Ich greife hier mal diesen alten Thread wieder auf. Bisher ging es nur um Schläfenringe um 1000. Aber wie sieht es bei den Böhmern im 13. Jhd. aus? Waren die - als Teil des Reichs - so assimiliert an die Deutschen, dass sie ihre ethnografischen Merkmale aufgegeben hatten? Oder kennt jemand Funde o. ä. Belege für Schläfenringe oder auch andere Eigenheiten in der Tracht/Kultur der Westslawen?
Erst einige Zeit nach der Frage von Janina bin ich nun eher zufällig auf selbige gestoßen, vielleicht ist eine Antwort ja trotzdem noch von Interesse.
Die wichtigsten neuen ßberblickswerke sind mit den beiden Katalogen “Europas Mitte um 1000” und “Kaiser Heinrich II.” ja schon genannt worden. Bei letzterem:
Josef Kirmeier / Bernd Schneidmüller / Stefan Weinfurter / Evamaria Brockhoff (Hrsg.). Kaiser Heinrich II. 1002-1024. Veröff. zur Bayer. Gesch. u. Kultur 44 (Augsburg 2002)
ist besonders auf folgende Katalogbeiträge hinzuweisen:
Rosenplänter, Petra, Kat.-Nr. I,15 S. 135 f. zu dem Bestattungsplatz auf dem Barbaraberg bei Speinshart, Oberpfalz, mit einer Menge verschiedener Schläfenringe. Zu Speinshart s.u.
Haas-Gebhart, Brigitte, Kat.-Nr. I,25 S. 144. “S-förmige Schleifenringe” aus Adelsdorf, Lkr. Erlangen-Höchstadt. “Wie Grabungsbefunde zeigen, wurden diese Ringe nicht wie die halbmondförmigen Ringe aus Purk - im Ohrläppchen getragen, sondern an einem Stirnband oder an einer Haube angebracht.” Die Funde aus Adelsdorf selbst gaben jedoch keine Hinweise zu Trageweise.
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Haberstroh, Claudia, Kat.-Nr. I,26 S. 144-146 zum frühmittelalterlichen Gräberfeld von Wirbenz in Nordostbayern. “Als charakteristisch können auch bronzene und silberne Kopfschmuckringe gelten. - Kopfschmuckringe waren häufig auf Leder oder Textil aufgenäht, weshalb anzunehmen ist, dass sie wohl an einer Kopfbedeckung oder einem Stirnband getragen wurden. Die Lage der Ringe in ungestörten Gräbern bestätigt diese Annahme. Für Grab 4 gelang es in der archäologischen Textilrestaurierung, den Kopfschmuck des etwa dreijährigen Mädchens zu rekonstruieren. Verschiedene Perlen wurden in Dreiergruppen auf einem Stoffband aufgenäht, wobei nur die hinteren Enden des Stoffs frei blieben. Das Zentrum schmückten zwei S-Schleifenringe, auf die je eine kleine Perle aufgeschoben war. Ringe und Perlen gehörten in diesem Fall also zum Zierbesatz eines Stirnbands.”
Das etwas blasse Foto mit der Rekonstruktion des Bandes im Katalog-Beitrag I,25 (s.o.) direkt darüber.
Zu den Schläfenringen mit rekonstruiertem Kopfband aus Wirbenz, Gemeinde Speichersdorf, Landkreis Bayreuth, Oberfranken, Grab 4, gibt es m.W. noch keine ausführliche Veröffentlichung, was sich jedoch in Zwischenzeit auch schon wieder geändert haben kann. Mehr dazu in der unpublizierten Magisterarbeit an der Uni Bamberg
Der karolingische Friedhof bei Wirbenz, Landkreis Bayreuth (M.A. 1998).
www.uni-bamberg.de/~ba5am1/examen/ofr.htm seit ihr die einzigen, die Slawen reenacten. Ich bilde mir zwar ein, auch schon von anderen gehört zu haben, könnte aber jetzt keine Namen nennen.
Ich studiere Ur- und Frühgeschichte in Jena, mein Hauptinteresse geht in eine ähnliche Richtung: Früh- und Hochmittelalter in Ostmitteleuropa, besonders slawische Besiedlung. Insofern würde ich gerne wissen, was ihr da genau macht, ohne jedoch selbst Ambitionen in Richtung Reenactment zu haben. Mich interessieren vielmehr die konkreten Probleme, auf die ihr gestoßen seid, und wie man die eventuell lösen kann (Literaturhinweise etc.). Es wäre schön, wenn Du dazu hier oder in einer privaten Mail etwas mehr schreiben könntest.
hoffentlich seit ihr gut heimgekehrt. Zeichnung des Fundes vorhanden. Kann ich Dir auch mailen, erwarte aber keine ßberraschung, sieht genau aus wie die, die Du am Wochenende getragen hast. Zeichnung zur Trageweise: nicht vorhanden. Der Aufsatz stammt aus “Die Provinz Brandenburg in Wort und Bild”, das 1900 erschien. Vielleicht erklärt das Erscheinungsdatum auch die zeitliche Abweichung, allg. würde ich vom Ende des 6. Jh. ausgehen.
Grüße auch an Deinen ramponierten Mann, hoffe, es geht schon wieder. Was legt er sich auch mit mir an :-)
…können Interessierte zum einen in der Ausstellung über Heinrich II. in Bamberg samt Katalog. Da steht aber zum Hintergrund nich viel drin. Deshalb empfehle ich da:
BRATHER, Sebastian: Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung. Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa. Berlin u. New York 2001 (=Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde; Band 30).
hast Du Bilder von den Schläfenringen oder gibt es eine weitere Zeichnung zur Trageweise?
Im Katalog zur Ausstellung “Europas Mitte um 1000” in Ringe in allen Formen und Größen, es fehlen nur die sehr späten Befunde (auch 13. Jahr.) z.B. aus dem Hannov. Wendland. (Hier nur (?) aus Bronze in Kombi mit großen, rechteckigen Gürtelschnallen (!!!!) und Halsketten aus Glasperlen mit Glöckchen.
Bei den großen Ringen bin ich nicht sicher, ob die Tragweise nach der Zeichnung von Fabian so praktikabel ist.
Was mir auffällt: ab dem 5. Jahrh. angesiedelt? Von wann ist denn diese Angabe? Die DDR-Forschung ging vom 7. Jahr., in Ausnahmen von 6. Jahrh. aus, das würde einiges aufwirbeln ….
Kurz etwas zur Fundlage von slawischen Schmuck in der Mark Brandenburg, genauer in der Neumark, also dem Teil von Brandenburg, der jetzt wohl zu Polen gehört. In einem Aufsatz der Urgeschichte der Neumark erwähnt Robert Pohl um 1900 neben Halsringen aus zusammengeflochtenen Drähten, Armbändern aus zusammengebogenen Stäben, Finger- und Ohrringen und aufgereihten Perlen aus Silberblech ausdrücklich Schläfenringe, “offene, fast kreisrunde Schmuckstücke aus Silber, seltener Bronze, die wahrscheinlich zu mehreren an einem Lederstreifen befestigt an den Seiten des Kopfes getragen wurden.” Zeichnung der Funde vorhanden. Slawische Stämme siedelten sich hier so ab dem 5. Jh. an.
das ist spannend. Welcher Katalog ist das? (ich habe wohl die eine oder andere Unterlage im Bücherschrank und würde das gern nachlesen)
Sind die Ringe aus einem Hacksilberfund? Das heißt leider nicht, das der Schmuck dort getragen worden ist, außer von slawischen Frauen dort. Und das ist etwas unwahrscheinlich. Andererseits - warum nicht. Sowohl als Frau eines niedergelassenen Kaufmann, als Ehefrau eines Einheimischen oder Sklavin (unwahrscheinlich das eine Sklavin Schmuck hat (?))
Um 800 ist auch sehr früh. Die Slawen wanderten (nach einigen Gelehrtenmeinungen, nach anderen nicht) ca. im 7. Jahrh. nach Norddeutschland ein. Oldenburg wird im ausgehenden 7. Jahrhundert Handelpunkt. Leider sind die Datierungen sehr grob..
Leider ist nicht klar welche Bedeutung die Schläfenringe haben. Es gibt Kindergräber im südslawischen Bereich mit vielen Ringen, das wiederspricht Deiner Vermutung. Allerdings wäre es möglich dass die Ringe im heute deutschen Gebiet eine völlig andere Bedeutung hatten. Die einzige greifbar Tatsache ist: hiesige und wikingische Frauen trugen keine Schläfenringe. Ich habe verschieden Varianten: einmal an jeder Seite 5 kleine Ringe, teilweise tordiert, ein Band mit 4 goldenen Hohlringen nach dem Lübeckerbefund zusammen mit einem Seidenschleier und 3 hohle, größere Ringe an einem einfachen Band.
Ich denke, dass man es stark von der Gegend und der anderen Kleidung abhängig machen sollte welche Ringe man trägt, wie viele und welche Ausführung.
Generell scheint nur zu gelten: Jede früher, desto kleiner die Ringe.
Wieder eine andere Frage ist: Schläfenringe und Ohrringe oder nur eines von beiden? Jörg Freudenstein hat große Dreibeerenohringe (leider durch die moderen Fertigungsmöglichkeiten nur bedingt authentisch) im Angebot. Diese könnte man kombinieren. Sicher ist das aber wegen der spärlichen geschlossen Befunde nicht.
Welche Zeitstellung und Gegend hast Du Dir ausgesucht? Vor einigen Tagen habe da etwas interessantes aus dem 12./13. Jahrhundert gelesen. Aber das ist für die meisten Slawen-Begeisterten zu spät.
Sylvia
Projekt Folgari
PS.
Noch mal zu Buch “Germanen-Slawen” von Hans-Helmut Schröcke:
Mittlerweile wird diese nationalistische Machwerke als unabdingbares Fachbuch angepriesen. Bitte mit großer Versicht lesen und verwenden………
Ich bin nicht ganze sicher, aber eventuell kommt hier auch die These mit der “Anzahl der Kinder” her, allerdings wird zu dieser These kein Beleg genannt.
Den Text hier im Tempus-vivis-net hab ich auch gerade erst gefunden!
Ich hatte es über viele Suchmaschinen versucht…
Gibt es auch Aussagen über die genaue bedeutung? ich habe gehört , in manchen Regionen sei es ein Zeichen des “Verheiratet seins” , anderswo die Anzahl der Kinder etc… Ich möchte ungern aufgrund der Schläfenringe als Mutter von 4 Kindern angesehen werden o.ä. … :-)
Schläfenringe wurden über einen langen Zeitraum von verschieden Volksgruppen getragen. Es gibt besonders für den Bereich um 1000 sehr viele Varianten mit sehr großen regionalen Unterschieden. Leider sind die meisten Stücke aus Hort- oder Siedlungsfunden und nicht aus Gräbern bekannt. (Hier bildet der baltische und finnische Bereich eine Ausnahme). An Materialen kommen Gold, Silber oder Bronze, aber auch Glas oder Knochen (?) vor. Im Katalog zur Salier-Ausstellung werden Ringe mit s-Schleifenenden als Ohrringe angesprochen, dem wiedersprechen andere Autoren.
Nach einem Lederfragment aus einer jungslavischen Bestattung in Leubingen wird für den westlichen Bereich in erster Linie die Tragweise an einem Band (hier Lederband) vermutet. Fabian Peise hat eine sehr interessante Tragweise (Museumsprojekt Riewend) rekonstruiert, es gibt auch eine ältere Zeichnung von Joachim Herrmann (in die Welt der Slawen/auch in meinem Artikel verwendet).
Rona Krekel schreibt an einem mehrteiligen Artikel über Schläfenringe in allen Gebieten. Teil 1 ist bereits zulesen.
So viel erst mal vorab.
Wenn Du besondere Fragen hast melde Dich (gern auch telefonisch 0203/9304130) bei mir.
aus dem Stehgreif fallen mir die Slawen und Balten ein, die diese Ringe wohl vorwiegend getragen haben. Vielleicht einmal nach Büchern darüber schauen. Im Ottonenkatalog , der Magdeburger Ausstellung vom letzten Jahr sind ein par abgebildet. Auch Fam Crumbach hat da etwas in einen Referat veröffentlicht, meine ich, einfach mal bei denen nachfragen (Wappenrolle).
Die Trageweise ist wohl noch nicht geklärt, ob an einem Band/Haube befestigt oder nicht.
Alles andere muß ich noch mal nachschlagen. Ich denke aber hier sind ein, zwei Spezialistinnen die mehr Ahnung haben.