Hallo! Man muß ja nicht immer Fragen als Ausgangspunkt in einem Diskussionsforum stellen. Ich habe mich in den letzten Tagen intensiv mit Stricken und seiner Bedeutung im Mittelalter befaßt und möchte das vorläufige Ergebnis hier zur Verfügung stellen (vorallem für die, die nicht den Threat “Johanna auf RTL” gelesen haben). Ich bin gespannt, wer noch weiteres zu dem Thema beitragen kann!
_____________ Stricken ist eine schon sehr alte Technik zur Herstellung textiler Flächengebilde. Fundstücke belegen den Gebrauch bis 1900 v. Chr. Auch in der Antike waren Strickstoffe gebräuchlich, u. a. war ein Stricktrikot traditioneller Bestandteil der griechischen Theaterkostüme. Die flexible Strickware hielt Körperpolster am Platz. Es gibt auch Darstellungen von Hopliten mit regelmäßigen Zickzackmustern an Beinen und Armen, die man als Darstellung von Maschenware interpretieren könnte. Der römische “Soccus” hingegen ist kein Strickstrumpf, sondern ein pantoffelartiger Schlupfschuh, der zunächst die Fußbekleidung der antiken Komödienschaupieler war und von den Römern als Hausschuh, zunächst für Frauen, übernommen wurde. Der Soccus konnte teilweise aus Stoff, oder aber ganz aus Leder gefertigt sein (Kühnel 238, Loschek 418). Mit dem Niedergang der antiken Kulturen verlor auch das Stricken an Bedeutung in Europa, wurde wohl aber nie ganz vergessen. Es gibt auch Theorien, wonach das Stricken durch die in Spanien eindringenden Mauren wieder in ganz Europa verbreitet wurde. Im Hochmittelalter begegnet uns das Stricken vor allem in Italien wieder. 1254 wurde Papst Innozenz IV. mit gestrickten Handschuhen beigesetzt (Loschek 437 - 438). Gösta Ditmar-Trauth erwähnt auch ausdrücklich Funde von gestrickter Kleidung im deutschen Raum, die dem höfisch-adligen Bereich zuzuordnen sind. Er zählt das Stricken neben Sticken und Spinnen sogar zu den klassischen Tagwerken der Damen im Hochmittelalter (Ditmar-Trauth 154). Vereinzelt finden sich auch gestrickte “Strümpfe”, die aber genauso wie Beinlinge gefertigt sind, also flachgestrickt und dann rückwärtig zusammengenäht wurden. Um 1400 wird erstmals auf einem Gemälde von Meister Bertram (um 1340 - 1414/15) die Technik des Rundstrickens mit 4 Nadeln dargestellt (Kunsthalle Hamburg). Im 15. Jh. erscheinen gestrickte Baretts, Mützen und Handschuhe. Das Handstricken entwickelt sich zu einem anerkannten Handwerk, das auch von Männern ausgeübt wird. 1589 wird in England die erste Kulierwirkmaschine erfunden (und prompt aus Angst vor Arbeitsplatzverlust verboten). Im Unterschied zum Stricken werden beim Wirken alle Schlingen einer Reihe gleichzeitig gebildet (Eberle u.a. 74 - 79). Das entstehende Gewebe bleibt jedoch gleich. Angesichts der für eine solche Maschine notwendigen, komplizierten Feinmechanik, die höchste Anforderungen an die Schmiede der Zeit gestellt haben dürfte, ist dies ein phänomenaler Entwicklungsschritt und legt den Schluß nahe, dass Strickware durchaus als wichtig und nützlich erachtet wurde, aber wegen der langsamen Handarbeit bis zur Mechanisierung auf breiter Basis nicht mit Geweben und Vliesstoffen konkurrieren konnte. Die Nadelbindung/ Naalbinding gehört wie das Stricken zur Familie der Ein- oder Querfadenware. Beiden gemeinsam ist, dass aus einem Einfadensystem durch Maschenbildung die sog. Maschenware hergestellt wird (DIN 62050, Adebar-Dörel, Völker130). Die Art der Maschenbildung unterscheidet sich jedoch vom gewöhnlichen Stricken sehr stark und ist zeitraubender. Während beim Stricken/ Wirken eine Masche jeweils nur mit der darunter und darüber liegenden zu einem Maschenstäbchen verbunden ist, ist eine einzelne Naalbinding-Masche jeweils mindestens mit 4 weiteren Maschen verbunden (ähnlich dem “4 in 1”-Muster eines Kettengeflechts). Die Nadelbindung war im alten ßgypten bekannt. Im europäischen Mittelalter war sie vor allem im skandinavischen und slawisch/ baltischen Raum verbreitet. In Zentral- und Westeuropa finden sich nur wenige Beispiele für diese Bindungsart; meist aus dem hochadligen oder klerikalen Umfeld [7]. Hauptsächlich wurde die Nadelbindung zur Herstellung von Fäustlingen angewandt. Im englischen York wurde bei Ausgrabungen auch eine mit dieser Technik hergestellte Socke aus dem 10 Jh. n. Chr. entdeckt, die wohl bis zum Fußknöchel reichte. Das Museumsdorf Düppel hat in jüngster Zeit Versuche angestellt, mittels Nadelbindung Gugeln für den bäuerlichen Gebrauch herzustellen [8]. Da durch die Eigenart der Maschenbildung eine Mechanisierung des Arbeitsvorganges unmöglich ist, hat diese Maschenware nach Einführung der Kulierwirkmaschine ihre Bedeutung für die Textilproduktion in Europa verloren und findet sich heute hauptsächlich noch in Zentralasien. Eine weitere Technik, die der Nadelbindung ähnelt und im europäischen Mittelalter auch in unserem Raum gebräuchlich war, ist das “Filet”. Eigentlich wird das Filet unter den “gestickten Spitzen” eingeordnet (Loschek 422), bei der die textile Fläche mittels Verknoten eines endlichen Fadens hergestellt wird. Dabei muß der Fadenanfang versteift sein, also z. B. in eine Nadel eingefädelt sein, da die gesamte Fadenlänge durch die Maschen gezogen werden muß. Damit man nicht dauernd einen neuen Faden anknoten muß, kann man den Faden um eine längliche Spule wickeln. Es entsteht ein netzartiger Grund, in den man dann Muster einarbeiten kann. Nach Loschek (437) stellt Filet wahrscheinlich eine Vorform des gewöhnlichen Handstrickens dar. Ein Kupferstich (Loschek 186) von Veit Stoß stellt um 1480 einen Mann (also vielleicht einen Handwerker?!) dar, der mit einer solchen Spule am Saum eines Hemdes arbeitet. Die Art der Darstellung (viele, sich im rechten Winkel kreuzende Linien, was die netzartige Struktur des Filet andeuten könnte) legt nahe, dass das gesamte Hemd in dieser Technik hergestellt wurde. Es scheint fast so, als ob das Bild von den Leinen- und Seidenunterhemden, das sich in vielen Köpfen festgesetzt hat, etwas revidiert, bzw. erweitert werden müßte… ;o) Noch etwas zur Begrifflichkeit: Das Wort “Spitze” findet sich zwar bereits im Althochdeutschen (spizza, spizzi, mhd. Spitze), bedeutet dort aber noch Garngeflecht oder gezackte Borde. Erst im 17. Jh. nimmt es die heutige Bedeutung an, davor waren “Zinnichen” und Zinnigen“ gebräuchlich. Andreas Sturm
___ Adebar-Dörel, Lisa und Ursula Völker, Von der Faser zum Stoff: Textile Werkstoff- und Warenkunde, 31., überarb. Auflage (Hamburg: Handwerk und Technik GmbH - Dr. Felix Büchner, 1994),
ISBN 3-582-05112-9 Ditmar-Trauth, Gösta. Rüstung, Gewandung, Sachkultur des deutschen Hochmittelalters. Wald-Michelbach: Karfunkel-Verlag, 1999. ISBN 3-9805642-3-1. Eberle, Hannelore [u. a.]. Fachwissen Bekleidung. 4., überarb. Auflage. Haan-Gruiten: Europa Lehrmittel, 1995). ISBN 3-8085-6204-8. Hutchinson, Elaine. ”Nalebinding". Anglo-Saxon and Viking Crafts. Website. Regia Anglorum Publications. 1999.
www.regia.org/naalbind.htm