Also das finde ich dann jetzt schon lustig. Wo habe ich denn bitte geschrieben, wir wüssten nix, und daher könne jeder machen, was er will? Ich würde mal frech behaupten, dass ich mit dem, was ich so tu, schon gezeigt habe, dass ich derartiges nicht vertrete, und zeitgenössische Quellen als zentrale Basis ansehe.
Was nun die Quellen angeht, finde ich es auch ein bisschen mau, dass du mir “Namedropping” vorwirfst; die Masse der Sachen ist im Internet verfügbar und Ergooglebar. Nimm doch mal Geoffrey Luttrell bzw. dessen Bild aus seinem Psalter her, da sitzt er in Rüstung auf dem Pferd, darunter ist seine auch sichtbar nicht mehr ganz junge Ehefrau. Und sie trägt- na was- nen Schapel. Ich würde mal frech behaupten dass er in seinem eigens beauftragten Psalter sich nicht als impotent darstellen wollte.
Nur um das nochmal klar zu sagen: dass Kränze und Schapels gerne in bildhaften Darstellungen als Kopfbedeckungen von unvereheirateten Frauen benutzt wurden, keine Frage. Dass teils üppig verschlossene Hauben gerne als zeichen für Züchtigkeit und verheirateten Frauen benutzt wurden (Beispielsweise Stifter in Altarbildern): auch klar.
Dass aber um umkehrschluss eine Dame automatisch sich lächerlich machte, und ein schlechtes Bild auf ihren Mann warf, so sie den Schleier ablegte, ist eben nicht automatisch, noch dazu so pauschal, draus zu schliessen.
Denn eines weiss der Autor sicher ganz genau: wer sich mit mittelalterlichen Quellen befasst, darf keine Homogenität erwarten.
Danke Andrej für die grundsätzliche Akzeptanz. Jetzt müssten wir nur noch klären, was es bedeutet, wenn eine Ehefrau sich als “Jungfrau” verkleidet. Als mittelalterlicher Ehemann würde mir das schon zu denken geben - mindestens ebenso, wie wenn eine moderne Ehefrau ihren Ring in die Toillette wirft. Und was die damaligen Waschweiber tratschen, kann ich mir lebhaft vorstellen. Da braucht es nicht den großen Holzhammer einer gesamtgesellschaftlich einheitlichen Sinngebung, um daraus zumindest eine Lästerei entstehen zu lassen. Und stell Dir doch mal vor, eine heutige Prinzessin würde nach zehn Jahren Ehe in einem Bunte-Interview auch nur andeuten, sie wäre noch Jungfrau…
Mich jedenfalls überzeugt diese recht simple Logik. Im übrigen lässt sich leicht recherchieren, dass Margarete Maultasch genau in diese Richtung argumentiert hat und ihrem Mann nicht nur Zeugungsunfähigkeit, sondern eben physische Impotenz unterstellte.
Mit Jens’ Einwand bin ich nicht einverstanden. Zum einen hätte ich schon gern ein wirklich konkretes Beispiel für eine unstrittig verheiratete Frau mit Schapel - am besten mit Link. Da reicht mir pures Namedropping schlicht nicht. Zum anderen finde ich es reichlich problematisch, grundsätzlich alles hyperkritisch zu zerfieseln und am Ende schlicht zu sagen: “Wir wissen eigentlich gar nichts, also kann jeder einfach machen, was er will”. Solche Meinungen begegnen einem auf Lagern immer wieder und das Ergebnis ist dann oft schauderhaft. Wenn wir das Mittelalter tatsächlich darstellen wollen, dann sollten wir uns an den Dingen orientieren, die uns zeitgenössische Quellen überliefern. Alles andere riecht schon arg nach Fantasy.
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Nachtrag: Ich habe die Bildsuche gerade mit niederländischen Handschriften wiederholt (www.kb.nl/manuscripts). Unter dem Stichwort “wife” kam ich auf 75 Treffer, darunter eine einzige mit Schapel. Der Blick auf die Bildunterschrift verriet mir: Die Szene spielt vor der Hochzeit, also Jungfernschaft. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, was es noch braucht. Vielleicht schlicht das Eingeständnis, etwas neues gelernt zu haben.
Stimmt, hab das auf ein auch just erschienendes und rezensiertes Buch bezogen, das war das falsche. Also streichen wie sie Passagen mit dem “Schund”.
Ich halte die Aussagen des Autoren über die Unmöglichkeit Mode zu rekonstruieren dennoch für falsch. Hier muss ich auch schlicht mal die Frage stellen, inwieweit der Herr sich mal bei aller theoretischen Beschäftigung mal praktisch damit auseinandergesetzt hat.
Zu der Aussage Schapel = Jungfrau, verheiratet = Schleier: klares Nein, wenn man sich mal nicht nur österreichische Quellen ansieht. Spätestens bei Flandern, Dänemark, England, Italien, Frrankreich und Spanien läuft man da gegen eine Wand. Und auch ich möchte nochmal drauf hinweisen, dass in einem Bildzusammenhang eine Kopfbedeckung symbolisch sein kann, d.h. es mag sein, dass man Jungfrauen mit Kränzen und Schapel, wie verheiratete Frauen mit züchtiger Haube kenntlich gemacht hat, aber, und die Textquellen und verschiedene andere, weniger um symbolhafte Intention bemühte Bildquellen stützen das, d.h. nicht dass das in der Praxis Usus war oder ist. Beispiele kann man massenhaft im gleichen Zeitrahmen nennen: Luttrell Psalter, Roman de la Rose, Alexanderroman, Testamente aus Paris, Flandern, London, königl. Gardrrobenlisten, diverse Grabplatten aus E/Fr/D. (gerade in Mitteldeutschland und am Oberrhein), Spieghel Historiael von J.v.M, Le livre des propriétés des choses usw. etc.
Von einem singulären Text auf eine allgemeine soziale Verknüpfung zu schliessen (über ganz Europa und ohne zeitl. Einschränkung), und dann das wieder mit Bildquellen ohne Quellkritik anzulegen, in einem eingegrenzten regionalen Rahmen bestätigen zu wollen klappt halt nicht. Sofern der Autor so versiert ist, dürfte er das auch wissen.
Was nun deinen letzten Absatz angeht: jetzt begehst du exakt den bereits angesprochenen Fehler, moderne Denkweisen auf damalige soziale Strukturen zu übertragen. Das, wie auch eben Umsetzung von Mode ohne diese in ihrem Kontext zu hinetrfragen, womit der Autor durchaus Recht hat, klappt nicht.
Nur deswegenm Rekos allgemein ihre Daseinsberechtigung abzusprechen, zeugt meiner Ansicht nach von zu wenig Erfahrung in dem Zusammenhang.
Grundsätzlich ist das nicht falsch, aber im Fall solcher Bräuche halt ungenügend. “in der Art der Jungfrauen” zeigt fraglos, dass es diese Kopfbedeckung in erster Linie mitJungfrauen verknüpft wird. Nur ob das eine exklusive Zuschreibung ist und ob eine verheiratete Frau die so etwas trägt aus dem Rahmen fällt ist die grundlegende Frage. Hier wurde das ganze mit einer Bedeutung aufgeladen bis hin zur Potenz des Mannes, die ich so nur schwer nachvollziehen kann.
Danke Andrej für die Richtigstellung. Ich habe mich ehrlich gesagt schon persönlich angegriffen gefühlt, dass ich Schund nicht von gut recherchierter Fachliteratur unterscheiden kann. Aber das ist ja nun erst einmal vom Tisch.
Bleibt die Sache mit dem Schapel. Besagtes Buch zitiert dazu u.a. den Chronisten Benesch Krabice von Weitmühl mit dem Satz: “Seine Ehefrau aber setzte, nachdem sie das Gebende abgelegt hatte, in der Art der Jungfrauen einen Haarreif auf ihr Haupt”. Der zeitgenössische Autor stellt also direkt eine Verbindung Gebende-Ehefrau bzw. Schapel-Jungfrau her. Soweit, so gut.
Janna verweist nun zu Recht darauf, dass diese Aussage für den Einzelfall zutreffen mag, zumal der Eheskandal ja einen sehr speziellen Hintergrund darstellt. Was hier galt, darf man eigentlich nicht verallgemeinern. Wenn man diesen klugen Einwand aufgreift, so müssten wir in einem nächsten Schritt also die Quellenbasis erweitern. Ich habe also einfach mal die Bilddatenbank „REALonline“ angeschmissen und für den Zeitraum von 1300-1400 unter der Rubrik Standesbezeichnung a) nach Jungfrau, b) nach Ehefrau gesucht. Ergebnis: a) alle gezeigten Jungfrauen trugen offenes Haar, ein Gutteil mit einem Schapel. b) mit einer Ausnahme trugen alle Ehefrauen eine Kopfbedeckung, sei es Schleier, Kruseler, Gebende etc. Das Resultat dieses kleinen Experiments deutet doch sehr stark darauf hin, dass die vom Chronisten Benesch Krabice von Weitmühl angeführte Unterscheidung einen allgemeinverbindlichen Charakter hatte. Fassen wir noch einmal zusammen: 1) Für Keupps These sprechen alle herangezogenen Quellen (vermutlich hat er auch noch mehr recherchiert). 2) für Jannas These spricht ein gesundes Misstrauen und der Zweifel an der Repräsentativität der Aussagen. Das ist in letzter Konsequenz reichlich wenig, solang mir niemand fundierte Gegenbelege zeigt.
Damit will ich nicht behaupten, dass es nicht prinzipiell möglich gewesen wäre, dass eine extravagante Dame des 14. Jhs. sich einen Schapel aufgesetzt hätte. Selbstverständlich ist das gut vorstellbar. Denn JA, auch im 19. Jh. gab es modern denkende Frauen, die öffentlich Hosen angezogen haben, aber JA, das wirkte provokativ bis hin zu Beschimpfungen und regelrechten Massenaufläufen. Und JA, heutige Schülerinnen können eine Burka tragen (ist ja ein freies Land), aber JA, das geht dann durch die Presse und wird als Skandal empfunden. Fazit: JA, Darstellerinnen von verheirateten Frauen des 14. Jh. können meinethalben gerne Schapel tragen, und JA: Ich werde deshalb in Lachen ausbrechen.
Das Mittelalter ist schlicht keine Zeit des „anything goes“, auch wenn manche Aktiven es gerne so hätten. Ich persönlich verlasse mich lieber auf konkrete Quellen als auf freie Intuition.
Gerade wenn man ein Beispiel wie das des Schapels anbringt, muss man eben auch nachweisen, das es sich dabei wirklich um eine allgemein verbreitete Sitte handelt. Wie Janna schon sagt ist die Wahrnehmung eines Skandals noch kein Beleg dafür, dass es sich dabei um eine solche Bewertung des Schapels handelte.
Ein Schapel wurde eindeutig auch von Männern getragen, damit ist klar, dass es nicht zwangsläufig etwas mit der nicht vollzogenen Ehe zu tun haben muss. Ich denke auch, es ist die Frage, ob der Skandal darin liegt, dass sie offiziell den Verheirateten-Status abgelegt hat und ihr Mann ja nun auch offensichtlich nicht in der Lage war, sie daran zu hindern - wenn er schon eine einzige, seine Frau, nicht zur Einsicht bringen kann, dann lässt auch das an seiner Qualität als Landesfürst zweifeln. Dass die nicht vollzogenen Ehe eine Hintertür war, um eben diese zu annulieren, ist noch eine ganz andere Geschichte.
Und damit wären wir dann glücklich wieder in der Situation, in der aus einem isolierten Ereignis eine grundlegende Erkenntnis abgeleitet wird, ohne dass andere Quellen, die das Gegenteil zeigen/beweisen bemüht werden. Und ohne Zeit und Region zu berücksichtigen. Und das ist unzulässig. Bei der Landesfürstin von 1341 kann es sich um eine Koinzidenz handeln, insbesondere dann, wenn keine zeitgenössischen Quellen ausdrücklich darauf verweisen, dass sie das Schapel als Zeichen ihrer noch vorhandenen Jungfernschaft getragen hat. Sofern diese Weisheit nämlich der Ansicht des Autors entspringt und keiner geschichtlichen Quelle, ist sie nicht nachgewiesen sondern eine Behauptung.
Es wird bei der oben erwähnten Geschichte jedoch nicht mit überliefert, aus welchem Grund dieser Tausch der Kopfbedeckung von den Zeitgenossen als skandalös empfunden wurde.
Bitte korrigiert mich, wenn ich danebengreife (14. Jh. ist nicht mein Schwerpunkt), aber es ist doch eigentlich völlig ausreichend, wenn sie den Kopfbedeckungswechsel öffentlich und symbolisch vollzieht und die Begründung gleich mitliefert. Dann wäre die Symbolik nicht hauptsächlich auf das Schapel als solches bezogen, sondern auf den Akt des Schleierablegens und quai “Jungfräulichkeit-wieder-anzihens”. Unabhängig davon, ob das Schmuckstück AUCH von verheirateten Frauen getragen wurde oder nicht.
Skandalös an der Geschichte scheint ja in erster Linie zu sein, dass sie nach zehn Jahren die Ehe für nicht vollzogen erklärt. Nicht, dass sie ein Schapel trägt.
Aber vorsicht bei Vergleichen: gerade die Jungfrau Maria und Elisabeth von Thüringen als Zeugen heranzuziehen halte ich für problematisch. Beide werden immer stark stilisiert dargestellt. Maria behält antikisierte Züge - meines Wissens konsequent bis in unsere Zeit - und Elisabeth ist heilig gesprochen worden, weil sie verwitwet den Schleier nahm und einen franziskanernahen Laienorden begründete. Hier ist der Schleier also ein sicheres Erkennungsmerkmal dieser Heiligen. Ebenso, wie die Hl. Barbara immer mit einem Turm gezeigt wird oder St. Jakob mit Muschel.
ich glaube, in Bezug auf die Schapelgeschichte hast Du etwas missverstanden. Sie ist nur ein Exempel, das auf den Punkt genau nach Tirol 1341 führt. Und dort hat man den Wechsel der Kopfbedeckung, wie die Schriftquellen zeigen, als Skandal empfunden. Ich weiss nicht, wo da der Fehler liegen soll. Im übrigen kenne ich aus diesem Jahrhundert keine Darstellung der Jungfrau Maria mit Gebende und keine hl. Elisabeth ohne Kopfbedeckung. Eine gewisse Allgemeinverbindlichkeit wird es also wohl gegeben haben.
Du sagst ja selbst, dass diese kulturellen Zusammenhänge zu wenig erforscht sind. Umso mehr müsste Dich das besagte Buch freuen. Die These von der Dominanz des Kulturellen will ich hier gar nicht strikt verteidigen. Ich glaube nämlich auch, dass Handwerk an sich eine Kulturtechnik darstellt, die mindestens genauso wichtig ist. Dennoch hat Keupp bei mir den Finger auf einen wunden Punkt gelegt, der mir vorher nicht so bewußt war: Wir wissen über die Bedeutung der Dinge tatsächlich leider viel zu wenig und das schadet jeder Darstellung.
Warum Jens das Buch als “Schund” bezeichnet, ohne es gelesen zu haben, ist mir auch nicht so recht klar. Und laut Klappentext ist der Autor Fachmann, hat habilitiert und bisher, soweit ich googlen kann, nur positiv besprochen worden. Also bitte sachlich bleiben!
Ich glaube, beim Ritter aus Leidenschaft sind wir schon sehr eng beeinander. Mit den pseudo-authentischen Filmen meinte ich solche Dinge wie “Ivanhoe” und Co., die zumindest so tun, als seinen sie “echt” Mittelalter. Und davon hebt sich der besagte Streifen positiv ab.
Nein, da hast du mich falsch verstanden. Filme, die “zwanghaft” versuchen- ja was? “A”? Für “authentisch” = glaubhaft? zu sein, kenne ich nicht. “Authentisch” ist gerade in der Film-und Fernsehwelt ein gerne bemühtes Wort, aber in einem anderen- den eigentlichen Zusammenhang. So ist “Ritter aus Leidenschaft” eben just im ursprünglichen Wortsinne eben schon “authentisch” - glaubhaft als dass man den Figuren ihre Intension abnimmt, sie gar teils versteht. Obgleich freilich hier keinje profunde Analyse der Gedankenwelt in- ja was? Spätmittelalter, global gesagt, gemacht wurde.
Setzt Du “Historisch korrekt” oder “auf Quellen fussend” oder was weiss ich ein, gibt es ohnehin viele Filme, die davon reden- primär aus Marketingzwecken oder aus Unwissen, aber fast keine, die dem auch nur im Ansatz gerecht werden; die besten reden garnicht davon, weil sie das nicht nötig haben.
“Modernisiert” halte ich just auch für das falsche Wort, weil das eine Angleichung an moderne Denkweisen bedeutet. Auch das macht der Film zwar, wie alle Hollywoodfilme, im Sinne der Grundmotivation des Helden, vertikale Mobilität über Standesgrenzen zu erreichen. Dankenswerterweise macht er es aber in einigen anderen Aspekten weniger.
Gleiches gilt darstellerisch: moderne Sichtweisen anlegen führt leicht in die Irre. So eben zum Beispiel die Vorstellung, dass es über alle Breiten (geografischer und sozialer Natur) Regeln gegeben hätte, wie die eines “Jungfrauenkranzes”.
Zum Buch: Das Gegenteil ist der Fall. Das Buch ist allen mir bislang bekannten Auszügen, Zitat und Kritiken nach der allergrößte Schund, der jemals zum Thema erschienen ist. Hier hat offenkundig jemand völlig ohne Kenntnis der Materie, und mit nur extrem oberflächlicher Beschäftigung dieser einfach drauflosgeschrieben. Schlimm genug, zeigt dein Fazit, dass du (warum auch immer) diesen als Fachmann bzw. Fachfrau ansiehst und dem vertraust.
Das Beispiel mit dem Schapel ist aber doch das beste Beispiel dafür das eine solche Symbolik nur schwer zu fassen ist. In besagtem Buch wird einfach mal behauptet es handele sich um ein sicheres Anzeichen für eine unverheiratete Frau. Ist das so? Überall und zu jeder Zeit?
Auch solcher Symboliken unterliegen einem starken Wandel. Ein anderes Beispiel ist die Haube für Frauen. Diese gilt in der Szene oft als völlig unverzichtbar. Damit aber wird diese Konvention viel strikter umgesetzt als dies im Mittelalter wirklich der Fall war. Es gibt nicht eben wenige Beispiele für alternative Kopfbedeckungen oder völlig fehlende.
Das ist ja gerade das Problem an solchen kulturellen Anteilen, sie sind viel weniger graifbar und auch in viel geringerem Maß überliefert und erforscht als dingliche Zeugnisse.
Für die reine Rekonstruktion ist die kulturelle Einbettung auch immer noch irrelevant, zieht man das ganze an, verlässt man allerdings die Grenzen der reinen Rekonstruktion der Sache, dann sind kulturelle Beziehungen sogar ausgesprochen wichtig, wenn auch nur schwer umsetzbar.
Mir kommt es immer ein wenig so vor, wenn jemand wie in diesem Fall auf den kulturellen Anteil pocht, als ob damit das Schlachtfeld verschoben werden. Zumal wenn der Kostümkundliche Anteil so hundsmiserabel ausfällt. Nur wie soll der Stand des Wissens aus kulturelle Beziehungen hin pberprüft werden, wenn er schon fehlerhaft ist?
Lieber Andrej, danke für Deine kluge und wegweisende Antwort. Ich glaube, Du hast recht und es steckt der uralte Streit zwischen Kultur und Natur hinter der Sache. Das Zitat bezieht da sicherlich eine Extremposition.
Trotzdem kann ich Dir nicht ganz zustimmen wenn du schreibst, dass der Kontext für die Rekonstruktion unwesentlich ist. Vielleicht gilt das für einzelne handwerkliche Arbeitsschritte, aber sicher nicht für die Rekonstruktion als Ganzes. Ich persönlich möchte eigentlich nicht mit einer Ausrüstung übers Lager laufen, bei der ein Mensch des Mittelalters vor Lachen zusammengebrochen wäre. Und dass dies ganz leicht passieren kann, hat das Beispiel mit dem Schapel recht deutlich gezeigt. Immerhin war die Sache selbst einem ausgewiesenen Profi unbekannt (sorry, Nicole). Mit scheint es schon manchmal, dass manche Leute sehr viel Zeit in die Herstellung ihrer Gewandung stecken, sich aber für die historischen Hintergründe nur am Rande interessieren. Und dass eine Menge merkwürdiges Halbwissen in der Szene herumgeistert. Darunter leidet dann die Darstellung als Ganzes.
Lieber Jens, war Du über die Grenzen der Darstellung sagst, kann ich ebenso unterschreiben, wie Deine Bemerkungen über „A knights tale“. Der Reiz des Filmes liegt auch für mich darin, dass er nicht zwanghaft versucht, „A“ zu sein, sondern seinen Zuschauer in ein modernisiertes Mittelalter mitnimmt.
Über das Buch von Keupp wollte ich übrigens gar nichts Schlechtes sagen, im Gegenteil: Ich habe es mit Spaß und Gewinn gelesen und der Autor scheint ja ein ausgewiesener Experte zu sein. Auch die vielen Quellenzitate bürgen ja in gewisser Weise für Qualität. Oder liege ich da grundlegend falsch?
Andrej Recht geben würde ich noch gerne ergänzen, dass es sogar bei nachweisbaren Symboliken schwer deren Reichweite bzw. Bekanntheit einzuschätzen. Bei sorgfältier Darstellung trägt man offenkundigen Aspekten, wie zum Beispiel der Haube an sich, ja Rechnung. Bei anderen Fällen muss man Häufigkeit des Auftauchens und Ungenauigkeit bei Weglassen der dargestellten Sachen über die ganze Szene hinweg mit möglichen unbekannten kulturellen Verknüpfungen abwägen (Beispiel Gefrens). Genau hier stellt sich eine der Grenzen der Darstellung dar, ob derer immer wieder betonnt wird, dass es selbst bei aufwändigst und detaillgetreu rekonstruierter Kleidung nie um ein sicheres 100%-Abbild der damaligen Realität handelt.
Auch der Einwand, Mode entstünde im Kopf, ist bei der wirklich schlechten Qualität des Buches ein bemerkenswert richtiger. Hier könnte man als Beispiel einen interessanterweise oft gerade in der Darstellerszene geschätzten Film nennen: RItter aus Leidenschaft. Hier wurden Symboliken bzw. moderne Bezüge benutzt, um den Seher kulturelle Verknüpfungen bzw. das damalige Empfinden näher zu bringen. Letztenendes ist die Darstellung von Mode und Sachkultur undiskutabel falsch in dem Film, keine Frage, aber selbst für den unbedarfesten Seher, selbst was moderne Mode angeht, ist ersichtlich, dass das “Love-Interest” des Heldens im Film in “Haute-Couture” gekleidet ist. Hier fällt eine Dame in sagen wir sorgsam rekonstruierter Mode um 1350 mit einem Höllenfenstersurcot nicht sonderlich auf, was damals nach zeitgenössischen Texten ganz anders war.
Dies ist einer der Gründe, weswegen es immer die Diskussion um Extravaganz in der Darstellung gibt. Je mehr Darsteller ausgefallene Aspekte in ihre Darstellung integrieren, desto größer ist die Gefahr, dass nicht die typische Kleidung getragen und damit vermittelt wird, und insbesondere ausgefallene Modeströmungen untergehen, sowohl beim Betrachter unter Zuschauern als auch anderen Darstellern. Dem kann man nur mit guter Absprache, die gute Veranstaltungen ausmachen, unter den Darstellern entgegenwirken: Mode, wie auch kulturelle Verknüpfungen funktionieren nur durch eine größere Personenanzahl, nie durch Einzelpersonen.
Natürlich hat der Autor insofern recht, das man auch die kulturellen Verknüpfungen betrachten muss, auch bei Sachen. Das ist ja aktuell das Pradigma der Geschichtswissenschaften als Kulturwissenschaften. Auch den Anteil der Rituale usw. gilt es sicher zu betrachten. Allerdings geht er zu weit, wenn er einer Rekonstruktion ohne diese Schritte Wert abspricht. Wir befinden uns bei einer Rekonstruktion in einem Quellenkritischen Prozess und natürlich gehört auch eine Einordnung in den Kontext hierzu, aber der Gegenstand ändert sich dadurch nicht, daher ist es letztlich für die Rekonstruktion auch unwesentlich.
In den Fällen in denen man den kulturellen Anteil überhaupt ermitteln kann wäre es sicher toll, das auch zu tun, aber vermutlich außerhalb der Möglichkeiten eines historischen Darstellers. Mag auch sein, dass dieser sich da auf einer recht basalen Ebene bewegt, aber mit dem gleichen Argument könnte man dann auch direkt populäriwssenschaftliche Veröffentlichungen oder den Geschichtsunterricht an Schulen ihre Berechtigung absprechen.
das mit dem Schapel ist wirklich eine fiese kleine Geschichte – davon gibt es eine ganze Hand voll in dem Buch.
Kurz nacherzählt: Es geht um die Gräfin Margarete „Maultasch“ von Tirol, die ihren Mann nach zehn Ehejahren vor die Tür setzen läßt. Damit nicht genug, vertauscht sie ihr Gebende auch noch mit dem Schapel, also das Symbol der Verheirateten gegen das Zeichen für Unverheiratete. Die für die Menschen der Zeit offensichtliche Botschaft dahinter ist wirklich gemein: Margarete zeigte, dass sie gar nicht verheiratet war.
Nach dem Kirchenrecht konnte das aber nur der Fall sein, wenn die Ehe trotz der Hochzeitszeremonie gar nicht zustande gekommen war. Und das wiederum konnte nur bedeuteten, dass sie nicht „im Fleische vollzogen“ worden war. Margarete war nach eigenen Angaben also Jungfrau, weil ihr Mann in zehn Jahren nichts zustande gebracht hatte. So ein Kerl war zum Herrscher natürlich nicht geeignet. (Magarete kam damit durch, auch wenn er später noch sieben Kinder zeugte)
Ich finde die Geschichte wirklich gut und werde mir nun auch künftig ein mitleidiges Lächeln nicht verkneifen können, wenn ich auf einem Markt eine Frau mit Schapel und Ehering sehe…
Bitte erkläre, was ein Schapel mit Manneskraft zu tun hat?
(Würde jetzt auf die Assoziationskette Haarkranz - Jungfernkranz schliessen, in der Tat ist ein Schapel jedoch etwas anderes, insofern ist davon auszugehen, dass da die Vorab-Info schon unpräzise ist. Kurz angerissen: Ein Schapel ist ein Accessoire, dass im Hochmittelalter/Übergang Spätmittelalter sowohl von Männern als auch Frauen getragen wurde, war den Adeligen/Wohlhabenderen vorbehalten. Zwar meist den jüngeren Frauen aber nicht zwangsläufig den Jungfrauen. Es gab auch eine Schapel/Schleierkombination.)
Auf ordentlichen Living History Veranstaltungen gibt es ein geschlossenes Konzept, dass Ausstattung in einem bestimmten Kontext zeigt oder es werden verschiedene Zeiten (und modische Entwicklungen) vergleichend erklärt. Ohne Erklärung ist und bleibt vieles unverständlich und scheint lebensfremd.
Das hat allerdings nichts mit der “Authentizität” eines Kleidungsstückes an sich zu tun (der Begriff Authentizität ist überstrapaziert und nicht jeder versteht anscheinend dasselbe darunter). Die Richtigkeit einer Rekonstruktion muss an der historischen Vorlage gemessen werden. Das impliziert nicht, dass es für jemanden ohne Vorahnung und ausserhalb des Zusammenhangs verständlich ist. Und eine historisch korrekte Nachbildung eines Schapels auf einer Veranstaltung käuflich erwerben zu können lässt dann doch schon wieder stark an der Qualität des Schapels zweifeln. ;-)
Im neuen (recht unterhaltsamen) “Mode im Mittelalter”-Büchlein von Jan Keupp habe ich folgende bemerkenswerten Sätze gelesen:
“Auch eine noch so exakte Rekonstruktion von Materialien, Schnitten, Farbgebung und Nähtechnik macht mittelalterliche Kleidung insofern nicht realitätsnah, als sie in der modernen Welt die ihr zugedachte Wirkung schwerlich entfalten kann. Sie wird – wie das Beispiel vom Haarkranz belegt – oft genug nurmehr unvollständig verstanden, allenfalls als ‚irgendwie mittelalterlich’ eingeordnet und damit ihrer historischen Authentizität beraubt.”
Der Autor vertritt die etwas gewagte These: “Kleidung trägt man auf dem Leib, Mode aber existiert im Kopf”. Ohne die verborgenen Botschaften zu kennen, wäre ein modernes Mittelalterkleidungsstück daher realitätsfern. Um dies zu beweisen wird die Geschichte eines Ehemanns erzählt, die auf einem modernen Mittelaltermarkt seinen Frau einen Schapel aufsetzen. Ohne dabei zu ahnen, dass er damit etwas wenig Erfreuliches über seine eigene Manneskraft aussagt!
Ist das “wie” und “warum” also letztlich entscheidender als das “was”? Kann eine Rekonstruktion nur dann authentisch sein, wenn man über den historischen Hintergrund genau Bescheid weiss? Oder hat die handwerkliche Leistung selbst seinen ganz Wert, ist also letztlich für sich genommen schon authentisch? Auf Eure Meinungen bin ich gespannt!