Wenn die Datierung einer Quelle solchen Schwankungen unterliegt ist in meinen Augen doch die Frage weniger, welcher Wert jetzt für die quelle korrekt ist, sondern, ob sie für den angestrebten Zeitraum brauchbar ist.
Wenn die Fachwelt sich uneins ist, werden wir Hobbyisten die Frage sicher nicht abschließend klären.
Wenn ich aber eine Quelle habe, deren Datierungen irgendwo um meinen Zeitraum schwanken, und ich Vergleichsquellen habe, die ähnliche Dinge ziegen, dann verwende ich sie eben unter Vorbehalt mit.
Grade bei Bibeln oder anderen “Fantasie”werken(*) bin ich sowieso sehr vorsichtig, was die Interpretation der Abbildungen angeht. Hier ist eine Gegenprüfung unabdingbar, welche dann auch eine schwankende Datierung ausgleichen sollte.
Doof wärs halt nur, wenn für eine bestimmte Sache alle Quellen streitbar datiert werden.
(*)
Ich nenne Bibeln hier Fantasiewerke, weil die Abbildungen zum Teil keine realen existenten Dinge zeigen, sondern aufgrund des Textteiles oder zur Erzeugung einer bestimmten Stimmung Dinge einfügen, die nicht der Alltagskultur der ansonsten abgebildeten Zeit entsprechen.
Naja Thorsten Du musst bedenken, daß so ein Codex nicht mal eben innerhalb eines Jahres illuminiert worden ist. Oft ging der Prozess über mehrere Jahre, oft wurde ergänzt, hinzugefügt… etc. Deshalb bevorzuge ich die Datierungen die eine Fertigungs-Zeitspanne angeben.
Das Problem ist, fuerchte ich, dass man wenn sich nicht gerade ein hilfreicher (und authentischer!) Widmungseintrag irgendwo findet bei den meisten Manuskripten nach stilistischen Gesichtspunkten datieren muss. Das ist keineswegs auf karolingische Materialien begrenzt - ich war nicht eben erfreut als ich herausfand, dass ein sehr interessantes Bild ‘um 1050’ anderwaerts glatt gegen 1200 datiert wurde (oder ein Grabstein im Istanbuler Museum ‘Anfang 2, Jh n. Chr.’ der nun eindeutig alle Merkmale der Severerzeit aufweist). Bei den Karolingern ist es nur wesentlich akuter, weil wir nicht eben mit Vergleichmaterial gesegnet sind.
Ich bin kein Kunsthistoriker und kann folglich auch keine Datierung anbieten, wuerde im Zweifelsfall aber folgendes Vorgehen vorschlagen. Bei den meisten Manuskripten gibt es so etwas wie eine Konsensdatierung um die herum dann das Gezerre stattfindet. Die Unschärfe muss man akzeptieren - Stilkunde ist keine exakte Wissenschaft und je nach Epoche sin 20-100 Jahre keine grosse Zeitspanne. Ausreisser (wie 1000 fuer die Haimonbibel) sind da schon etwas schwieriger. Wenn es wichtig wird ist es wohl unumgaenglich, sich anzuschauen, woran die Datierung festgemacht wird und sich zu einer eigenen Meinung durchringen. Dazu muss man kein Experte sein, es genuegt, sich die Arguemnte anzusehen. Im Zweifelsfall ist ja auch “Was’n Quatsch, wir haben alle keinen Schimmer.” eine valide Meinung.
Und ich wuerde in jedem Fall zuerst die aktuellste Datierung nehmen. Die Arbeitstechniken sind in den letzten Jahrzehnten sehr verfeinert worden, und heutzutage geht man auch wesentlich wissenschaftlicher vor als noch z.B. 1960.