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Friedrich Heiler

Die Religionen der Menschheit

€ 19,80 - Reclam-Verlag, Stuttgart 1999
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"Ein Kompendium, das den wechselseitigen Einfluß der Weltreligionen aufeinander beleuchtet"

Rezension: Simone Janson   Nachricht

Ein Kompendium, das den wechselseitigen Einfluß der Weltreligionen aufeinander beleuchtet

Die Begegnung von Menschen und Völkern verschiedener Religionen hat seit jeher zu Mischformen geführt. Es gab zahlreiche Versuche, in einer Synthese aus verschiedenen Glaubensrichtungen eine neue Menschheitsreligion zu schaffen. Nikolaus von Cues beispielsweise erstrebte 1443 in seiner Schrift "De pace seu concordantia fidei" eine solche Vereinigung. Die verschiedenen Religionen sind für ihn nur unterschiedliche Formen des ewigen Logos und deshalb zu einer Harmonisierung fähig. Hundert Jahre später bemühte sich in Indien der Mogulkaiser Akbar (1542-1605) um das selbe Ziel. Er war Moslem sufistischer Prägung und stark von zoroastrischen und janistischen Lehren beeinflusst, zeigte aber eine grosse Toleranz gegenüber andersgläubigen Untertanen. Vor allem stand er in engem Austausch mit Jesuitenmissionaren und besuchten auch deren Kapellen. 1582 schuf er gar eine eigene überkonfessionelle Religionen die er "tauhid-i-ilahi" ("göttlichen Monotheismus") nannte. Seine Ermordungen beendete seine Bemühungen jäh.
Ein Beispiel für den Wechselseitigen Einfluss verschiedener Religionen ist das mittelalterliche und frühneuzeitliche Christentum. Scholastische Theologie, Mystik und Volksfrömmigkeit werden in diesem Band ebenso dargestellt wie Ketzerei, Inquisition und Reformation. Das Christentum übernahm von seiner Mutterreligion, dem Judentum, entscheidende Elemente wie den Monotheismus, die patriarchalische Organisation und die heilige Schrift. Im Laufe des Mittelalters wurden die Juden, die im römischen Reich noch zahlreiche Privilegien hatten, zu Menschen zweiter Ordnung herabgewürdigt und in vielen Städten ghettoisiert. Kleriker ermutigten sogar zu antisemithischen Gewalttaten. Das Christentum übernahm aber auch zahlreiche Elemente aus den heidnischen Religionen der Griechen und Römer, vom Weihrauch über den Reliquienkult bis zur Umdeutung heidnischer Götter zu christlichen Heiligen und der Umwandlung von Tempeln zu Kirchen. In Byzanz setzte sich zudem die vorchristliche Bilderverehrung fort, was zu zahlreichen Konflikten bis hin zum Bildersturm im 7. Jahrhundert führte. Parallel dazu entwickelte sich ein Irland ein eigenständiges Mönchtum keltischer Prägung, das maßgeblich an der Christianisierung der Germanen und der katholisierung der germanischen Arianer beteiligt war. Zu einem weiteren Kontakt zwischen nordischer Gaubenswelt, wie sie in der Edda überliefert ist, und Christentum kam es, als die Wikinger ab dem 8. Jahrhundert Europa heimsuchten. Etwa gleichzeitig begann mit der arabischen Eroberung Spaniens ein anhaltender Konflikt zwischen Christentum und Islam, der schliesslich in den Kreuzzügen gipfelte. Der Islam, der als einzige Weltreligion nach dem Christentum entstanden war, wurde bald zu dessen Erzfein. Schliesslich kamen die Spanier im 16. Jahrhundert in Mittel- und Südamerika mit den ihnen neuen, fremdartigen Glaubenswelten der Inka, Maya und Atzteken in Kontakt. Bräuche aus diesen Religionen leben noch heute im Christentum fort.

Der vorliegende Band bietet, kompakt, doch umfassend, einen ßberblick über all diese sich wechselseitig beeinflussenden Religionen. Dabei widmen die Autoren wichtigeren Religionen größere Abschnitte und handeln unbedeutendere oder nicht mehr praktizierte Religionen kürzer ab. Sie berücksichtigen dabei auch orientalisch-antike Religionen wie die der ßgypter, Etrusker, Buddhisten oder Konfuzianisten sowie Riten der Vorgeschichte und der Naturvölker.
Vorgestellt werden dabei Religionsgeschichte, Götter, Rieten, Theologie, Philosophie und schriftliche ßberlieferung - es wird klar, wie wichtig diese gerade bei der Untersuchung nicht mehr existenter Religionen ist. Die Artikel sind insgesamt sehr knapp gehalten, vermitteln aber das Nötigste. Die Gliederung des Kompendiums ist übersichtlich, ein Register erleichtert das Auffinden von Themen, zudem gibt es zahlreiche Literaturhinweise.