ich empfehle von Stulpen, insbesondere als Zierelement, gedanklich völlig Abstand zu nehmen, und von der Begrifflichkeit Stiefel als solche in gedanklicher Anlehnung an heutige Begrifflichkeiten von teilweise schweren, dicken Teilen, die ihrerweits mit dem mittelalterlichen Schuh generell wenig gemein haben, und schlicht auf einen Schuhtyp der sehr zahlreichen Funde dieser Zeit zurückzugreifen, die mit einer Schaftlänge oberhalb der Knöchel wohl die Bezeichnung “Stiefel” tragen, und meiner ansicht nach den Ansprüchen selbst strapazierender Darstellungen absolut genügen, so sie denn qualitativ gut ausgeführt sind.
Zu diesem Zweck hat ja bereits Roland seine Dienste angeboten, die ich in dem Zusammenhang auch empfehlen kann.
Fragmente von Stiefeln mit einer Schaftlänge oberhalb-Wade/unterhalb Knie hat man in Gräberfeldern in Litauen gefunden, datiert auf ca. 5.-6. Jhdt und 10.-11.Jhdt (letztere höchstwahrscheinlich Reitstiefel).
Quelle: Senoves Lietuviu Draubuziai ir ju pauosalai von Regina Volkaite-Kulikauskiene
..Wenn man mal davon absieht, daß eigentlich sämtliche Modetorheiten der letzten Jahre alles mögliche bis hin zu gesundheitsgefährdend waren, aber definitiv nicht praktisch.
In dem Sinne wären sie wohl eher mit den extrem langen Schnabelschuhen vergleichbar, mit denen man nichtmal simpel eine Treppe hochkommt.
Aus den Johanniter(kleider)regeln kann man ziemlich deutlich ableiten, dass hohe Stiefel erst mal als eine höchst praktische Sache während des Einsatzes aufkamen. Dann muß sich das neben den praktischen Erwägungen aber recht bald zu einer regelrechten Modenarrheit gewandelt haben. Die Regeln besagen schließlich, dass man sie für den outdoor Einsatz benutzen darf, aber nicht, um damit in der Stadt oder so zu flanieren. Dies nur am Rande und ich spreche natürlich nicht von Stulpenstiefeln.
Entsprechende Modeentwicklungen aus heutigen Tagen (erst praktisch, dann plötzlich cool und modisch) drängen sich auf. History Repeat Itself. Man sieht, der Mensch an sich ist nicht lernfähig. Wozu auch.
“umgekrempelte” Stiefel würde ich fürs Mittelalter (such dir ein Jhd. aus :o) )schnell vergessen bis sich eventuell irgendwann ein Beleg findet ;o)
Die Schleswiger Funde haben ein Längenverhältnis zwischen Fußlänge und Schafthöhe von 1:1 und sind oft um die Wade geschnürt. ßhnlich würde ich auch das verlinkte Bild aus dem Lutrell- Psalter interpretieren.
Aussagen zum Träger solcher Modelle sind schwer zu treffen. C. Schnack geht jedoch davon aus, daß nicht nur Reiter diesen Schuhtyp trugen.
Wie du siehst, Michael, ein doch umfassendes Thema welches nicht in Kürze letztendlich zu klären ist.
Ich kann dir nur empfehlen die untenstehenden Literaturempfehlungen zu beherzigen und selbst zu recherchieren.
Weder London, Schleswig, Konstanz, Lübeck noch diverse “kleinere” Fundorte geben meines Wissens so etwas wie Stulpenstiefel für das 14. Jh. her.
Entsprechende Literatur auf die ich mich bei der Aussage berufe, findet sich auf unserer Webside genannt, bzw. ist hier auch schon zitiert worden.
Ich würde (ohne mich dabei genau auszukennen) die Stulpen eher ins 17., oder auch noch 18. Jahrhundert stecken.
Wenn du also solche besitzt, dich aber an der Mitte des 14. Jh. orientieren willst, dann gibt es die Möglichkeit des Verkaufs über z.B. Ebay, die Altkleidersammlung oder den gelben Sack. :-)
Falls Bedarf an Schuhwerk nach Fund besteht, einfach mal melden.
Also für Mitte des 14. kenne ich nur maximal Wadenhohe Stiefel, will höhere aber nicht ganz ausschließen.
Stiefel mit eigens umgeschlagener Stulpe kenne ich garkeine.
Da fallen mir nur direkt die Teile ein, die man auf Märkten bekommt (am betsen noch hinten zum Schnüren) und die haben mit Mittelalter insgesamt soviel zu tun wie eine Elefantenkuh mit Eierlegen.
Die Stiefel aus dem 14, die ich kenne sind entweder halbhoch und vergleichbar zu den Schleswigfunden mit Riemen geschlossen oder erscheinen oben recht weich und etwas weiter, um ohne extra ßffnung das Durchschlupfen zu ermöglichen. So ganz bin ich mir über diese Konstruktion allerdings nicht im klaren.
Für umgeschlagene Ränder kenne ich keinerlei Belege. Das einzige, was entfernt daran erinnert, sind lederne Beinlinge/Reitstiefel (werden aber _über_ die eigentlichen Beinlinge getragen) im 15ten, die man runterkrempeln kann, aber Stulpen als Modeentwicklung ist deutlich später.
Hohe Stiefel sind belegbar, allerdings ist nicht eindeutig, wer die wann und wo trug.
Sorry, wenn ich mich missverständlich ausgedrückt habe. Ich meine tatsächlich lange u.U. fast bis zum Knie, mindestens aber über die halbe Wade gehende Stiefel im allgemeinen und solche mit einem umgeschlagenen Rand (=Stulpe) im Speziellen.
ich weiß zwar jetzt auch nicht so genau was du mit “Stulpenstiefel” meinst, aber hohe Stiefel, im Sinne von (fast)kniehoch, gab es durchaus.
Beispielsweise fürs 14.Jhd. im Fundkomplex von Schleswig, in Konstanz, und soviel ich weiß trug das Mädchen von Peiting (Moorleichenfund im Kreis Kaufbeuren)auch kniehohe Stiefel aus Ziegenleder. Das datiert allerdings vermutlich ins späte 12.- Anfang 13. Jhd.
Mehr Informationen:
Schnack, Christiane. Die mittelalterlichen Schuhe aus Schleswig. Ausgrabung Schild 1971 - 1975 (Ausgrabungen in Schleswig, Berichte und Studien 10). Neumünster, 1992.
Schnack, Christiane. Mittelalterliche Lederfunde aus Konstanz (Grabung Fischmarkt). Stuttgart, 1994.