Thema als Feed (RSS 2.0) Thema als Feed (ATOM 1.0) Wundbrand/Amputation

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Eintrag #1 vom 12. Jan. 2008 09:24 Uhr Michael Weigel   Nachricht

nach oben / Zur Übersicht Suche dringend Hilfe...

Ich versuche gerade einen Fantasy-Roman zu schreiben. Klar, Fantasy ist Fiktion und diese Seite hat einen ganz anderen Anspruch, aber ich möchte trotzdem einige Sequenzen “realitätsnah” gestalten. Zur Beschreibung einer Amputation benötige ich da noch einige Informationen.
Was ich bisher weiß ist: Offene Brüche haben sich relativ oft mit Wundbrand infiziert; bei Wundbrand war die Amputation eine der wenigen “erfolgversprechenden” Behandlungen; Amputationen wurden von einem Bader/Feldscherer und nicht vom Arzt durchgeführt; der Amputationsstumpf wurde mit siedendem ßl behandelt.
Als Fragen sind noch offen: Inkubationszeit von Wundbrand, wie lange konnte man das im MA konservativ behandeln, wie hoch waren die ßberlebenschancen bei einer Oberschenkelamputation…
Ach so: Das Reich der Menschen in meinem Büchlein möcht ich an das nördliche Mitteleuropa des 9.-12. Jhd. anlehnen.
Vielen Dank im voraus
der Schreiberling

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Eintrag #2 vom 12. Jan. 2008 10:47 Uhr Dorothee (Nachname für Gäste nicht sichtbar)   Nachricht Bitte einloggen, um Dorothee eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Die Inkubationszeit...

bei Wundbrand beträgt einige Stunden.
Erkundige Dich doch einfach mal bei einem Hautarzt oder Internisten, denn diese Erkrankung ist auch heute noch aktuell.
Ich schätze, die ßberlebenschancen bei Wundbrand im MA waren nur gegeben, wenn die Wunden sofort sauber und trocken gehalten wurden, wenn überhaupt, da es Medikamente wie Antibiotika nicht gab und die Bakterien, die den Wundbrand auslösen sich munter vermehren konnten.

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Eintrag #3 vom 12. Jan. 2008 11:51 Uhr Tobias (Nachname für Gäste nicht sichtbar)   Nachricht Bitte einloggen, um Tobias eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Kautern

Moin!
Ich weiß zwar nicht ob es in dieser Zeit schon Mode war, aber mir fällt zur Behandlung noch das kautern ein. Hier wird der Stumpf nach der Amputation mit einem glühenden Eisen (Kauter) versengt und so die Adern verschweißt (Blutung gestillt und “desinfiziert”.
Gruß
Tobias

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Eintrag #4 vom 12. Jan. 2008 18:22 Uhr Kristian Koop   Nachricht

nach oben / Zur Übersicht Wunden Kautalisieren, oder siedendes Öl

Bei einer Amputation treten folgende Gefahren auf:
1. Abbinden. Das Abbinden der Blutung hat zu folge das sich in der Abbindung Gerinsel bilden, die dann entweder durch Venen oer Aterien wandern und zum Infarkt oder Trombose führen kann.
2. Kautalisiern. Das Verbrennen oder Ausbrennen oder die Behandlung mit siedenem ßl führen zum Ausflocken von Körpereiweißen, die dann ebenfalls durch Verklumpung als Tromben durch den Körper wandern, zudem bilden sich weitere Giftstoffe die zum Tode führen können.
Wie dann?
Später setzte sich durch, die Gefäße einzeln durch Vernähung (heute Klammern)zu schließen, und mit einem durch den Schnitt der Amputation geschaffenen Hautlappen den Stumpf abzudecken und zu vernähen.
Habe es genau so selber live im OP gesehen als ein Raucherbein bis zum Knie abgenommen wurde.
dauert ungefähr 3-4 Minuten, dann wird schon der Hautlappen vernäht.
Quelle: Rettungssanitäterausbildung JUH in Hannover.
Zur Napoleonik konnten Feldärzte eine Oberschenkelamputation bereits in wenigen Minuten vornehemen, was ein verbluten des Opfers verhinderte.

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Eintrag #5 vom 12. Jan. 2008 21:24 Uhr Volker Bach  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Volker Bach eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Kommt auf vieles an

Grundsätzlich galt beim Wundbrand noch bis in die sehr nahe Vergangenheit die Amputation als einzige Rettung. Die präventive Amputation war aber MWN im Mittelalter noch nicht üblich und kommt erst mit der Frühmoderne auf.
Was die Durchführung angeht ist es kaum möglich, pauschale Aussagen zu machen. ßrzte (physici/medici) neigen erst im späteren Mittelalter dazu, chirurgische Eingriffe anderen zu überlassen, vorher ist auch die gröbere Chirurgie durchaus ihr Gebiet. Ob nun ein studierter Arzt zur Hand ist oder nicht hängt vom sozialen Stand des Patienten und den Umständen ab. Dementsprechend kann sich der Eingriff recht unterschiedlich gestalten. Auf der einen Seite des Spektrums steht die Art Chirurg, die ibn Munqidh bei der Arbeit beobachten konnte - Bein auf den Hauklotz, scharfes Hackebeil und mit einem Hieb ab (was in diesem überlieferten Fall misslang und den Patienten umbrachte). Auf der anderen Seite waren aber neben der Kauterisation auch Methoden wie das Abbinden von Blutgefäßen und das Herstellen eines Hautstumpfes (für ein Holzbein) durchaus bekannt. Ich habe gerade letztes Wochenende im historischen Museum in Stockholm einen Fund von einem mittelalterlichen Friedhof gesehen: ein Oberarmknochen, der mit einer Kupfermanschette ‘geflickt’ wurde und dessen Besitzer diese Operation zumindest mehrere Monate (möglicherweise aber auch Jahre) überlebte. Der Grad der Fähigkeiten hängt dabei nicht unbedingt von der akademischen Vorbildung ab - ein guter Heereschirurg ist möglicherweise besser als ein schlechter Absolvent aus Bologna oder Montpellier.
Auf jeden Fall ist bei einer so massiven Operation Geschwindigkeit lebensrettend. Ale Kunstgriffe sind zweitrangig - je schneller es vorbei ist, desto größer die ßberlebenschances des Patienten. Unter positiven Bedingungen (gute Nachsorge, saubere Umgebung, gute Konstitution) konnten die dann auch 50% erreichen.
Dass solche Eingriffe auch im mittelalterlichen Skandinavien vorkamen berichtet unter anderem die Saga von Onund ‘Baumfuss’ (wegen der Axt).

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Eintrag #6 vom 13. Jan. 2008 23:27 Uhr Fabian Griesler  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Fabian Griesler eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Buchempfehlungen

Da ich mich momentan im Rahmen einer Projektarbeit mit einem ähnlichen Thema beschäftigt habe, kann ich zum Thema Chirurgie in Altertum und Mittelalter folgende Bücher wärmstens empfehlen:
Rüster: Alte Chirurgie, Verlag Gesundheit 1999
Rogers: Primitive Surgery, C. C. Thomas 1985 (Ist zumindest über die Zentralbibliothek für Medizin zu beziehen, dürfte aber sonst über Fernleihe kein Problem darstellen)
Viel Erfolg noch beim Schreiben!

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Eintrag #7 vom 14. Jan. 2008 14:40 Uhr Martin Bauer  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Martin Bauer eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Offene Brüche

Bei offenen Brüchen gibt’s noch weitere Gefahren: Knochenmarksenzündung (Osteomyelitis) und Fettembolie (fettes Mark kommt in die Blutbahn). Quelle: Sanitätsausbildung ßsterr. Bundesheer.
Beim Nutzen des berühmten heissen Eisens bin ich mir nicht sicher: zwar wird evtl. ein Gefäss versiegelt, aber dafür ist das verbrannte Gewebe ein zusätzliches Problem, oder?

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Eintrag #8 vom 14. Jan. 2008 14:45 Uhr Martin (Nachname für Gäste nicht sichtbar)   Nachricht Bitte einloggen, um Martin eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Regimentsarzt

Also ich kenne jetzt keine genauen Zahlen aus dem ma, aber viel schlimmer als in der Napoleonischen Epoche (das Wort “Napoelonic” ist ein Fatansiegebilde bzw. aus dem englischen ßbernommen, also für einen seriösen Darstellen (ich will jetzt hier niemanden beleidigen) mindestens so schlimm wie “Kettenhemd”) kann es wohl kaum gewesen sein. Zu dieser Zeit musste man Glück haben, wenn man überhaupt behandlt wurde,oft wurde dieses Privileg nur den Offizieren zu teil. bei treffer am Rumpf geschah das überhaupt nicht mehr (Hätte keinen Sinn mehr gehabt) man wurde einfach am schlachtfeld liegen gelasssen und starb langsam und grausam. Ein berühmter Französcher arzt schaffte laut überlieferung eine amputation übrigens in unter 2 minuten, üblich waren wohl 3-4. aber selbst wenn amputiert wurde, lag die überlebenschance bei nur etwa 40%
Gruß
Martin

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Eintrag #9 vom 14. Jan. 2008 17:05 Uhr Susan Sziborra-S.  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Susan Sziborra-S. eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Detail

Ein spannendes Detail, das sich sicherlich hübsch bildlich macht, ist, daß die Bakterien bei Wundbrand in der Wunde ein knisterndes Geräusch verursachen.

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Eintrag #10 vom 17. Jan. 2008 00:52 Uhr Andreas Pilz   Nachricht

nach oben / Zur Übersicht Arterien Abbinden

Ich möchte kurz einwerfen, daß die Methode, Arterien nach einer Amputation abzubinden (die sogenannte Ligatur) erst 1542 vom französischen Chirurgen Ambroise Paré erfunden wurde.
Wenn die Geschichte sozusagen “früher” spielen sollte, dann fällt das weg.

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Eintrag #11 vom 01. Feb. 2008 00:24 Uhr Dr. Nicole Schneider  Profil   Nachricht Bitte einloggen, um Dr. Nicole Schneider eine Nachricht zu schreiben.

nach oben / Zur Übersicht Wundbrand

ist in erster Linie eine Bezeichnung für eine (bakteriell) infizierte “brandige” Wunde, die in der Folge zu einer Blutvergiftung (Sepsis) führen konnte.
Ein Sonderfall ist der Gasbrand, der von Clostridien verursacht wird und in dessen Rahmen sich unter der Haut bildende Gasblasen das knisternde Geräusch verursacht. Ist so wiederlich wie es sich anhört. Hinterher fällt oder fault die darüberliegende Haut, da sie nicht ausreichend mit Blut versorgt wird, in grossen Platten ab, je nachdem, wie ausgedehnt das Ganze ist.
Bei der Amputation im Mittelalter war man sich der Problematik der Blutstillung durchaus bewusst, und eine Konsequenz daraus war, dass im brandigen, absterbenden, schlecht durchblutetetn Gewebe abgetrennt wurde. D.h., infiziertes Gewebe blieb am Stumpf. Damit war die ganze Amputation relativ sinnlos.
Ein weiterer Unterschied ist, dass heute der Knochen in den Stumpf hinein abgetrennt und darüber die Haut geschlossen wird, kann mich nicht auf das Jahrhundert festlegen, aber vorher wurde “glatt” abgetrennt.
Anzumerken ist, dass im Rahmen des Ergotismus (Antoniusfeuer) den Menschen, die die gangränöse Form ausbildeten, die Gliedmassen abfielen. Eine Therapie der eigens dafür eingerichteten Klöster bestand darin, die Menschen mit Weizenbrot zu behandeln und sie ausreichend zu versorgen. Dies führte bei einigen zu Selbverstümmelung, um dem Hungertod zu entgehen; sie trennten sich selbst Gliedmassen ab und versuchten ein Krankheitsbild zu erzeugen, dass dem echten möglichst ähnlich sah. Flog der Schwindel auf, wurden sie ohne Zögern auf die Strasse gesetzt.
(Ja, so waren’s, die alten Rittersleut…)
MfG
Nicole

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