Thema als Feed (RSS 2.0) Thema als Feed (ATOM 1.0) Die mittelalterliche Messe

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Eintrag #1 vom 17. Dez. 2003 19:10 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Wie war die Messe damals?

In diesem Thread soll alles Wissen zusammengefaßt werden über die mittelalterliche Messe: Aufbau, Details, liturgische Kleidung, liturgisches Gerät, Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte, regionale Varianten, Primär- und Sekundärquellen zum Thema.
Ausdrücklich NICHTS hier verloren haben ßberlegungen dazu, wie eine Messe heute auf Mittelalter-Veranstaltungen durchgeführt bzw. dargestellt werden kann. Ich werde dazu einen Extra-Thread eröffnen (gleiche Rubrik, Titel: “Möglichkeiten der Darstellung einer Messe”).
Auf sachliches Informationen-Sammeln freut sich
Karen Thöle

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Eintrag #2 vom 17. Dez. 2003 19:48 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Geschichte der Messe

ßber die frühchristlichen Ursprünge der Messe weiß ich nicht mehr viel, meine aber, gelesen zu haben, daß es in den Versammlungen der Gläubigen zwar feste “Programmpunkte” gab wie z.B. Psalmensingen, der Sänger diesen Psalm aber lange noch frei wählen konnte.
Mit Beginn des Frühmittelalters haben sich dann regional unterschiedliche feste Liturgieformen, wahrscheinlich auch mit für die einzelnen Sonntage und Feste jeweils festgelegten Gebeten, Gesängen und Lesungen herausgebildet. Man unterscheidet die römische, die gallikanische (im Frankenreich), die mozarabische (in Spanien) und die ambrosianische (in Mailand) Liturgie.
Gegen Ende des 8. Jahrhunderts bat Kaiser Karl der Große Papst Hadrian um liturgische Bücher, um die Messe im Frankenreich an die römische Messe anzupassen. Er bekam Bücher für die sog. “Stationsgottesdienste” in Rom. Diese waren als Papstgottesdienste sicherlich aufwendiger, als für die meisten Kirchen im Reich machbar waren, außerdem waren damit nicht alle Sonntage und Feste abgedeckt, so daß diese Form der Messe unter Zuhilfenahme älterer (gallikanischer?) Bestandteile den fränkischen Bedürfnissen angepaßt wurde. Diese auf der römischen Liturgie beruhende Liturgie wird meist als “gregorianisch” bezeichnet.
Diese Liturgie bildete den Grundstock für die gesamte mittelalterliche Messe, wenn sie auch im Lauf der Jahrhunderte wiederholt erweitert und wieder zurechtgestutzt wurde. Regionale Sonderformen könne dabei noch lange erhalten bleiben.
Im 16. Jahrhundert führte das Tridentiner Konzil zu einer Reform der Liturgie. Zumindest für die gesungenen Teile kann ich sagen, daß das Ergebnis eine deutlich überarbeitete Version der Melodien in einer für die gesamte katholische Kirche verbindlichen Druckausgabe war.
Und für die Melodien gilt auch, daß sie im Laufe der Zeit (v.a. 18. Jahrhundert) an vielen Kirchen durch “zeitgemäßere” Lieder ersetzt wurden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde dann wieder der Druck aus dem 16. Jahrhundert als verbindlich erklärt, während zeitgleich am Kloster Solesmes versucht wurde, Liturgie und Kirchengesang wieder zum mittelalterlichen Vorbild zurückzuführen. Das “Graduale” und später das “Graduale triplex” des Kloster Solesmes machte im 20. Jahrhundert mittelalterliche Versionen der gesungenen Teile der Messe den Schola-Sängern wieder zugänglich. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ermöglichte das 2. Vaticanum es den katholischen Gemeinden, Gottesdienste außer in Latein auch in der Muttersprache abzuhalten. Das hat an den meisten Orten zu einer völligen Verdrängung des Lateins geführt.
Korrekturen oder Ergänzungen bitte hier posten!
Bis denn
Karen Thöle

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Eintrag #3 vom 17. Dez. 2003 19:58 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Aufbau der Messe

Die Grundform der mittelalterlichen Messe nach Karl dem großen ist (wie oben schon gesagt) auf die päpstlichen “Stationsgottesdienste” zurückzuführen.
Aufbau:
- Introitus-Gesang zum Einzug (Schola)
- Kyrie eleison (gesungen, vermutlich Schola)
- Gloria (gesungen, vermutlich Schola)
- Collecta (Gebet, Priester)
- Lesung (aus den Propheten oder Apostelgeschichte)
- Graduale, Alleluia (gesungen, Schola)
- Evangelienlesung
- Homilie (Auslegung)
- Gabendarbringung (durch die Gläubigen, dazu Offertoriumsgesang durch die Schola)
- Oratio super oblata (Gebet)
- Präfatio (“Hochgebet”, Priester)
- Sanctus (gesungen, vermutlich Schola)
- “Te igitur” (“Canon”, Priester)
- Pater noster
- Friedensgruß
- Agnus dei (gesungen, vermutlich Schola, während des Brotbrechens)
- Communio (gesungen, vermutlich Schola, während der Kommunion)
- Postcommunio (Gebet)
- Entlassung mit Segnung
Quelle: Arnold Angenendt: Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400 bis 900). Stuttgard u.a. 1990 (3. Auflage), S. 248-249.
Bis denn
Karen Thöle

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Eintrag #4 vom 18. Dez. 2003 12:56 Uhr Nikolaj Thon  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Nikolaj Thon eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Missarum Solemnia

Für die Entwicklung der römischen Messliturgie kann weiterhin als Standardwerk die zweibändige Arbeit des katholischen Liturgiewissenschaftlers und Katechikers Josef Andreas Jungmann (1889-1975) gelten:
Missarum Sollemnia. Eine genetische Erklärung der röm. Messe, 2 Bde., 1948, 1962 (5. Auflage)
Mit freundl. Gruß Nikolaj

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Eintrag #5 vom 18. Dez. 2003 13:15 Uhr Nikolaj Thon  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Nikolaj Thon eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Sarum

Nachzutragen wäre vielleicht noch, dass es an Texteditionen ma-licher Gottesdienste eine ganze Reihe gibt, nicht nur für den römischen bzw. gallo-römischen Ritus, sondern auch Sonderformen wir etw den in England gebräuchlichen Ritus von Sarum (= Salisbury), wobei wohl richtiger nicht von einem eigenen Ritus, sondern von einer Ritusvariante zu sprechen wäre (“Sarum Rite,” or “Use of Sarum,” refers to the body of liturgical ritual, text, and music used at the Cathedral of Salisbury, in southern England, in the later Middle Ages. That liturgy, in the 13th century, became the standard for many English non-monastic institutions – cathedrals (e.g. Hereford), minsters (e.g. York, Lincoln), churches, chapels, and colleges – up to the time of the Reformation in the 16th century. It differed from the Roman Rite of the time by having some of its own melodies and texts, and celebrating its own local feasts. Even where (as is mostly true) it used the same material as Rome, its melodies often had distinctive variants", zitiert nach: www.columbia.edu/cu/sarum/rite.html
Mit freundl. Gruß Nikolaj

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Eintrag #6 vom 18. Dez. 2003 14:29 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Liturgische Bücher

Zu Beginn des Mittelalters gab es für jede gottesdienstliche “Gattung” eigene liturgische Bücher:
- das Sakramentar für die Gebetstexte (geordnet nach Sonntagen und Heiligenfesten) sowie die verschiedenen Texte zur Präfation und zum Canon, auch hier für verschiedene Anlässe.
- das Lektionar für die Lesungen, als Sonderformen für die Evangelienlesungen
- Evangeliar bzw.
- Evangelistar. Das Evangeliar ist grundsätzlich angelegt wie eine ganz normale Bibelhandschrift mit den Evangelien; daß es für die Messe gebraucht wurde, ist allein dadurch kenntlich, daß es am Anfang oder am Ende der Handschrift ein Register gibt, welcher Text an welchem Sonntag bzw. an welchem Festtag gelesen wird, oder dadurch, daß die zum jeweiligen Text gehörigen Tage an den Rand der Seite neben den Bibeltext geschrieben wurden. Im Evangelistar hingegen sind die Evangelientexte in der Reihenfolge ihrer Lesung im Kirchenjahr angeordnet.
- das Antiphonar bzw. Graduale enthält die gesungenen Teile der Messe, nämlich einerseits die Propriumsgesänge (Introitus, Graduale, Alleluia, Offertorium, Communio), andererseits die Ordinariumsgesänge (die zumindest textlich gleich in jeder Messe auftauchen, nämlich Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus dei). Schon im 9. Jahrhundert werden vereinzelt Texte mit Neumen versehen, die auch die Melodie fixieren sollen, und ab dem 10. Jahrhundert sind Handschriften überliefert, deren Texte fast komplett durchneumiert sind - und durch Vergleiche mit späteren Handschriften eine Rekonstruktion der Melodien der frühmittelalterlichen Messe zumindest annäherungsweise möglich machen.
Diese Handschriften werden zumindest im 11. Jahrhundert schon vereinzelt in einem Buch zusammengefaßt: So enthält das Echternacher Sakramentar und Antiphonar (entstanden ca. 1030, www.finns-books.com/echterg.htm ) die Gebete und die gesungenen Teile, allerdings nicht in der Reihenfolge innerhalb der Liturgie, sondern erst alle gesungenen Propriumsstücke des jeweiligen Sonntags, dann alle Gebete des gleichen Sonntags. Im Laufe des Mittelalters werden allerdings die Missale-Handschriften immer wichtiger, die für jeden Sonntag die Gebete, Lesungen und Gesänge enthalten.
Danben gibt es noch eine ganze Reihe weiterer liturgischer Bücher, von denen ich hier sicher etliche vergessen habe:
- das Sequenziar, das die gesungenen sog. Sequenzen enthält, die in der hochmittelalterlichen Messe und häufig auch später gern nach dem Alleluia eingefügt wurden.
- das Tropar, das liturgische Texte/Gesänge und ihre Erweiterungen (sog. Tropen) enthält, die vor allem an wichtigen Festtagen die Messe bereicherten.
- …
Bis denn
Karen Thöle

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Eintrag #7 vom 21. Jan. 2004 19:59 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Liturgische Gewänder

Ich bin gerade dabei, über die liturgischen Gewänder zu recherchieren. Als wahre Fundgrube an Wissen hat sich dabei folgendes Buch herausgestellt:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert von Fr. Bock, Bonn, 1859-1871, in drei Bänden.
Der erste Band beschäftigt sich überwiegend mit den verwendeten Seidenstoffen und mit den Stickereien, der zweite Band mit den Formen der einzelnen Gewand-“Gattungen”, und der dritte Band Textilien, die in den Kirchenraum gehören.
Naturgemäß hat ein Buch dieses Alters keine fotographischen Abbildungen, allerdings sind die zahlreichen farbigen oder schwarzweißen Druckgrafiken mit großer Sorgfalt hergestellt, auch wenn die Abbildungen der Seiden-Musterungen manchmal zugegebenermaßen eher an Tapeten der 1950er Jahre erinnern.
Der Autor hat eine große Quellenkenntnis, er beschreibt unzählige Gewänder, die er in den verschiedenen Kirchenschätzen selbst angeschaut hat, bringt daneben auch Vergleiche aus der Buchmalerei sowie Schriftquellen. Das macht das Buch zu einer wertvollen “Einstiegslektüre”, denn wenn auch Einzelheiten heute sicherlich überholt sind, so sind doch die präsentierten Quellen und das Gesamtbild sicherlich nicht allzu falsch.
Ich werde versuchen, auf der Grundlage dieser Bücher in den nächsten Tagen einen ßberblick über die liturgischen Gewänder und ihre Entwicklung zu bringen.
Bis denn
Karen Thöle

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Eintrag #8 vom 22. Jan. 2004 15:22 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Kleidung des Priester Teil 1

Da mir vorhin ein wirklich _langer_ Text einfach so abgeschmiert ist, diesmal in kleinen Häppchen:
Die Kleidung des Priesters bei der Messe besteht (zumindest im HMA/SMA) aus folgenden Bestandteilen (von der untersten zur obersten Schicht):
Amikt bzw. Humerale, Albe, Cingulum, Stola, Manipel, Kasel.


Lexikon des Mittelalters, Artikel “Kleidung, II: Liturgischer Bereich”:
Die liturgische Kleidung hat sich aus der antiken Alltagskleidung entwickelt. Sie wurde zur speziell liturgischen Kleidung, als sich zwischen dem 4. und 9. Jahrhundert die Alltagskleidung im Gefolge der Völkerwanderung änderte.
Die Hauptbestandteile der liturgischen Kleidung liegen (zumindest in Rom) schon im 6. Jahrhundert fest, im 9. Jahrhundert sind sie im gesamten Abendland verbreitet. Im FMA kann man sie noch als Gewand sehen, mit zunehmender Verzierung, vor allem mit Stickereien, Besatz mit Edelsteinen u.ä., kann man sie als Ornat bezeichnen.
Den Farbkanon der liturgischen Farben gibt es seit dem 12. Jahrhundert.
Die Kasel ist seit dem 4. Jahrhundert die Amtskleidung des Klerus; zum Priestergewand wurde sie, seit die Dalmatik das Obergewand der Diakone ist.
Die Dalmatik ist (zumindest ursprünglich) ein weißes Gewand aus Wolle oder Leinen mit rotem ßrmelbesatz und zwei Mittelstreifen auf Vorder- und Rückseite. Im 4. Jahrhundert war sie ein Gewand des Papstes, wurde im 9. Jahrhundert allgemeine liturgische Kleidung; seit dem 11. Jahrhundert ist sie das Obergewand der Diakone sowie ein Teil des bischöflichen Ornates.
Das Pluviale (kann man als Halbkreismantel beschreiben, oft extrem verziert) gehört eigentlich zum bischöflichen Ornat, wird aber z.T. vom Priester auch an hohen Festtagen getragen: und zwar in der Matutin beim Altarinzenz (mit Weichrauch) und in der Vesper beim Magnificat. Als sogenannter Chormantel wird ein ähnlicher Mantel auch von den Kantoren beim Offizium (den Stundengebeten) getragen.
Bis denn
Karen Thöle

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Eintrag #9 vom 22. Jan. 2004 15:50 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Kleidung des Priesters Teil 2

Aus
Bock: Die Geschichte der liturgischen Gewänder (s.o. Eintrag 7):
Das Amikt bzw. Humerale ist ein Rechteck aus Leinen (kann bei einem kostbaren Ornat auch aus Seide sein), das über die Schultern gelegt wird, und das an den Ecken Bändchen hat, die um den Oberkörper gewickelt und vorne zusammengebunden werden. Ein Teil der Amikt soll am Hals wie ein Kragen sichtbar bleiben. Dieser obere, sichtbare Rand ist z.T. bestickt. Die Befestigung dieses Tuchs ist nicht einfach zu erklären, aber Bock hat eine Abbildung dazu.
Albe: Aus der antiken Tunika entwickelt. Der Name (weiß) kommt von der weißen Farbe des Leinenstoffes, aus dem die Albe typischerweise hergestellt wurde. Sie kann in Ausnamhefaällen auch aus Seide sein. Seit dem 10. und 11. Jahrhundert ist bei bischöflichen Alben oft der ganze untere Saum bestickt, ab dem 12. und 13. Jahrhundert bei priesterlichen Alben nur vorne und hinten je ein Rechteck.
Cingulum: Der Gürtel. Im Mittelalter keine Kordeln, sondern Leinenstreifen oder Borten, in weiß oder in den liturgischen Farben. Entweder mit Fransenabschlüssen an beiden Enden (dann mit Schnüren, die daran befestigt waren, zusammengebunden), oder, wie bei einem normalen Gürtel, mit einer Schnalle.
Stola: Eine Art Schal. Oft aus dem gleichen Stoff wie die Kasel, evtl. mit Leinen hinterlegt, häufig - vor allem an den Enden, die unter der Kasel sichtbar blieben - bestickt. Der Priester trug sie vorne gekreuzt.
Manipel: Soll von einer Art Schweißtuch, das man in der Antike anscheinend häufig dabei hatte, abstammen. Reduzierten sich zu schmalen Streifen. (Auf Abbildungen, die ich kenne, sehen die Manipel ähnlich wie die Stolen aus.) Manipel wurden auf dem linken Handgelenk hängend getragen, und, damit sie nicht verrutschten, anscheinend an der Kasel mit Schnüren befestigt.
Kasel: Die Form ist im Mittelalter glockenförmig; man kann sie sich vorstellen wie einen vorne zusammengenähten Halbkreismantel. Da es schwierig sein kann, unter diesen Stoffmengen die Hände hervorzubekommen, wurden sie allerdings schon im 15. Jahrhundert an den Seiten verkürzt. Als Obergewand das Sichtbarste der priesterlichen Kleidungsstücke und daher am meisten verziert. Oft aus kostbaren, gemusterten Seidenstoffen oder ausufernd bestickt. Bock (S. 249) gibt an: Aus dem 13. und 14. Jahrhundert haben sich aber auch Kaseln aus Wolle erhalten, auch Kaseln aus Leinen mit Modeldruck hat er gesehen. Aus dem 14. Jahrhundert stammen sog. “Pestkaseln” aus weißem Leinen, mit roten, aufgenähten Streifen (s.u. “Kaselkreuz”): Angeblich hat man sie während der Pestzeit für Krankenbesuche benutzt, da man sie nach Gebrauch leichter waschen konnte als die Prunkversionen.
Die Entstehung des “Kaselkreuzes”: Im 9.-11. Jahrhundert gab es an Kaseln eine Borte am Halsausschnitt, dazu kam dann eine Borte an der vorderen und hinteren Naht der (als aus zwei Viertelkreisen zusammengesetzt zu denkenden) Kasel. “An reicheren Messgewändern des XIII. und XIV. Jahrhunderts fast durchgängig” findet sich dann - durch Hinzufügung einer weiteren Borte, die knapp unterhalb der Schultern um den Oberkörper herumläuft - das eigentliche Kaselkreuz. Es ist möglicherweise in Nachahmung des erzbischöflichen Palliums entstanden. Es ist meist besonders kunstvoll bestickt. (Im 15. Jahrhundert findet man auf diesen Kaselkreuzen oft wunderschöne Nadelmalerei-Stickerein mit der Kreuzigungsszene.)
Das wars erstmal.
Bis denn
Karen Thöle

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Eintrag #10 vom 22. Jan. 2004 15:52 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Errata

Kleiner Fehler in Eintrag 8:
Der Altarinzenz findet selbstverständlich nicht mit “Weichrauch”, sondern mit Weihrauch statt.
Bis denn
karen Thöle

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Eintrag #11 vom 22. Jan. 2004 18:32 Uhr Nikolaj Thon  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Nikolaj Thon eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Hier noch ein Literaturhinweis:

Adolph Franz: Die Messe im Deutschen Mittelalter, Freiburg 1902 (Herder)
Reprint der Originalausgabe: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1963.
“Die Messe im Deutschen Mittelalter” ist die bekannteste Arbeit des Breslauer Domkapitulars Adolph Franz (1842-1916), in der Liturgiewissenschaft und in allen Bereichen der Mediävistik, die sich für die Kulturgeschichte des katholischen Gottesdienstes interessieren, längst als Klassiker anerkannt. Sein langjähriger Freund, der berühmte Papsthistoriker Ludwig von Pastor, hat Adolph Franz nach seinem Tod mit Recht einen musterhaften Priester und großen Gelehrten genannt.
Die Wiederbegegnung mit dem Buch zum mittelalterlichen Messverständnis lohnt sich. Denn was seine Rezensenten schon nach dem ersten Erscheinen mit großer Bewunderung vermerkten, beeindruckt auch noch den Leser von heute: Hier wird ein wichtiges Thema ganz aus den Quellen erarbeitet, und zwar so gründlich und objektiv, dass die seitdem in manchen Einzelfragen fortgeschrittene Forschung die Studie zwar punktuell ergänzen und korrigieren, aber keinesfalls ersetzen konnte. In einer klaren, eingängigen Sprache zeichnet Adolph Franz aus unzähligen gedruckten und ungedruckten Dokumenten ein lebendiges und facettenreiches Bild über die Messe in Frömmigkeit und Theologie des Mittelalters. Franz unterteilt seine Studie in einen volkskundlichen Teil und einen zweiten, der der Geschichte der mittelalterlichen Messerklärung gewidmet ist.
Mit freundl. Gruß Nikolaj

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Eintrag #12 vom 04. Feb. 2004 18:27 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Das Graduale

Das Graduale (manchmal auch Antiphonale genannt) enthält die (von der Schola) zu singenden Teile, also insbesondere die sogenannten Propriums-Stücke (also die, die zu einem ganz bestimmten Gottesdienst gehören) Introitus, Graduale, Alleluia, Offertorium und Communio, und meist an anderer Stelle auch die Ordinariums-Stücke (also die, die mit gleichem Text in jedem Gottesdienst wiederkehren) Kyrie, Gloria, Sanctus und Agnus dei.
Die Propriums-Stücke sind im Graduale meist nach ihrer Position im Kirchenjahr sortiert: Zuerst kommen die Stücke für den ersten Advents-Sonntag, dann die Stücke für den zweiten Advent, usw., bis alle Messen des “Weihnachtsfestkreises” abgehandelt sind, dann folgt mit dem ersten Fastensonntag der Osterfestkreis, der erst ein oder zwei Wochen nach Pfingsten abgeschlossen ist (sorry, mein Gedächtnis!). Dann folgen die Messen “per annum”, also “durch das Jahr”, die der Reihe nach in die Zeit erst zwischen Weihnachts- und Osterfestkreis und dann zwischen dem Osterfestkreis und dem ersten Advent eingefügt werden. In einem weiteren Teil werden für jeden einzelnen Heiligenfesttag die Propriumsstücke aufgeführt, in ihrer Reihenfolge im Kalender. Texte sind fast ausnahmslos Bibeltexte.
Bei den Proriumsstücken werden zwei musikalische “Gattungen” unterschieden: Antiphone und Responsorien.
Bei der Antiphon wird zuerst von der ganzen Schola ein musikalisch “auskomponierter” Teil gesungen (die eigentliche Antiphon), danach von den zwei Hälften der ganzen Schola im Wechsel ein Psalm oder Verse aus einem Psalm auf ein einfaches melodisches Modell (die sog. “Psalmtöne”), und danach von allen der erste Teil, die Antiphon, wiederholt. Zur Gruppe der Antiphonen gehören der Introitus und die Communio.
Beim Responsorium wird zunächst ein musikalisch “auskomponierter” Teil von der ganzen Schola gesungen. Danach kommt ein musikalisch “auskomponierter” Vers, der von einem Solisten gesungen wird, danach wird von allen der erste Teil wiederholt. Responsorien sind im allgemeinen deutlich schwieriger zu singen als Antiphonen. Zu den Responsorien gehören Graduale, Alleluia und Offertorium.
Eine der ältesten Graduale-Handschriften, in denen der ungefähre Melodieverlauf durch Neumen angegeben wird (die Handschrift “Cantatorium”) stammt nach der Datierung durch die Herausgeber des Faksimiles aus dem 9. Jahrhundert:
Cantatorium de Saint-Gall; Paléographie musicale/ collection fondée en 1889 par André Mocquereau. Publ. en fac-similés phototypiques par les Bénédictins de Solesmes; Ser. 2: Monumentale; 2
Diese Melodien sind einstimmig. Allerdings gibt es ab dem 12. Jahrhundert vereinzelt zweistimmige Vertonungen von Propriumstexten, im “Codex Calixtinus” und dann im Notre-Dame-Repertoire, das vor allem in den vier Versionen des “Magnus liber organi” erhalten ist. Allerdings sind nur Graduale- und Responsoriums-Stücke zweistimmig gesetzt, und von ihnen auch nur die Teile, die nach zeitgenössischen Beschreibungen von einem Solisten gesungen wurden. (Ein Anhaltspunkt dafür, daß auch die mehrstimmigen Teile mit Solisten besetzt wurden.)
Wer sich mit der Materie ein bißchen vertraut machen will, kann schauen, daß er das “Graduale romanum” in die Hände bekommt. Die Mönche von Solesmes haben um 1900 rum versucht, eine “ursprünglichere” Liturgie als zu der Zeit gebräuchlich zu rekonstruieren, und haben sich für die Rekonstruktion der Melodien dabei an möglichst alten Handschriften orientiert - allerdings Handschriften nach ca. 1050, die schon Notenlinien verwendeten. Wer sich zusätzlich dazu mit den Neumenfassungen der Gesänge beschäftigen will, sollte nach dem “Graduale Triplex” Ausschau halten; dort sind zusätzlich zu der (HMA-)Fassung auf Notenlinien bei fast allen Stücken auch zwei (FMA-)Neumen-Fassungen abgedruckt.
Im Vergleich des “Graduale romanum” zu Handschriften/Faksimiles, die ich bisher in die Hände bekommen habe, gibt es eigentlich immer Unterschiede im Melodieverlauf, die Stücke sind aber fast immer eindeutig erkennbar.
Bis denn
Karen Thöle

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Eintrag #13 vom 04. Feb. 2004 19:00 Uhr Dr. Frank Dierkes  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Dr. Frank Dierkes eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Die mittelalterliche Messe

Nur kurz für interessierte Klerikerdarsteller:
Graduale (und auch das Vesperale) Romanum erhält der geneigte Leser dort, wo auch die Profis einkaufen: In jeder besseren Buchhandlung. Optional helfen auch Klosterbuchhandlungen oder ein Gespräch mit dem Kleriker des Vertrauens.
Auch ein Blick in den Verlag nova&vetera kann helfen, da dort Priesternachlässe und übriggebliebene Bücher aus aufgegebenen bzw. modernisierten Klosterbibliotheken verkauft werden.
Ach ja: Vom 12.-14.02.04 ist in Köln die Ecclesia, DIE Messe für Kirchenausstattung und religiöses Leben. Vielleicht sieht man sich dort…
Grüße
Frank
+Pax. Pater Hermann ab Monastre Werdensis (OSB)

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Eintrag #14 vom 12. Feb. 2004 14:49 Uhr Michael Krämer  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Michael Krämer eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Liturgische Kleidung

Als “Fachmann” möchte ich einmal einen kleinen Beitrag zur liturgischen Gewandung leisten:
Die Gewänder, die den liturgischen Feiern dienten, enstanden größtenteils aus der ständischen Kleidung der Römer.
Die jeweilige Mode des Landes, der aktuellen Zeit hat immer Einfluß gefunden in die jeweilige Gestaltung.
Das Mittelalter hatte als Messgewand eine sog. “Glockenkasel” oder “gotische Kasel”, die eigentlich ein vorne zugenähter Rundmantel war. Meist als Grundmaterial ein Leinenstoff, der mit Seide und/oder Goldfäden rundum bestickt war. Die Motivwahl richtete sich nach dem Farbkanon oder nach den Bedürfnissen des Auftraggebers. Nicht selten finden sich Familien-, Kloster- oder Stifterwappen am unteren Rand des Gewandes.
Die überreiche Bestickung mit Szenen aus dem Leben Jesu, den Heiligen, frommen Legenden etc. vervollständigte die sog. “biblia pauperum”, die den Kirchenraum schmückte - die Bilderbibel, die dem mittelalterlichen Menschen zum besseren Verständniss dessen dienen sollte, was der Priester vorn am Altar, abgewendet vom Volk und in lateinischer Sprache, mystisch vollzog.
Br. Michael SDB

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Eintrag #15 vom 19. Feb. 2004 13:59 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Mess-Erweiterungen: Die Sequenz

Je prächtiger die Messe sein sollte, desto länger wurde sie auch.
Was schon relativ früh in die Messe kam, war die sogenannte Sequenz. Ein frühmittelalterlicher Autor (der Name fällt mir zur Zeit nicht ein) erklärt die Herkunft der Sequenz so: Man habe sich beim Alleluia die Melodie nicht merken können (das Alleluia besteht aus dem eigentlichen Alleluia, einem Solo-Vers und der Wiederholung des Alleluia; das eigentliche Alleluia hat auf dem letzten “-a” eine lang ausgezogene Melodie, den sogenannten Jubilus), und darum hätte man der Melodie einen Text unterlegt. Tatsächlich gibt es einige Sequenzen, die melodisch an das zugehörige Alleluia erinnern. Andererseits gibt es auch genug Sequenzen, die viel zu lang sind, als daß sie die Textierung eines einzigen Alleluias sein könnten. Auch bei ihnen ist oft ein Alleluia vorangestellt, aber da wirkt es eher, als hätte man das Alleluia nachträglich nach dem ersten Melodieteil erfunden.
Die Form der Sequenz ist - vom Text her - strophisch; musikalisch ist sie eine Reihung von Melodie-Paaren: Auf den ersten Melodie-Teil wird die erste Strophe gesungen, auf die Wiederholung dieses Melodieteiles die zweite. Es folgt ein neuer Melodie-Teil für die dritte Strophe, auf die Wiederholung dieses Melodie-Teiles wird die vierte Strophe gesungen, usw. Die vielleicht bekannteste Sequenz ist das “Dies irae”.
Wegen der - behaupteten oder tatsächlichen - Herkunft aus dem Alleluia wird die Sequenz in der Messe nach dem Alleluia gesungen.
Bis denn
Karen Thöle

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Eintrag #16 vom 21. Feb. 2004 14:06 Uhr Michael Krämer  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Michael Krämer eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Sequenz - Alleluja-Vers

Sequenzen wurden an allen hohen kirchlichen Feiertagen eingeführt - es waren Lobhymnen, die nach dem vorgesehenen Graduale und dem Halleluja mit dem jeweils zugehörigen Vers gesungen wurden.
Alle Herrenfeste (Ostern, Weihnachten, Pfingsten, Fronleichnam etc.) sowie einige der großen Heiligenfesttage (Allerheiligen o.ä. - auch Allerseelen) hatten eigene Sequenzen. Erst durch die Liturgiereform 1964 wurden diese stark reduziert.
Hier mal ein Beispiel (Ostersonntag - Dominica Ressurectionis):
Graduale (Ps 117, 24 et 1): Haec dies, quam fecit Dominus: exsultemus et laetemur in ea. (V) Confitemini Domino, quoniam bonus: quoniam in saeculum misericordia ejus.
Alleluia, alleluia (V. 1 Cor 5,7) Pascha nostrum immolatus est Christus.
Sequentia:
Victimae paschali laudes immolent Christiani.
Agnus redemit oves: Christus innocens Patri reconciliavit peccatores.
Mors et vita duello conflixere mirando: dux vitae mortuus regnat vivus.
Dic nobis, Maria, quid vidisti in via?
Sepulcrum Christi viventis: et gloriam vidi resurgentis.
Angelicos testes, sudarium et vestes.
Surrexit Christus, spes mea: preaecedet vos in Gallilaeam.
Scimus Christum surrexisse a mortuis vere: tu nobis, victror Rex, miserere. Amen. Alleluia.
So glaube ich wird sichtbar, dass die “Verlängerung” der Messe dadurch natürlich gegeben war (und ist). Es war ja KEIN Ersatz, sondern etwas zusätzlich eingeschobenes. Die Oster-Sequenz ist auch eine der kürzeren. Die Dauer des Gesangs konnte bis zu 15 Minuten in Anspruch nehmen.
Br. Michael SDB

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Eintrag #17 vom 21. Feb. 2004 14:39 Uhr Michael Krämer  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Michael Krämer eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Sequenz

Hier noch Beispiele für Sequenzen:
I) Dominica Pentecostes (Hochfest Pfingsten):
Veni, Sancte Spiritus, et emitte caelitus lucis tuae radium.
Veni, pater pauperum; veni, dator munerum; veni, lumen cordium.
Consolator optimae, dulcis hospes animae, dulce refrigerium.
In labore requies, in aestu temperies, in fletu solatium.
O lux beatissima, reple cordis intima tuorum fidelium.
Sine tuo numine nihil est in homine, nihil est innoxium.
Lava quod est sordidum, riga quod est aridum, sana queod est saucium.
Flecte quod est rigidum, fove quod est frigidum, rege quod est devium.
Da tuis fidelibus, in te confidentibus, sacrum septenarium.
Da virtutis meritum, da salutis exitum, da perenne gaudium. Amen. Alleluia.
II) In festo ssmi. Corporis Christi (Fronleichnam):
Lauda Sion,
Salvatorem,
lauda ducem et pastorem
in hymnis et canticis.
Quantum potes,
tantum aude:
quia major omni laude,
nec laudare sufficis.
Laudis thema specialis,
panis vivus
et vitalis,
hodie proponitur.
Quem in sacrae mensa coenae
turbae fratrum
duodenae
datum non ambigitur.
Sit laus plena,
sit sonora,
sit iucunda sit decora
mentis iubilatio.
Dies enim
solemnis agitur,
in qua mensea prima recolitur
huius institutio.
In hac mensa novi Regis,
novum Pascha
novae legis
Phase vetus terminat.
Vetustatem novitas,
umbram fugat
veritas,
noctem lux eliminat.
Quod in coena
Christus gessit,
faciemdum hoc expressit
in sui memoriam.
Docti sacris institutis,
panem, vinum
in salutis
consecramus hostiam.
Dogma datur Christianis,
quod in carnem
transit panis
et vinum in sanguinem.
Quod non capis,
quod non vides,
animosa firmat fides,
praeter rerum ordinem.
Sub diversis specibus,
signis tantum,
et non rebus,
latent res eximiae.
Caro cibus,
sangius potus:
manet tamen Christus totus
sub utraque specie.
A sumente non concisus,
non confractus,
non divisus:
ineger accipitur.
Sumit unus, summunt mille:
quantum isti,
tantum ille:
nec sumptus consumitur.
Sumunt boni,
sumunt mali:
sorte tamen inaequali,
vitae vel interitus.
Mors et malis,
vita bonis:
vide, paris sumtionis
quam sit dispar exitus.
Fracto demum sacramento,
ne vacilles, sed memento,
tantum esse sub fragmento,
quantum toto tegitur.
Nulla rei fit scissura:
signi tantum fit fractura:
qua nec status nec statura
signati minuitur.
Ecce panis Angelorum,
factus cibus vitaorum:
vere panis filiorum,
non mittendus canibus.
In figuris praesignatur,
com Isaac immolatur:
agnus paschae deputatur:
datur manna patribus.
Bone pastor, panis vere,
Iesu, nostri miserere:
tu nos pasce, nos tuere: to nos bona fac videre
in terra viventium.
Tu, qui cuncta scis et vales:
qui nos pascis hic mortales:
tuos ibi commensales, coheredes et sodales
fac sanctorum civium. Amen. Alleluia.
An der letzten Sequenz sieht man schon sehr deutlich an der Strophenzahl, dass sich der Gesang ziemlich hinzog. Durch die gregorianische Choralmelodie wurde das natürlich noch unterstützt.
Br. Michael SDB

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Eintrag #18 vom 21. Feb. 2004 17:44 Uhr Michael Krämer  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Michael Krämer eine Nachricht zu schreiben.

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Latein in Europa
Das lateinische Mittelalter
Die Vermittler der antiken Kultur. Wegen der Völkerwanderung kam es zu einer Unterbrechung der kulturellen und literarischen ßberlieferung und in weiten Teilen des ehemaligen römischen Reiches übernahmen germanische Stämme die Herrschaft. Trotzdem gewannen die Päpste während jener Zeit zunehmenden Einfluss. Sie betrieben nämlich seit Gregor dem Großen (590-604) von Rom aus die Missionierung der Angelsachsen mit großem Erfolg. Dank der Kloster- und Schulgründungen in Britannien, Schottland und Irland waren die Mönche in den Klöstern dieser Länder in der Lage die kulturelle Tradition zu wahren und fortzusetzen. So konnten sie im 7. und 8. Jh., nachdem sie 719 von Papst Gregor II. mit der Missionierung auf dem Festland beauftragt worden waren, die spätantike Kultur vermitteln.
Die Zeit des ßbergangs. Der ßbergang vom Ende der Spätantike bis zu den Anfängen der mittellateinischen Literatur unter Karl dem Großen hatte sich durch die Gründung des Frankenreichens der Schwerpunkt der politischen und kulturellen Entwicklung vom Mittelmeerraum in den germanisch-romanischen Norden verlagert.
Dort gab es nur wenige Schriftsteller von Rang. In Gallien gab es jedoch Gregor von Tours (ca. 540-594). Er entstammte einem alten Adelsgeschlecht und fand als Bischof von Tours Zeit, nicht nur Lebensgeschichten von Heiligen zu verfassen, sondern auch eine Geschichte der Franken zu schreiben, in welcher er über die Entstehung des Merowingerreiches berichtete.
Freundschaft mit ihm schloss Venantius Fortunatus (ca. 530-600), der in Poitiers noch als alter Mann die Bischofswürde verliehen bekam. Er verfasste nicht nur ein Epos auf den heiligen Martin, sondern auch eine umfangreiche Gedichtsammlung.
In Spanien trug vor allem der Bischof Isidor von Sevilla (ca. 570-636) durch seine theologischen, historischen und enzyklopädischen Schriften wesentlich zur kulturellen Tradition bei.
Wie verheerend sich die Völkerwanderung in den ehemaligen Randgebieten des römischen Reiches auswirkte, geht aus einer Biographie über den heiligen Severin hervor, die Eugippius, der einige Zeit mit Severin zusammengelebt hatte, i. J.511 verfasst hat. Diese Schrift ist eine wertvolle Quelle unseres Wissens über den Verfall der römischen Kultur in diesem Grenzland des untergegangenen Reiches.
Das Mittellatein und der Weg zur Bildung. Als die angelsächsischen Mönche unter der Leitung Willibrords und des Bonifatius die Missionierung auf dem Festland begannen, wurden im Frankenreich und in Italien zum Teil zum Teil verwandte, zum Teil völlig verschiedene Sprachen gesprochen. Weil die missionierenden Mönche dank ihrer guten theologischen und literarischen Schulung das Lateinische in Wort und Schrift beherrschten und König Pippin (751-768) und sein Sohn Karl der Große (768-814) in der Sprache der Kirche das einzige Mittel der Verständnis unter den Völkern und Stämmen sahen, wurde Latein zur Verwaltungssprache des Karolingerreiches. Diese Sprache, die von etwa 500 bis 1500 die Verkehrssprache unter den Völkern und Ländern des europäischen Mittelalters war, nennt man Mittellatein. Obwohl es nie die Muttersprache für ein Volk wurde, wurde es dennoch die Grundlage der Bildung und der Literatur.
Die Autoren und ihr Publikum. Die überlieferten mittellateinischen Texte weisen erheblich Qualitätsunterschiede auf. Ein großer Teil der Texte war Sachliteratur, in Form von Schulbüchern, Kommentare zu Schriften, Archivaufzeichnungen und Berichte, die meist keine literarischen Besonderheiten aufwiesen. Bis ins 11 Jh. hinein waren die Verfasser der eigentlichen Literatur überwiegend Geistliche, die man clerici nannte. Im 11Jh. kamen die clerici vagantes hinzu, die fahrende Schüler oder Spielleute waren, die in den Kloster- oder Domschulen Latein gelernt hatten. Literarisch tätige Frauen hat es nur wenige gegeben; es waren im allgemeinen Nonnen. Erst im 12 Jh., als sich das Bürgertum entwickelte, nahm auch die Zahl der Laien unter den Literaten zu, welche meist Magister waren oder in Schreibstuben Beschäftigte. Dies erklärt die Bindung der mittellateinischen Literatur an die Kirche.
Die Erneuerung unter Karl dem Großen. Die erste Blütezeit der mittellateinischen Literatur fand unter Karl dem Großen statt, der den christlichen Völkern Europas das Bewusstsein einer politischen und geistigen Einheit vermittelte.
794 gründete Karl der Große in Aachen eine feste Residenz und holte bedeutende Gelehrte dorthin, die den Bildungsstand der Geistlichen heben, wissenschaftliche Kenntnisse vermitteln und literarisch tätig sein. Damit dies gelingen konnte, musste zuerst eine neue klare Schrift geschaffen werden, die karolingische Minuskel. Ferner gründete Karl Schulen und Bibliotheken. Der Hof in Aachen entwickelte sich zu einem Zentrum der Begegnung verschiedener europäischer Bildungstraditionen und eine verbindende Kultur konnte sich entfalten.
Der Angelsachse Alkuin (ca. 735-804) und der aus dem Maingau stammende Einhard (ca. 770-804) waren die bekanntesten Schriftsteller jener Zeit, die durch ihre Werke die Einheit Europas forderten.
Die Dichtung des 9. und 10. Jahrhunderts. Die vielen kulturellen Zentren in den Regionen des Reiches wurden von der Mitte des 9. Jh. an die Trägern der karolingischen Kultur, weil sie den Ausbau der Schulen und Bibliotheken in starkem Maße förderten.
Gelehrte und Mönche entwickelten eine rege schriftstellerische Tätigkeit. So auch der aus Mainz stammende Hrabanus Maurus (ca. 784-856), der ein hervorragender Lehrer, Verfasser vieler theologischer Schriften, Gedichte und Predigten war. Vielleicht ist er auch der Verfasser des wohl ältesten Hymnus in lateinischer Sprache auf den Heiligen Geist Veni, creator spiritus. Beim Hymnus nutzt die Rhythmik die natürliche Betonung der Wörter zu einem geordneten Wechsel von betontem und unbetonten Silben. So decken sich Vers- und Wortakzent, lassen sich die einzelnen Verszeilen mit fester Silbenzahl leicht zu Strophen binden; daher bereitet der Gesang dieser Lieder keine Schwierigkeiten. Nunmehr schrieb man auch lateinische Dichtung in gereimter Form. Zuerst entwickelte sich der gleiche Einzelvokal (Assonanz), dann der einsilbige, der reine zwei- oder sogar dreisilbige Endreim und schließlich auch der Binnenreim des Hexameter. Ferner wurden auch neue Strophenformen entwickelt. Zu den bekanntesten Dichter jener Epoche gehören Gottschalk von Orbais (ca. 805-869) und Walahfried Strabo (ca. 808-849).
Einige Jahrzehnte später kam in Frankreich die Dichtung der Sequenz auf , deren bekanntester Dichter Notker Balbulus (der Stammler) von St. Gallen (ca. 840-912) war. Die Sequenz ist ein hymnenähnliches, das ausschließlich für die Messfeier bestimmt ist und vor dem Evangelium gesungen wird. Sie stellte sich ganz in den Dienst der Verkündung der christlichen Heilslehre.
Man griff damals aber auch gern auf die antiken Metren zurück, vor allem auf den Hexameter und das Distichon.
Am Ende dieser Epoche, trat mit Hrotsvitha von Gandersheim (ca. 935 geb.) die erste deutsche Dichterin hervor; sie schrieb Legenden, Epen und Dramen und war von Terenz beeinflusst. Ihr Versuch, den antiken Komödiendichter durch eine Mischung von dialogisierter Erzählung und geistlichem Spiel zu überwinden, blieb allerdings ohne große Wirkung.
Die Blütezeit. Ausgelöst durch die tiefgreifenden politischen, religiösen und geistigen Veränderungen, setzten sich im 12 Jh. verschiedenartige Kräfte frei.
Innerhalb der zahlreichen Dynastien, die sich in den europäischen Ländern bildeten, entfalteten sich die nationalen Kulturen. Das Christentum breitete sich nach Norden und Osten aus; das lateinisch geprägte Europa wurde also größer. Religiöse und wissenschaftliche Impulse trugen zur Erneuerung der Kirche bei und die Auseinandersetzungen zwischen dem deutschen Kaiser und der geistlichen Macht festigte nicht nur die Stellung des Papsttums, sondern stärkte auch die Macht der weltlichen Fürsten, des Rittertums und einzelner Städte. Auch die Literatur wurde dadurch beeinflusst. Es änderte sich die Art und Zweckbestimmung der Texte erheblich und damit zugleich Adressat und Leserschaft.
Man griff wieder vermehrt auf die Antike zurück. Die Philosophie der französischen Schulen wurde durch die Wiederentdeckung von Platon und Aristoteles angeregt. Im Bereich der Dichtung waren es vor allem Vergil, Horaz und Ovid, die man eifrig las.
Aus der geistlichen entwickelte sich so die weltliche Dichtung, in der sich der Bogen formal von einfacher schulischer Imitation antiker Gedichte bis zum originellsten Spiel mit Rhythmus und Reim. Trotzdem entfaltete sich auch weiterhin die geistliche Dichtung und andere literarische Gattungen wie Epos, Lehrgedicht, Brief, Heiligenlegende, Predigt, geistliches Drama und philosophischer Traktat, wobei das kirchliche Weltbild nicht in Frage gestellt wurde.
Ein sehr gutes literarisches Beispiel für die engen Kontakte, die damals zwischen den Völkern Europas bestanden sind die Carmina Cantabrigensia(Lieder aus Cambridge), 50 Gedichte, die vermutlich ein deutscher fahrender Sänger in der Mitte des 11 Jh. zusammengestellt hat und welche verschieden in Inhalt, Form und Ursprung der Sprache sind.
Unter den französischen Dichtern dieser Zeit nimmt zunächst Hildebert von Lavardin (1056-1134) einen besonderen Rang ein. Er bevorzugte das Distichon und behandelte vor allem biblisch-kirchliche, aber auch antike Stoffe. Sehr bekannt geworden ist er durch sein elegisches Gedicht auf Rom.
Der erste große Vertreter der Vagantenlyrik ist Hugo von Orléans (ca. 1093-ca. 1161), als Dichter Primas genannt. Den größten Teil seiner Dichtung, die Zeugnis geben von seiner guten Kenntnis antiker Autoren und von seiner großen Sicherheit in Metrik und Rhythmik, machen Gelegenheitsgedichte aus.
Ihm folgt im deutschen Sprachraum der sog. Archipoeta (ca. 1135-nach1167), der als der genialste Dichter des lateinischen Mittelalters gilt. Sein Gönner und Förderer war Friedrich I. Barbarossa.
Wir kennen 10 Gedicht von ihm, von denen der Kaiserhymnus, ein Loblied auf Kaiser Friedrich I., und die Vagantenbeichte die berühmtesten sind.
In diesen Jahrzehnten erlebte auch die geistliche Dichtung eine Blütezeit. Das Tegernseer Antichristspiel (Ludus de Antichristo) entstand um 1160 und ist ein in monumentaler Größe angelegtes Spiel.
Dieses Spiel besteht aus 424 metrisch verschiedenartig gestalteten Versen, behandelt das Thema des Antichrist, der vor der Wiederkunft Christi ein antichristliches Reich errichten will und gliedert sich in zwei Hauptteile.
In der zweiten Hälfte des 12. Jh. traten unter den französischen Dichtern besonders zwei hervor; Adam von St. Victor (ca.1110-1192), der als Augustinermönch in Paris viele formvollendeten Sequenzen verfasst hat, und Walther von Chatillon (ca. 1135-ca. 1200).
Seine Gelehrsamkeit und gute Kenntnis antiker Autoren spiegeln sich wider in seinem Epos über Alexander den Großen (Alexandreis), das aus knapp 5500 Hexametern besteht. Heute spricht er mehr durch seine lyrischen Gedichte an, in denen das moralisch-satirische Element überwiegt. Er wandte sich gegen Missstände in der Geistlichkeit, gegen Habgier und Macht des Geldes und scheute dabei nicht zurück bekannte Persönlichkeiten der Zeit anzugreifen.
Ein Teil seiner Gedichte ist anonym in den Carmina Burana (Lieder aus Benediktbeuern) überliefert, der bekanntesten Sammlung mittellateinischer Dichtung, die über 240 Lieder und Gedichte enthält.
Die Sammlung stammt aus dem bairischen Sprachgebiet und wird wohl bis zur Mitte des 13 Jh. abgeschlossen gewesen sein. Der Sammler hat versucht die Dichtungen in vier große Abteilungen zu ordnen: moralisch-satirische Gedichte, Liebeslieder, Trink- und Spielerlieder und geistliche Spiele.
Ihre Verfasser sind Kleriker und Studenten gewesen, sesshafte Dichter ebenso wie Vaganten. In unserer Zeit sind es die Vertonungen von Carl Orff, denen die Carmina Burana eine neue Vergegenwärtigung verdanken.
Der bedeutendste Geschichtsschreiber dieser Zeit ist Otto von Freising (ca. 1114-1158). In seiner in klarer, schlichter Sprache abgefaßten Weltchronik deutet er den Gang der Weltgeschichte. Diese ist für ihn zugleich Reichs-, Kirchen- und Heilsgeschichte, die in das bevorstehende Weltgericht Gottes einmündet.
Der Ausklang der mittellateinischen Literatur. In der zweiten Hälfte des 13 Jh. vollzogen sich in Europa erneut tiefgreifende Veränderungen. Die Nationalsprachen traten häufiger vor und die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen nahm stark zu.
In der geistlichen Literatur erlebten zwei literarischen Gattungen noch einmal einen Höhepunkt:
Thomas von Aquin, Mitglied des Dominikanerordens und einer der bedeutendsten Gelehrten des Mittelalters, dichtete Sequenzen, die zu den besten dieser Form der geistlichen Dichtung gehören. Etwa zur gleichen Zeit bildete auf dem Gebiet der christlichen Lehrdichtung die Legendensammlung des Dominikaners Jacobus de Voragine (ca. 1230-1298) einen bedeutsamen Abschluss dieser im Mittelalter oft verwendeten literarischen Gattung. Etwa drei Jahrzehnte zuvor hatte er eine volkstümlich gehaltene Sammlung von Lebensbeschreibungen der Kalenderheiligen verfasst, welche mit dem Anfang des Kirchenjahres am 1. Adventssonntag beginnt. Weil sie das am meisten gelesene Buch des Spätmittelalters wurde, bezeichnete man sie als Legenda aurea.
Br. Michael SDB

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Eintrag #19 vom 25. Feb. 2004 14:40 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

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Hallo Michael!
Auch wenn uns das vom eigentlichen Thema - der mittelalterlichen Messe - wegführt: Wow - ein wirklich ausführlicher ßberblick über lateinische Literatur im Mittelalter (würde eigentlich sogar einen eigenen Thread verdienen).
Folgende Textgattung hat aber wieder direkt mit der Messe zu tun:
Ein Tropus ist eine (textliche und auch musikalische) Erweiterung. Fast alle Teile der Messe können tropiert werden. Ein schönes Beispiel hierfür findet sich im “Codex Calixtinus”. Dieses Buch wurde im 12. Jahrhundert für den Gottesdienst in Santiago de Compostela hergestellt, wo, ist nicht ganz klar. Es enthält neben einer Vita des heiligen Jacobus, einer Aufzählung seiner Wundertaten, einem Pilgerführer und einer Art lateinischem Heldenepos (über die Taten Karls des Großen in Spanien) eine ausführliche Liturgie für die Festtage des Jacobus, sowohl für die Stundengebete als auch für die Messen.
Die Melodien für die Hauptmesse am Festtag des Jacobus befinden sich im Codex Calixtinus auf Folio 118r-122r. Introitus, zwei Alleluias, Graduale, Offertorium und Communio entsprechen in Länge und Stil dem, was man auch in gregorianischen Propriumsstücken erwarten könnte. Als schon selbstverständliche Erweiterung folgt allerdings nach dem zweiten Alleluia eine längere Sequenz.
Einige Seiten weiter, auf Folio 133r-139r, befindet sich unter der ßberschrift “Farsa Officii Misse S. Jacobi” eine ausladend tropierte Version der vorher notierten Messe. Fast alle Stücke sind mit einem Tropus versehen: Dem Introitus vorangestellt sind mehrere von verschiedenen Sängern zu singende Abschnitte, der Introitus wird mehrmals für weitere Tropus-Abschnitte unterbrochen. Das Kyrie ist tropiert, ebenso das Gloria. Besonders außerordentlich finde ich, daß sogar die gesungene Epistel-Lesung mit (von einem anderen Sänger zu singenden) Kommentaren tropiert ist. Außerdem sind noch Sanctus und Agnus dei tropiert.
(Benutzte Ausgabe: Peter Wagner: Die Gesänge der Jakobusliturgie zu Santiago de Compostela aus dem sog. Codex Calixtinus. Freiburg 1931.)
Ein Tropus kann den ursprünglichen Text ausschmücken und kommentieren, oder zum Teil sogar mit einer neuen Bedeutung versehen. Ein Beispiel hierfür ist der Tropus zum Introitus “Resurrexi, et adhuc tecum sum”.
Der Text dieses Introitus stammt aus dem alten Testament (Psalm 138, alte katholische Zählung, ich weiß nicht, was das in “evangelischen” Bibeln ist). In ihm geht es sinngemäß darum, daß der Gläubige schon morgens nach dem Aufstehen mit seinen Gedanken bei Gott ist (“Resurrexi, et adhuc tecum sum”). Er fühlt sich von Gott beschützt und sieht die Schöpfung wohlgeordnet.
Seinen Platz im Kirchenjahr hat der Introitus allerdings am Ostersonntag. Schon von daher liegt die Verbindung zu Christi Auferstehung nahe. Der Text des Tropus bezieht denn auch den Text eindeutig auf Christus.
Der vollständige Text des tropierten Introitus (hinzugefügte Tropierungen mit neuer Melodie in Klammern, der ursprüngliche Introitus mit der ursprünglichen Melodie nicht in Klammern und der ßbersichtlichkeit halber in Großbuchstaben, ist nicht als Schreien gemeint):
(Christus hodie surrexit a mortuis et patrem conlaudans ait:) RESURREXI ET ADHUC TECUM SUM, ALLELUIA. (Destructo mortis imperio) POSUISTI SUPER ME MANUM TUAM, ALLELUIA. (Quoniam mors mea facta est mundi vita,) MIRABILIS FACTA EST SCIENTIA TUA, ALLELUIA, ALLELUIA.
Und meine ungefähre ßbersetzung:
(Christus ist heute auferstanden von den Toten, und, den Vater mitlobend, sagt er:) ICH BIN AUFERSTANDEN UND ICH BIN SCHON BEI DIR, ALLELUIA. (Nachdem das Reich des Todes zertört wurde,) HAST DU ßBER MICH DEINE HAND GEHALTEN, ALLELUIA. (Denn mein Tod hat der Welt das Leben erschaffen,) WUNDERBAR GEMACHT IST DEINE WEISHEIT, ALLELUIA, ALLELUIA.
Dieser und eine ganze Reihe weiterer Tropen stehen in folgendem Buch:
Introitus-Tropen I. Das Repertoire der südfranzösischen Tropare des 10. und 11. Jahrhunderts. Herausgegeben von Günther Weiß. (Monumenta monodica medii aevi, Bd. 3.) Kassel u.a. 1970.
Bis denn
Karen Thöle

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Eintrag #20 vom 25. Feb. 2004 14:48 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

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Hallo Michael!
In Deinem Beitrag Nr. 17 schreibst Du:
“An der letzten Sequenz sieht man schon sehr deutlich an der Strophenzahl, dass sich der Gesang ziemlich hinzog. Durch die gregorianische Choralmelodie wurde das natürlich noch unterstützt.”
Das ist insofern mißverständlich, als die Sequenzen, die ich kenne, mehr oder weniger syllabisch vertont sind (also nur ein oder zwei Töne pro Silbe). Ein gesungener Vortrag einer solchen Sequenz würde kaum länger dauern als ein deutlich artikulierter gesprochener Vortrag des Textes. Eine deutlich verlängernde Tendenz haben dagegen vor allem die vielen Melismen in den anderen Propriumsstücken, insbesondere bei Graduale und Offertorium.
Bis denn
Karen Thöle

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Eintrag #21 vom 28. Mrz. 2004 22:29 Uhr Michael Krämer  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Michael Krämer eine Nachricht zu schreiben.

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Hallo!
Mal eine Frage an unsere Fachleute bezüglich Stoffe für Messgewänder (Caseln) im 13. Jahrhundert: welche Stoffarten gab es da - oder was ist absolut un-“A”
Bitte mal um Mithilfe!
Br. Michael SDB

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Eintrag #22 vom 29. Mrz. 2004 13:38 Uhr Nikolaj Thon  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Nikolaj Thon eine Nachricht zu schreiben.

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Hallo, lieber Br. Michael (und alle Interessierten),
verweise (wieder ein Mal) auf die Arbeiten von P. Joseph braun SJ, insbesondere:
Die liturgische Gewandung im Occident und Orient nach Ursprung und Entwicklung, Verwendung und Symbolik, Freiburg 1907, Darmstadt 21964 (= das Standardwerk zu Thema!).
Die liturgischen Paramente in Gegenwart und Vergangenheit, Freiburg im Br. 21924.
Nicht uninteressant zum Gesamtthema der MEsse im MA sind auch zwei weitere Arbeiten von Braun:
Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung, Bde 2, München 1924.
Das christliche Altargerät in seinen Sein und seiner Entwicklung, München 1932.
ßbrigens: Nicht nur für die Kenntnisse der religiösen Welt und ihrer Realien sind Brauns Werke von Interesse: Da er viele Hinweise zu Stoff- bzw. Materialarten, handwerklicher Fertigung etc. gibt, lässt sich einige Erkenntnisse auch über die zivilen Dinge gewinnen.
Mit freundl. Gruß Nikolaj

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Eintrag #23 vom 29. Mrz. 2004 16:23 Uhr Karen Thöle  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Karen Thöle eine Nachricht zu schreiben.

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Hallo Michael!
Schau mal in Beitrag 9 nach: Seide, evtl. auch Wolle oder Leinen.
Was für möglicherweise “un-A”-Stoffe wolltest Du benutzen?
Bis denn
Karen Thöle

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Eintrag #24 vom 30. Mrz. 2004 12:30 Uhr Michael Krämer  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Michael Krämer eine Nachricht zu schreiben.

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Hallo Karen!
Danke für die Antwort(en). Die Bücher muss ich versuchen in der Bibliothek oder an der Unibib aufzutreiben ;)
Dann werd ich mal meinen Un-“a”-stoff weiterverkaufen ;-)
Herzlichen Gruß
Br. Michael SDB

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