Doch Dietrich, die Richtigstellung war nötig, denn der fast auschließliche Gebrauch des neuzeitlichen Wortes “Beinling”, womit in der “MA-Szene” die oberschenkelange “hose” verbunden wird, verschleiert die Existenz von knielanger, strumpfähnlicher Beinbekleidung, für die du “noch keinen Beleg” gesehen haben willst (vgl. Fund einer Socke in Nadelbindung aus dem englischen York, 10. Jh., siehe Hutschinson; sowie gestrickte Strümpfe aus der Schweiz vom 7. bis 12. Jh., Turnau 380. Die Autorin geht leider nicht näher darauf ein, ob diese Strümpfe Männern oder Frauen zugeordnet werden können). Strümpfe bzw. Strumpfähnliche Beinbekleidung für Frauen kann anhand von Strumpfgarnituren bereits in merowingischer Zeit nachgewiesen werden (vgl. Grab der Königin Arnegunde, gest. 580 oder Frauengrab 75 l, Kösingen, 7. Jh.). Bildbelege für weibliche Strümpfe in der Zeit zwischen 9. und 14./15. zu finden ist schwierig, da es üblich war, das Bein bedeckt darzusellen. Einen Hinweis liefert die Tafel 125 des Codex Manesse: Die Schnitterin, wahrscheinlich eine verkleidete Edeldame (sie trägt weiße Handschuhe!), trägt ein Kleid, das nur bis über die Waden reicht. Die entblößten Schienbeine und Füße sind schwarz dargestellt (Walther 257). Die erhaltenen Strümpfe dieser Zeit stammen fast ausnahmslos aus der katholischen Kirche oder gehören zu den deutschen Reichsinsignien. Sie wurden deshalb naturgemäß von Männern getragen. Dennoch spricht nichts dagegen, dass Frauen an diesem elementaren Kleidungsstück auch in der Zeit vom 9. bis 14./15. festgehalten haben. Andere Autoren benennen deshalb knielange Strümpfe ausdrücklich als Bestandteil der hochmittelalterlichen Frauentracht - leider ohne näher auf Quellen einzugehen (vgl. Thiel 112, siehe auch Loschek 440, siehe auch Koch-Mertens 152). Andreas Sturm ____ Literatur: Archäologisches Landesmuseum Baden- Württemberg, Hg. Die Alamannen. Stuttgart: Theiss 1997. ISBN 3-8062-1302-X. Bertram, Marion, Hg. Merowingerzeit: Die Altertümer im Museum für Vor- und Frühgeschichte. Mainz: Phillipp von Zabern. Hutchinson, Elaine. “Nalebinding”. Anglo-Saxon and Viking Crafts. Website. Regia Anglorum Publications. 1999. www.regia.org/naalbind.htm Koch-Mertens, Wiebke. Der Mensch und seine Kleider. Teil 1: Die Kulturgeschichte der Mode bis 1900. Düsseldorf und Zürich: Artemis & Winkler, 2000. ISBN 3-538-07103-9 Kühnel, Harry, Hg. Bildwörterbuch der Kleidung und Rüstung: Vom Alten Orient bis zum ausgehenden Mittelalter. Kröners Taschenausgabe 453. Stuttgart: Kröner 1992. ISBN 3-520-45301-0. Loschek, Ingrid. Reclams Mode- und Kostümlexikon. 4. Aufl. Stuttgart: Reclam, 1999. ISBN 3-15-010448-3. Thiel, Erika, Hg. Geschichte des Kostüms: Die europäische Mode von den Anfängen bis Gegenwart. 6., verb. und erw. Aufl. Berlin: Henschel, 1997. ISBN 3-89487-260-8. Turnau, Irena. “The Diffusion of Knitting in Medieval Europe”. Harte, N. B. and K. G. Ponting. Cloth and Clothing in Medieval Europe. Pashold studies in textile history 2. London: Heinemann, 1983.
Hallo Andreas, vielen Dank für die Richtigstellung. Wäre aber nicht nötig gewesen, denn die von Dir übermittelten Informationen liegen mir auch vor. Um aber Mißverständnisse zu vermeiden und eine lange Eingangs- Begriffserklärung zu sparen, habe ich mich der “modernen” Bezeichnungen Hose, Beinlinge und Socken bedient. Pontifikalstrümpfe aus dem HMA und Kniestrümpfe für Frauen im SMA beweisen das Tragen von Strümpfen durch beide Geschlechter im gesamten MA? Klingt für mich so, als ob die Existenz von Kilt und Minirock beweisen, daß im 20. Jhd. von beiden Geschlechtern Röcke getragen wurden.
Hallo Dietrich, Beitrag 4: Hosen sind mittelalterlich. Der mittelhochdeutsche Begriff “hosen”, ahd. “hosa”, bezeichnet eine strumpfähnliche Beinbekleidung und leitet sich vom germanischen “huson” her, was “Unterschenkel- oder Beinbinden” bedeutet. Die mhd. “hosen” waren ursprünglich Halbstrümpfe, die sich dann zunächst bis zu den Knienkehlen verlängerten und schließlich auch über das Knie hinaus zum “klassischen Beinling” anwuchsen. Die Verlängerung beginnt bereits bei den Karolingern im 9. Jh. und drängt allmählich die lange oder knielange Hose germanischen Ursprungs (“bracca, brouch”) zurück (vgl Koch-Mertens und Thiel). Aus diesen überlangen Strümpfen hat sich im Laufe des 15. Jahrhunderts schließlich die moderne Hose entwickelt. Da diese Urform der Hose immer paarweise getragen wurde, hat sich bis heute der Begriff ein Paar Hosen (engl.: a pair of trousers) erhalten (Kühnel 27 - 28, siehe auch Loschek 258). Der Begriff Beinling ist neuzeitlich und leicht irreführend, denn “hose” kann die Beinbekleidung offenbar unabhängig von der Länge bezeichnen. Das Wort “Strumpf” ist erst ab dem 13. Jh. bezeugt und bedeutet ursprünglich und z. T. bis ins 18. Jh. “Stumpf” oder “Rumpf”. Erst seit dem frühen 16. Jh. erlangen “Strumpf” und “Hose” langsam den heutigen Sinn (Loschek 439). Neben den langen “hosen” wurden auch weiterhin knielange Strümpfe verschiedener Form getragen. Neue, mir vorliegende Beispiele für knielange Strümpfe sind die Pontifikalstrümpfe des heiligen Desiderius um 1100, die aus Seide geschneidert sind und die Pontifikalstrümpfe des hl. Germanus, eine Nadelarbeit in Leinen aus dem 12. Jh. (beide heute im Musée jurassien d´art et d´historie, Delémont; Koch-Mertens 142 - 143). Die Darstellung einer herrschsüchtigen Frau aus dem SMA belegt die Verwendung von Kniestrümpfen bei Frauen. Strümpfe wurde also auch im Mittelalter von beiden Geschlechtern getragen. Hallo Oliver, Beitrag 12: Wie eben angeführt, können hochmittelalterliche Strümpfe durch Nadelbindung hergestellt werden, sind es aber nicht immer. Tatsächlich scheint die Nadelbindung im zentraleuropäischen Raum des FMA/HMA immer mehr durch das Stricken verdrängt worden zu sein. Nadelbinding-Produkte finden sich oft in der liturgischen Mode. Kircheninventare listen viele kostbare Fingerhandschuhe auf, die entweder gestrickt oder eine Nadelarbeit waren. Strümpfe konnten genauso wie Beinlinge aus Stoff geschneidert werden (siehe hl. Desiderius, Koch Mertens 143; Seidenstrumpf aus Halberstadt, 14. Jh., Loschek 440 oder die Beinlinge aus dem Grab Kaiser Konrads II. von 1093, Ditmar-Trauth 89). Die dritte Variante sind gestrickte Strümpfe oder sogar Beinlinge wie die des Bischofs Konrad Sternberg, der 1192 in Worms beerdigtwurde (Turnau 380). Genauso wie die “hosen” müssen Strümpfe nicht zwingend mit Füßlingen ausgestattet sein. Eine spätmittelalterliche Darstellung der ursprünglich 4 Reliquen der Aachener Heiligtumsfahrt zeigt ein Paar wahrscheinlich knielange Strümpfe mit Steg. Diese Reliquien sind mittlerweile verloren gegangen. Eine selten gezeigte Kombination offenbart die Darstellung Heinrichs des Zänkers von ca. 995 im Regelbuch des Nidermünsters von Bamberg: Er trägt auffällig gemusterte “hosen”, die weder einen Fußteil noch einen Steg besitzen und darunter separate Socken (Ditmar-Trauth 51). Hallo Claudia, Beitrag 11: Die betonte, nach oben gebogene Spitze, die beim Zusammennähen des Fußteils entstehen, sind eine Eigenart dieser speziellen Konstruktion. Du kannst den Grad der Spitze dadurch regulieren, dass du den Kurvenzug abflachst. Willst du diese Spitze vollkommen vermeiden, mußt du einen anderen Schnitt wählen, z.B. den eines dreiteiligen Beinlings mit einer echten Sohle. Demnächst werde ich meine Homepage auch um ein mögliches Schnittmuster der Strümpfe des hl. Desiderius erweitern, die anders konstruiert sind. Einen Aufsatz zur Nadelbindung und zum Stricken im Mittelalter und Schnittmuster für “hosen” und Strümpfe findet der interessierte Leser auf meiner Homepage in der “Kostümkunde für re-enactors”: www.oih.rwth-aachen.de/~sturm Thiel, Erika, Hg. Geschichte des Kostüms: Die europäische Mode von den Anfängen bis Gegenwart. 6., verb. und erw. Aufl. Berlin: Henschel, 1997. ISBN 3-89487-260-8. Turnau, Irena. “The Diffusion of Knitting in Medieval Europe”. N. B. Harte and K. G. Ponting. Cloth and Clothing in Medieval Europe. Pashold studies in textile history 2. London: Heinemann, 1983.
Hallo, gibt es Belege für nadelgebundene ( nadelgebindingte :0) ??)Socken aus dem HMA - oder schriftliche Belege? Wenn ja, würde ich mich über einen Literaturverweis freuen. Grüße, Patrick.
Guten Tag! Also: 1. Warum soll es denn im HM kein Nadelbinding mehr gegeben haben? Blödsinn. Und Nadelgebundene Socken taugen für Männlein und Weiblein. Ich weis es, meine Frau nadelbindet wie wild… 2. Beinlinge mit Füßen sind o.k. Aber bedenkt bitte, daß nicht alle im HM beinlinge trugen. Und die hatten dann wieder? Richtig! Socken, und zwar Nadelgebundene. Oder die Armutsvariante Fußlappen. Die sind allerdings richtig gebunden auch ganz toll warm. 3. Beinlinge für Frauen. Diese kenne ich jetzt nur als Trachtbestandteil der Merowingerzeit. Und da hatten die beileibe nicht immer einen angesetzten Fuß. 4. Stroh. Kann ich mir gut vorstellen, weis ich aber nicht. Fußlappen sind da aber wahrscheinlicher. Schon aus dem Grund, daß der allseits bekannte “Lumpensammler” aus alter Kleidung unter anderem auch Fußwickel machte (und nicht nur Toilettentücher). Ja, nehmt es so hin, so hab ich es jedenfalls gelernt. Oder belehrt mich eines besseren. Aber bitte konstruktive Kritik.
Hallo, ich habe versucht, nach der Anleitung in der Bibliothek Struempfe zu schneidern. Erste Versuche haben gezeigt, dass die Fussspitze so nicht hinkommt. Das gibt so eine komische Tuete. Die wuerde zwar prima in Schnabelschuhe passen ;-)), ist aber irgendwie unangenehm. Ich habe die Spitze etwas veraendert und jetzt scheint´s zu gehen. Wenn ich fertig bin, gibt´s ´nen Erfahrungsbericht. Frage an die Experten: Wo kann man diesen ominoesen Halberstaedter Strumpf in natura besichtigen? Oder kommt Otto Normalverbraucher nur an Bilder ran? Die Sache mit dem feuchten Stroh kann ich mir nur schwer vorstellen. Eine Grundbedingung fuer warme Fuesse ist bei mir, dass selbige *trocken* sind. Ausserdem isoliert trockenes Material deutlich besser. Trockenes Stroh oder Heu hingegen kann ich mir sehr gut vorstellen. Die Lappen in Norwegen haben noch bis in die vierziger Jahre ihre traditionellen Schuhe getragen - die werden mit Gras ausgestopft. Dazu braucht man wohl eine spezielle Technik, sonst werden die Dinger unfoermige Klumpen und scheuern. Etwas Aehnliches kann ich mir auch fuer´s Mittelalter vorstellen. Ist halt wie mit den russischen Fusslappen: koennen muss man´s… Seid gegruesst, Claudia
Hallo, zum Damenstrumpf gibt es nähere Infos und Schnittmuster in der Bibliothek unter Gewandungen oder so ähnlich. Und zur Geschichte des Strickens gibt es hier auch irgendwo einen thread. Ich trage jetzt seit einer Saison Mittelalter-Schuhe ohne Strümpfe und hatte bis jetzt damit keine Probleme - auch nicht bei naßkaltem Wetter (allerdings bin ich auch ein notorischer Barfußgänger, wann immer es geht - meine Füße sind also sicherlich recht angehärtet). Wenn man die Schuhe immer gut fettet, hat man auch mit Feuchtigkeit kein Problem. Ruth
Hallo Patrick Pieken, nicht wenn das Stroh feucht, bzw. nass ist, zumindest hab´ ich dank meiner Hornhaut noch keine Strohhalme in der Fusssohle stecken gehabt, und Filz, piekt das nicht auch, zumindest ein bischen :-)
Hallo zusammen Also das Ausstopfen mit Stroh ist sehr gut geeignet die Füße warm zu halten… vor allem muss das Stroh feucht sein, was bei meinen Füssen nie ein Problem ist:-) Das nasse Stroh zersetzt sich langsam in den Schuhen, dadurch wird Wärme frei und auch wenn es nicht unbedingt angenehm riecht, so hat man doch immer warme Füsse… Von Socken weiß ich auch nix, aber ab wann wurde denn gestrickt??? Vorstellbar wäre das ja schon… Und so eine Art Winterinnenschuh aus Fell??? Fragen über Fragen, was hat man im Schuh getragen… Bis demnächst, Tim
Hallo Leute, gut sitzende Schuhe schaden einem nackten Fuß ganz sicher nicht. Ich habe mir für meine Schuhe Filzsohlen gefilzt und gute Erfahrung damit gemacht. Der Filz wärmt und hält durch das enthaltene Wollfett die Nässe von Unten ab ( besonders toll bei Schuhen , die nur eine Sohle haben ). Wikis sollen sich ihre Schuhe mit roher Schafswolle ausgestopft haben… Damenstrümpfe sehen eigentlich so aus wie zu kurz geratene Beinlinge (mit Fuß) und werden über der Wade mittels eines Bandes gebunden. Als Material würde ich Leinen oder Wolle nehmen. Grüße, Patrick.
und die Strümpfe für Frauen? Wie sahen die aus? In der Form heutiger Socken? Und aus welchem Material waren sie? Und in welcher Machart? Naalbinding is ja laut meien Infos im MA nicht angesagt… INPUT, bittebitte!
Hallo Thomas. Schuhe waren im Mittelalter keine Massenware; es gab keine Serienherstellung, jeder einzelne Scuh war speziell für den jeweiligen Träger gefertigt. Bundschuhe sind nicht mittelalterlich, sondern frühgeschichtlich. Der späteste Fund sind Kinderschuhe von der Saaalburg, 2. Jhd. nach Christus. Bezüglich der Hosen- von welcher Zeit reden wir hier? Falls es das Hochmittelalter ist- was für Hosen? Beinlinge sind angesagt! Und die haben in den meisten Fällen einen angesetzten Fuß. Und falls kein Fuß dran ist, ist es ein Steg unter dem Fuß, sonst rutscht Dir das gute Stück die Wade hoch. Für regelrechte Socken oder Strümpfe habe ich noch keinen Beleg gesehen; es gibt besagte Fußlinge, es gibt Strümpfe für Frauen, aber Männerstrümpfe habe ich noch nicht gesehen. Kann natürlich auch daran liegen, daß einfach nirgendwo welche abgebildet sind, noch welche gefunden wurden. Zu Deinem Trost: ich trage seit meinem Einstieg in´s Hobby keine Socken in den Schuhen, und es hat meinen Füßen noch nicht geschadet.
Thomas: Beinlinge ohne Fußteil ? Meines Wissens waren Beinlinge immer mit Füßen. Jedensfalls kenne ich keine andere Variante. Bei sämtlichen Bildern die ich kenne, verschwinden die Beinlinge in den Schuhen. Das geht IMHO nur mit Füßen oder min. Stegen. Schuhe und Massenware ? Schuhe, sowie viele andere Fertigprodukte wurden meist nach Bedarf gefertigt. Dementsprechend dürften sie schon ziemlich gut auf den Träger angepaßt gewesen sein. Zum Thema Stroh: Eine Freundin hat das in Tannenberg probiert, es klappte recht gut und gab warme Füße.
Morgen, Thomas, das Scheuern beim Tragen der Schuhe mit blanken Fuß ist nach unserer Erfahrung weniger das Problem. Wohl aber, daß Du kalte Füße bekommen kannst. Ja, es gab Strümpfe. Wurde nicht teilweise auch mit Stroh ausgestopft? Alles weitere bitte von den Spezialisten. Joachim
Hallo zusammen! Ich frage mich was das einfache Volk IN den Schuhen getragen hatt, wenn es sowas gab? Wenn man nicht gerade Beinlinge trug die über die Füße gehen, sondern eine einfache Hose hatte, trug man die Schuhe dann am blanken Fuß oder gab es sowas ähnliches wie Socken aus z.B. Filz oder Stoff?? Ich denke das beim tragen der Schuhe am blanken Fuß, es doch ziemlich gescheuert haben muß!? Bei Bundschuhen dürfte das nicht das Problem gewesen sein, weil die dicht anliegen. Aber bei genähten Schuhen die Massenware waren und nicht gerade auf das perfekte Maß gearbeitet waren; wie sah es da aus?????? Kurzgesagt: Gab es sowas wie Socken??? Falls ihr diesbezüglich Informationen habt, Danke schon mal im vorraus!!