..
Na denn, vlt. wirds ja diesmal wirklich was. Auch wenn ich versucht bin, meine Beiträge aus dem anderen Thread zu kopieren ;)
Also im wesentlich denke ich, definieren sich “Märkte” wie wir ihn hier in D. kennen, und die leider wenig bis garkein Mittelalter bieten nicht durch die Tatsache, dass Gruppen auf ner Wiese hocken, auch nicht dadurch, dass es was zu futtern gibt, auch nich durch die Anwesendheit von Kaufbarem, sondern einzig und allein durch die fehlende Qualität und Didaktik.
Betrachte ich, was so den typischen Markt- aus Erfahrung der Besucher, ganz egal ob Darsteller oder nicht, und der Veranstalter- ausmacht, dann haben wir da Gaukler, Musikanten, Kampfvorführungen, als Teil der Unterhaltung, Händler, um das Souvenirbedürfnis zu befriedigen, und Futterstände.
Nun gab es Gaukler, Musik schlussendlich auch, gegen Vorführungen von militärischen Taktiken und/oder Kampftechniken ist nichts einzuwenden, Souvenierstände hat jedes Museum (mit modernen Krams), Futtermöglichkeiten eigentlich auch, braucht.
Hier schliesst sich der Kreis des Vergleiches: was machen Museen- ganz egal welcher art- denn anders? Sie haben natürlich primär den Anspruch, die Besucher zu informieren.
Wie tun sie es? Möglichst eingängig (obs klappt oder nicht, is wohl individuell), und mit Unetrstützung interaktiver Elemente, in letzter Zeit immer häufiger.
Imbissmöglichkeiten sind absolut notwendig bei einer hohen Zahl an Besuchern, Sourveniershops erhöhen den Erinnerungseffekt.
Kurz: die Grundzüge sind gleich, die Qualität, eben auf Grund des anderen Grundziels, gleich.
Kommerziell erfolgreich wollen und müssen aber _beide_ sein.
Ein Museum, dass nur rote Zahlen schreibt, macht irgendwann sicht, wenns nicht enormen Symbolcharakter hat.
Was machen dann “Märkte”, wie wir sie kennen, nun falsch?
Ganz einfach: sie wollen nicht bilden.
ßndert man nun dieses Ziel (ohne kommerziellen Erfolg aus den Augen zu verlieren), und ändert demnach die Ausprägungen der Mittel, was wird dann?
Hierbei kommt mir persönlich sehr gelegen, dass Werla stattgefunden hat, und funktioniert hat. Ein Konzept, dass ich nun mit einem Beispiel versehen kann.
→
Gruppen? Na klar, was sonst. Nur halt solche, die zeigen wollen, lehren wollen, und das auch können, weil Belegbarkeit oder nicht für sie garkeine Diskussionsgrundlage ist.
Stände? Ja klar, da gibts zwei Varianten: die, die für Darsteller und vlt. auch Besucher, belegbare(!!!) evtl. gleich mit Handwerksvorführung verbunden vor Ort hergestellte Waren anbieten, und solche, die- mehr oder weniger- modernen Krimskrams anbieten (Kinderhelme und sowas). Wo gehören die hin? Richtig, weg vom didaktiken Teil, seperat.
Musik? Ja gern, wenn sie wirklich _mittelalterlich_ ist. Lvebands in belegbarer Kleidung mit belegbaren Instrumenten und belegbaren Melodien. Schwer, aber nicht unmöglich.
Wie immer gilt: Teil der Didaktik? Dann unterwirft es sich seinen Methoden.
Unterhaltungsleute: nun ja, ich kenne leider wenig bis garkeine, die belegbare Unterhaltung mit entsprechenden Mitteln zeigen. Aber es gabs. Alleine ob des Bruchs, der Aufklärung im Gegensatz zum typischen Marktgaukler sehr reizvoll wie ich finde.
Angesichts zahlreicher Funde von entsprechender Auststattung auch eine reizvolle Darstellung.
Ansonsten? Hat es da nix verloren.
Kampfvorführung:
Auch hier gilt: Kloppereien ohne Sinn und Verstand sind fehl am Platz. Kein Codex Belli, “Feldschlacht” nur mit Erklärung der Einschränkungen usw… und nur mit Darstellung der Taktik uvm…grosses Thema.
Aber den brauchts auch nicht. Das andere is genauso spannend.
Futterstände? Hier gibts viel Möglichkeiten. Biergarten 100m entfernt? Abgegrenzt? Schon möglich. Möglichkeiten, in der Darstelleranlage belegbare Speisen udn Getränke zu kosten? Spannend, sicher auch für die Besucher reizvoll, und neu (denn Flammkuchen sind nu wirklich nix besonderes). Aber sicher auch planungsintensiv.
Würden weniger Leute kommen? Ich glaube nein.
Würden andere Leute kommen? Sicher ja; für den Marktbummler Markte Standard Pannesamtkleid “ichwillbilligerrein” wirds nix mehr.
Oh, grosses Thema: Gewandeteneinlass.
Hier ist klares Entscheidungskriterium: kann der Besucher klamottierte Besucher unterscheiden, von dem, was aufm Platz is? Nein.
Also: wir müssen draussen bleiben.
Fairerweise sollte das _vorher_ angekündigt sein.
Korrekt gekleidete Besucher: diskussionswürdig, und verteidungsintensiv. Ich habe dazu ein 4seitiges Dokument für nichtinvolviertes Kassenpersonal verfasst, was das ein Kampf war…
Fazit:
Es Geht. wenn man es will. Siehe Werla. Siehe Italien.
Sorry, aber woher kommt diese Erkenntnis? Ist die (jaja, Wortwitz…) belegbar? Die, verhältnismässig kleinen, Wikingertage im AFM Oerlinghausen hatten letztes Jahr mehr Besucher als die Wikingertage im Ribe Viking Center! Und da waren gewandete 100% ausgeschlossen als Besucher!
Aber zurück zum Thema:
Die Leute wollen imho kein KrachBum sehen. Sie wollen MA sehen und wollen Unterhalten werden. Und das das in Kombination funktioniert beweisen Events wie Werla oder die Römertage in Aalen!
Nur ist dafür eben Konsequenz nötig.
Zum einen mus bei den Gruppen eben wirklich knallhart ausgesiebt werden und nicht nach dem “Aber das sind doch gute Kumpels” Prinzip Kompromiss um Kompromiss gemacht werden.
Und wie Du schon sagtest, die Gruppen müssen mit einbezogen werden, wo schon das nächste Problem liegt!
Wieviele der Gruppen wollen denn das? Die meisten kommen auf einen Markt um Kumpels zu treffen und Spass zu haben, der Besucher ist für sie ein geduldeter Störfakter, der ihnen den Urlaub durch den Eintritt (–>Spesen) finanziert und ansonsten mit der Lagerabsperrung möglichst auf Abstand gehalten wird.
Wie willst Du mit jenen Gruppe etwas didaktisches aufziehen?
Zumal Du bei 100 Mann meist 90 Häuptlinge und 10 Indianer hast.
Fazit:
1) Braucht man einen Veranstalter, der Willens ist eine korrekte VA zu Unterstützen, auch wenn sie mehr Arbeit macht als ein 0815 Markt
2) Braucht man ein Orgateam das von den entsprechenden zeiten Ahnung hat UND kosequent und objektiv sagt “Nö, so kommst Du mir nicht auf meine VA”
3) Ein vernünftiges Konzept, das Gruppen UND Darsteller anspricht!
4) Braucht man Gruppen, die hinter der Idee stehen und sie voll unterstützen, und nicht nur die Mindesbedingungen gerade so erfüllen um mitspielen zu dürfen.
Und jetzt denk mal über die 4 Punkte nach und frag dich selbst, wieviele der Punkte auf Rabenstein, um das Beispiel zu übernehmen, mit den vorhandenen Gruppen und dem veranstalter realisierbar gewesen wären!
Du willst einen Markt organisieren frei der Klischees und Vorurteile? Dann räum als erstes mit den Vorurteilen auf:
- Kleidung war grob und fad! Ja von wegen, her mit Gruppen mit erstklassiger Kleidung, die auch mal eine Modenschau machen, wo die leute auch mal in entsprechende Kleidung schlüpfen können
- Rüstungen waren schwer und unbeweglich! Das bleibt ein Klischee der Szene, solange jeder Teilnehmer nur in Tschenplatte rumwanzt und das Hohelied vom “echten Männerschwert” singt. Also lasst die Leute mal Rüstungen anprobieren…
- Im Mittelater war es immer Dunkel und traurig! Ja, und alle haben geweint, das hat man aber nicht gesehen weils so dunkel war… Zeigt den Leuten doch mal Freizeitbeschäftigungen und Spiele…
- IM Ma wurde nur gewildert oder eklige sachen gegessen… Dann lasst die Leute mal mitkochen, zeigt ihnen wie die Speisen zubereitet werden… Natürlich gehört da dann mehr dazu als nur Staks auf dem Grill…
- etc…
Aber ehe die oben genannten 4 Punkte nicht gegeben sind wird das müssig, da ansonsten immer wieder Sitzritter und Toleranzverfechter das ganze Torpedieren werden und Regeln umschiffen werden und so die Arbeit des Restes hinfällig wird…
Erstmal möchte ich widersprechen, daß museale Veranstaltungen schlecht besucht sind. Im allgemeinen ist das eher eine Frage der PR und des Marketings, denn der Bedarf ist definitiv da. Wir haben hier in Dortmund die immer gut beworbene Museumsnacht mit Aktionen aller Art (auch Geschichtsdarstellungen) und es kommen mehr Besucher als die verschiedenen Standorte fassen können. ßhnlich sieht es mit der Nacht der Industriekultur und anderen Veranstaltungen aus. Es muß halt nur eine entsprechende PR geleistet werden und das Publikum ist durchaus für Kultur zu begeistern - und museale Darstellung ist nichts anderes. Das Publikum wird per se zum größten Teil ein anderes als auf einer Veranstaltung wie dem jährlichen Hiller-Markt sein aber im Fernsehen schauen auch die einen Leute Daily-Talks und die anderen Arte oder 3Sat. Die Schnittmenge wird meiner Erfahrung nach nicht so groß sein.
Um ein gutes Beispiel für eine reine Veranstaltung mit historischer Darstellung zu nennen, bei dem PR und auch Marketing richtig eingesetzt wurden, so möchte ich Werla in diesem Jahr anführen. Eine rundum gelungene Veranstaltung, bei der 15.000 Besucher kamen, die meines Wissens nach sich auch von historischer Darstellung gut unterhalten gewußt haben. Zum größten Teil war dort ein recht hoher Standard der ausgewählten Gruppen vorhanden, es gab das didaktische Konzept einer Zeitstraße und an allen Ecken und Enden wurden die Zuschauer mit Informationen und Aktionen “gefüttert” ohne in Riddäspielen, Sklavenmarkt und Pseudoinquisition mit Hexenverbrennung abzurutschen.
Ich möchte keine Märkte ändern - sie sind was sie sind, reine Unterhaltung ohne Anspruch und es wird auch hier immer ein Publikum dafür geben. Jedoch bei der Neuplanung von Veranstaltungen sehe ich es immer noch als möglich an, anspruchsvoll und dennoch unterhaltend zu sein (als Reenactor sehe ich mich eh auf der Infotainment-Seite). Das geht nicht mit einem Sitzritter-Lager - und sei es noch so gut - sondern nur mit funktionierenden Konzepten der Darstellung, die auch die Besucher mitnehmen.
»Fakt ist, dass bei Museumsveranstaltungen, selbst wenn sie mit qualitativ hochwertigen Reenactment-Gruppen (ich rede jetzt nicht vom dahergelaufenen Ich-mach-Middelalder) besetzt sind relativ wenig Besucher kommen «
Nicht unbedingt! Kaiserpfalz Werla war in diesem Jahr ein gutes Beispiel dafür, dass dies nicht immer so ist. Qualitativ hochwertige Veranstaltungen (mit nur wenigen Kritikpunkten), die zugleich Fachwissen und Show fürs Auge bieten sind somit möglich.