Wann hat sich das Landvolk denn wirklich zu Tode gerackert?
Im HMA etwa haben wir eine Warmphase, die vergleichsweise reiche Erträge bescherte (Der “Peak” der Körpergröße wurde ja auch in dem Geschlechtsreifethread angesprochen) und auch in den kälteren Zeiten sehe ich nun keine chronisch unterernährte Bevölkerung.
Stattgegeben, es gab Pest und Kriegszüge und Missernten und Hungersnöte, aber es ist ja nun nicht so, daß die in den 1000 Jahren, die wir gemeinhin Mittelalter nennen, jedes Jahr mit voller Härte das Land verheerten.
Sorry, aber das klingt ein bißchen zu sehr nach dem Klischee der dunklen Jahrhunderte.
Das Wort Training setzt voraus, dass Muskelmasse oder Ausdauer ausgebaut wird. Je nach Lebensstil und Art der Beanspruchung kann beides oder keines von beiden zutreffen. Daher finde ich das Wort Training in diesem Zusammenhang fehl am Platz.
hm. Ich hab ein Dejà-vue. War heute Thema bei uns in der Praxis, Ernährung der hießigen Zivilisation und das Paradoxon der immer schlechteren Muskulatur…
Ich muss Alexander recht geben.
Tatsächlich ist es heute so, dass wir zwar nicht zu wenig zu Essen haben, aber dafür zuviel vom Falschen.
Wissenschaftler haben übrigens aus der Knochendichte der Neanderthaler ausgerechnet, dass dieser 30% mehr Muskelmasse hatte als der Homo sapiens. Gut ist nicht mittelalterlich, aber es relativiert ein wenig die Aussage der These: Die heutige Ernährung wäre grundsätzlich dafür verantwortlich, dass wir besser trainiert wären, da der Neanderthaler wohl eher nicht besser ernährt war als der mittelalterliche Mensch, zumal ein Mensch eigentlich ziemlich lange ohne Essen kann wenn er muss. Da wir seit langen nicht mehr müssen sind wir’s halt nur nicht mehr gewohnt.
Einen Schneider der damaligen Zeit mit einem Maurer von heute zu vergleichen, die Gleichung geht nicht auf finde ich, auch da geb ich Alex recht.
Aber bleiben wir mal beim Maurer. Zeichnen wir doch mal den Arbeitstag des 0815-Maurer’s.
Aufstehen - zur Fimra FAHREN - zur Baustelle FAHREN - am Bau arbeiten und zwar immer nach vorne hin mit der vorderen Muskelkette - Pause - weiter arbeiten - Aufräumen und zur Firma FAHREN - nach Hause FAHREN - total erledigt sein, Feierabend machen, kein Bock auf Trainingsstudio, weil total kaputt - Bett.
(Beim Fahren arbeitet übrigens wieder die vordere Muskelkette).
Klar hat der Maurer super Muskeln im Oberarm und am Bauch, aber die hintere Rückenmuskulatur bleibt bei ihm genauso auf der Strecke wie beim Bürohengst (der natürlich auch noch schlechtere vordere Muskeln hat).
Es ergibt sich ein Ungleichgewicht, dass den Körper immer weiter vor zieht. Folge sind Instabilitäten und Wirbelsäulenverschleiß.
Der Maurer damals hatte zwar wesentlich schlechtere Arbeits- und wohl auch Ernährungsbedingungen, aber er hatte durch das viele Laufen eine bessere Muskelbalance.
= mehr Abnutzung durch Arbeit, aber bessere Muskelstabilität.
Sucht euch aus was schlimmer ist. Trainiert durch härtere Arbeit mit daraus resultierenden Verschleiß, aber mit Ausgleich durch’s laufen und besserer Haltungsstabilisation
oder
Trainiert durch harte, aber relativ bessere Arbeitsbedingungen und verschlissen durch mangelnden Ausgleich und daraus resultierenden Instabilitäten des Halteskelett’s.
Und doch, auf Feldern arbeiten ist Training. Training bedeutet ja nicht, dass es “gut” für den Körper ist. ;-)
Ich denke mal, der Teufel steckt bei der Betrachtung dieses Themas im Detail.
Natürlich kann man Extreme vergleichen, und so postulieren, daß der mittelalterliche Stubenhocker weniger im Training stand, als ein heutiger körperlich arbeitender Mensch.
Zielführend ist das nicht.
Wennschon, dann müßte man Durchschnittswerte schaffen, oder gleiches gegen gleiches stellen und dann bestimmen, wie hoch der Anteil davon in der jeweiligen Gesellschaft ist.
So oder so würde ich aber mal davon ausgehen, daß das Maß an Training durch normale körperliche Bewegung in Gesellschaften … sagen wir, vor der Erfindung der Dampfmaschine signifikant höher war als heute, allein, weil eben viele Strecken zu Fuß gelaufen wurden, viele einfache Handgriffe mittels Muskelkraft erledigt wurden, die uns heute die Technik abnimmt.
Trainingseffekte entstehen ja einerseits durch Belastung, andererseits durch Kontinuität.
Und jeden Tag so ziemlich alle persönlichen Erledigungen zu Fuß zu machen, und was der Dinge noch mehr sind, das läppert sich einfach, egal ob in der Stadt oder auf dem Land.
Desweiteren ist der Anteil der körperlich arbeitenden Menschen in früher Zeit einfach deutlich höher. Nicht jeder war ein Bauer, nein, aber für manche Zeiten waren Bauer die absolute Mehrheit der Bevölkerung. Dazu kommen dann eine ganze Reihe von Berufen, deren körperlicher Teil der Arbeit heute von Maschinen übernommen wird, oder deren Berufsbild ganz verloren ist (z.B. ein ausgeprägtes Transportwesen, das auf Muskelkraft basierte).
Und zu guter Letzt, das Essen.
Die einseitige schlechte Ernährung würde ich so pauschal nicht im Mittelalter verorten.
Man könnte auf gleicher Ebene kontern, damals gab es kein Fastfood, keine Fertiggerichte voll Zusätzen, sondern nur “echtes” Getreide, Gemüse und Fleisch.
Beides etwas pauschal, und die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.
Fakt ist wohl, daß wir heute eine bessere sichere Deckung des Nahrungsbedarfs und eine höheres Angebot an allem notwendigen haben, aber ob daraus für die breite Masse eine bessere, gesündere Ernährung resultiert, das darf man sicher anzweifeln.
Ich würde es abschließend so formulieren:
Die waren nicht alle stärker als alle heute.
Es gab aber eine in Relation größere Anzahl an berufsbedingt fitten Leuten, und die durchschnittliche Fitness der Gesellschaft dürfte höher sein.
Dagegen gibt es sicher heute einige Menschen, die durch Training und entsprechende Nutzung der modernen Möglichkeiten (von sport- und ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen zu medizinischer Versorgung) stärker/schneller/ausdauernder/ sind als die Masse der damaligen Menschen.
angeregt durch die Diskussion zur Geschlechtsreife, stellt sich mir gerade wieder eine Frage, die mich schon des längeren beschäftigt, die ich aber noch nirgends genauer erörtert sah.
Sicherlich ist “im Mittelalter” sehr grob formuliert, allerdings ist in meinen Augen die Betrachtung einer breiteren Zeitspanne bei diesem Thema sinnvoll.
Denn das “Die waren damals ja alle stärker!” hört man so oft, dass mir zunehmend Zweifel kommen, wie viel da eigentlich dran ist.
Die körperliche Verfassung dürfte wohl von zwei Faktoren abhängen - Training und Ernährung. Bei letzterer kann man wohl davon ausgehen, dass sie schlechter war als die heutige, da weniger ausgewogen.
Was das Training angeht, so hat der durchschnittliche mittelalterliche Mensch sicher mehr körperliche Arbeit geleistet als sein modernes Pendant, allerdings stellt sich die Frage, welche Ausmaße dieser Unterschied tatsächlich hat.
Denn weder war damals jeder hart arbeitender Bauer, der um sein Überleben rackerte, noch besteht die heutige Generation lediglich aus donutessenden Schreibtischtätern.
Ein mittelalterlicher Schneider oder Händler dürfte weniger Bewegung gehabt haben als ein neuzeitlicher Maurer oder Möbelpacker.
Insofern hängt wohl alles davon ab, inwiefern die Faktoren “schlechtere Ernährung” und “mehr Bewegung” sich gegenseitig ausgleichen können, wobei letzterer dann aber wohl nicht überschätzt werden sollte…