Für die Entwicklung der römischen Messliturgie kann weiterhin als Standardwerk die zweibändige Arbeit des katholischen Liturgiewissenschaftlers und Katechikers Josef Andreas Jungmann (1889-1975) gelten:
Missarum Sollemnia. Eine genetische Erklärung der röm. Messe, 2 Bde., 1948, 1962 (5. Auflage)
ßber die frühchristlichen Ursprünge der Messe weiß ich nicht mehr viel, meine aber, gelesen zu haben, daß es in den Versammlungen der Gläubigen zwar feste “Programmpunkte” gab wie z.B. Psalmensingen, der Sänger diesen Psalm aber lange noch frei wählen konnte.
Mit Beginn des Frühmittelalters haben sich dann regional unterschiedliche feste Liturgieformen, wahrscheinlich auch mit für die einzelnen Sonntage und Feste jeweils festgelegten Gebeten, Gesängen und Lesungen herausgebildet. Man unterscheidet die römische, die gallikanische (im Frankenreich), die mozarabische (in Spanien) und die ambrosianische (in Mailand) Liturgie.
Gegen Ende des 8. Jahrhunderts bat Kaiser Karl der Große Papst Hadrian um liturgische Bücher, um die Messe im Frankenreich an die römische Messe anzupassen. Er bekam Bücher für die sog. “Stationsgottesdienste” in Rom. Diese waren als Papstgottesdienste sicherlich aufwendiger, als für die meisten Kirchen im Reich machbar waren, außerdem waren damit nicht alle Sonntage und Feste abgedeckt, so daß diese Form der Messe unter Zuhilfenahme älterer (gallikanischer?) Bestandteile den fränkischen Bedürfnissen angepaßt wurde. Diese auf der römischen Liturgie beruhende Liturgie wird meist als “gregorianisch” bezeichnet.
Diese Liturgie bildete den Grundstock für die gesamte mittelalterliche Messe, wenn sie auch im Lauf der Jahrhunderte wiederholt erweitert und wieder zurechtgestutzt wurde. Regionale Sonderformen könne dabei noch lange erhalten bleiben.
Im 16. Jahrhundert führte das Tridentiner Konzil zu einer Reform der Liturgie. Zumindest für die gesungenen Teile kann ich sagen, daß das Ergebnis eine deutlich überarbeitete Version der Melodien in einer für die gesamte katholische Kirche verbindlichen Druckausgabe war.
Und für die Melodien gilt auch, daß sie im Laufe der Zeit (v.a. 18. Jahrhundert) an vielen Kirchen durch “zeitgemäßere” Lieder ersetzt wurden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde dann wieder der Druck aus dem 16. Jahrhundert als verbindlich erklärt, während zeitgleich am Kloster Solesmes versucht wurde, Liturgie und Kirchengesang wieder zum mittelalterlichen Vorbild zurückzuführen. Das “Graduale” und später das “Graduale triplex” des Kloster Solesmes machte im 20. Jahrhundert mittelalterliche Versionen der gesungenen Teile der Messe den Schola-Sängern wieder zugänglich. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ermöglichte das 2. Vaticanum es den katholischen Gemeinden, Gottesdienste außer in Latein auch in der Muttersprache abzuhalten. Das hat an den meisten Orten zu einer völligen Verdrängung des Lateins geführt.
In diesem Thread soll alles Wissen zusammengefaßt werden über die mittelalterliche Messe: Aufbau, Details, liturgische Kleidung, liturgisches Gerät, Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte, regionale Varianten, Primär- und Sekundärquellen zum Thema.
Ausdrücklich NICHTS hier verloren haben ßberlegungen dazu, wie eine Messe heute auf Mittelalter-Veranstaltungen durchgeführt bzw. dargestellt werden kann. Ich werde dazu einen Extra-Thread eröffnen (gleiche Rubrik, Titel: “Möglichkeiten der Darstellung einer Messe”).