Thema als Feed (RSS 2.0) Thema als Feed (ATOM 1.0) Das einfache Volk und die Kunst

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Eintrag #1 vom 04. Okt. 2008 17:00 Uhr Linda Eter  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Linda Eter eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Das einfache Volk und die Kunst

Hallo,
ich arbeite zurzeit an einem Projekt, indem es vor allem um das einfache Volk im Mittelalter und deren bezug zur Kunst geht.
Dabei will ich vor allem herausfinden, inwiefern sie mit der Kunst in Berührung kamen und inwiefern man sie dadurch beeinflussen konnte.
Mir ist bekannt, dass in erster Linie Mundpropaganda für die Verbreitung von Nachrichten und eventuell auch für gewisse Vorurteile im Mittelalter verantwortlich waren.
Nun stellt sich mir die Frage ob vielleicht auch die Kunst einen gewissen Einfluss verübte.
Dabei ergaben sich einige Fragen… unter anderem :
- hatten sie überhaupt Kontakt mit Kunst ( Gemälde, Skulpturen, evt. Gebäude …) und wie wurde sie wahrgenommen “ religiöse, politische, private Aspekte ( wurde sie überhaupt wahrgenommen? )
- gab es auch einflussreiche Künstler aus dem einfachen Volk
- war die Kunst in den Adelskreisen und die des einfachen Volkes sehr unterschiedlich
- wurde Kunst auch als Suggestionsmittel eingesetzt?
- Kunst als Schrift des einfachen Volkes?
- In der Geschichte kam es öfters vor, dass Kunst für Propagandazwecke benutzt wurde (z.B. frz. Revolution: Der Tod des Marat von Jacques-Louis David ” dieses Bild verübte großen Einfluss auf die Jakobinischen revolutionäre) meine Frage, gab es solche Fälle auch im Mittelalter?
Natürlich sind das nur einige Grundüberlegungen bei denen ich mich dennoch schwer tue sie zu erörtern.
Das hapert schon daran, dass ich kaum Lektüre finde, die auf diese Aspekte eingeht.
Es würde mir wirklich sehr helfen, wenn mir jemand einige dieser Fragen beantworten könnte oder Denkanstöße geben könnte, die ich bis jetzt noch nicht unter Betracht gezogen habe. Auch Diskussionen sind erwünscht =)
Auch wenn mir jemand Lektüre nennen kann, die dieses Thema behandelt oder anschneidet, wäre mir sehr geholfen!!!
Vielen Dank schon mal im Voraus!!

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Eintrag #2 vom 05. Okt. 2008 18:49 Uhr Dr. Nicole Schneider  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Dr. Nicole Schneider eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Was gab es denn überhaupt an "Kunst" in welchem Mittelalter?

Und in welchem Kontext ist sie entstanden.
Welche Kunstwerke des Mittelalters haben bis heute überlebt? Entsprechen sie dem, was es tatsächlich an Kunst gab? Man weiss, dass die Figuren der Kathedralen früher knatschfarbig gewesen sind (Ste. Chapelle, insbesondere Kathedrale von Amiens), heute sind sie alle weiss. Welchen Einfluss hat das auf Farbsymbolik bzw. deren Interpretation?
Im Mittelalter:
Malerei: Beispielsweise Psalter etc - meist Privatbesitz Hochadeliger, angefertigt in Klöstern (Kreuzfahrerbibel).
Ausnahme Codex Manesse. Auftragsmaler.
Glasfenster der Kirchen. Handwerker
Skulpturen an Kirchen, an Kathedralen und als Grabmale wichtiger Personen. Steinmetze.
(Es scheint in Paris einen Steinmetzazubi namens Gisebertus gegeben zu haben, der später zu einem berühmten Skulpteur wurde, mehr weiss ich dazu auch nicht.)
Emaillearbeiten aus Limoges. Meist religiöser Zusammenhang (Reliquienkästchen) oder Gebrauchsgegenstände.
Goldschmiedearbeiten, Gürtel etc: Gegenstände des täglichen Gebrauchs, Handwerk.
Keramik und Gläser: ebenfalls keine freie Kunst, sondern zweckgebunden.
Die Skulpturen, Glasmalereien etc der Kirchen dienten in erster Linie dazu, der Bevölkerung, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig war, Inhalte der Bibel und impliziert eine bestimmte Lebenshaltung zu vermitteln. “Seid gute Christen und ihr werden im Jenseits belohnt”.
Im Spätmittelalter (Ende) kam bei reichen Bürgerlichen Auftragsmalerei zur Selbstdarstellung ins Spiel.
Um Deine eingangs gestellten Fragen beantworten zu können, musst Du meines Erachtens Deinen Ansatz ändern.
MfG
Nicole

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Eintrag #3 vom 06. Okt. 2008 08:39 Uhr Iris Gillessen-Brandt  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Iris Gillessen-Brandt eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Fragenkatalog I

Guten Morgen!
Der Begriff “Kunst” in unserer heutigen Definition paßt meiner Meinung nach nicht ins Mittelalter. Künstler gab es damals nicht, es gab Maler, Steinmetze, Goldschmiede und andere Handwerker, die sich als eben solche definierten. Sie waren zumeist in Zünften organisiert und konnten ihren Beruf durch Lehrjahre bei einem Meister erlernen. “Künstler”, also eben Maler, Steinmetze, etc. kamen in der Regel aus dem einfachen Volk, gab es also einflussreiche unter ihnen, so waren sie dennoch einfache Leute. Das läßt sich anhand verschiedener Biographien leicht belegen. Einige wenige Ausnahmen bilden hier die malenden Mönche, beispielsweise Fra Angelico. Insgesamt kann gesagt werden, dass die Berühmtheit von Kunsthandwerkern und somit die ßberlieferung von Namen und Lebensgeschichten eine Erfindung der Renaissance, speziell der italienischen Renaissance ist und auf Antonio Vasari de.wikipedia.org/wiki/Vasari zurückgeht.

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Eintrag #4 vom 06. Okt. 2008 09:20 Uhr Iris Gillessen-Brandt  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Iris Gillessen-Brandt eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Fragenkatalog II

Die Frage zum Kontakt mit Kunst im Mittelalter ist meiner Meinung nach undeutlich formuliert, da im Vorfeld die genaue Definition des Begriffes fehlt. Kunst kann sowohl rein dekorativen, als auch vermittelnden Charakter haben, was den Fragenkatalog noch erweitern würde. Dekorative Kunst liegt in der Natur des Menschen und findet sich durch alle Zeitalter. Vermittelnde Kunst findet ihre Perfektion in der Kirchenkunst des MA. Natürlich sind die einfachen Menschen des MA mit Kunst in Kontakt gekommen Die Frage ist, ob sie mit allen damals verfügbaren Aspekten von Kunst in Berührung kamen. Ein einfacher Handwerker wird wahrscheinlich sein Leben lang kein ausgemaltes Stundenbuch zu Gesicht bekommen haben. Die Ausmalungen von Kirchenschiffen, Rathäusern, etc. waren aber auch ihm zugänglich. Je nach Region gibt es neben Architektur, Kirchenkunst und Alltagskunst (Keramik, Dekoration von Gebrauchsgegenständen, etc.) auch noch spezielle Ausrichtungen. So war es etwa im Florenz des 14. und 15. Jh üblich, aktuelles politisches Tagesgeschehen an die Außenwände des Bargello zu malen. Hier läßt sich dann auch recht schnell eine Antwort auf die Frage nach der Propaganda in der mittelalterlichen Kunst finden, denn diese Wandmalereien dienten keinem anderen Zweck. Auftragskunst erfüllt immer auch einen Propagandazweck. Dies trifft besonders auf die Malerei und die Bildhauerei in Kirchen zu, da hier oftmals die Darstellungen von Stiftern berücksichtigt werden.(Bsp. Genter Altar) Bei vielen Kirchebauten war es notwendig, aber auch erwünscht, die Seitennischen den Stifterfamilien als persönliche Kapellen zu überlaßen (Was diese “Nischen” teilweise groteske Ausmaße annehmen ließ). Diese waren dann auch für die Ausschmückung verantwortlich. Zum einen konnte so der Ruhm und Reichtum der Familie gezeigt werden, zum anderen konnten sich die Familienmitglieder hier von den Malern verewigen laßen. Dass diese Darstellungen in der Regel mehr als positiv für die Auftragggeber ausfiehlen und so deren Bild in der ßffentlichkeit schönte, ist obligatorisch.
Der Aspekt der Wahrnehmung von Kunst als solche ist vermutlich anders gewesen als heute, da, wie im ersten Beitrag bereits erwähnt, Künstler eher als Handwerker angesehen wurden denn als individuelle Künstler im modernen Sinn. Dieses andere Berufsverständniss läßt sich durch die Tatsache untermauern, dass viele namhafte Maler des Mittelalters Werkstätten unterhielten, in denen oftmals von Lehrlingen und Gesellen vorproduziert wurde und der Meister selbst nur noch die letzten wichtigen, weil prägnanten Pinselstriche und seine Signatur einzufügen brauchte. Diese Praxis, heute als verpönnt, gar als betrügerisch zu bezeichnen, war damals gängig und ist für verschiedene wichtige Maler belegtbar.

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Eintrag #5 vom 06. Okt. 2008 09:50 Uhr Iris Gillessen-Brandt  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Iris Gillessen-Brandt eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Fragenkatalog III

Unterschiede in der Kunst an Adelshöfen und der Alltagskunst in einfachen Haushalten laßen sich auf verschiedenen Ebenen festmmachen. An den Adelshöfen gab es eine Form von Kunst, nämlich die der mitteilenden, politischen, dekorativ-verschönernden Kunst, die sich in den einfachen Haushalten vermutlich nicht fand, da sie a. nicht zu finanzieren war, b. nicht gebraucht wurde. Das, was uns heute noch als “mittelalterliche Kunst” begegnet ist entweder Kircheninventar oder diente zu Repräsentationszwecken oder beides. In den seltensten Fällen haben wir es mit Alltagskunst zu tun, wie man sie sich auch für das einfache Volk vorstellen kann.
Sicherlich gibt es hier Ausnahmen, die regional mal mehr, mal weniger gut erhalten sind (Bsp. Architekut: Fachwerkbauten).
Die zweite Ebene der Unterschiede betrifft die Qualität der Kunst. An Adelshöfen wurden die Arbeiten von professionellen Handwerkern ausgeführt, die unter finanziell und technisch besten Vorraussetzungen arbeiten konnten. Diese Vorraussetzungen fehlten unter den einfachen Menschen. Auch hier wurden Alltagsgegenstände dekorativ bemalt oder sonstwie verziert, allerdings nicht unter den gleichen Voraussetzungen bezüglich Zeit und Aufwand. Dies wird besonders am Beispiel erhaltener Keramiken deutlich.
Ich hoffe, ich konnte helfen. Für Fragen und Belege einfach per PN melden, such dann die paßenden Sachen raus.
Liebe Grüße,
Iris

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Eintrag #6 vom 07. Okt. 2008 13:42 Uhr Katrin Auer  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Katrin Auer eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Kunst versus Kunsthandwerk

Wie Iris schon so schön geschrieben hat, hängt alles davon ab, wie man Kunst überhaupt definiert.
Mir fallen dazu auf Anhieb einige Siedlungsfunde aus dem FMA ein, wo Gebrauchsgegenstände wie z. B. Kämme, Spinnwirtel oder Holzlöffel _kunst_voll beschnitzt oder verziert wurden.
Ob man das als Kunst oder als Kunsthandwerk ansieht, ob man glaubt, dass einfache Menschen sich, weil sie es schön fanden, so etwas machten oder es vielleicht nur für höhergestellte Personen herstellten?
Ich weiß es nicht. Aber es wäre vielleicht auch ein interessanter Aspekt einer solchen Arbeit.

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Eintrag #7 vom 07. Okt. 2008 19:45 Uhr Linda Eter  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Linda Eter eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Kunst indirekt betrachtet

Vielen Dank für die zahlreichen antworten!!
Die haben mir wirklich weitergeholfen und vor allem meinen Horizont erweitert ( gemeint ist damit, dass ich meine Frage wohl auch noch auf anderen Bahnen bedenken musste “|. Daa habt ihr nun davon haha)
Unter anderem kamen mir dann noch folgende Dinge in den Sinn:
(ich würde mich freuen wenn der Eine oder Andere mir die fehlende Festigkeit meiner teilweise recht weit vom Thema abschweifenden Assoziationen geben kann”| vielleicht wird mir dann auch wieder klar was ich damit meinte lool)
Ich erinnere mich, dass ich vor ein paar Jahren mal so ne Art mittelalterliche Werbung gesehen habe. Dort wurde für eine Privatschule geworben. Es war ein Bild wo auf der linken Seite ein Schulmeister abgebildet war “ und auf der rechten Seite Menschen verschiedenen alters. (selbst Frauen) Dieses Bild war zwar vor allem ein Beispiel für den Rückgang des Analphabetismus und entstand auch erst Anfang des 16 Jh. (wenn mich nicht alles täuscht 1516 oder 17) ” allerdings könnte es sein, dass sich auch ähnliche Beispiele finden lassen, die etwas früher datiert sind. (Wobei ich auch eingestehen muss, dass ich mir nicht sicher bin ob dieses “Angebot” auch für die ßrmeren galt)
Ein ganz anderer Aspekt, der “ meiner Meinung nach ” im gewissen Sinne ebenfalls mit Kunst in Verbindung steht, ist die Entstehung des katalanischen Weltatlasses um 1375. Es entstanden ja viele skurrile “Weltkarten” “ auch die Geschichten Marco Polos gingen umher. So findet man auch häufig irgendwelche Skizzen/Zeichnungen von Fabelwesen /Monster. Ich vermute, dass das abergläubige Volk sicher solche ”Kunstwerke“ zu Gesicht bekommen hat. Jedenfalls müssen sie davon Gehört haben. Denn es gibt einige Fragmente worin darüber gesungen wird. Wenn sie nun auch solche Zeichnungen gesehen haben, wäre es für mich optimal lol
Wo ich jetzt schon mal bei Tieren bin, frag ich mich inwiefern das Falkenbuch, welches Kaiser Friedrich schreiben und ausmalen ließ (interessante Devise aus dem Buch: ”zu zeigen, was ist, wie es ist“) oder auch andere Jagdbücher mit der Allgemeinheit zu tun hatte. Alles was ich darüber weiß, ist, dass lediglich - was den künstlerischen Aspekt angeht - ein Zuwachs an detailtreue stattfand. (deswegen auch die Devise)
Wie ihr ja schon gesagt habt, war Kunst eng mit dem religiösen verbunden. So gab es einerseits die Glasmalereien, welche biblische Szenen darstellte, und somit das Bürgertum indirekt informierte. Das meinte ich auch mit meiner Frage ”Kunst als Schrift des einfachen Volkes“ ”| indirekt haben sie die Bilder ja gelesen. (Sehe ich das Falsch?) So wie ich das jetzt verstanden habe, gab es auch Zahlreiche Alltagsgegenstände wo evtl. auch Alltägliche Szenen abgebildet waren. Könnte man vielleicht nicht auch annehmen, dass einige dieser Gegenstände durchaus auch als “Gebrauchanleitung” zu handhaben waren? (ist jetzt ein bisschen unglücklich ausgedrückt uu;;)
Sooooo und zum Schluss noch ein ganz wichtiger Punkt, bei dem ich jede noch so kleine Information gebrauchen könnte. Und zwar: Flugblätter. Flugblätter mit aufklärenden bzw. manipulierenden Bildern drauf gab es bereits im Mittelalter. Zum größten Teil waren sie wohl oder übel religiöser Natur. Aber ich habe mir sagen lassen, dass man damals ein ausgeklügeltes Kommunikationsnetz besaß. (bestes Beispiel dieser Flugzettel kann man wohl bei den Bauernkriegen finden“| nur leider gehören die nicht zum Mittelalter”| aber ihr wisst was ich meine ^_^)
Inwieweit kann man das zurückverfolgen bzw. wo finde ich darüber nähere Informationen?
@Iris: Deine Information mit dem Bargello hat mich sher interessiert! Könntest du mir vielleicht mehr informationen darüber geben? Mich würde vor allem interessieren, wer die News angemalt hat und ob private Initiative war. ( Soewas zählt zu was ich als “ausgeklügeltes Kommunikationsnetz” bezeichnete lol )
Liebe Grüße,
Linda

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Eintrag #8 vom 08. Okt. 2008 00:51 Uhr Dr. Nicole Schneider  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Dr. Nicole Schneider eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Abgrenzung

Gerade zu den Endpunkten hin finde ich persönlich eine Abgrenzung zur vorhergehenden oder folgenden Epoche schwierig. Von daher (als eingefleischter bekennender HoMi) tue ich mich schwer damit, Erscheinungen des beginnenden 16. Jahrhunderts als wirklich typisch mittelalterlich zu erachten.
In der Diskussion Kunst/Kunsthandwerk mag vielleicht die Autorenschaft mit eine Rolle spielen, zumindest in der Malerei. Erste namentlich genannte Künstler treten Ende 13. Jahrhundert in Italien auf, erst im 16. Jhdt gibt es die typischen “Meister”, die nun aber auch das reiche Bürgertum als Klientel brauchten (Wer ist Henne, wer ist Ei?).
“Entstehung des katalanischen Weltatlasses um 1375. Es entstanden ja viele skurrile ”Weltkarten“ ” auch die Geschichten Marco Polos gingen umher. So findet man auch häufig irgendwelche Skizzen/Zeichnungen von Fabelwesen /Monster. Ich vermute, dass das abergläubige Volk sicher solche “Kunstwerke” zu Gesicht bekommen hat.“
Nicht so lange die Bücher/Karten auf Pergament teuer in der Herstellung und Einzelherstellungen waren (Aufkommen der Druckerei in Europa Mitte 15. Jhdt). Aberglaube ist auch ein Wort, dass man zeitlich genauer einordnen müsste. In einer zeitgenössischen Abbildung von Elienor von Aquitanien wird diese mit einem Drachen kämpfend dargestellt. Kommt man schnell zum Trugschluss ”Drachen=Fabelwesen“. In der Tat war jedoch der Irrglaube/Unglaube damit gemeint, den sie bekämpfte.
”Jedenfalls müssen sie davon Gehört haben. Denn es gibt einige Fragmente worin darüber gesungen wird. Wenn sie nun auch solche Zeichnungen gesehen haben,“
Nicht nachweisbar sofern nicht explizit erwähnt. ”Ich kenne da jemanden, der kennt da jemanden, der hat da so eine Karte gesehen“.
”frag ich mich inwiefern das Falkenbuch, welches Kaiser Friedrich schreiben und ausmalen ließ (interessante Devise aus dem Buch: “zu zeigen, was ist, wie es ist”) oder auch andere Jagdbücher mit der Allgemeinheit zu tun hatte. Alles was ich darüber weiß, ist, dass lediglich - was den künstlerischen Aspekt angeht - ein Zuwachs an detailtreue stattfand.
Im Gegensatz wozu? Würde ich nicht unbedingt sagen, da die Italiener eh immer ein bisschen anders gemalt haben als die anderen.
Das Buch ist laut einigen Falknern, die auch Mittelalter betreiben ;-) noch heute Standardwerk in der Falknerei. Man kann den Spruch also ebensogut auf die Detailtreue im Wesentlichen (die Kunst mit dem Falken zu jagen), nicht jedoch zwangsläufig auf die Darstellung (“Kunst”) an sich beziehen. Viele Schriften sind eventuell detailgetreuer, als wir sie heute erleben - weil wir die Vorbilder im Gegensatz zum damaligen Menschen nicht kennen und darum der Schlüssel zur korrekten Interpretation fehlt.
“So gab es einerseits die Glasmalereien, welche biblische Szenen darstellte, und somit das Bürgertum indirekt informierte.”
Welches Bürgertum? Wann kam der Begriff des “Bürgers” auf? Wieso indirekt? Sie konnten nicht dran vorbeischauen und Religion war das bestimmende Element der damaligen Gesellschaft, jedenfalls über weite Teile des Mittelalters.
“Das meinte ich auch mit meiner Frage ”Kunst als Schrift des einfachen Volkes“ ”| indirekt haben sie die Bilder ja gelesen.“
Interessanterweise wirft Wikipedia unter ”Gutenberg“ heraus, dass von Kunst gesprochen wurde, damit aber um 1450 handwerkliches Können gemeint war. Kunsthandwerk war hauptsächlich Auftragsarbeit und entsprang nicht dem freien Willen zur Meinungsäusserung, wie das heute der Fall ist. Es war ein Broterwerb wie jeder andere.
”So wie ich das jetzt verstanden habe, gab es auch Zahlreiche Alltagsgegenstände wo evtl. auch Alltägliche Szenen abgebildet waren.“
Im Früh- und Hochmittalter nicht im Sinne antiker Amphoren. Aber mit Blattgold und Emaille verzierte Gläser sind Kunstwerke, auch wenn sie nichts Gegenständliches darstellen.
Könnte man vielleicht nicht auch annehmen, dass einige dieser Gegenstände durchaus auch als ”Gebrauchanleitung" zu handhaben waren? (ist jetzt ein bisschen unglücklich ausgedrückt u__u;;)
Kirchenfenster, Kirchenportale, Sachsenspiegel und die diversen Psalter und Bibeln mit Sicherheit. Schau erst einmal nach, welche anderen Gegenstände, die als Gebrauchsanleitung hätten fungieren können, es nachweisbar gab!
Es gab Abbildungen zu medizinischen Instrumenten - das waren mit Sicherheit Gebrauchsanweisungen, aber der Masse der Menschen nicht zugänglich.
Gute Nacht
Nicole

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Eintrag #9 vom 08. Okt. 2008 09:21 Uhr Katrin Auer  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Katrin Auer eine Nachricht zu schreiben.

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Liebe Linda,
wenn Du, was ich aus Deinem letzten Post herauslese, Dich konzentrieren möchtest auf Dinge wie Flugschriften oder Landkarten als Kommunikationsmedien, die dem einfachen Volk (vielleicht) zugänglich waren, dann rate ich dringend, Deine Untersuchung auf sehr spätes Spätmittelalter zu begrenzen.
Es mag eine Empfindlichkeit einer begeisterten Frühmi-Darstellerin sein, aber mich stört es, wenn “das Mittelalter” gesagt wird und eigentlich nur das Spätmittelalter (oder schon die beginnende Neuzeit?) gemeint ist.
Was ganz grob zum Frühmittelalter (ca. 500-1000 n. Chr.) gesagt werden kann zur Frage “Kunst / Kunsthandwerk als Ausdrucksform und Kommunikationsmittel für das einfache Volk” wäre m. E. dies:
- Handschriften auf Pergament: Sind vorhanden, dem einfachen Volk aber wohl nicht zugänglich.
- Dekoration von Kirchen (Skulptur, Malerei): war vorhanden, diente auch zur religiösen Bildung des Volkes und der Propagierung der Macht Gottes und der geistlichen und weltlichen Autoritäten.
- Runensteine im skandinavischen Raum: sehr interessantes, aber spezielles Thema, oft Kombination aus Schrift und Bild / Ornament. Sie erfüllten wichtige kommunikative Funktionen.
- Dekoration von Gebrauchsgegenständen: die von mir erwähnten Kämme, Spinnwirtel und Löffel (dazu käme auch noch Keramik) haben rein ornamentale Dekorationen. “Gebrauchsanweisungen” kenne ich in diesem Bereich nicht.
Also generell: am besten immer nur einen Teilbereich diskutieren und Vorsicht mit allgmeinen Aussagen über “das Mittelalter” oder “das Bürgertum”!

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Eintrag #10 vom 08. Okt. 2008 13:41 Uhr Dirk Hülsemann  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Dirk Hülsemann eine Nachricht zu schreiben.

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Ich unterstreiche den letzten Satz meiner Vorrednerin/schreiberin und werde vorsichtig sein mit pauschalierungen. Darum hier in Anführungsstriche was ich wärend meiner Ausbildung in zur Kunstgeschichte gehört habe:
“Der Lehrherr hat seinem Lehrlig das Handwerk beigebracht. Eigenintiative ließ daraus Kunstfertigkeit werden, aber der Auftraggeber machte ihn erst zum Künstler. Kunst fing erst an, als die Künstler selbstbewußt genug waren ihre Werke zu unterschreiben/signieren. Ausgenommen davon sind Kennzeichnungen wie die der Steinmetzen. Da solche Kennzeichnungen Tätigkeitsnachweise und Garantie war. Alles andere wurde in meinen Vorlesungen, von 1984-85, als Handwerk bezeichnet.”
Vieleicht hat sich ja in den 33 Jahren der Kenntnisstand geändert? Also weiter recherchieren :-)

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