Na ja, meiner Meinung nach geht es hier eher darum, klar abzugrenzen, was an unserer Darstellung i.e.S. als historisch korrekt, und was als Fiktion anzusehen ist. Insofern sehe ich Andreas´ Ansätze nicht so krass, wie sie formuliert sind.
Halle, alle zusammen, erst mal vielen Dnak an alle, die hier gepostet haben. Einige vermisse ich allerdings, z.b.Haduwolff, Matthias usw. Kommt vielleicht noch… Mal aus dem Bauch gesprochen: Mich graust es. Ehrlich. Es ist hier nur noch rein wissenschaftlich-theoretisch über das Thema gesprochen worden. Ich kann mit Christoph Bitter gleichziehen. Was bleibt denn nun noch übrig? Sicherlich, Andreas Sturm hat mit seinen Darlegungen im Prinzip recht, aber wo bleibt der Spaß, das freie Spiel der Leute, wo der Einsatz? Andreas, Du vergißt die Menschen! UNS, die wir MA machen, um unsere gesamte Person einzubringen, um Spaß an der Historie zu haben und das im Zusammenspiel mit den anderen. Das kann doch nicht der Weg sein. Ich war auf der Marksburg im Museum, und habe die Figuren gesehen. So seelenlos soll das MA sein? Das war jetzt Emotion pur! Ich bin ehrlich erschrocken, wenn das die Zukunft ist, dann glaube ich nicht, daß wir daran Freude haben.
Hallo Leute! So wie es scheint, soll unser Hobby nun rein wissenschaflich werden. Schön und gut; fragt sich nur, was dann noch übrig bleibt. Nach den hier geäußerten Argumenten sollen demnach folgende Handlungen und Dinge unterlassen werden, weil nicht zu Beweisen und den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Lebensweisen unserer Ahnen nicht nachvollziehbar sind: 1.) Jede Art von Schlachten (werden sowieso total falsch aufgeführt) 2.) Zweikämpfe (der Gegnder stirbt trotzdem nicht) 3.)Schwerter (Sind den echten Schwertern des MAs nicht genau nachbegildet 4.) Kleidung (viele der damals verwendeten Stoffe gibt es heute nicht mehr, so ist z. B. die Schafart von damals nicht mehr existent) 5.) Essen (viele der damals verwendeten Obst- und Gemüsearten sind heute in dieser Form nicht mehr existent, z. B. ßpfel, die heutigen Schweine entsprechen auch nicht denen von damals 6.) Zelte (auch das beste Past Tens ist einfach Falsch, Stoffe/Farben Wenn man es also rein wissenschaftlich nimmt, bleibt von unserem Hobby so gut wie nichts mehr übrig. Wie man sieht, ziehen wir aber einen ganzen Haufen kompromisse, um dieses Hobby durchzuführen. Frage deshalb: Warum soll man dann nicht auch ein wenig Schauspielern? Schauspielern tuen doch ettliche, die “Orden” mit ihren Gebeten, Udo`s Aktion letztes Jahr in Freienfels, sich obertapfer gebende Wikis und der allseits beliebte Christen-Heiden-Konflikt. Ach ja, und reden dürfen wir dann ja auch nicht mehr; außer die, die diese Sprache können. Also sieht man das ganze so dermaßen krass, existiert das Hobby nicht mehr. Gruß v. Arlen (p.s.: z. B. Udos “Schauspielerei” hat großen Anklang gefunden!)
Hallo Andrew, zu Punkt 2: Du darfst nicht vergessen, dass Collingwood seine re-enactment-Theorie auf konkrete Quellen bezog, deren Inhalt gedanklich erneut nachvollzogen werden sollte. Sein re-enactment bezog sich also nur auf nachweisbare, dokumentierte Handlungen, die sich in der Vergangenheit vollzogen haben. Und diese strengen Begriffsfassung wurde ursprünglich auch noch im Hobby angewendet, wenn ich Dietrich glauben schenken darf. Im ACW z.B. bezeichnet re-enactment zunächst nur die Nachstellung einer belegten Schlacht, z.B. Gettysburg. Insofern bewegt man sich hier innerhalb Collingwoods Intention (auch wenn er sicher nicht diese praktische Ausgestaltung seiner Theorie im Sinn hatte). zu deinem Punkt 3: Auch ein historischer Roman spielt vor einem historischen Hintergrund. Trotzdem ist er keine Schilderung von Tatsachen, sondern eine Fiktion. Das Siegel “vor historischem Hintergrund” garantiert also noch keine Darstellung von historischen Tatsachen, sondern steckt nur einen Bezugsrahmen ab. Wenn du innerhalb dieses Bezugsrahmen nicht mit Hilfe von Quellen rekonstruierte Handlungen nachstellst, die sich in der Vergangenheit so zugetragen haben, dann betreibst du re-enacment nach dem Wortsinne. Wenn du aber Handlungen neu erfindest, die sich lediglich an Quellen anlehnen, dann gibst du unweigerlich eine Fiktion wieder - magst du dabei in Details auch noch so sehr an die Vorlagen halten. Du spielst einen historischen Roman. Zu Punkt 4: Stimmt, selbst die konservativsten Wissenschaftler sind immer wieder darauf angewiesen, mittels “kreativer Logik” Lücken zu schließen, um den Gesamtzusammenhang zu wahren. Das Problem dabei ist immer wieder die Frage, wo man die Grenzen zieht. Im Falle eines künstlerischen Ansatzes wie du ihn vorschlägst können diese Grenzen großzügig angelegt werden. Selbst eine ßberschreitung derselben ist kaum mit Folgen verbunden. Bei einer wissenschaftlichen Herangehensweise müssen diese Grenzen aber immer so eng wie möglich gesetzt werden. zu Punkt 5: Das Interpretationen nötig sind wird von mir nicht bestritten. Nur die Art und Weise wie diese Interpretationen erreicht werden ist der zentrale Kern der ßberlegungen. Siehe auch meinen Kommentar zu Punkt 4. Andreas
Hi Andreas, 1. Ich sehe mich hier nicht unbedingt als Repräsentant oder Verteidiger des einen oder anderen Konzeptes, sondern möchte mich schlicht über diese austauschen. Ich bin sowieso eher ein Theoretiker was Geschichte angeht. 2. Stimmt: ´to act´ kann auch ´handeln´ bedeuten. Doch auch die einfache Handlung nachzuvollziehen widerspricht dem von Dir vorgestellten Konzept, da die genaue Art und Weise, wie eine Handlung durchgeführt wird, nicht nachzuweisen ist….. also Interpretation, Spekulation, Phantasie, Fantasy…. 3. >…ein Schauspiel, lösgelöst von der historischen Realität…> Häng noch “…aber vor historischem Hintergrund” daran, dann kann ich Dir zustimmen. Und genau dieser Hintergrund ist es, weswegen wir alle so fieberhaft in Quellen wühlen. Und das Konzept des ´Reenactment´, wie ich es verstehe, ist bemüht, diesen Hintergrund, dieses Historische so weit wie möglich nach vorne zu holen. 4. > …dass Du das Streben nach der historischen Wahrheit um den Willen der künstlerischen Interpretation zurückstellst…> Nö. Mit Interpretationen werden in diesem Konzept nur Lücken gefüllt, keine sowieso bekannten Wahrheiten ignoriert. Es gibt übrigens genügend Lehrfilme, Bücher, Ausätze und Artikel, die nach diesem Konzept arbeiten (nicht unbedingt die Schlechtesten). 5. Alleine das In-Zusammenhang-Bringen verschiedener Quellen stellt schon eine Interpretation dar. Beste Grüsse, Andrew P.S.: “…europäische Geschichte..” ?????? Höchstens mal am Rande.
Hallo Andrew, “to act” hat im englischen nicht nur die Bedeutung vom spielen einer theatralischen Rolle, sondern heißt zunächst schlicht “handeln”, als Substantiv “the act” - Handlung. to re-enact bedeutet also im einfachsten, von Collingwood formulierten Sinne, Handlungen nachzuvollziehen (!), nicht sie künstlerisch (!) zu interpretieren. Natürlich steht es dir und anderen frei, das re-enactment in einem künstlerischen Kontext zu begreifen, jedoch muß du dann gleichzeitig zugeben, dass du das Streben nach der historischen Wahrheit um den Willen der künstlerischen Interpretation zurückstellst. Damit betreibst du eine Kunstform, die nicht mehr länger den strengen Gesetzen der Wissenschaft unterworfen ist. Du stellst nicht mehr Geschichte dar, sondern eine künstlerische Interpretation des Themas - ein Schauspiel losgelöst von der historischen Realität. Analog zu den relativistischen Denkern der Postmoderne, die Geschichtschreibung mit Fiktion verschmelzen lassen, machst du damit das Hobby re-enactment zum mittelalterlich inspirierten Fantasy-LARP. In dieser Konsequenz mußt du dann den Anspruch, authentische europäische Geschichte darzustellen, endgültig fallen lassen.
Hi Andreas, Ich kann Deinen Ausführungen zustimmen - allerdings nur, wenn man sie auf “Dein” Konzept bezieht. Ich möchte hier zwischen ´Living History´ und ´Reenactment´ unterscheiden (Bitte zieht euch nicht an der Terminologie hoch.): Denn im Gegensatz zu dem ausschliesslich wissenschaftlich-historischen Anspruch, den Andreas hier vertritt, gibt es beim ´Reenactment´ noch eine weitere Komponente, nämlich die künstlerische. In ´Reenactment´ steckt das Wörtchen ´act´, also ´Schauspielerei´. Und damit wären wir bei dem Konzept, Schauspiel (also auch fiktive Handlungen oder Personen) vor einer historischen Kulisse zu präsentieren. Kunst lebt unter Anderem davon, Dinge zu interpretieren. Im ´Reenactment´ werden also wissenschaftliche Ansprüche (das Streben danach, den historischen Hintergrund dem Kenntnissstand anzunähern) mit künstlerisch-schauspielerischer Interpretation vermengt - wenngleich diese Mischung sich zugegebener Massen nicht selten widerspricht. Grüsse,
Hallo Martin, du darfst nicht Fehler begehen, dass Schlagwort vom “lebenden Kleiderständer” vollkommen wörtlich zu interpretieren. Vielleicht war meine Wortwahl etwas unglücklich, weil absichtlich plakativ. Wie Hilamr in seinem Beitrag Nr. 6 richtig gesagt hat, ist es nicht mit dem Tragen der Kleider allein getan. Erst wenn die historisch korrekte Kleidung mit fundiertem Hintergrundwissen paart betreibt die Person unser Hobby ernsthaft. Ich habe diesen Punkt in meiner Argumentation stillschweigend voraussgesetzt, denn im Allgemeinen muß dieses Hintergrundwissen ja schon vorhanden sein, um sich überhaupt eine historisch korrekte Ausrüstung zusammenstellen zu können. ______ Persönlicher Nachtrag zu Nr. 12: Der relativitische Ansatz, verwurzelt in den Zweifeln der 20er Jahre, mag allgemein durchaus berechtigt erscheinen. In in der Geschichtsforschung halte ich ihn jedoch für unangebracht, selbst wenn er noch bei vielen postmodern geprägten Historikern verbreitet ist. Denn die Vergangenheit hat sich zugetragen und das in nur einer Art und Weise. Ich sehe die Aufgabe des Historikers und auch des re-enactors darin, dieser einen Wirklichkeit unablässig nachzujagen. Zu erklären, dass man diese Wahrheit niemals finden könne und sich stattdessen gänzlich auf die bequemeren Wahrscheinlichkeiten (“hätte - wäre - könnte”) zurückzuziehen bedeutet Resignation und stellt zugleich die Berechtigung von Geschichtsforschung als solches in Frage. In letzter Konsequenz würde der relativistische Ansatz die Geschichtsschreibung als Wissenschaft auflösen und in die epische Dichtung überführen. Diese Vorgehensweise dient weniger der Wahrhaftigkeit als dem Schutz eines Egos, dass nicht stark genug ist, im Lichte neuer Erkenntnisse einmal eingenommene Positionen aufzugeben und Fehler einzugestehen. Andreas
Hallo Andreas, ich möchte (und kann) Deine Postings Nr. 8 und 12 nicht kommentieren, auch nicht im Zusammenhang mit der Fragesstellung Stefans. Ich gebe zu, dass ich einen so hohen Wissenschaftlichen Anspruch ein “meine” Mittelalterdarstellung nicht verfolge. Gewiss: es steht ausser Frage, dass wir keine ma Menschen wirklich “leben” können. Da stimme ich Dir voll zu. Auch ärgert es mich, wenn, wie auf vielen Märkten, “so getan wird als ob”. Das fängt bei der Kleidung an und hört bei der Sprache und beim Benehmen auf. Soweit, wie gesagt, stimme ich mit Dir überein. Nun stelle ich mir aber die Frage: “Wo zieht man eine Grenze” Stefan fragt: “Es kann doch mit dem rumstolzieren in A-Klamotten nicht getan sein?”, die Du mit der “Kleiderständertheorie” *g* bestätigst. Auf meine Darstellungswelt bezogen würde das bedeuten, dass ich zwar eine Schalmei in den Händen halten und zur Schau stellen darf, aber nicht hineinblasen. Denn nichts ist unsicherer als der tatsächliche Klang hist. Instrumente und Musik. Zur Geisteshaltung und zum Leben gibt es diverse Dokumente, mit denen sich eine Wissenschaftler befassen kann. Kleider und Gegenstände gibt es auf Abbildungen. Zur Musik? Einige spärliche Notenaufzeichnungen und gelegentlich ein Hinweis, das es etwas schief geklungen hat. Aber sonst? Ich halte es nicht für möglich ma-Musik zu “rekonstruieren” ohne sich in seine “Rolle” zu vertiefen, sich “etwas” mit der Geistes- und Lebensweise ma Spielleute zu befassen und etwas zu experimentieren. In der Rolle des “atmenden Kleiderständers” würde allenfalls eine leblose, monotone Klangkollage aus mir herausfliessen. ganz und gar ohme Quellenangaben Martin, alias
Hallo Henry! Historische Fakten: Geschichte ereignet sich auch ohne Historiker Edward. H. Carr meinte, “historische Fakten” würden erst durch die Interpretation des Historikers konstruiert. (1) Dieser Auffassung widerspricht in jüngster Zeit Richard J. Evans und bezeichnet Carr´s Definition als ein semantisches Mißverständnis, das auf der Verwechslung mit dem Begriff des “Belegs” beruht. Für ihn sind historische Fakten Dinge, die sich in der Geschichte ereignet und Spuren hinterlassen haben, also nachprüfbar sind. Ob eine ßberprüfung durch einen Historiker stattgefunden hat ist für die Existenz des Faktums ohne Bedeutung. Historische Fakten existieren deshalb im Gegensatz zu Carr´s Auffassung vollkommen unabhängig von den Historikern. Erst die Interpretation eines Faktums gewinnt an Bedeutung, wenn sich ein Historiker anschickt, ihn als Beleg zu verwenden - also mit dem Faktum eine aufgestellte Behauptung untermauern will. Selten untersuchen Historiker ein isoliertes Faktum, gewöhnlich interessiert sie vielmehr der Zusammenhang bestimmter Fakten. Hieraus ergibt sich die schwierige Frage, wie historische Fakten richtig als Belege interpretiert und verknüpft werden dürfen, um das richtiges Bild der Vergangenheit zu zeichnen. (2) Götterdämmerung der Objektivität Neben dieser terminologischen Verwirrung um Fakten und Belege ist die zentrale Frage zum historischen Faktum also nicht dessen Existenz (die ließe durch einen Vergleich mit anderen Quellen verifizieren), sondern wie die Quellen verwendet werden, die Fakten bereithalten. Der weit verbreitete Zweifel an den “objektiven Fakten” ist eigentlich ein Zweifel an der Fähigkeit der Historiker, Quellen richtig zu interpretieren. Einige Kritiker behaupten sogar, die “richtige” Interpretation der Quellen würde derartige Probleme aufwerfen, dass sich die daraus gewonnenen Erkenntnisse nicht mehr von reiner Fiktion unterscheiden würden. (3) Damit möchten sie die Idee der “objektiven” Geschichtsforschung endgültig begraben. Selbst die härtesten Kritiker der Objektivität müssen aber anerkennen, dass die Vergangenheit wirklich geschehen ist. ßber die Quellen und die Methoden, mit denen wir sie untersuchen, können wir uns deshalb dieser vergangenen Wirklichkeit annähern. Unsere Rekonstruktionen mögen immer nur vorläufigen Charakter besitzen und nicht vollkommen neutral sein: Bei gewissenhafter, vorsichtiger und selbstkritischer Vorgehensweise bleibt es dennoch möglich, haltbare Deutungen der Vergangenheit zu entwickeln. (4) Wiederholte kritische Prüfung der Methodik Die massive Kritik an der (Un-)Möglichkeit der Objektivität hat uns nicht die Chance genommen, verlässliche Erkenntnisse über unsere Vergangenheit zu gewinnen. Aber sie hat die Geschichtswissenschaft dazu gezwungen, sich selbstkritischer zu betrachten und ihre Methoden und Vorgehensweisen kontinuierlich zu überprüfen. (5) Collingwood´s Ansatz, dass man Geschichte nur über das Denken der Menschen beschreiben könne, griff zu kurz, denn Croce lies bei seiner Theorie der “zeitgenössischen Geschichte” außer Acht, dass die Gedanken einer Quelle genauso von ihrer Zeit und einem Zweck beeinflusst werden wie die Gedanken des Historikers, der sie auswertet. Die re-enactment-Theorie deckt deshalb nicht zwingend das auf, was man als ein historisches Faktum bezeichnen kann. Sie führt lediglich zu einer Interpretation (des Historikers) einer Interpretation (die Gedanken des Autors einer Quelle) von historischen Ereignissen (Fakten). Hier schließt sich der Kreis zu Stefans Fragestellung: Er schreibt, dass er seine Rolle mit allen ihren Aspekten darstellen möchte. Für diese fortgeschrittene Art des Rollenspiels ist es zwingend notwendig, dass er seine Figur mit einer Gedanken- und Gefühlswelt füllt. Denn die Gedanken, die Persönlichkeit eines Menschen ist die Grundlage seiner Handlungen nach außen. Da wir aber über keine exakten Persönlickeitsprofile und Denkmuster der mittelalterlichen Menschen verfügen bilden diese Gedanken (ob historisch belegter oder fiktiver Charakter) wieder nur ein bruchstückhaftes Konglomerat aus zahlreichen Quellen. Auch er muß also Interpretationen erneut interpretieren und daraus eine funktionierende Einheit bilden. Auf diese Weise erreicht er eine historisch inspirierte Rollendarstellung “so wie sie gewesen sein könnte”. Offen bleibt dabei freilich, ob er aus der Schar von Wahrscheinlichkeiten die richtige Lösung zu finden vermag - ob er sich der Vergangenheit innerhalb akzeptabler Grenzen annähert. Andreas ____ 1 Edward Hallet Carr. Was ist Geschichte? Stuttgart: 1963. S. 12f. 2 Richard J. Evans. Fakten und Fiktionen: ßber die Grundlagen historischer Erkenntnis. Frankfurt (Main): Campus Verlag, 1998. S. 79. 3 Lawrence Stone. “History an Post-Modernism”. Past and Present 131. S. 217f. 4 Evans S. 239, S. 242f. 5 Berghofer. Beyond the Great Story. Chicago: 1988. S 197 - 201.
Na, da haben sich meine paar Zeilen ja mal echt gelohnt! Hätte gar nicht gedacht wieviel man dazu sagen kann! Du schreibst: “Man (zweifelt) heute also nicht mehr an, dass historische Fakten existieren.” Wieso ist das so? Grüße Henry
Hallo Henry! Der Begriff “re-enacmtem-Theorie” ist in diesem Zusammenhang irreführend, denn er bezeichnet nicht unsere praktische Form der Gesichtsdarstellung! Collingwoods Theorie schlug vielmehr eine Technik vor, wie der Historiker Quellen behandeln und nutzen sollte. Seine ßberlegungen wurzeln in einer der Urfragen der Gesichtswissenschaft und zeigen gleichzeitig deutlich, dass auch Historiker - wie alle Menschen - zuallererst immer ein Kind ihrer eigenen Zeit sind. Verlässliche Fakten - objektives Wissen über die Vergangenheit? Praktisch seit Beginn der modernen Geschichtswissenschaft im 19. Jh. stellte sich die Frage, ob wissenschaftliche Methoden zu einer wertfreien - also objektiven - Geschichtsschreibung führen oder nicht. Der 1. Weltkrieg erschütterte jedoch den Glauben an die “exakte Wissenschaft” Geschichte nachhaltig. Historiker der ehemaligen Kriegsgegner stellten bald in ihren Publikationen die Ursachen des Krieges dar, aber kamen zu gänzlich anderen Ergebnissen, so dass sie sich trotz ihrer gemeinsamen wissenschaftlichen Grundlagen dem Vorwurf der Parteilichkeit ausgesetzt sahen. Weiter ins Wanken geriet die Vorstellung der objektiven Fakten durch den raschen Umbruch der Naturwissenschaften in diesen Jahren. Einsteins Relativitätstheorie von 1913 revolutionierte die Physik. Ihre Grundaussage wurde alsbald aus der Atomphysik herausgelöst und auf die allgemeine Vorstellung übertragen, dass das Aussehen eines Objektes immer vom Beobachter abhängig sei. Dieser Gedanke wurde u.a. von den Philosophen Benedetto Croce und Robin George Collingwood auf die Geschichtschreibung übertragen. Croce schloss, dass alle Geschichte “zeitgenössische Geschichte” sei, da der Historiker von den Anliegen seiner Zeit geleitet werde. Geschichte würde also immer aus der Perspektive der Gegenwart geschrieben. Die re-enactment-Theorie - ein Kind der Einstein´schen Relativität Collingwood griff Coce´s ßberlegungen auf und behauptete, “alle Geschichte sei Geschichte des Denkens”. Die aus der Vergangenheit überlieferten Quellen könnten nur dann an Bedeutung gewinnen, wenn sich der Historiker von dem Denken seiner Zeit loslösen würde. Vielmehr müsse er jene Gedanken rekonstruieren, das in den Quellen ihren Ausdruck finden. Collingwoods verwischte so in seiner re-enacmtent-Theorie die Unterscheidung zwischen historischen Fakten und ihrer Interpretation. In den frühen 60er Jahren führte der Historiker Edward Hallet Carr diesen relativistischen Ansatz fort: “Jedes Dokument sagt uns nur, was sein Autor dachte” (1) Carr vertritt damit die Ansicht, dass wir beim Lesen einer Quelle in unserem Bewußtsein das Denken ihres Verfassers nachvollziehen. Die Grenzen der re-enacment-Theorie Doch der Historiker ist nicht zwingend darauf beschränkt, nur den Gedanken des Autors einer Quelle zu folgen. Er kann z.B. auch Informationen durch das gewinnen, was ein Autor im Vergleich zu anderen Quellen ausläßt oder anders darstellt. Aufgeführte Daten können den Historiker in einem anderen Zusammenhang interessieren als es der Autor beabsichtigte. Wie wir Quellen lesen hängt also weiterhin wesentlich von unseren eigenen Gedanken und Zielen ab. Zwei amerikanische Historiker sagen dazu: “Historische Dokumente lassen sich nicht als einfache Manifestationen der Intentionen eines Urhebers ansehen; die sozialen Institutionen und materiellen Praktiken, die bei ihrer Entstehung eine Rolle spielten, sind von wesentlicher Bedeutung für die Gestaltung dessen, was gesagt und wie gesagt wurde. Die überaus sorgfältige Lektüre der Quellen durch die Historiker muß demzufolge nicht viel gemein haben mit dem, was der Autor zu sagen beabsichtigte, oder dem, was der zeitgenössische Leser von ihnen aufnahm.” (2) Besonders problematisch wird der Ansatz der re-enacmtent-Theorie, wo Quellen überhaupt nicht in Schriftform existieren. Der britische Historiker Richard J. Evans betrachtet es als “alles andere als einfach” in die Gedanken einer Person einzudringen, die im 4. Jh. eine Grabbeigabe hinterlegte! Er hält es z.B. für wenig sinnvoll zu behaupten, sich die Gedanken der Zeitgenossen zu vergegenwärtigen, wenn er die Ursachen der Preisrevolution im Spanien des 16. Jh. erforscht, indem er Statistiken auswertet. Collingwoods Begriff der historischen Erklärung ist für ihn viel zu eng mit der Erklärung von politischen Ereignissen verbunden und deshalb unzureichend. (3) Der relativistische Ansatz - ein unzureichendes Instrument des Historikers Die Frage ist heute nicht mehr so sehr die Interpretation von Quellen, sondern deren Relevanz für eine bestimmte Fragestellung. Eine Quelle kann durchaus nur eine mögliche Interpretation beinhalten, wenn sich verschiedene Historiker mit der selben Fragestellung an sie wenden. Stimmen die Interpretationen nicht überein, kann nur eine Deutung die richtige sein. Dass dieser Grundsatz nicht auf jede Quelle zutrifft, kann aber nicht bedeuten, dass die Interpretationsmöglichkeiten einer Quelle grundsätzlich unendlich wären. Weiter läßt sich aus der Existenz historischer Kontroversen über eine die Interpretation einer Quelle nicht schließen, dass man keine sicheren historischen Fakten ermitteln lassen. Denn gerade aus der jüngeren Geschichte verfügen wir über viele unumstrittene historische Fakten. Während Croce und Collingwood die Existenz von historischen Fakten leugneten und sie durch die reine Interpretation des Denkens ersetzten, zweifelt man heute also nicht mehr an, dass historische Fakten existieren. Collingwood´s re-enacmtent-Theorie vom alleinigen Zugang über das Denken der untersuchten Menschen ist damit die Grundlage entzogen worden. Die Technik selbst ist damit zwar nicht vollkommen falsch, aber nur eingeschränkt brauchbar und veraltet, wenn es darum geht, aus dem Puzzle von historischen Quellen ein “objektives” Bild der Geschichte zu entwickeln. Andreas ___ 1 Edward Hallet Carr. Was ist Geschichte? Stuttgart: 1963. S. 16. 2 Ellen Somenkawa und Elizabeth A. Smith. “Theorizing the Writing of History, or ´I cant´t think why it should be so dull, for a greater deal of it must be invention´”. Journal of Social History 22. 1988. S. 153. 3 Richard J. Evans. Fakten und Fiktionen: ßber die Grundlagen historischer Erkenntnis. Frankfurt (Main): Campus Verlag, 1998. S. 94.
Hier noch meine überschlauen und unmaßgeblichen Worte zu Thema: Die re-enactment-Theorie Die Theorie über das re-enactment (vgl. engl. re, wieder; enactment, Verfügung, Spiel, Aufführung) geht auf Collingwood zurück. Nach dieser Theorie ist es die Aufgabe des Geschichtswissenschaftlers, auf der Grundlage der überlieferten Quellen die Vergangenheit dadurch zu rekonstruieren, daß er erneut die Gedanken durchspielt, die sich in den vergangenen Ereignissen ausdrücken. Robin George Collingwood (1889 - 1943) war englischer Philosoph, Archäologe und Geschichtswissenschaftler, er war als Professor für Metaphysik in Oxford tätig. Innerhalb der Geschichtswissenschaft ist Collingwood vor allem wegen seiner Theorie über das re-enactment bekannt geworden. Nebenbei: Wir müssen uns darüberb im Klaren sein, daß unsere “Märkte” absolut nichts mit den tatsächlichen Gegebenheiten im Mittelalter zu tun haben. Grüße Henry
Moin Alle Nach den wissenschaftlichen Abhandlungen hier nun noch meine 5 Pfennig zu dem Thema: ## Ich bekam immer mehr den Eindruck, daß es hier nur noch um die plakative Demonstration einer authentischen oder fiktiven Figur dreht. ## Naja, ich denke niemand stellt sich auf einen Sockel und sagt “schaut mich an”, aber etwas eitel sind wir doch alle, oder? Die Zurschaustellung darf aber nicht das einzige sein. Schließlich sind wir nicht im Zoo. ## sollte z.B. ein Ritter nicht nur kämpfen und reiten können, sondern auch mit Religion und dem Weltbild seiner Zeit bekannt sein? ## Absolut! ## [..] seine Figur auch lebendig als Charakter mit allen Tiefen und Höhen darzustellen [..] ## Hihi…Denn genau hier fängt es an, spannend zu werden. Wie bereits in vielen Diskussionen besprochen gehört dazu auch das vorzeitige unfreiwillige Ableben. Wer auch die “Tiefen” im “Leben” seines Charakters darstellen will, muß ihn auch sterben lassen können ## Was ist denn so verdammenswert daran, eine Rolle zu spielen, so, wie sie möglich gewesen sein kann? ## Nichts ist da verdammenswert dran, solange klar ist, daß gespielt wird. Das was du, Stefan, an Wünschen/Forderungen (äh, Wortfindungsstörung meinerseits) äußerst, führt auf einer geraden und sehr kurzen Linie in Liverollenspiel. ## Hier liegt doch auch der Reiz des Ganzen! ## Ein altes Bienensprichwort sagt: “Jedem Tierchen sein Plaisirchen”. ## Es kann doch mit dem Rumstolzieren in A-Klamotten nicht getan sein? ## Nein. Denn wer ohne Hintergrundwissen “herumstolziert”, kann wirklich getrost als lächerliche Anziehpuppe bezeichnet werden. Ob das Gegenteil davon aber ins Rollenspiel führt oder in die Erarbeitung und die Vermittlung von Wissen an andere, das muß jeder für sich selbst entscheiden…solange der Rollenspieler nicht behauptet, er repräsentiere historische Wirklichkeit.
Hallo Andreas, ich stimme dir zu: wir können uns nicht mehr in die (Geistes)Welt des Mittelalters (oder anderer vergangener Epochen) zurückversetzen. Wir können nur einen Bruchteil davon nachempfinden, einen Hauch. Alle Annäherungen an das Denken und vor allem das Fühlen des MA Menschen gehen vom Kopf aus. Auch wenn wir noch so viel gelesen haben und erschöpfend Bescheid wissen, wir leben im 20./21. Jh. mit seinem gesamten Hintergrund. Und diesen Background können wir nicht vergessen. Das fängt schon mit der Reise zum Markt an: mit einer großen Menge Gepäck werden 200 oder mehr Kilometer in wenigen Stunden bequem zurückgelegt. Wir _denken_ daran, wie beschwerlich, vielleicht sogar fast unmöglich, diese Reise im MA gewesen ist, aber wir _fühlen_ es nicht. Das könnten wir nur, wenn wir tatsächlich diese Strecke zu Fuß gegangen oder geritten wären. Auch die körperliche Befindlichkeit können wir nicht _fühlen_. Wir müssen nicht an Zahnschmerzen leiden, haben kein Rheuma aufgrund einer feuchtkalten Hütte, Knochenbrüche werden operiert und bedeuten nicht Verkrüppelung, gegen Kopfschmerzen gibt es Aspirin, Kurz- oder Weitsichtige tragen eine Brille,… Und wenn es doch mal mieses Wetter ist auf dem Markt, trösten wir uns mit dem Gedanken an unsere gemütliche Wohnung mit Zentralheizung. Wer einen Krieger darstellt, muß nicht befürchten, beim nächsten Gefecht verstümmelt oder getötet zu werden - ist ja alles nur Spaß! Keine Frau muß Angst haben, an einen unsympathischen Mann verheiratet zu werden, im Kindbett zu sterben, als Witwe auf der Straße zu stehen,… Bauerndarsteller werden nicht wirklich zum Frondienst eingezogen oder müssen auf dem Acker schuften. Niemand muß hungern, dafür sorgen schon die vielen Verpflegungsstände auf den Märkten, wo sich _jeder_ was leisten kann. Und auch im Alltagsleben dürften die meisten nicht annähernd die existenziellen Sorgen haben, wie sie im MA an der Tagesordnung waren. Ein verregnetes Frühjahr wie heuer ist für uns nur ärgerlich, aber im MA hätte es ein Hungerjahr bedeutet. Bei der Religionsdarstellung klaffen wohl die größten Lücken. Wer kann das Vaterunser auf Lateinisch sagen? Einen Rosenkranz beten? Wer trägt (wenn überhaupt) ein Kreuz aus wirklichem Glauben? Kann sich ein moderner, oft heidnisch-naturreligiös eingestellter Mensch vorstellen, in welchem Maße der christliche Glaube das Leben des MA Menschen durchzog? Ich kann es nicht. Ich weiß nicht, wie sich eine Frau fühlt, die aus politischen Gründen verheiratet wird und Kinder gebären muß, um einen Erben zu haben. Ich weiß nicht, wie das Schuld-Erbsünde-Beichte-Sühne-Erlösung-Dogma auf eine Frau wirkt, der es von klein auf eingetrichtert wurde. Ich habe mir zwar eine Persona entwickelt, aber ich “spiele” nicht damit. Nicht nur aus vorgenannten Gründen; es ist einfach nicht möglich, in der “Rolle” zu bleiben, wenn man eine verantwortungsbewußte Publikumsarbeit leisten will. Und diese Publikumsarbeit ist es, wofür Darsteller Gage bekommen. Wer spielen will, soll sein Vergnügen selbst finanzieren. Also meine ich: Rollenspiel auf privaten Veranstaltungen, Informationsvermittlung auf Gagenterminen.
Hallo Frank, natürlich hast du Recht, was die “scheinbare Objektivität” von Ergebnissen angeht. Auch dass man bei der Informationsvermittlung möglichst alle Sinne ansprechen sollte ist nicht neu, darauf beruht das Prinzip der Freilichtmuseen und letztendlich auch unser Hobby. Die dränge Frage dabei bleibt jedoch: Wie weit darf man dabei gehen? Wo muß man die Grenze ziehen? Stefan weist in eine deutliche Richtung: Nicht nur soll man sich über die sozialen und religiösen Hintergründe des Mittelalters bewußt sein, sondern man soll sie ausleben - zusammen mit anderen (“weil des Spaß macht”!). Dabei schafft man sich ein künstliches Sozialgefüge, das dem des Mittelalters gleichen soll - “so wie es gewesen sein könnte”. Diese Vorgehensweise birgt ganz klar die Gefahr, dass man sich das Mittelalter so gestaltet, wie man es sich wünscht. Man schafft sich eine künstliche Kultur, aus der man dem 21. Jh. für kurze Zeit entfliehen kann. Die künstliche Kultur, die durch das Ausleben der Rollen entsteht, kann aber nur äußerlich dem Mittelalter gleichen, denn wie du richtig bemerkst Frank, können wir uns niemals von unserem eigenen Ich vollständig freimachen. So sehr wir uns auch bemühen mögen, wir werden immer Menschen des 21. Jh. bleiben und wir werden deshalb das Mittelalter immer nur im Vergleich mit unserem heutigem Leben betrachten und nachvollziehen können. Realienfunde kann man noch relativ leicht bergen, klassifizieren und kopieren. Doch der menschliche Geist ist zu flüchtig, als dass man sie nach 1000 Jahren detailliert wiederherstellen könnte. Hier liegt die Gefahr von Stefans “Rollenspiel-Ansatz”: Die vorhandenen Lücken werden von den Wünschen und Sehnsüchten des wohlbehüteten Zivilisationsmenschen gefüllt. Wo die wichtigste Sorge des Menschen im 13. Jh. wahrscheinlich war, wie er den nächsten harten Winter überstehen würde, dürfen sich die christlichen Ritter von heute in erfundenen politischen Intrigen üben. Wo der Ministeriale des 12. Jh. hauptsächlich mit der Verwaltung von Gütern und Menschen beschäftigt war, bereitet man sich heute erwartungsvoll auf das nächste Spaß-Schlacht vor. Die (Gedanken)-Welt, die hier geschaffen wird, setzt sich eher aus den Träumen und Wünschen des 21. Jh. zusammen als aus der Notwendigkeit, ein Leben im Mittelalter zu führen. Diese neu geschaffene Kultur des “Mittelalters” garantiert für ein aufregendes und spaßiges Wochenende mit Adrenalinkick und elektrisch gekühltem Bier. Wie kann man da noch behaupten, man würde ernsthaft versuchen, eine mittelalterliche Person “mit allen ihren Höhen und Tiefen” darzustellen? Andreas P.S.: Manche Historiker haben ihr Lebenswerk der Aufgabe gewidmet, etwas mehr Licht in die Epoche “Mittelalter” zu bringen und doch ist unser Wissen über diese Kultur nur Stückwerk. Doch nach einigen Jahren Quellenstudium will man nun als Reenactor ernsthaft behaupten, man könnte einen mittelalterlichen Menschen in allen seinen Aspekten darstellen? Dieser Anspruch erscheint mir überaus anmaßend.
Andreas, ich kann Dir nicht in allen Punkten recht geben. Klar ist, daß man sich in der universitären Archaeologie und Geschichtsforschung stets vor ßberinterpretationen seiner Fundstücke und Ergebnisse hüten muß. Erst recht, wenn man Aussagen treffen will, die über eine kleine Region hinaus gehen. Klar ist aber auch, das es sich bei Stefans Anfrage hochwahrscheinlich nicht um einen Geschichtsdozenten handelt, der uns hinsichtlich unserer Arbeitsweise abprüfen will. Insofern Du Dich in Deinem Forschungsgebiet vollkommen von Deinen eigenen “Archetypen” (psychologisch Gesprochen) oder “mental images” (kognitionsbiologisch ausgedrückt) bei der Interpretation Deiner Ergebnisse freisprechen kannst, vermag ich nicht zu sagen. 100%ig wird es Dir aber auch nicht gelingen, denn es muß auch Dir klar sein, daß die vielgerühmte Objektivität nur ein Konstrukt ist, auf das sich die Angehörigen eines Kulturkreises geeinigt haben. Rein von der Sinnesphysiologie und von der Art und Weise einer Reizaufnahme und -verarbeitung ist die here Objektivität nicht haltbar. Fazit: Alles ist Subjektiv. Dieses Theorem vorausgesetzt, ist es zuallerst egal, aus welcher Sichtweise eine Person - hier Stefan - an den Themenbereich Mittelalter herangeht. Wichtig ist nur, inwieweit er sich dem Wahrnehmungskonstrukt nähert, auf das sich die meisten geeinigt haben. Ich spreche hier nicht von “Fähnchen in den Wind halten” oder “Die Masse hat recht”, sondern von bereits erforschten, soziobiologisch-wahrnehmungstheoretischen Tatsachen. Insofern Du auf das Thema Besucher ansprichst, so möchte ich hier Klafki zitieren (u.a. Biodidaktiker), der besagt, daß ein Lehrender versuchen muß, den Lernenden auf seinem Verständnishorizont abzuholen. Dabei ist es nicht nur zulässig, sondern z.T. sogar unabdingbar, auf unterschiedlichen Ebenen Informationen preiszugeben, mögen es rein akustische, optische und ggf. auch taktile Informationsinhalte sein. Insofern sind sowohl Deine eher kognitiv-distanzierende Vorgehensweise, als auch Stefans Zugang zum Mittelalter über die empatische Schiene, also über das versuchte Nachempfinden eine gleichberechtigte Möglichkeit, einen ersten Zugang zu finden. IdS, mach weiter Stefan, aber halte Dich auch über Literaturquellen und Fundlisten auf dem neueren Stand. Frank
Doch Stefan, es kann mit dem “Rumstolzieren in A-Klamotten” getan sein, eigentlich muß es das sogar! Man darf niemals außer Acht lassen, dass das Mittelalter unwiederbringliche Vergangenheit ist. Es ist teilweise schon schwierig genug, verlässliche Aussagen nur über die Sachkultur des Mittelalters zu treffen. Wie soll es unter diesen Bedingungen gelingen, einen ganzen Menschen zu erschaffen, dessen Sozialverhalten und Persönlichkeit durch eine Umwelt geprägt wurden, die nicht mehr existiert? Das ist schlicht unmöglich. Jeder Versuch muß eine schiere Interpretation bleiben, die auf unvollständigen und vielleicht mißverstandenen Daten beruht. Sehr gut drückt dies Klaus Goldmann in einem Artikel aus: “Rekonstruierte Vergangenheit liefert immer nur eine Teilwahrheit. Wenn sie in Gebäuden natürlicher Höhe mit funktionsfähigen, häufig sicher richtig rekonstruierten Geräten von lebenden Personen in altertümlicher Kleidung vorgeführt wird, wird sie für den Besucher oft die ganze Wahrheit” Das ist die große Gefahr einer Rolle. Ein vollständige Rolleninterpretation, also der Versuch, weit über das Tragen der rekonstruierten Kleidung hinauszugehen und ein Menschen in allen Aspekten darzustellen bedeutet zwangsläufig, dass man das Feld der sicherten Fakten verläßt und sich ins Reich der Spekulation begibt. Dabei gaukelst man sich selbst und den Menschen um einen herum jene “Wahrheit” vor, vor der Goldmann warnt. Spekulationen sollen deshalb heute in der Geschichtsforschung und Archäologie auf ein Mindestmaß beschränkt werden. Als Beispiel können kürzlich entdeckte Wandmalereien im Aachener Dom dienen: Unter dem Ruß von Jahrhunderten entdeckte man Fragmente von Wandmalereien aus dem 14. Jh. Diese werden zur Zeit restauriert. Allerdings frischen die Restauratoren nur die erhaltenen Gemäldefragmente auf. Sie ergänzen sie nicht zu vollständigen Bildern, denn das würde bedeuten, das Original zu verfälschen! “Seine Figur auch lebendig als Charakter mit allen Tiefen und Höhen darzustellen [..]eine Rolle zu spielen, so, wie sie möglich gewesen sein kann” und dabei auch noch mit anderen zu interagieren, so wie du es forderst Stefan, ist also keine weitere zwingende Annäherung an die historische Lebenswirklichkeit sondern im Gegenteil läufst du Gefahr, dich in weitaus mehr Punkten von eben dieser Wirklichkeit zu entfernen. Du gibst mit deinen Worten “wie sie möglich gewesen sein kann” bewußt zu, dass du hier mit Spekulationen arbeitest, nicht mehr mit gerade gültigen Fakten. Du entwickelst eine Rolle, wie es ein Schauspieler tut. Du überschreitest die Grenze zum Fantasy-Rollenspiel. Gewöhnlich besteht man hier aber darauf, sich mit realer Geschichte zu beschäftigen, nicht mit Fantasy-Rollenspiel. Somit ist es weitaus ehrlicher und konsequenter, in der Darstellung ausschließlich auf gesicherte Erkenntnisse zurückzugreifen und bewußt Aspekte auszuklammern, wenn diese nicht zufriedenstellend durch wissenschaftliche Erkenntnisse abgesichert sind. Mit dieser Einschränkung wird es uns aber niemals möglich sein, einen mittelalterlichen Menschen in “allen seinen Aspekten” darzustellen. Wir müssen uns mit der Rolle eines “atmenden Kleiderständers” zufriedengeben. Das mag für manche schmerzlich sein, die dem Traum der Zeitmaschine Mittelalter-Hobby nachhängen. Doch das Mittelaler ist nuneinmal unwiederbringlich vergangen. Andreas P.S.: Es gibt in der modernen Musumspädagogik tatsächlich Techniken, die dem “Rollenspiel” der Mittelalterszene oberflächlich betrachtet ähneln, jedoch anders funktionieren und auch andere Ziele verfolgen. Besonders im angelsächsischen Raum werden diese Techniken auch im Zusammenhang mit Reenactment verstärkt angewendet. Ihre Funktionsweisen verstehen zu lernen und auch für Deutschland nutzbar zu machen ist ein wichtiger Tagesordnungspunkt auf dem Arbeitstreffen der Living History Mailing List. ____ Klaus Goldmann. “Phantom oder Wahrheit ? - Archäologische Freilichtmuseen.” Fördererkreis des Museumsdorfes Düppel. Berlin, 18.10.1999 www.dueppel.de
Hallo zusammen, in den vielen Seiten des TV fand ich kaum etwas, das sich mit der persönlichen Einstellung zur dargestellten Figur beschäftigt. Ich bekam immer mehr den Eindruck, daß es hier nur noch um die plakative Demonstration einer authentischen oder fiktiven Figur dreht. Was aber ist mit dem Bezug zur Persönlichkeit, sollte z.B. ein Ritter nicht nur kämpfen und reiten können, sondern auch mit Religion und dem Weltbild seiner zeit bekannt sein? Und, was ja auch etwas ausmacht, was ist mit dem Spaß, seine Figur auch lebendig alls Charakter mit allen Tiefen und Höhen darzustellen, und das mit anderen zusammen, interaktiv sozusagen? Was ist denn so verdammenswert daran, eine Rolle zu spielen, so, wie sie möglich gewesen sein kann? Hier liegt doch auch der Reiz des Ganzen! Es kann doch mit dem rumstolzieren in A-Klamotten nicht getan sein? Nachdenklich…