Thema als Feed (RSS 2.0) Thema als Feed (ATOM 1.0) Diskussionen um Ulfhednar in der archäologischen Fachwissenschaft

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Eintrag #1 vom 18. Mai. 2008 14:14 Uhr Roman Grabolle

nach oben / Zur ÜbersichtErklärung von Prof. Jockenhövel "Facharchäologie und Reenactment"

Während des 6. Deutschen Archäologiekongresses in Mannheim vom 13. - 17. Mai 2008 ( www.wsva.net/tp211.htm ) sorgten eine an mehreren Stellen ausgelegte Erklärung von Prof. Dr. Albrecht Jockenhövel (Münster) zum Thema "Facharchäologie und Reenactment" und speziell der Gruppe Ulfhednar sowie deren Vorstellung während der Mitgliederversammlungen der Altertumsverbände für zahlreiche Diskussionen. Verstärkt wurde dies noch durch den Auftritt des unter dem Pseudonym Arian Ziliox agierenden Gründers und Vorsitzenden von Ulfhednar und mehrerer Begleiter auf dem öffentlichen Platz vor dem zentralen Tagungsgebäude des Museums Weltkulturen des Reiss-Engelhorn-Museums Mannheim, die anscheinend das Gespräch mit Fachvertreter_innen suchten.

Ich gehe davon aus, dass in folgenden Tagen und Wochen eine teils öffentliche, teils nichtöffentliche Diskussion " möglicherweise bis hin zu einer juristischen Auseinandersetzung " einsetzen und das Thema weitere Wellen schlagen wird, natürlich auch bis in die Reenactment- und Living-History-Szene hinein. Ich dokumentiere daher im folgenden den Wortlaut der Erklärung:


Prof. Dr. Albrecht Jockenhövel
Abteilung für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie
Historisches Seminar
Robert-Koch-Str. 29
48149 Münster

Erklärung auf dem 6. Archäologentag in Mannheim 14.05.2008

Facharchäologie und Reenactment

In den letzten Jahren hat sich in der musealen ßffentlichkeitsarbeit bei größeren Sonderaustellungen die Zusammenarbeit mit sog. Reenactment-Gruppen sehr verstärkt. Unter diesen Gruppen genießt die Gruppe "Ulfhednar" besonderen Zuspruch, auch den der öffentlich-rechtlichen Medien. Sie traten auf zum Beispiel (nach Homepage Ulrfhednar): Keltenmuseum Glauberg, "Pferdeopfer-Reiterkrieger" (2007), Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin (2004), Germanisches Nationalmuseum Nürnberg (2004), Alamannen-Museum Ellwangen und in mehreren TV-Produktionen von ARD und ZDF.

Bilddokumente vom Auftritt der Ulfhednar-Gruppe zeigen, dass diese Gruppe zwar den Originalen fast weitgehend identische Kleidung, Waffen und Schmuck verwenden. Ihre handwerkliche Güte steht außer Frage. Es ist aber bei genauem Hinsehen nicht zu übersehen, dass bei fast jedem Nachbau, sei es als Borde an der Kleidung, an der Pferdedecke, oder am frühmittelalterlichen Schwert das Hakenkreuz in originaler oder abgewandelter Weise verwendet wird. Ohne archäologische Belege bleibt die zumindest in Berlin gezeigte schwarz-weiß-rote Gruppenfahne mit einem abgewandelten Hakenkreuz-Motiv. In dieser "geballten" Zusammenschau wird ohne Zweifel eine Botschaft über die Hakenkreuz-Symbolik in die ßffentlichkeit transportiert.

Ulfhednar betont in ihrer Homepage und in den Medien (Presseartikel) ihre enge Zusammenarbeit mit zwei hessischen Universitäten und ihre Vernetzung mit mehreren deutschen Museen als Nachweis ihrer öffentlichen Wertschätzung. Die auf ihrer Homepage nachlesbaren ßußerungen, wie persönliche Leitsprüche der Mitglieder verorten die Gruppe in einem betont "germanophilen" Kontext. Dies wäre an sich nichts Schlimmes, aber in einer fachwissenschaftlichen Publikation (Arbeitsgemeinschaft "Theorie in der Archäologie" Rundbrief 6/1/2007) wurde von Doreen Mölders und Ralf Hoppaditz auf die enge Vernetzung von Ulfhednar mit rechtsradikalen und sogar neonazistischen Gruppen verwiesen (Zitat: "Ein Grund für die Verwendung neuheidnischer Darstellungen bildet die enge personelle Vernetzung eines Teils der Reenactment-Gruppen mit Mitgliedern aus dem Bereich des NS-Black-Metal und des Rechtsextremismus".)

Ich habe diese Erkenntnisse aufgegriffen und in der Vergangenheit mehrere Ausstellungsveranstalter über diese fachliche und meine persönliche Einschätzung unter Beifügung entsprechender Bilder und Schriften unterrichtet, ohne jedoch Konsequenzen zu fordern. Meine Bemühungen zur Beschäftigung mit der Problematik blieben ohne sichtbaren Erfolg.

Die Sachlage hat sich aber dramatisch seit dem 28.04.2008 verändert. Anläßlich einer museumspädagogischen Rahmenveranstaltung der Paderborner Ausstellung "Eine Welt in Bewegung" wurde puren Zufalls folgendes "enthüllt": Die Ulfhednar-Gruppe war unter großem Zulauf des Publikums aktiv. Die zunehmende Sonnenwärme führte am Nachmittag dazu, dass ein Mitglied sein Wams auszog. Es kam der bloße Oberkörper und Bauch zum Vorschein. Auf ihm war in gotischer Schrift eintätowiert: "Meine Ehre heißt Treue". Es handelt sich bekanntlich hier um den Leitspruch der SS. Ihn in der ßffentlichkeit zu nennen oder zu tragen, ist nach Strafgesetzbuch § 86a ein Straftatbestand. Ein Foto hat dies festgehalten und es liegt mir vor.

Liebe Kolleginnen und Kollegen: Diese Selbstenttarnung spricht für sich. Jede weiteren Worte meinerseits erübrigen sich. Ich fordere jede Wissenschaftlerin und jeden Wissenschaftler sowie jede Institution eindringlich auf, aus diesem Sachverhalt die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.

Gez. Prof. Dr. Albrecht Jockenhövel


Der in der Erklärung genannte Beitrag von Doreen Mölders und Ralf Hoppadietz, »Odin statt Jesus!« Europäische Ur- und Frühgeschichte als Fundgrube für religiöse Mythen neugermanischen Heidentums? findet sich in einer leicht überarbeiten Version auf der Website der Arbeitsgemeinschaft Theorie (T-AG):
www.theorieag.de/index.php?[…]

Hier heißt es speziell zu Ulfhednar: "Weiterhin kommt es in diesem Zusammenhang zu Handlungen und Darstellungen aus dem Bereich des neugermanischen Heidentums bzw. zur Verwendung von Symbolen aus diesem Bereich, für die es keine archäologischen Belege gibt. So werden vor allem im Bereich der Gruppen, die sich als "Kelten", "Germanen" und "Wikinger" verstehen, pseudo-germanische Symbole, Runen und alle Formen von Swastika-Darstellungen verwendet, um die Kleidung und die verschiedenen Ausrüstungsgegenstände zu schmücken. Ein Grund für die Verwendung neuheidnischer Darstellungen bildet die enge personelle Vernetzung eines Teils der Reenactment-Gruppen mit Mitgliedern aus dem Bereich des Pagan-Black-Metal und die Eigenwahrnehmung als Heiden. Als Beispiel soll hier auf die deutsch-polnische Reenactment-Gruppe "Ulfhednar" verwiesen werden, in der neben einem deutschen Archäologiestudenten und Archäologen aus Polen auch Mitglieder der (sich selbst so bezeichnenden) Pagan-Metal-Gruppen "Menhir", "Odroerir" und "Gernotshagen" aus Thüringen aktiv sind, von denen vor allem "Menhir" in verschiedenen Veröffentlichungen einem politisch extrem rechten Umfeld zugewiesen werden. Aufgrund der spektakulären Wirkung wird diese Gruppe immer wieder für öffentliche Auftritte engagiert. ... Damit übernehmen Gruppen wie "Ulfhednar" nicht nur die Funktion der experimentellen Archäologie, sondern auch die Vermittlung einer bildlichen Vorstellung der Ur- und Frühgeschichte.

An dem eben beschriebenen Beispiel wird zum einen deutlich, dass die neugermanischen Heiden, die sich in Reenactment-Gruppen organisieren, einen sehr starken Bezug zur Archäologie aufweisen. Allerdings beschränkt sich dieser Bezug ausschließlich auf die archäologische Sachkultur, deren möglichst exakte Nachbildung dazu dienen soll, den eigenen ßberzeugungen die gewünschte Historizität zuzuschreiben. Zum anderen wird deutlich, wie eng auch Bereiche der Archäologie mit solchen Gruppen zusammenarbeiten. Aufgrund der spektakulären Auftritte bedienen sich auch namhafte Institutionen und Museen solcher Darstellungen, um den Besuchern eine "Living History" zu liefern. Die personellen Vernetzungen der Mitglieder mit neugermanischen Heiden-Gruppen sind sicherlich im Einzelfall nur schwer zu überprüfen, allerdings scheint es doch bedenklich, wie unkritisch die Darstellung eines erfundenen prähistorischen Lebensbildes durch Fachwissenschaftler zugelassen, übernommen und damit weiter legitimiert wird. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der starken medialen Präsenz solcher Reenactment-Gruppen, die unwidersprochen ihre persönlichen Vorstellungen und Klischees von einer romantischen heidnischen Vorzeit in die ßffentlichkeit tragen können. Besonders unverständlich wirkt dieses (Nicht-)Handeln vor dem Hintergrund, dass sich der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie in ihren Fach- als auch populärwissenschaftlichen Publikationen kaum noch der Vorwurf der Tradierung eines völkischen Germanenbildes machen lässt. ... Es ist mit Sicherheit nicht zu verhindern, dass neugermanische Heiden oder Rechtsextremisten auf einzelne Aspekte der archäologischen Forschung zurückgreifen und diese in ihrem Sinne uminterpretieren. Allerdings kommt den Fachwissenschaftlern damit auch die Verantwortung zu, sich kritisch mit solchen (Um-)Deutungen auseinander zu setzen. In diesem Zusammenhang muss auch kritisch hinterfragt werden, inwieweit es gerechtfertigt ist, gerade im Bereich der regionalen Archäologie mit Begriffen wie "Identität" und "kulturellem Erbe" zu hantieren und damit durch die Hintertür doch eine kulturelle Kontinuität von der Prähistorie bis zur rezenten Bevölkerung zu kreieren.


Weitere Stellungnahmen und Diskussionsbeiträge sind ausdrücklich erwünscht. Eine ältere Diskussion unter dem Titel "Infiltration der Szene von rechts?!" [Taverne, Thread: Infiltration der Szene von rechts?!] erbrachte ja bereits einige Beiträge zu diesem Thema, wurde jedoch nach dem weiten Abschweifen vom eigentlichen Thema beendet. Aus der Erfahrung daher die Bitte, eng am Thema und den oben geschilderten Vorgängen zu bleiben.

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