Eintrag #3 vom 28. Okt. 2002 14:31 Uhr
Thorsten
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Moin zusammen,
habe mal wieder in der Pause etwas Zeit und so kann ich auch noch ein, zwei Dinge dazu schreiben.
Wie Alex schon geschrieben hat, war der Speer in seinen verschiedenen Ausprägungen über den gesamten Zeitraum des MA´s verbreitet. Die Vorteile sind der vergleichsweise geringe Preis, die Reichweite, die gute Verwendbarkeit im Gruppenkampf und die guten Penetrationsmöglichkeiten von Rüstungen.
Grob gesagt sind meiner Erfahrung nach die Speere / Spieße über das MA hinweg zumindest als Gruppenwaffen immer länger geworden. Bei den Nyddamfunden (4./5. Jhdt.) war die Gesamtlänge der Waffen ca. 2,2 - 2,4 m, eine praktische Größe, die es auch die ganze Zeit über gab. In den “Chroniques St. Denis” aus Frankreich (ca. 1370 - 1380) sind auch einige schwergerüstete Kämpfer mit Speeren im Nahkampf gezeigt, die weniger als 2 m lang sein müßten. Geht man nach den Abb. - zumindest nach denen, die ich kenne - wurden die Spieße, wohl auch mit einer stärkeren Professionalisierung der Infanterietruppen - ab der 2. Hälfte des 13. Jhdts. länger, was sich bis hin zu den schweren 5,5 - 6 m langen Spießen der Landsknechtheere und des 30jährigen Krieges entwickelte.
Eine historische, genaue Unterscheidung zwischen Speer, Lanze und Spieß kann ich nicht feststellen, im allgemeinen scheinen jedoch in heutigen Werken schwere Speere als Lanzen (z.B. Flügellanzen) bezeichnet zu werden und Spieße eher die langen Teile ab dem 14. Jdt. zu sein. Den meisten Speeren gemein ist, daß sie reine Stichwaffen darstellen, es gibt jedoch auch ßberlegungen, daß die langen, schweren Flügellanzen auch zum Hieb verwendet wurden (kann ich mir bei meiner eigenen - 8. Jhdt. - durchaus vorstellen ;-).
Schwierig ist es auch späte Formen (15. und 16. Jhdt.), wie Runca, Korseke und Partisane zuzuordnen. Haben sie sich aus den Speeren und Spießen entwickelt oder sind es Sonderformen, die teilweise Ihre Herkunft z.B. aus Mistgabeln herleiten - die Waffenhistoriker sind sich da auch nicht einig.
Die weiteren Stangenwaffen sind imho eher von ihrer Herkunft her zu klassifizieren, ich denke, daß das schon schwierig genug ist.
Eine weitere Linie entwickelte sich wohl aus den zweihändigen Dänenäxten, die im 10. Jhdt. aufkamen. Diese Waffen blieben populär, entwickelten sich in einer weiteren Linie im 13. Jhdt. zu langen ßxten (ca. 2 m) auf Stangen, die sich dann zu Berdische-Typen weiterentwickelten, die in Osteuropa noch bis ins 19. Jhdt. im Gebrauch waren. Die zweihändige Axt war noch im 14. Jhdt. (wo sie interessanterweise auch als ritterliche Waffe galt) populär und entwickelte sich von da ab dem letzten Drittel des 14. Jhdts. in Richtung der “Mordaxt” des 15. Jhdts.
Es gibt ßberlegungen, daß die Helmbarten sich Anfang des 14. Jhdts. aus den großen, Stangenäxten etwickelten, doch wird auch auf eine Verwandschaft mit umgeschmiedeten Pflugscharen hingewiesen. Frühe Helmbartenformen sind auf jeden Fall etwa ab der Mitte des 14. Jhdt. bekannt, woraufhin sie sich dann immer weiter hin zu den bekannten Formen des 15. Jhdts. und den Trabantenwaffen des 16. und 17. Jhdts. entwickelten. Helmbarten waren Gruppenwaffen für Hieb und Stich mit einer Länge afaik zwischen 2,2 und 2,5 m.
Viele Stangenwaffen entstammten wohl ursprünglich dem bäuerlichen Umfeld. Ziemlich klar ist es imho mit dem Gertel und der Kriegssense, die gerade mit ihren frühen Formen Anfang des 14. Jhdts. noch stark an ihre umgeschmiedeten Ursprünge erinnerten. Aus diesen Basisformen entwickelten sich meines Wissens nach die unübersehbare Menge an Roßschindern, Glefen, Hippen, “Bill” u. ä., die ab der zweiten Hälfte des 14. Jhdts. immer populärer wurden. Ich bin mir da nicht sicher, haben nicht z.B. in England die Billmen von der Menge her die Halberdiers überflügelt?
Auch der Morgenstern (Stabkeule gespickt mit Nägeln) und der Kriegsflegel haben ihre Ursprünge in der zweiten Hälfte des 14. Jhdts. als Werkzeug, daß ummodifiziert und immer effektiver gestaltet wurde.
Aus dem zweihändigen Hammer mit Bleikopf, wie er wohl auch von den englischen Bogenschützen bei Crecy und Poitiers sowohl als Werkzeug, wie auch als Waffe verwendet wurde, haben sich meines Wissens nach die schweren Streithämmer, wie auch der später populäre Luzerner Hammer entwickelt. Hier sind dann auch wieder die Grenzen zu anderen kurzen (unter 2 m) Stangenwaffen, wie der Mordaxt fließend.
Bei den kurzen Stangenwaffen gibt es noch eine flämische, während des 14. Jhdts. populäre Sonderform: den Goedendag, bei dem es sich um eine baseballschlägerartige, ca. 1,5 m lange Keule mit Eisenkopf und Spitze handelt, die wohl speziell gegen Pferde und Reiter eingesetzt wurde.
Den großen Schub, den die Entwicklung der Stangenwaffen in der zweiten Hälfte des 14. Jhdts. machte führe ich dei Verbesserungen der Rüstungen - auch für den gemeinen Infanteristen - zurück, die auf der anderen Seite der Rüstunsspirale wieder die Entwicklung effektiverer Angriffswaffen mit sich brachte - wobei mal wieder die Frage nach Henne oder Ei offen steht.
Das in wirklich aller Kürze, um klar zu machen, daß es hier keine Vereinfachungen geben kann.
Thorsten
